
Frank Göhre: Harter Fall. Kriminalroman. CulturBooks, Hamburg 2023. Klappenbroschur, 168 Seiten, 17 Euro. – Verlagsinformationen.
Mit freundlicher Erlaubnis von Autor und Verlag präsentieren wir Ihnen hier Kapitel Drei aus dem Roman. Ein „Bloody Chop“ über das Buch in dieser Ausgabe hier. – Weiteres von Frank Göhre bei uns hier. Zuletzt hat er bei uns den Pulp-Autor Charles Williams porträtiert.
DREI
By the rivers of Babylon
Where we sat down
And there we wept
The Melodians, »Rivers of Babylon«
1
»The Harder They Come« Der Film: Es regnet in Kingston. Ein tropischer Regen geht nieder.Jimmy übernachtet im Wartehäuschen einer Busstation. Er will den Plattenboss der Insel sprechen. Den Mann, der einen zum Star machen kann. Wenn der Song nicht zu slow ist, wenn er Drive hat.
Aber Jimmy kommt nicht an den Boss ran. Jimmy muss Arbeit finden.Auf dem Bau gibt es nichts für ihn.Auch bei den Hotels nicht.
Die Bungalowbesitzer jagen ihn davon.Jimmy muss essen. Ein Joint allein macht nicht satt. Doch die Marktfrauen haben scharfe Augen. Sie halten die Mangos und Papayas auf ihren Verkaufstischen im Blick.
Auf den Müllhalden stochern abgemagerte Kinder nach Nahrung. Ziegen staksen mit ihnen herum.
Jimmys vorerst letzte Stadion ist ein Priester. Ein lüsterner Verkünder der Worte des Herrn. Beim Anblick der jungen Kirchenchorsängerinnen beben seine Lippen.
2
Während der Fahrt auf der A 7 nach Flensburg hatte es nur in Höhe Neumünster einige Kilometer weit geregnet. Ein dünner Regen, nicht sonderlich sichtbehindernd. Die Scheibenwischer des alten Opel schrappten stockend über das Glas. Hinnerk nahm es gelassen.
In der Stadt fand er mühelos Straße und Haus der Stracks. Es war ein villenähnlicher Bau im Zentrum, in dem mehrere Parteien wohnten.
Hinnerk klingelte.
Die Frau, die ihm öffnete, trug einen weiten dunkelgrünen Mantel mit hochgestelltem Pelzkragen und in der Linken einen Einkaufskorb.
Hinnerk grüßte und wies sich aus.
»Ich konnte Sie telefonisch nicht erreichen«, sagte er. »Das ist kein guter Zeitpunkt«, sagte die Frau. Sie machte keine Anstalten, Hinnerk hereinzubitten. »Ich bin kaum noch zu Hause. Mein Mann liegt im Krankenhaus.«
»Das tut mir leid.«
»Das hat er sich selbst zuzuschreiben. Er ist übergewichtig, er trinkt, er raucht. Er klappt zusammen, und ich hab den Ärger. Aber das kümmert ihn nicht.«
»Ich mache es kurz. Es geht um Ihren Sohn.«
»Wir haben keinen Sohn.«
»Bitte …?«
»Haben Sie nicht gehört? Ärger, nichts als Ärger.«
»Entschuldigen Sie, aber aus Dänemark haben wir erfahren …«
»Ja, ja – natürlich, das hätte man sich denken können.«
»Rainer …«
»Rainer – ja, Rainer, auf den Namen haben wir ihn getauft.«
»Ist ihm was passiert?«
Frau Strack schüttelte den Kopf. Sie sah auf ihre Armbanduhr und trat einen Schritt zurück.
»Ich muss den nächsten Bus nehmen. In zwanzig Minuten. Kommen Sie rein.« Sie wies Hinnerk in den ersten Raum gleich neben der Tür. Es war ein Arbeitszimmer mit hohen Bücherregalen, einem wuchtigen Schreibtisch und zwei Clubsesseln. An den Wänden Jagdtrophäen.
Hinnerk wartete, bis Frau Strack sich gesetzt hatte, und nahm erst auf ihr Zeichen hin ebenfalls Platz.
»Ihr Sohn …«
»Er hat sich von uns losgesagt«, unterbrach sie ihn. »Er hatte irgendwas gelesen, irgendeinen Dreck und hat angefangen, seinen Vater zu beschimpfen! Als Nazi, als Mörder, als Blutrichter und was nicht alles! Und ich sei dermaßen naiv, dass man es kaum glauben könne. Eine naive Glucke! Er ist gegangen, er will nichts mehr von uns wissen.«
Hinnerk reagierte nicht.
Er saß da, rieb sich nachdenklich das Kinn.
»Wann war das?«, fragte er dann.
»Gearbeitet hatte es offenbar schon länger in ihm. Zum endgültigen Bruch kam es … das war irgendwann im Oktober. Wir saßen beim Kaffee. In unserem Garten.«
Hinnerk zog seinen handtellergroßen Notizblock hervor, blätterte ihn auf.
»Anfang November war eine junge Dänin bei Ihnen …«
»Nein.«
»Meinen Informationen nach hat sie am zehnten November Flensburg wieder verlassen. Kirsten Poulsen, eine dänischen Freundin Ihres Sohnes. Ich nehme an …«
»Dazu möchte ich nichts sagen.«
»Sie haben mit ihr gesprochen?«
»Ich sage doch …«
»Sie ist tot, Frau Strack. Sie ist von hier nach Hamburg getrampt, um Ihren Sohn zu treffen. Der angeblich in Hamburg studiert …«
»Das weiß ich nicht! Ich weiß gar nichts mehr von einem Sohn!« Sie krampfte ihre Hände in die breiten Armpolster, ihre Stimme wurde laut. »Er – er hat mich verlassen. Hat einfach die Tür hinter sich zugeschmissen und ist losgezogen! Was fragen Sie mich nach diesem Mädchen?! Nach dieser dummen Pute?!« Sie stand abrupt auf. »Steht hier tagelang vor der Tür, um sich mit … um sich zu amüsieren. Ich hab ihr mit der Polizei gedroht, da ist sie dann endlich abgehauen. Sie ist tot, sagen Sie …?«
Auch Hinnerk erhob sich.
»Ich brauche ein Foto von Ihrem Sohn«, sagte er und blickte sie ungerührt an, ersparte es sich, ihr Näheres über den Tod der jungen Dänin mitzuteilen. »An der Uni ist er namentlich nirgends eingeschrieben.«
3
Die Abi-Feier fand im »Élysée«-Hotel am Dammtor statt. Eine Vorbereitungsgruppe der Abiturienten hatte sich Jans Vater als DJ des Abends gewünscht. Der NDR-Jugendfunkredakteur Böhm fühlte sich geehrt. Mit an den Seiten geschnürten braunen Leder-Jeans und Ibiza-Hemd gekleidet, arbeitete er eine wilde Mischung aus Oldies, Punk, deutschen Schlagern, Rock und Reggae ab.
Mutter Monika tanzte mit Jan einen Walzer, sie in einem rückenfreien, eng anliegenden schwarzen Kleid, Jan in einem marineblauen Anzug, von dem er wusste, dass er ihn nie wieder tragen würde.
Nicolas Böhm legte »Tränen lügen nicht« auf.
Torsten wurde von einer Mitschülerin aufgefordert, die schon seit längerer Zeit in ihn verknallt war. Es war eine vollbusige Brünette, die sich bei einem Slow eng an ihn schmiegte. Torsten konnte nicht verhindern, dass er eine Erektion bekam. Er dachte an die Schwester seines besten Freundes. Er dachte an Ulrike. Er würde sie mit seinem locker swingenden Boogie bezaubern – garantiert!
An der Hotelbar ließen sich Jan und Torsten mit über die Schultern gelegten Armen fotografieren. Zwei gut aussehende Jungs mit strahlendem Blick in Richtung Zukunft. Sie orderten Rum-Cola.
»Kommt Ulrike noch?«, fragte Torsten.
»Keine Ahnung.« Jan nahm einen Schluck. »Sie hat wieder mal ’n Neuen. Scheint ’ne ziemlich schräge Type zu sein. Ich hab vorige Tage mal angerufen, und ’ne Telefonstimme quakt dich an mit ›Sprich oder stirb‹.«
Torsten musste schlucken. »Echt jetzt?«
Nicolas Böhm machte eine Pause und verschwand für längere Zeit auf der Toilette. Aufgekratzt stürmte er dann zurück in den Saal und schnappte sich eine Abiturientin für einen langsamen Walzer, allein zum Summen aus seiner heiseren Kehle.
Carl Steffens war schon früh Hacke breit. Er musste sich an der Stuhllehne festhalten.
»Mein Sohn, mein lieber Sohn, mein einziger«, sagte er zu Torsten und hob beschwörend die freie Hand. »Es tut mir leid, es tut mir unendlich leid, ganz furchtbar ist das, aber die Schuld, mea culpa, wie der Lateiner sagt, doch wir, wir wollen hier nicht von Schuld reden, es ist nur so, du hast keine Eltern, wir beide, wir beide haben nur uns, und das –«, er hob die Stimme, er krähte: »Und das ist zu wenig! Viel zu wenig! Hörst du, Franziska, zu wenig! Denn auch du, auch du hast einen Sohn!« Er ließ die Lehne los und stolperte Torsten in die Arme.
Irgendwo im Saal wurde applaudiert.
Vor dem Hotel fuhr eine Taxe nach der anderen vor. Jans Vater wollte noch unbedingt ins »Chikago« und konnte nur mit Mühe und viel Kraftanstrengung von Frau, Sohn und Freund davon abgehalten und ins Taxi nach Hause verfrachtet werden.
4
Peter schwang sich aus dem französischen Doppelbett, über das ein Baldachin drapiert war. Die im Bett auf der Seite liegende Frau schnarchte.
Peter kleidete sich geräuschlos an. Er griff sich die Champagnerflasche, die auf dem Boden stand, und leerte sie mit zwei großen Schlucken.
Auf dem Nachttisch lagen aufgefächert drei Hundertmarkscheine. Peter steckte sie ein.
Barfuß schlich er sich aus dem Zimmer. Es war still in der Wohnung. Er lauschte nach oben. Auch von dort war nichts zu hören.
Peter ballte eine Faust und stieß sie mit einem befreienden Laut in die Luft.
Gut so.
5
Flug Hamburg – London Heathrow. Dann weiter mit Jamaica Airlines, Ankunft Montego Bay um 23.50 Uhr Ortszeit.
Vor dem Abflug wechselte Peter die drei Hundertmarkscheine in US-Dollar und steckte sie zu den Traveler Cheques in seinen Geldgürtel.
Jan betrat eine freie Telefonzelle und erreichte seine Schwester. Ulrike entschuldigte sich, nicht zur Abi-Feier gekommen zu sein. Sie habe Stress gehabt, sei nicht weggekommen. Er solle Torsten und auch Peter grüßen. Sie wünsche ihnen allen eine gute Reise.
Monika sah ihrem Sohn nach, der sich zur Gepäckkon- trolle einreihte. Die Vorstellung, dass etwas Furchtbares passieren würde, nahm mehr und mehr Raum in ihr ein.
In der Halle patrouillierten Bundesgrenzschutzpolizisten in Kampfmontur und Maschinenpistolen. Auf der Pirsch nach Terroristen.
6
Douglas DC8L: Der in Heathrow gestartete Flieger war voll besetzt. Hochgewachsene Jamaikanerinnen in knöchellangen bunten Gewändern. Männer mit riesigen Ghettoblastern auf den Schultern. Ein Ra ta mit Sonnenbrille, in der Hand einen Holzstab mit geschnitztem Löwenkopf als Griff.
Ein halbes Dutzend deutsche Entwicklungshelfer.
Helfer bei der von der sozialistischen Regierung der Karibikinsel initiierten Landreform. Landflucht der Bevölkerung eindämmen. Lebenswerte Alternativen auf dem Land und in den Bergen schaffen.
Sie sprachen über Geld. Sechshundertachtzig DM Monatsgehalt für engagierte junge Frauen und Männer aus Köln, Koblenz und Dinslaken. Freies Wohnen, ein Dienstwagen für Fahrten aufs Land und in die Berge. Es ist ihnen empfohlen worden, eigenes Gemüse anzubauen und Hühner zu halten. Auf die Dienstwagen sei besonders zu achten. Zwei Scheinwerfer würden auf Jamaika mit sechshundert US-Dollar gehandelt. Als Beleuchtung für die von Dorf zu Dorf fahrenden Discos.
Was wird man alles zu sehen bekommen?
Was wird man erleben? Wird es Streit geben? Tätliche Auseinandersetzungen?
Jan hatte keinen Blick für die schmalen Hüften und schlanken Fesseln der Stewardessen. Auf die schaute Peter, die Hand über die Augen gelegt, verstohlen.
Jan gab mit seinem Wissen über Jamaikas Geschichte an.
»1494 von Kolumbus entdeckt, ab 1509 Spaniens Kolonie, Sklaven- und Sträflingsinsel.«
»Spielt da nicht ›Papillon‹?«
»Nee, der saß auf ’ner französischen Insel fest, aber der Film ist auf Jamaika gedreht. – Jamaika war auch Stützpunkt von Piraten. Wird von den Engländer erobert und zur Zuckerinsel ausgebaut.«
»Sugar, Sugar – Sugar in the morning«, summte Torsten. »Brown Sugar.«
Jan überhörte es. Er empfand es als obszön.
»Jetzt ist es das Bauxit.« Er war blendend gelaunt. Sah sich als bestens informierten Reiseleiter der Gruppe.
Die jamaikanischen Stewardessen gingen wippend durch die Reihen. Jan kam mit ihnen nicht ins Gespräch.
Aber Torsten.
Torsten machte Witze über Russen, Amerikaner und den Papst: Judas wünscht Jesus am Karfreitag ein frohes Wochenende.
Torsten erwähnte beiläufig, dass er Klavier spiele und Stevie Wonder bewundere.
Rum Punsch wurde serviert.
Peter nahm gleich zwei Gläser, rauchte eine Zigarette und dachte an den Gesundheitszustand seines Vaters: Herz-OP, Bypass und Stent. Absolutes Rauchverbot für den nach wie vor nach Nikotin Gierenden. Eine Nachbarin hatte zugesichert, täglich nach ihm zu sehen.
Okay, sagte Peter sich. Es ist, wie es ist. Mehr geht zurzeit nicht. Doch die Warnung des Vadders hatte er noch im Ohr: Das sind nicht deine Freunde …
In der Ankunftshalle war es angenehm kühl. Sie gingen mit ihren Rucksäcken zur Zoll- und Passkontrolle.
Jan legte ein amtliches Formular vor.
»Was ist das?«, fragte der Beamte. Es war ein uniformierter Hüne. Er trug eine Schirmmütze, eine Pilotenbrille und goldene Ringe an den Fingern. Seine Uniform saß perfekt, schien frisch gereinigt und gebügelt.
»Eine Bestätigung«, sagte Jan. »Man hat mir in Hamburg mein Schweizer Messer abgenommen, ich soll es hier zurückbekommen.«
Der Beamte verstand nicht.
Er fragte nach.
»Ein Messer, ein Schweizer Messer!«, sagte Jan. »Sehr teuer.«
»Ein Messer?« Der Hüne lachte ein dröhnendes Lachen. »Was willst du mit einem Messer? Hier brauchst du eine Pistole!«
Draußen im Freien traf sie die extrem schwüle Luft wie ein Schlag. Es war stockfinster. Hunde kläfften, Grillen zirpten. Palmblätter raschelten.
Von fern dumpfe Trommelschläge.
Und schnelle, harte Schläge auf Blech.
Ein Getuschel neben ihnen im Gebüsch.
Es waren zwei Jungs, die sich ihnen in den Weg stellten. Dürre Gestalten, zwölf, vierzehn Jahre bestenfalls. Sie zündeten sich dünn gedrehte Zigaretten an.
»Hotel?«, fragte der eine. »We know Hotel.«
»Best Preis«, sagte der andere.
Wie aus dem Nichts schoss ein Wagen heran. Ein Ami-Schlitten, offenes Verdeck.
»Shut up!«, rief der Fahrer den Jungs zu. Es war ein gut aussehender Typ, trug ein weißes kurzärmeliges Hemd.
Die Jungs verschwanden.
Der Fahrer streckte die Hand aus.
»Paul«, sagte er. »Lasst euch nicht von diesen Kids an- sprechen und kauft nie, kauft nie was von ihnen. Das bringt euch in den Knast. – Ich kann euch eine Unterkunft anbieten, privat. Es ist nicht weit.«
Jan wechselte mit Torsten einen Blick, sah auch Peter an. Peter klatschte schon mit dem Fahrer ab.
Peter und Paul, war das nicht irgend so’n Katholenfest?, fragte sich Torsten und musste bei all seiner Müdigkeit lauthals lachen: »Noch nichts geraucht und schon auf ’m Trip.«
»Okay«, sagte Jan. »Nur noch ’ne Frage. Was kostet das?«
Der Fahrer nickte.
Er zögerte keinen Moment.
»Dreißig Dollar die Nacht, für euch zusammen. Dreißig US-Dollar.«
Es war eine Villa. Sie lag am Hang eines bewaldeten Hügels, eine Holztreppe führte hinunter zum Strand.
Sie hörten das Meer rauschen.
Ihnen kam es vor, als wäre es nicht mehr so schwül. Paul wies sie an, vor dem Eingang stehen zu bleiben.
Er verschwand hinterm Haus, zwei, drei Minuten später öffnete er von innen die Tür.
»Come in.«
Flur und Wohnraum waren fast vollständig ausgeräumt. In einer Ecke stand noch ein riesiger Ghettoblaster auf den marmorierten Bodenfliesen. Zig Kassetten daneben.
»Ist ein Haus der Fruit Company«, sagte Paul. »Der Boss ist geflohen.« Er lachte. »Hatte Angst vorm schwarzen Mann, Angst vor der Revolution. Wir haben eine neue Regierung, die will den Kommunismus wie in Kuba. Ist auch nicht besser als vorher. Aber Mo Bay ist gut, da gibt es Hotels und Touristen. Ihr könnt bleiben, so lang ihr wollt.«
Paul hatte kassiert. Paul war gegangen. Jan und Torsten saßen auf einem Wasserbett in einem ansonsten leeren Zimmer. Peter breitete seinen Schlafsack aus.
»Für die erste Nacht ist es okay«, sagte er. »Aber ab morgen schlafe ich am Strand, da könnt ihr euch drauf verlassen.«
»Wir sollten schnellstens Motorräder organisieren«, sagte Jan. »Ich übernehme das gern, wenn Peter mit da-bei ist. Wegen Zustand und so.«
»Paul will uns Frühstück machen«, sagte Torsten. »Dann kann er euch mit in die Stadt nehmen. Hat vielleicht auch ’n Tipp. – Ich bleib hier, ich pass auf unser Gepäck auf.«
Alles schien einfach zu sein.
Locker zu handeln.
Es war drei Uhr in der Nacht.
Erschöpft von dem langen Flug und benommen von den ersten Eindrücken schliefen sie ein, Torsten mit dem Gefühl, in einem Film zu sein.
Er trieb ab.
Seine Fußsohlen berührten die aus dem Meer aufsteigende rote Scheibe. Es war heiß. Es war heller Tag. Torsten glitt vom Bett. Es gluckerte.
Jan schlief noch.
Peter schlief noch. Peter schlief nackt auf dem Schlafsack, eine Hand am Sack.
Torsten betrat die Holztreppe zum Strand.
Er zählte die Stufen. Es waren dreiundfünfzig. Dann fünf Schritte zum Meer.
Zum Ozean.
Torsten ging hinein. Hinein in kristallblaues klares Wasser.
So etwas hatte er noch nie gesehen.
Er stürzte sich den flachen Wellen entgegen, schwamm eine kleine Strecke hinaus.
Später entdeckte er am Strand ein Richtungsschild: »Ironshore«. Hinter einem Felsvorsprung waren eine Bucht und eine Bretterbude, auf der »Fruits & Drinks« stand.
Er ging hin.
Vor der Bude hockte ein junges, halb nacktes Mädchen im Schneidersitz. Es trug eine Kappe mit silbernen Plastikflügeln.
»Grüezi«, begrüßte es ihn. »Komm mir nicht zu nahe. Ich gehöre zu dem Rastaman, er verjagt mich, wenn ich meine Tage habe. Niemand darf mich dann berühren.«
Torsten hob abwehrend die Hände und ging einen Schritt zurück.
»Gibt’s hier was zu trinken?«
»Brauchst du ein Flugticket? Ich kann dir meins verkaufen. Swiss Air nach Zürich.«
7
Die Wohnung war gut geschnitten. Zwei ineinander übergehende Räume, Küche mit schönen holländischen Kacheln und einem Gasherd, Bad mit Wanne, Toilette, ein geräumiges Schlafzimmer.
Bonnie und sein Trainer und Kumpel Karate-Kalle schritten die Räume ab, Bonnie in Jeans und Jackett, Karate-Kalle im FC-St.-Pauli-Look, sauteure Laufschuhe an den Füßen. Er war einen Kopf größer als Bonnie, ein sehniger Typ, dem man den Kampfsportler nicht ansah. Was auch an einen Augen lag, samtig braun, melancholisch.
»Ein Schmuckstück«, sagte der Vermieter. Er war einer dieser aalglatten Schmierlappen, die bei allem und jedem ellenlange Erklärungen abgaben, endend mit »ein Schmuckstück«.
Bonnie wechselte mit Karate-Kalle einen Blick.
Karate-Kalle zog an den Fingern und ließ die Gelenke knacken. Sie standen noch einmal in dem zur Straße hin liegenden Wohnraum.
Obere Elbchaussee. Hauptverkehrsstraße, in beiden Richtungen stark befahren. Auch von HVV-Bussen.
»Käme infrage«, sagte Bonnie zu dem Vermieter. »Kostet?«
»Ein Schmuckstück«, sagte der Vermieter zum wer weiß wievielten Mal.
»Mach mich nicht rasend«, sagte Karate-Kalle.
»Lass den Mann seinen Preis nennen.«
»Jaja.« Der Vermieter hüstelte. »Also kalt, da … da muss ich … und das ist ja nun wirklich ein … ich sage mal, bei Tausenddreihundert sind wir uns einig.«
»Einsdrei?«, fragte Bonnie nach. »In DM?«
»Ja – ja, natürlich, selbstverständlich.« »Die Aussicht inklusive?«
»Die … was bitte?«
»Der Blick. Der Blick auf die Straße.«
»Oh, ich … ich verstehe. Aber gleich dahinter geht es zur Elbe runter. Das ist …«
»Wenn man zu Fuß geht«, sagte Bonnie.
Karate-Kalle schnallte, dass es gleich so weit war. »Er geht nicht gern zu Fuß«, sagte er. »Achthundert«, sagte Bonnie. »Ich zahle achthundert bar auf die Hand, pünktlich am Monatsersten, mein Wort.«
Der Vermieter schüttelte heftig den Kopf.
»Das ist … so eine Wohnung finden Sie …« »Abgemacht?« Bonnie nickte Karate-Kalle zu.
»Nein, also bitte. Das ist einfach unmöglich …« Karate-Kalle zog die Hamburger Acht hervor und legte dem Vermieter blitzschnell die Handschellen an, kettete ihn an die Heizung.
Der Vermieter schrie vor Entsetzen. Strampelte wild mit den Beinen.
Bonnie klebte ihm ein breites Pflaster über den Mund.
»Achthundert«, sagte er noch einmal. »Überleg es dir gut, wir kommen heute Abend wieder.«
Karate-Kalle nahm die Wohnungsschlüssel an sich.
8
In der WG war es ungewöhnlich ruhig. Nur Rolf war in seinem Zimmer. Als Ulrike es betrat, schlich sich jemand hinter ihr vorbei ins Bad. Sie bekam ihn kurz zu sehen. Ein Schlacks, pechschwarze Haare, hell schimmernde Augen, Dreitagebart, ärmelloses Unterhemd und Cargo-Hose. Gute Figur, sportlich.
Rolf zuckte die Achseln. Er legte ein Manuskript beiseite.
»Bernd – Bernie«, sagte er. »Der ›Genosse‹, unser Mister unbekannt. Juttas Lover. Jobbt in Schicht bei Blohm und Voss. Mehr kriegst du nicht zu hören. Aber er zahlt jetzt jedenfalls in die Haushaltskasse.« Er lachte ein leises Lachen. »Sie sind ziemlich heftig zugange, ich meine …«
»Schon klar. Na ja, das muss ich auch nicht mehr haben. Ich zieh aus.«
Rolfs Augen weiteten sich. Es verschlug ihm die Sprache. Er schien den Tränen nah.
9
Jamaika, der dritte Tag: Sie war eine hochgewachsene junge Frau mit einem pockennarbigen Gesicht. Unter dem ölverschmierten Overall zeichneten sich ihre Brüste ab. Sie hatte ein hübsches Lächeln.
Sie lehnte an der blau gestrichenen Holzwand der kleinen Reparaturwerkstatt und rauchte einen Spliff.
»Sorry«, sagte sie. »Aber in der ganzen Stadt ist kein einziges Motorrad zu haben. In Kingston könntet ihr Glück haben, ist aber gefährlich.«
Peter machte eine wegwerfende Geste.»Scheiß drauf«, sagte er.»Fahren wir mit dem Bus«, sagte Jan. »Find ich ohnehin besser.«
»Heute fährt kein Bus mehr«, sagte die junge Frau. Sie nahm einen letzten Zug, inhalierte tief. »Wollt ihr Ganja, gutes Ganja, Sensimillia? Fünf Dollar.«
Jan wischte sich den Schweiß von der Stirn.Zig Mückenstiche juckten ihn. Die Sonne stand hoch am Himmel, brannte auf die Blechdächer der Bretterbuden herab, auf die festgetretenen, staubigen Wege dieses von der Küste abgewandten Viertels.
»Fünf Dollar?«
»Ich hole es. Ihr könnt die Qualität prüfen. Ist ein guter Preis.« Sie streckte die Hand aus. »Fünf Dollar«, wiederholte sie.
Jan war unentschlossen.
Auch Peter zögerte. Doch dann klaubte er einen Fünf-Dollar-Schein von seinem Bündel ab und steckte ihn der Frau zu.
»Wir warten«, sagte er.
»Food ist gegenüber«, sagte die junge Frau. »Ich komme ins Lokal.«
In der Kneipe waren die hölzernen Jalousien heruntergelassen und auf Kipp gestellt. Es gab zwei Tische und eine Menge Plastikstühle. Die Musikbox war vergittert, an den Wänden einfache Malereien und eine rot-gold-grüne Fahne.
»Die Farben Äthiopiens«, wusste Jan. »Heimat der Rasta. Ihr Land.«
Klugscheißer Jan. Peter stiefelte zum Tresen, orderte Red Strip und was zu essen. In den vergangenen Tagen hatten sie sich ausschließlich von Käsetoast, Chips, Bier und Ganja ernährt.
Ein Junge mit nacktem Oberkörper und Flipflops brachte zwei Schüsseln mit dampfender Suppe. Es war eine Brühe mit zähen Fleischstücken. Sie löffelten und kauten, und es schmeckte ihnen gut.
Plötzlich wurde krachend die Tür aufgestoßen. Die junge Frau stolperte in den Raum, fiel auf die Knie. Hinter ihr zwei trainiert wirkende Männer, dunkle Hosen, gestreifte Hemden, Patronengut und großkalibrige Pistolen im Halfter, Schlagstock. Polizei.
»Ihr habt Ganja bei dieser Frau gekauft!« Das war keine Frage. Das war eine schneidend scharfe Feststellung.
Jan wollte etwas erwidern.
Peter reagierte. Er stieß Jan kurz in die Seite und zischte: »Halt die Klappe.«
Scheinbar ungerührt aß er weiter, den Blick auf der Suppe.
»Ihr habt ihr Geld gegeben.«
Peter sah hoch, blickte den Polizisten nur einen Moment lang an, sagte nichts. Kein Muskel zuckte in seinem Gesicht. Jans Hände zitterten.
Die junge Frau zeigte auf Peter.
»Fünf Dollar!«, stieß sie hervor.
Einer der Polizisten schlug zu. Schlug ihr mit dem Stock auf den Rücken. Einmal, zweimal. Die Frau krachte bäuchlings auf den Boden. Niedergestreckt, hingestreckt.
»Der Handel mit Ganja ist verboten! Wird mit Gefängnis bestraft. Woher kommt ihr?«
Wieder setzte Jan zu einer Antwort an.
Und wieder hielt ihn Peter zurück: »Kein Wort!«
Die Polizisten rissen die Frau vom Boden hoch.
Sie wimmerte vor Schmerz.
»Ihr kennt sie!«
Peter nahm noch einen Löffel Suppe, kaute das Fleisch und spuckte einen Knorpel in die hohle Hand. Er sah, dass sich unter Jans Platz eine Pfütze bildete und stieß wie unabsichtlich die Bierflasche vom Tisch. Das Bier ergoss sich zu einer größeren Lache.
Sie gingen schweigend den Weg zum Meer, bis Jan es nicht mehr aushielt. Er blieb stehen.
»Sie haben sie geprügelt, vor unseren Augen!«
»Ja«, sagte Peter. Nicht mehr.
»Mensch, die landet im Gefängnis, die werden sie weiter prügeln, ihr was antun. Weil wir ihr Geld gegeben haben! Das macht mich fertig! Und du …« Er brach mit einer verzweifelten Geste ab.
»Ja?«, sagte Peter. »Und ich? Was ist mit mir? – Ich hab unseren Arsch gerettet, Alter! Das hab ich.«
»Auf Kosten dieser armen Frau.«
Peter lachte. Er konnte nicht anders. Er musste lachen.
»Arm? Woher willst du das wissen? Sie arbeitet in ’ner Werkstatt, sie hat Leute, für die sie dealt …«
»Das mein ich doch nicht!«
»Was dann?«
»Dass sie für uns fast totgeprügelt wird, Peter. Das haben wir – wir haben das auf dem Gewissen! Mein Gott!«
Peter fasste sich an den Kopf.












