Geschrieben am 1. Dezember 2022 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2022

Elmar Krekeler: Laudatio auf Johannes Groschupf

Johannes Groschupf © Mike Auerbach/ Suhrkamp

Anlässlich der Verleihung des „Reinickendorfer Krimifuchses“

Johannes Groschupf hab ich schon bewundert, da kannte ich noch kein Wort von dem, was zu feiern wir heute Abend vor allem hier sind. Da saßen wir uns noch mehr oder weniger täglich gegenüber. Im größten Newsroom Europas, durch den beinahe täglich Reisegruppen geführt wurden, um aller Welt zu zeigen, wie so eine transmediale Redaktion funktioniert, eine Redaktion, in der es keine Trennung mehr gibt zwischen Print und Online und Video. Der heiße Scheiß des Journalismus damals. Allen mindestens eine Nasenlänge voraus. 

Strahlenförmig war die Redaktion angeordnet um das sogenannte Auge, die Redaktionszentrale, das Epizentrum, die Mitte, da wo die Chefs saßen. Wir saßen sozusagen an einem Katzentisch. Die Kultur saß an diesem Tisch, die Reise. Johannes Groschupf war – schräg gegenüber von mir – einer der Moderatoren. Dafür genau hab ich ihn bewundert. Moderatoren mussten jeden Tag in den Modder. In den Kommentarbereich unter den Artikeln, dahin, wo der Hass brannte, hochkochte gegen das System, gegen die Regierung, gegen Merkel, die Gegenwart, die Demokratie und die angeblich linientreuen Journalisten. 

Ich war fein raus, ich hatte irgendwann aus Selbstschutz beschlossen, die Kommentare unter meinen Texten nicht mehr zu lesen, weil ich sonst inzwischen seit Jahrzehnten wahrscheinlich Buchhändler wäre oder Sozialarbeiter. Groschupf konnte das nicht, musste da rein, stundenlang. Tausende Hassmails am Tag lesen, löschen, beantworten, lenken, mit Irren reden, mit Humor, mit Strenge, Brände löschen. Eine Aufgabe, die etwas mit einem macht, dachte ich mir, wie es etwas mit einem macht, wenn man als Kriminalist gezwungen ist, sich jeden Tag Kinderpornografie anzuschauen.

Wappen des Bezirks Reinickendorf

Der antidemokratische Lavastrom der Mails, durch den er täglich tauchen muss, brennt ihm allmählich die letzten moderaten Hirnzellen weg. Dann wird er zusammengeschlagen, aus Hassmails werden Hasstaten. Noacks Lieblingskollegin ergeht es nicht besser, Noacks Sohn wird totgeprügelt. Eine Art unterirdisches Kohlefeuer glüht im Untergrund der deutschen Hauptstadt. Unterm Pflaster ist der Brand. Noacks Reise vom existenziellen Rand über ihn hinaus, vom Schwarzen ins Braune beginnt. „Die längsten Reisen fangen an“, hat Jörg Fauser geschrieben, „wenn es auf den Straßen dunkel wird.“ 

Das haben wir jetzt aus Johannes Groschupfs neuem Roman geklaut. „Die Stunde der Hyänen“ heißt er. Fausers Satz dient als Motto. Für den Roman. Und für die Geschichten des Johannes Groschupfs wahrscheinlich überhaupt. Aber wir greifen vor.

Groschupf konnte sich retten, das Bild seiner Kinder im Kopf hatte ihm Mut gegeben, sich nach draußen zu flüchten. Achtzig Prozent seiner Haut verbrannten. Normalerweise überlebt das keiner. Ein Jahr lag er im Krankenhaus. Er ging erstmal nur nachts auf die Straßen. Er schrieb über das Feuer, den Brand, die Verletzungen. Ein Tagebuch, einen Roman, ein Radiofeature, das ihm den Robert-Geisendörfer-Preis einbrachte. 

Schriftsteller werden wollte Johannes Groschupf schon früh. Geboren in Braunschweig, aufgewachsen in Lüneburg. Mit einem Kumpel hat er einen Kriminalroman geschrieben. 14 war er da. Ein Mord in der Nachbarschaft, da wo sich Groschupf schon damals besonders gut auskannte. Der Vater, ein Richter, fand das mit der Schriftstellerei nicht toll. Aber welcher Vater tut das schon. Groschupf ging zum Studieren nach Berlin. Was Mitte der Achtziger natürlich der Westen war. Kreuzkölln. Bevor es von der Gentrifizierung vergraut wurde wie Michael Endes Phantasien. Eine Gebrauchsanweisung für Neukölln hat Groschupf geschrieben unter dem Pseudonym Olga O’Groschen, die man immer noch lesen sollte. Nicht nur aus sentimentalen Gründen, sondern um zu wissen, wo der Brennstoff herkommt, der heute noch ganze Viertel in Flammen setzt. Groschupf ging auf Reisen und schrieb darüber für die ZEIT, für die Frankfurter. Er war ein Guter. Er reiste von Auftrag zu Auftrag. Bis – 31 war er da – eines Tages in der Sahara ein Rotorblatt jenes Hubschraubers brach, der ihn und seine Kollegen zurück zur Oase fliegen sollte. Der Heli ging in Flammen auf, brannte aus. 

Aber was macht das mit einem? Als ich dann Walter Noack begegnete wusste ich’s natürlich. Walter Noack ist der – naja – Held von „Berlin Prepper“, dem ersten Kriminalroman von Johannes Groschupf. Noack ist jünger als wir. Johannes Groschupf und ich gehören dem grandiosen 63er Jahrgang an. Noack ist Mitte vierzig und Moderator in einem Berliner Medienhaus, das ich nur zu gut kannte. Es wurde als antisozialistischer Schutzwall in den Sechzigern direkt an der Mauer errichtet. Noack ist Prepper, er rechnet also mit dem Schlimmsten, der totalen Weltkatastrophe, dem Versagen eines verhassten Systems, einem Versagen der Mitte, legt Lager an überall in der Stadt, schwimmt des Nachts fünf Kilometer gegen den nun allerdings nicht allzu starken Strom der Spree – Entspannung durch Verausgabung. 

Michael Wildenhain, dessen Romane man gerade auch als Berliner auf jeden Fall immer wieder lesen müsste, ermutigte ihn zum Schreiben. Autofiktion war damals noch nicht, was es heute ist. Würde Groschupf heute „Zu weit draußen“ herausbringen, seinen autofiktionalen Roman über die Katastrophe, wäre er vermutlich mindestens in Deutschland weltberühmt. Solche Geschichten liebt das Netz. Aber das nur nebenbei. 

Groschupf will nicht wieder werden, was er mal war, ist ganz unten. Groschupf wird Moderator. Und dann schreibt er Kriminalromane, die man auch als Thriller bezeichnen könnte oder als Großstadtromane, Deutschlandromane. Oder einfach als Romane. „Berlin Prepper“. Und „Berlin Heat“. Und „Die Stunde der Hyänen“. Romane, die beweisen, warum der Kriminalroman das gegenwärtigste aller Genres ist. Groschupf bekommt den Deutschen Krimipreis für „Berlin Heat“. Und wird der heißeste Scheiß im Programm mit dem heißesten Scheiß der nationalen und internationalen Mord-und-Totschlaggeschichten, im Programm des Suhrkamp Verlags.

Jetzt müssen wir vielleicht mal versuchen zu erklären, was Groschupfs Bücher eigentlich so heiß macht. Dass sie so kühl sind vielleicht. Dass sie von den und aus den Brennpunkten der Hauptstadt erzählen, die ja eigentlich die Brennpunkte des ganzen Landes sind, dass sie das aber ohne Überhitzung tun. Lakonisch, lustig manchmal gar, distanziert-involviert, hartgekocht natürlich auch. Dass sie derart einen Scheiß geben auf kriminalliterarische Konventionen, dass man sie unter Kriminalliteratur kaum mehr verbuchen mag. Dass sie es tatsächlich schaffen, Stadtlandschaften in Erzähllandschaften zu verwandeln. Dass sie hellsichtig sind durch Groschupfs, des alten Reisejournalisten, hypergenaues Hinsehen und Hinhören,  dass sie ihrer Wirklichkeit immer eine Nasenlänge voraus sind. „Berlin Heat“ zum Beispiel ist der erste Post-Corona-Roman.

Der erste Roman also über eine Zeit, die – das kann ich mit gerade erst wieder negativem Textergebnis nur bestätigen – wir noch lange nicht erreicht haben. Dass es eine Stadt ist, von der sie erzählen, die quasi offiziell eigentlich zwei Mitten hat, deren gesellschaftliche und politische Mitte aber restlos weggebrannt wurde und die nun um ein schwarzes Loch herumtaumelt. Was sie wahrscheinlich immer schon tat, vor allem in ihren babylonischen Jahren, in den Zwanziger, Dreißigern, aber nie zugeben wollte. Dass man in Groschupfs Romanen einer Stadt begegnet, wie sie ist und nicht wie sie sein will oder sein soll. Schmutzig, bevölkert von Nischenexistenzen, die verstört sind, bedroht sind, die stolz sind und sich wehrhaft machen. Dass hier Berlin ist, wie es merkwürdigerweise immer schon war, möglicherweise immer bleiben wird. Dass Groschupf Geschichten versammelt von Menschen in Flammen. Nächtliche Geschichten. Man möchte eigentlich nicht, dass es Groschupf irgendwann einfällt, den eigenen Kiez zu besichtigen. Man würde sich bei Nacht nicht mehr auf die Straße trauen.

Es gibt auch eine Leerstelle in Groschupfs Romanen, das ist das politische Berlin. Das ist das Treibhaus, der Maschinenraum der Demokratie, das Epizentrum dessen, wogegen die Hassmailer anschreiben, als dessen Gegenteil, als dessen brennende Nachtseite sich Groschupfs Gesellschaft empfindet, definiert. Groschupf interessiert das nicht, muss es auch nicht. Wer davon was wissen will, der soll halt „Der Sandkasten“ lesen. Der Roman ist gerade erschienen. Christoph Peters hat ihn geschrieben, mit ungefähr genau der gleichen Akribie, mit der gleichen literarischen Virtuosität und Scharfsichtigkeit. Peters ist das literarische Reenactment von Wolfgang Koeppens „Treibhaus“. Groschupfs „Stunde der Hyänen“ das, was herauskommt, wenn man Jörg Fausers Erzählmodell nach fünfdreißig Jahren Wachkoma zurück ins Leben holt. Mehr muss man nicht wissen über Berlin.

Ich bin jedenfalls der Bewunderung für meinen ehemaligen Tischnachbarn übervoll. Und jetzt schon gespannt auf das, was noch kommt. Ich möchte ihn aber dringend davor warnen, nach Köpenick zu kommen. Es sei denn zum Abendessen am grünen Strand der Dahme.  Herzlichen Glückwunsch auf jeden Fall für Johannes Groschupf zum Krimifuchs 2022.

© Elmar Krekeler, 11/2022

Gehalten am 26.11. 2022

Siehe auch hier bei uns nebenan Alf Mayers Besprechung von „Die Stunde der Hyänen“ – d. Red.

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