Geschrieben am 31. Dezember 2022 von für Highlights, Highlights 2022, News

Johannes Groschupf: Tagebuch 2022

2. Januar

Meine Vorsätze für dieses Jahr: wieder anfangen zu rauchen, den neuen Thriller schreiben, rechtzeitig an den Jahresrückblick fürs CrimeMag denken, damit nicht wieder so ein Stress am Jahresende aufkommt.

© Mike Auerbach/ Suhrkamp

4. Januar 

Nette Mail von T.W. – er freue sich auf die erste Fassung des Thrillers Ende März. Was für eine erste Fassung?

Im Plänterwald gejoggt, aber so wird das nichts mit dem Rauchen.

Djokovic sitzt in Australien fest, ich fange mit der ersten Fassung an, sobald sie ihn die Australian Open spielen lassen.

5. Januar

Im Zoo gewesen, eine Stunde vor den Hyänen gestanden. Vielleicht kann man daraus was für den Thriller machen? Ich sollte langsam mal anfangen. Mit Schüttelfrost ins Bett. Am nächsten Morgen aufgewacht, eine leere Flasche Rachmaninoff neben mir, pelzige Zunge. Habe ich geraucht?

13. Januar

Billard mit P. und F. – könnte man auch für den Thriller nutzen. Metaphorisch ergiebig: der Lauf der Kugeln, der Lauf des Schicksals, könnte zu meinem Ruf als tiefsinniger Autor beitragen. Suhrkamp halt.

Immer noch wacklig auf den Beinen nach den Fiebertagen. Diese Träume. Reiner Unglaub liest mir das gesamte Alte Testament vor. Den Unflat der Frauen abwaschen. Muss ich mir merken.

19. Januar

S.H. startet ein Podcast „Abweichendes Verhalten“, Gespräch mit T.W. über Derek Raymond. Wahrscheinlich ein Trick der beiden, um Autoren vom Schreiben abzuhalten, denn nun muss ich erst mal Derek Raymond lesen.

24. Januar

Teju Coles „Open City“ gelesen; ich muss dringend nach New York. Der Thriller muss dann eben warten.

Finissage von Malte Olbrich in der „Brotfabrik“: Ölbilder von Sperrmüllhaufen auf der Straße. Dazu muss ich nicht nach Weißensee fahren, die habe ich auch hier in Kreuzberg. Vielleicht darüber mal schreiben? 

Mich zur ersten Zigarette gezwungen, schmeckte widerlich, aber wenn ich jetzt nicht anfange, wird es in diesem Jahr nichts mehr.

2. Februar

In der Bibliothek gesessen. Geweint. Mir fällt nichts ein. Wenn ich eine alte mechanische Schreibmaschine hätte, könnte ich stundenlang darauf herumhacken: Hyänen, Billard, Sperrmüllhaufen. Hyänen, Billard, Sperrmüllhaufen. Hyänen, Billard, Sperrmüllhaufen.

Hyänen, Billard, Sperrmüllhaufen. Aber hier herrscht absolute Stille.

4. Februar

Wieder sechs Stunden in der Bibliothek, ich muss endlich mal was schreiben. Am meisten nerven mich die Studenten, die stundenlang ihre Sachen auspacken: Laptop, Adapter, Labello, Ringbuch, Wasserflasche, Kugelschreiber. Und dann sitzen sie stundenlang da und scrollen auf ihren Smartphones herum. Ich bohre meine Blicke in ihre Rücken, sie merken nichts.

6. Februar

Hans Jürgen von der Wense gelesen, manischer Wanderer und Wetterbeobachter, starke Windbeschreibungen: „ein schlauer, aber eigensinniger Wind“, „ein nervöser Wind“, „ein alter, dunkelblauer Wind“, „ein winselnder Wind“, „ein gerade über die Äcker streichender Wind“. Schön und gut, aber wo kriege ich hier in Kreuzberg einen Acker her?

Meine Frau fragt, wie ich mit der ersten Fassung vorankomme. „Prima“, sage ich mit winselnder Stimme.

12. Februar

Den ganzen Tag in der Stabi am Manuskript, bis um halb zehn der Gong ertönt. Gerade da hat es angefangen, Spaß zu machen.

13. Februar

Der Kassierer bei Edeka tippt meine Einkäufe ein und kommt auf 6,66 Euro. „Heil Satan“, sage ich. Er reagiert nicht, aber ich habe eine neue Idee für den Thriller: Der Satan sitzt bei Edeka an der Kasse. Hoffentlich kann T.W. damit was anfangen.

14. Februar

Morgens am Gericht zu einer Verhandlung wegen Brandlegung, wurde nach fünf Minuten vertagt. So kann ich nicht arbeiten. 

Ich besichtige einige ausgebrannte Autos in der Nachbarschaft. 

Nachts immer wieder die Angst, dass T. W. plötzlich schreibt: Schick doch mal die ersten 100 Seiten für die Vertreterkonferenz. Ich habe nicht mal 20 Seiten, und auf einer ist ein riesiger Kaffeefleck.

15. Februar

Flüchte mich in ein ambitioniertes Leseprojekt, eine Geschichte der Stadt New York von den Anfängen bis 1898, etwa 1200 Seiten, Der zweite Band dann von 1898 bis 1928, etwa 1000 Seiten. Komme gut voran, wenn ich den Thriller liegen lasse.

8. März

Internationaler Frauentag. Feiertag in Berlin. Ich muss weibliche Heldinnen nehmen, wird mir jetzt klar. Frauen lesen Krimis, Frauen kaufen Krimis, Frauen wollen nicht immer nur von Männern lesen. Vielleicht eine Journalistin und eine Kommissarin. Jette und Romina.

12. März

Du meine Güte: in drei Wochen ist Abgabe der ersten Fassung!

Ich laufe unruhig wie eine Hyäne in der Wohnung herum. Fange endlich auch an zu rauchen. Blättere in meinem Tagebuch, um für den Jahresrückblick zu sammeln, das sind auch nur noch neun Monate, dann meldet sich A. M. – ihm kann ich nichts abschlagen.

25. März

Dreißig Zigaretten täglich, und ich komme gut voran im Manuskript. Kein Kassierer bei Edeka, sondern ein Postbote, und er ist nicht Satan, sondern, na ja, wird sich schon zeigen.

28. März

Die Corona-Soforthilfe-Prüfung hat sich wieder gemeldet, sie brauchen weitere Unterlagen. Beim Arzt: Bluthochdruck. Der Arzt ist blass, als er den Wert abliest. Er misst gleich noch einmal, weil er den Wert nicht glauben kann. Ich versuche zu beschwichtigen: Hyänen, Billard, Sperrmüllhaufen. Hyänen, Billard, Sperrmüllhaufen. Hyänen, Billard, Sperrmüllhaufen.

2. April

Die erste Fassung abgegeben, Frühstück gemacht, Zigarette geraucht, wieder ins Bett gegangen. Hoffentlich lässt sich T.W. Zeit mit dem Lesen.

3. April

T.W. ist schon durch mit dem Manuskript. Seine Mail ist ausgesprochen freundlich, der Text sei vielversprechend, durchaus interessant. Wirke aber hastig geschrieben, die Kapitel wie zusammengetackert (wie kommt er darauf?). Ich frage mich manchmal, wie Elmore Leonard gearbeitet hat. Mal A.M. fragen. Jedenfalls muss ich alles neu schreiben, war ja klar. Aber von Hyänen, Billard, Sperrmüllhaufen gehe ich nicht ab, da bin ich Diva. Muss mir nicht alles gefallen lassen.

5. April

Meine Frau weckt mich frühmorgens auf, weil sie meint, ich hätte ihr Handy versteckt. Sie wird immer wütender und handgreiflicher, als ich alles leugne und zudem frech grinse. Ich habe keine Ahnung, wo ihr verdammtes Handy ist, aber eine neue Idee für den Thriller: häusliche Gewalt.

8. April 

Ich treibe die zweite Fassung jetzt rücksichtslos voran, auch wenn das Rauchen darunter leidet, ich komme nur noch auf vier, fünf eilige Zigaretten. Das Buch schreibt sich quasi von selbst. Denke an Patricia Highsmith, als sie den ersten „Ripley“ schrieb. Sie sagte immer, Tom hätte ihn persönlich geschrieben. Muss die Highsmith-Expertin S.H. mal dazu befragen.

Am stärksten sind natürlich die Passagen mit Hyänen, Billard und Sperrmüllhaufen. Ich sehe schon die Rezensionen vor mir: „Groschupf beweist wieder intime Lokalkenntnis.“

9. April

Ich soll die zweite Fassung Ende April abgeben, muss mich ranhalten. Wollte doch eigentlich nach New York.

3. Juni

In New York. Brooklyn. Das Manuskript auch, es schaut mich erwartungsvoll an, drei Kapitel fehlen noch. T.W. hat seine Strategie geändert. „Lass dir nur Zeit“, schreibt er. Purer Sarkasmus vermutlich. Durch die Franklin Avenue streicht ein winselnder Wind.

7. Juni

Vier Tage im Apartment. Bed-Stuy – do or die. Gegenüber ist eine Essensausgabe für Arme, nebenan eine Trinkerheilstätte. Müsste darüber fürs CrimeMag schreiben, vielleicht komme ich dann um den Jahresrückblick herum. Sehe mir im Museum of the Moving Image eine Walking-Dead-Ausstellung an. Die ausgelatschten Schuhe von Little Girl Walker. Zerfetzte, blutbespritzte Hemden der Zombies. Baseballschläger, Mistgabeln und andere Waffen. 

10. Juni

S.H. hatte „In a Lonely Place“ von Dorothy B. Hughes empfohlen, ich renne durch halb Manhattan, ehe ich das Buch finde. In Brooklyn. 

30. Juni

Binge-Listening von „Abweichendes Verhalten“. S.H. im Gespräch über Ted Lewis, Chester Himes, Pierre Siniac. Und ich dachte, ich komme hier mal zur Ruhe. Schreibe ihr, sie möge mal was über George V. Higgins machen. Man muss die Leute selbst auf Trab halten. 

10. Juli

Das Manuskript ist abgegeben, die Korrekturen sind erledigt, der Titel noch mal geändert, weil der deutsche Verlag von Lee Child auch kürzlich vor dem Hyänengehege gestanden hat.

27. Juli

Opa geworden. Fühle mich alt. Werfe morgens mit zitternder Hand die Bluthochdruckpillen ein, spüle mit einem Schluck Rachmaninoff nach.

7. August

Essen mit C.D. im alten Kiez, ein wunderbarer Abend, sicherlich zehn Zigaretten geraucht. Sie schwärmt von Sybille Ruges „Davenport 160×90“, ich versuche das Gespräche wieder auf Hyänen, Billard und Sperrmüllhaufen zu lenken. Oliver Bottinis „Einmal noch sterben“ fand sie auch klasse. Ich muss das neidlos anerkennen und schreibe den Deutschen Krimipreis für dieses Jahr ab.

3. September

Ausstellung „FLUXUS New York and elsewhere” in Steglitz, klein und grandiose. Eine Schürze mit aufgedruckten Därmen und Innereien. Gebrauchsgrafiken, Titelseiten von Zeitungen, Bedienungsanleitungen, Hochzeitsbücher als Material für typografische Collagen. Vielleicht habe ich meinen Beruf verfehlt.

15. September

Sollte mit dem Jahresrückblick endlich mal anfangen, das Jahr ist schon fast rum. Gute Ausstellung? Die „Akira“-Architekturzeichnungen in der Tchoban Foundation waren super. Hab gleich auch den Film im Babylon gesehen, der hat wesentlich mehr Drive als mein Berlin-Thriller. Verfolgungsfahrten mit dem Fahrrad übers Tempelhofer Feld? Mir fallen die Verfolgungsjagden mit den Trabbis im alten „Polizeiruf“ ein, immer ein Quell der Freude. Müsste mal Max Annas fragen, wie er Action in seine Bücher bringt.

31. Oktober

S.H. bringt eine Stunde über George V. Higgins. Das ist nicht abweichendes, sondern vorbildliches Verhalten.

2. November

Erste Lesung aus „Die Stunde der Hyänen“ in Lüneburg. In der „Lüneburger Landeszeitung“ stehen die „Top Ten meines Lebens“, auf Platz 1: „Herr Pastor sin Kau“. Hundert Leute drängen sich in der Buchhandlung. Versuche, die mitgebrachte Flasche Rachmaninoff während der Lesung zu killen, scheitere kläglich. Wie hat Shane MacGowan das bloß hingekriegt?

26. November

Ich bekomme den Reinickendorfer Krimifuchs überreicht vom Reinickendorfer Bezirksbürgermeister. Zweihundert Reinickendorfer Senioren applaudieren. Für diese Momente ist man Autor geworden. Allerdings sind die meisten wegen Ingrid Noll gekommen, wunderbar lakonische ältere Dame. Ihre Texte sind nicht ganz so lakonisch.

20. Dezember

Also doch: A.M. fragt nach dem Jahresrückblick, ich hätte noch zwei Tage Zeit, es klingt nicht nur nach einem Ultimatum, es ist eines. Er sagt nichts über die Konsequenzen, aber er wirkt durchtrainiert und bei aller vordergründigen Freundlichkeit doch entschlossen, seinen Willen durchzusetzen.

Rasch nach Magdeburg gefahren und Finnisches Winterbrot mit Käse und Schinken gegessen. Auf dem Rückweg starke Übelkeit. 

23. Dezember

Heute muss ich den Jahresrückblick abgeben. Morgens steht schon der Rachmaninoff auf dem Tisch. Was tun? Nachmittags durch Kreuzberg gelaufen und über einen Sperrmüllhaufen gefallen. Der Kassierer bei Edeka, schwarzes T-Shirt, schwerer Kajalstrich um die Augen, grüßt mich jetzt mit dem Teufelsgruß. Am Abend fällt die Entscheidung: Ich kopiere einfach mein Tagebuch und schicke es A.M. – die ganze Wahrheit muss ans Licht.

  • Johannes Groschupf erhielt eben gerade den Deutschen Krimi Preis 2022 für „Die Stunde der Hyänen“. Unsere Redaktion gratuliert sehr herzlich. Alf Mayers Besprechung hier. Eine Laudatio von Elmar Krekeler hier.Die Texte von Johannes Groschupf bei uns hier.