Geschrieben am 31. Dezember 2022 von für Highlights 2022

Friedrich Ani, Bruno Arich-Gerz, Sandi Baker, Rolf Barkowski

Friedrich Ani: Gemurmel am Wegesrand

Warum ich bestimmte Kriminalromane lese und andere eher weniger, hängt vermutlich mit meinem Blick aufs Erzählen im Allgemeinen zusammen, unabhängig vom Genre. Ich mag Geschichten, bei deren Entstehung, bilde ich mir ein, die Erklärung der Welt keine Rolle spielt. Bei denen ich den Eindruck habe, die schreibende Person begleitet, ja stalkt ihre Figuren, die wiederum sie, die Schreiberin, durch unablässiges Eigenleben, plötzliche Pubertät, unerklärliche Aggression oder Sanftmut provoziert und damit zu überraschenden Gedanken, Eruptionen, Wendungen zwingt, die sie niemals auf dem Zettel hatte.

         Nichts wird abgehakt, abgearbeitet oder erledigt. Alles steht von vornherein auf dem Prüfstand, nichts ist sicher bei aller Kenntnis der Figuren und von deren Umfeld. Sind die Charaktere erst einmal auf der Bühne, müssen sie reagieren dürfen, wie es ihnen als wahrhaftige Gestalten entspricht – als wären sie im Handumdrehen ihrem Schöpfer ähnlich, unberechenbar und nur nach außen hin vertraut und wiedererkennbar. Wer schreibt, sage ich mir, darf seinen Figuren nicht entkommen, nur auf diese Weise werden wir, vielleicht, am Ende oder noch später begreifen, was uns zwang, gerade diese Geschichte auszubreiten und keine andere, solche Personen zu präsentieren und keine anderen, diese spezielle Tonart zu wählen und nicht wieder zu wechseln. 

Ohne selbstständige Figuren bleibt der Autor womöglich nur ein Handlanger seines Handwerks; er kann vorzüglich formulieren; er weiß Bescheid über erprobte Regeln der Dramaturgie, des Spannungsaufbaus, der Milieugestaltung; er mag einen Bestseller fabrizieren und sich, nach bewährter Methode, auf zum nächsten machen.

Letztlich jedoch, murmele ich vor mich hin, bleibt das Schreiben so sehr Sache des Schreibenden wie das Lesen vollständig dem Lesenden obliegt. Mir zum Beispiel taugten in diesem Jahr mal wieder Bücher von Glauser, Szerbanenco, Denise Mina, Liza Cody, Thompson, Raymond, Woolrich, Gerald Kersh, PJ Wolfson – weil mir die Kolleg:innen gerade so einfallen – und etlichen anderen ähnlichen Kalibers, aus der Reihen ich die meisten Autorinnen und Autoren überhaupt noch nicht kenne.

Aber 2023 suche ich weiter …

  • Friedrich Ani, geboren 1959, lebt in München. Er schreibt Romane, Gedichte, Jugendbücher, Hörspiele, Theaterstücke und Drehbücher. Sein Werk wurde mehrfach übersetzt und vielfach prämiert, u. a. mit dem Deutschen Krimi Preis, dem Adolf-Grimme-Preis und dem Bayerischen Fernsehpreis. Letzte Ehre erschien 2021, Bullauge 2022 (Besprechung von Alf Mayer bei uns hier). Ein Auszug aus seinem Balladen-Buch Die Raben von Ninive ist hier zu lesen, ein Willkommen für die Neuauflage von Jörg Fausers Schlangenmaul hier, eine Hommage an Cornell Woolrich bei CrimeMag: „Kriminalschriftsteller sind die letzten Romantiker, wussten Sie das nicht?

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Bruno Arich-Gerz: Gukurahundi

Ein sehr südlich-afrikanisches Jahr war 2022. Vor allem ein zimbabwisches. Tsitsi Dangerembga war im Jahr davor mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden, ihre Tambudzai-Trilogie mit der Romanpremiere Nervous Conditions als erstem Teil rückt auch einen deutschen Verlag in den Vordergrund. Bei Orlanda ist die Trilogie in deutscher Übersetzung erschienen, und das in sehr ansprechender Aufmachung. Getoppt hätte Dangerembga um ein Haar NoViolet Bulawayo, deren Glory es im Herbst auf die Shortlist für den Pulitzer Preis schaffte.

Glory und Dangarembgas Mournable Body, der dritte Teil ihrer Trilogie, nehmen die Jahre nach der zimbabwischen Unabhängigkeit im Jahr 1980 in den Blick. Es war eine Zeit, als die ZANU-PF und Robert Mugabe nicht nur die Regierung stellten, sondern sie auch um jeden Preis behalten wollten – was zu Massakern an Oppositionswählern aus dem Kreis der kleineren der beiden großen zimbabwischen Ethnien führte, den Ndebele.

Der zimbabwische Völkermord trägt den Namen Gukurahundi. Das Wort stammt aus der Majoritätssprache Shona und beschreibt den Frühjahrsregen, der auf den Äckern die Spreu wegwäscht und den Boden für die neue Aussaat reinigt.

Der Gukurahundi ist in Zimbabwe bis heute regierungsoffiziell nicht aufgearbeitet. ‚Regierungsoffiziell‘ heißt, von den Nachfolgern Mugabes, die wie er der ZANU-PF angehören. Und ‚nicht aufbereitet‘ bedeutet: offenbar war und ist es nicht gewollt. Den Hintergründen widmen sich Studien, die mit Zeitzeugen- und Überlebendenaussagen arbeiten – es sind wichtige Arbeiten.

Um den Gukurahundi kümmern sich auch mehr und mehr Aktivist:innen, etwa über social media, und trotz aller Widerstände von offizieller Seite auch die Angehörigen der brutal hingemetzelten oder in ihren Heimstätten verbrannten rund 20.000 Opfer. Auch die Literatur hat früh reagiert, noch vor Glory oder Dangarembga. Besonders lesenswert und leider nie ins Deutsche übersetzt ist Yvonne Vera mit The Stone Virgins von 2002. Dass dieser Titel nie in Deutschland ankommen konnte, ist eine Unterlassung und auch eine kleine Sünde. Für 2023 nehme ich mir vor, daran und überhaupt am hiesigen Wissen um den Gukurahundi was zu ändern. 

  • Bruno Arich-Gerz beschäftigt sich seit einem Dutzend Jahren unter anderem mit den Kulturen, Literaturen und Sprachen Namibias. Er war DAAD-Kurzzeitdozent an der University of Zimbabwe in Harare und sitzt im Advisory Board des Journal of Namibian Studies. History – Politics – Culture (JNS). Seit 2012 schreibt er für CulturMag.

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Sandi Baker: An inconvenient year

Indulge me. It’s been a long year, and we all need a little indulgence from time to time.

I’m writing this reflection as I sit on a train from Frankfurt to Berlin. We were supposed to have flown, but the weather changed those plans, causing a slight inconvenience, a fitting end to a year that has been full of unexpected inconveniences.

I don’t think it would be wrong to say that we, I mean everyone, were expecting to have a wonderful year after the Covid pandemic, but we were inconvenienced by a man who found the existence of Ukraine an aggravation and who has caused disruptions and untold misery for millions of people far exceeding the geographic borders of his country and Ukraine’s.

Closer to home, it’s been another challenging year for South Africans suffering under an inept and corrupt ruling party, whose reach in the energy supply company has seen South Africa undergo extensive rolling blackouts or load shedding, putting lives and jobs at risk.

It’s been a somewhat inconvenient year for the South African President, Cyril Ramaphosa, who had USD500,000 stolen from his Phala Phala game lodge when his cleaning lady let slip that she had found the money in his sofa. The money is ostensibly from the sale of buffalo. It was even more awkward for Cyril when a judge found in a report that there was probable cause that Cyril violated the law and was guilty of foreign currency contraventions. 

In the meantime, the man (CEO – De Ruyter) who was trying to fix Eskom and who was responsible for loads of funding for a just energy transition – where people who work in dirty energy would be able to find jobs in cleaner energy, was accused indirectly by the energy minister (Gwede Mantashe) of treason for the load shedding. It is unclear how Mantashe arrived at this conclusion, given that the blackouts attempt to stop the grid from collapsing due to the lack of maintenance over the years and the endemic corruption and sabotage that De Ruyter was trying to stop. But then again, corruption seems to be part of the ANC’s DNA. Not surprisingly, De Ruyter resigned, and many of those with dubious backgrounds are celebrating. 

And so I sit on a train, writing about the inconvenience and destruction caused by leaders who are only interested in the size of their bank balances and some construct of history that they’ve fashioned to make their greed seem more palatable instead of writing about the positives of South Africa, like the pockets of excellence including innovative technological developments in the banking world, unparalleled service in the private sector, warm, caring people who can and want to make a difference, the fantastic food and beauty of the country, and its richness of spirit.  And its potential. Oh, its potential…

  • Sandi Baker lives in Johannesburg. Her articles with us here.

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Rolf Barkowski

Schlimmer war es noch nie – das vorherrschende Gefühl in diesem Jahr.
Die täglichen Meldungen über unvorstellbare Kriegsverbrechen und Grausamkeiten, Elend, Naturkatastrophen – kaum auszuhalten.
Dazu nur Forderungen und Lamentieren. Von Solidarität und konstruktiven Vorschlägen wenig zu hören. Von Bereitschaft zu grundlegenden Veränderungen auch nicht. Es wird schon irgendwie weitergehen.
In der Politik immer noch keinerlei  Bereitschaft, angesichts der Lage in Deutschland zu sagen:
„Wir stellen die eigenen Interessen hinten an, nur gemeinsam ist diese Situation zu meistern.“
Stattdessen herrscht Machtgeilheit und Gier. Dem Tesla-König und Despoten wird die Zukunft überlassenen. Visionen – Fehlanzeige.
Also –  das klingt doch arg nach der Jammerorgie aus 2021. Was ist denn aus dem 21er Vorsatz „es geht voran“  geworden? – Einiges!
Quälen wir den Spruch aus dem letzten Glückskeks beim Chinesen: „Die Kraft liegt im Kleinen“

Zum Beispiel: die Lesung von Andreas Pflüger im Mai in Bad Soden.
Andreas Pflüger zurück an dem Ort, der einer der Ausgangspunkte für die Recherchen für seinen Roman „Ritchie Girl“ war. Hier um Frankfurt und Umgebung, im Camp King in Oberursel, im IG Farben Hochhaus hat er Material gesammelt. Zurück in Bad Soden, zurück im Kino CasaBlanca, das Alf Mayer aus dem Schlaf geweckt hat (und trotz Corana einen Erfolg nach dem anderen erntet). „Ritchie Girl“ lesen – toll, „Ritchie Girl“ vorgelesen bekommen – noch toller.
Und „Ritchie Girl“ vom Autor in der Lesung präsentiert zu bekommen – mehr geht nicht.
War die Reise aus dem Ruhrpott in den Taunus wert.

Zum Beispiel: das Grolsch Blues Festival Pfingsten in Schöppingen.
Glückliche Gesichter vor der Bühne, glückliche Gesichter auf der Bühne. 
Was will man mehr?
Drei Tage Blues. Fast wie früher. Richard Hölscher hat durchgehalten und präsentiert wieder ein abwechslungsreiches Programm
Ein schöner Erfolg, der Mut macht und neugierig auf das Line up für 2023…..


Zum Beispiel: das Konzert von Patty Smith im Palladium in Köln ein paar Tage später.
Mit perfekt eingespielter Band legt Patty einen grandiosen Auftritt hin. Soviel Gefühl, soviel Begeisterung, soviel Wut – einzigartig. Diese Frau macht wirklich keine Gefangenen. Ihr
„People Have The Power“ hat nichts an Aktualität eingebüßt. Und keine rotzt auf der Bühne so toll wie sie!



Zum Beispiel: das Konzert, der Bluesabend im Kino CasaBlanca mit Schorsch Hampel und Uli 
Kümpfel im September. 
Wieder zurück nach Bad Soden in das tolle Ambiente des CasaBlanca. Das Kino eignet sich hervorragend für die Darbietung des bayrischen Mundartblues von Schorsch Hampel.
Schorsch packt Beobachtungen und Begegnungen aus seinem Alltag in den Blues, schafft
Poesie für die Ohren. Begleitet von Uli Kümpfel am Bass lässt er uns daran teilhaben.
Tolle Akustik. Das „CasaBlanca“ ist eben nicht nur zum Sehen da. Hören ist hier Genuss pur in (den) neuen roten Sesseln, die hauptsächlich durch die Imagearbeit des Vereins KinoKultur Bad Soden e.V. rekordschnell Paten und damit Finanzierung gefunden haben.

Zum Beispiel: Mavis Staples.
Schon für 2019 war ihr Auftritt in Helena, Arkansas beim King Biscuit Blues Festival in Helena, Arkansas, angekündigt. Doch Corona cancelt das gesamte Festival. 
Ebenso 2021.
Am 9. Oktober 2022 –  nach fast 3 Jahren warten – war es dann endlich soweit. Ein Konzert auf der Hauptbühne , das man nicht vergisst. Für mich das Highlight, neben vielen anderen Auftritten großer Namen.
Mavis mit einer Bühnenpräsenz – beeindruckend. Und dazu ein klare Haltung. Beim Stück „This Is My Country“ fragt sie, ob das gegenwärtige Amerika noch ihr Land ist. Und sie lässt keinen Zweifel offen, was sie von der aktuellen politischen Lage und Donald Trump hält.

So übel war 2022 also nicht.
Einiges ging voran. Denn: wir können auch anders! (Danke Detlev Buck)

  • Rolf Barkowski, Jahrgang 1950, hat mal Sozialwissenschaften & Germanistik studiert, ewiger Student;  hat mal als Gerüstbauer, lange als Briefträger und ganz lange als Sozialarbeiter (offene Kinder-und Jugendarbeit) gearbeitet; ist musikalisch sozialisiert in den 60er Jahren mit den Stones und weißem Blues; hat im Alter den schwarzen Blues entdeckt; ist seitdem regelmäßig in Mississippi bzw. im Süden der USA unterwegs; fotografiert leidenschaftlich gerne; handelt im richtigen Leben seit 30 Jahren mit Antiquitäten und Kunst. Seine Blues-Festival- und CulturMag-Texte hier.


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