Posted On 19. September 2017 By In Crimemag, Film/Fernsehen With 1323 Views

Film: Rückkehr nach Twin Peaks – Der Abschluss

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Von Sonja Hartl

Es ist zu Ende gegangen. Das Abenteuer, die atemberaubende Reise, die mir „Twin Peaks“ einen Sommer lang ermöglicht hat. Und es sie hatte einen großartig melancholisch-mysteriösen Abschluss!
An ihrem Anfang stand mein Entschluss, dass ich David Lynch und Mark Frost vertrauen werden. Dass ich darauf baue, dass diese Reise irgendwohin führen wird, wohlwissend, dass niemals alle Rätsel gelöst werden. Und genauso war es auch. (Hinweis: Der folgende Text beschäftigt sich ausführlich mit dem Ende der dritten Staffel und enthält daher Spoiler.) In den letzten drei Folgen führen Lynch und Frost sehr viele Handlungsstränge in sehr kurzer Zeit zusammen. Früh stand fest, dass der Weg aller Beteiligten letztlich nach Twin Peaks führen muss, nun treffen in der ersten Hälfte der 17. Folge fast alle wichtigen Charaktere im Sheriff-Büro in Twin Peaks ein: Agent Cooper (Kyle MacLachlan) lässt sich von den Mitchum-Brothers (James Belushi, Robert Knepper) fahren und hat zuvor Gordon Cole (David Lynch) eine Nachricht hinterlassen, so dass dieser sich mit den Agents Albert Rosenfield (Miguel Ferrer) und Tammy Preston (Chrysta Bell) ebenfalls auf den Weg gemacht hat. Bereits angekommen ist Mr. C (Kyle MacLachlan).

Das einzig mögliche Ende – bei konventionelleren Serienmachern

Und somit beginnt dort das erste Ende, der Kampf zwischen Gut und Böse, der der vor allem die Handlungsstränge dieser dritten Staffel betrifft und von konventionelleren Serienmachern wohl als das einzig mögliche Ende angesehen worden wäre. Nicht aber bei Lynch und Frost. Zwar wird Mr. C eliminiert, die Bestimmung von Freddie Sykes (Jake Wardle) – ein herrlich amüsanter Seitenhieb auf alle Superheldenfilme – erfüllt, aber es ist erst die vorletzte Folge, daher muss noch etwas kommen. Und es geschieht etwas ganz Wundersames: Agent Cooper erblickt Naido (Nae Yuuki) und plötzlich bleibt sein Gesicht in Großaufnahme wie ein zweites Bild über den folgenden Bildern. Es verharrt wie eine Folie, während Cooper erklärt, dass das, was gerade stattgefunden hat, von Major Garland Briggs vorhergesagt wurde und sich ein paar Dinge ändern werden („the past dictates the future“). Dann geht Naido auf ihn zu – und es zeigt sich, dass sie Diane ist (eigentlich naheliegend, ist Naido rückwärts gelesen doch O-Dian).

Es kommt zu einer Wiedervereinigung, die roten Haare und schwarz-weißen Fingernägel verweisen darauf, dass sie im Red Room war (oder immer noch ist). Der Zeiger der Uhr kann nicht auf 2:53 Uhr vorrücken – die Uhrzeit, die addiert 10 ergibt, „the number of completion“, wie Cooper einst sagte. Stattdessen dröhnt die Tonspur, und Cooper und Diane gehen in der Dunkelheit in den Keller des Great Northern Hotels. Erst dort verschwindet die überlagernde Großaufnahme von Coopers Gesicht, mit dem Schlüssel zu seinem Hotelzimmer öffnet er eine Tür und sagte, er hoffe alle beim „curtain call“ wiederzusehen. Nun stecken wir mitten im zweiten Ende. Cooper trifft auf Mike, der abermals das Zeilen von „Fire walk with me“ aufsagt, und mit der Hilfe von Philipp „Teekessel“ Jeffries gelangt Cooper in das Waldstück, in dem sich einst Laura von James verabschiedete. Gordon hat es gesagt, der Riese hat es gesagt: Cooper will „two birds with one stone“ erledigen. Und daher will er den Mord an Laura verhindern, um Judy – die allumfassende böse Macht – zu besiegen. Es folgt ein Rückblick auf die Ereignisse aus „Fire Walk With Me“, Laura verlässt ihr Elternhaus, James und Laura auf dem Motorrad, Laura im Wald. Nun wissen wir, warum sie sich damals erschreckt hat: sie sieht Cooper hinter einem Baum. Später erkennt sie ihn aus einem Traum – dazu erklingt „Laura Palmer’s Theme“ (https://www.youtube.com/watch?v=khMlcTE7lw8), das schon immer eine Süße mit dunkler Bedrohung verbindet –, greift seine Hand und die in Plastik eingepackte Leiche verschwindet, die Pete Martell am Anfang der ersten Staffel findet. Es folgen weitere Bilder von diesem Anfang, dann ein Schnitt in das Haus der Palmers. Sarah Palmer schlägt mit einer Flasche auf ein Foto von Laura ein. Dann ein kurzes elektrisches Kratzen auf der Tonspur, Cooper dreht sich um, Laura ist verschwunden, es erklingt ihr markterschütternder Schrei. Dann ist Stille. Und zu den Bildern des Waldes erklingt Julee Cruises „The World Spins“, das auch zu hören war, kurz bevor in der zweiten Staffel der Mörder von Laura enthüllt wurde.

Agent Dale B. Coopers großer Fehler

Und hier setzt sie allmählich ein, die traurige Erkenntnis, dass Agent Dale B. Cooper wahrscheinlich einen Fehler gemacht hat. Eigentlich ist er derjenige, der stets wusste, wie er mit den Hinweisen, den Träumen, den schrecklichen Dingen umgehen musste. Er war derjenige mit dem guten Herzen, er war – wie Agent Albert Rosenfield einmal sagte – „the only one of us with the coordinates for this destination“. Am Ende der zweiten Staffel blieb er bei dem Versuch, die Frau zu retten, in die er zu diesem Zeitpunkt verliebt war, im Red Room stecken. Zwar schaffte es Heather hinaus, aber statt dem guten Cooper kam sein böser Doppelgänger, besessen von BOB, zurück nach Twin Peaks. In der dritten Staffel gab es den bösen Mr. C und eine tulpa, von Mr. C geschaffen, damit sie an seiner Stelle in die Black Lodge zurückkehren kann, wenn seine Zeit abgelaufen ist. Diese tulpa ist Dougie Jones, ein Versicherungsvertreter in Las Vegas, der zu der Hülle des zurückgekehrten guten Cooper wird. Die vollumfängliche Rückkehr von Agent Cooper dauert bis Folge 16 – und bis zu dem Moment, in dem die Großaufnahme seines Gesichts über den Bildern blieb, konnte man hoffen, der aufrechte FBI-Agent sei wieder da, der seine Fälle löst, indem er träumt und Steine wirft. Aber schon, dass er nicht er Mr. C tötete, sondern zwei Nebenfiguren, ließ erahnen, dass es längst um viel mehr geht.

Cooper will nicht wieder zurückkehren und sein altes Leben führen, nein, er will die gesamte Welt retten, indem er Laura Palmer rettet. Aber es wurde oft genug gefragt, ob es Zukunft oder Vergangenheit sei, Zeit ist slippery in Twin Peaks. Daher geht Cooper zurück in der Zeit, aber er verliert Laura. Er verhindert ihre Ermordung, aber sie verschwindet – womöglich hat er sich im Ort geirrt, womöglich lässt sich Judy nicht so einfach austricksen.

Cooper ist härter geworden

Dennoch gibt Cooper nicht auf, begleitet von Diane macht er weiteren Versuch. Er landet an einem anderen Ort, trägt einen anderen Namen. Auch seine Mimik ist verändert (Kyle MacLachlan sollte alle Schauspielpreise dieser Fernseh-Award-Season bekommen). Als er dann ein Diner in Odessa betritt, wird offenbar, dass auch der gute Agent Cooper nicht mehr ist, wer er war. Denn mit der Rückkehr von Mr. C in die Black Lodge hat Cooper auch seine böse Seite zurück, einen Anteil, den jeder Mensch hat. Nur konnte sie sich bei ihm 25 Jahre lang ausleben – und ist nun weitaus größer als zuvor. Deshalb ist er härter geworden und verfolgt unbeirrt sein Ziel, Laura Palmer zu retten. Er findet die Kellnerin Carrie Page, die genauso aussieht wie Laura Palmer, und will sie nach Twin Peaks bringen. Aber in dem Haus von Lauras Eltern leben nun andere Menschen, es öffnet die Besitzerin Alice Tremond (gespielt von Mary Reber, der das Haus tatsächlich gehört), die es von Mrs. Chalfont gekauft hat. Beides sind bekannte Namen, gehören sie doch zu den Frauen, die immer wieder am Rand der Ereignisse um BOB auftauchten. Vielleicht also ist dieses Haus auch einer der Orte, die von den Bewohnern der Black Lodge benutzt werden. Aber erst als Cooper und Carrie/Laura auf der Straße stehen, scheint sich Carrie zu erinnern, sie hört Lauras Mutter ihren Namen rufen und stößt einen Schrei aus – wie einst Laura geschrien hat.

Alte Tugenden, zur Hybris geworden

Deshalb bleibt am Ende die Erkenntnis, dass Cooper Laura nicht gerettet hat. Er hat ihre Ermordung verhindert, aber es sind seine alten Tugenden, die nun zur Hybris geworden sind, so dass er in seinem Bestreben, alles Böse zu beseitigen, übersehen hat, dass der Mord an Laura Palmer nur der Endpunkt eines Lebens voller Gewalt und Missbrauch war. Das war von der ersten Folge an ein wichtiger Aspekt von „Twin Peaks“. Diese Serie ist voller Frauen, denen von Männern schreckliche Dinge angetan werden. Aber genauso wenig wie Diane das Trauma der Vergewaltigung durch Mr. C abschütteln kann, den sie damals für Cooper hielt, lässt sich ein Leben voller Traumatisierung beseitigen, indem man dessen Schlusspunkt verhindert. Bei Lauras Beerdigung sagt Bobby, dass alle schuld sind an Lauras Tod und damit macht er einen wichtigen Punkt: Jeder wusste, dass Laura Probleme hat. Aber niemand wollte hinsehen. Ihre Traumatisierung jedoch kann Cooper nicht verhindern, er kann sie nicht beseitigen. Und deshalb scheitert Cooper am Ende der dritten Staffel abermals bei dem Versuch, sie zu retten – und findet sich im Red Room wieder.

Tatsächlich eine Weiterführung – in jeder Hinsicht

 

War also alles nur ein Traum? Das Ende lässt viele Fragen offen, womöglich steckt Cooper noch immer im Red Room fest und niemals zurückgekehrt. Aber immerhin steht fest, dass diese Rückkehr von „Twin Peaks“ ein voller Erfolg war. David Lynch und Mark Frost haben die Serie tatsächlich weitergeführt – sowohl narrativ als auch ästhetisch und in der Rezeption. Längst ist Twin Peaks nicht mehr nur der Haupthandlungsort, sondern etwas Größeres, das auf die fundamentalen Prinzipien des Lebens verweist. Deshalb gibt es hier keine Hauptfiguren, keine Helden mehr, alles ist zersplittert, manches hängt zusammen, aber je weiter die Handlung voranschreitet, je mehr wir erfahren, desto schmerzhafter werden einem die Teile bewusst, die man nicht zusammensetzen kann. Hier finden Lynch und Frost die perfekte Balance, die sich in vielen anderen Aspekten der Serie zeigt: Es gibt ein Wiedersehen mit vielen bekannten Figuren, aber kaum jemand ist so geblieben wie er vor 25 Jahren war. Nur wenige haben ein Happy End bekommen – wie es auch im Leben nur wenige haben. Manche Figuren fehlen oder hinterlassen Fragen. Vielen ist etwas geschehen – Audrey, Cooper und Diane sind hier an erster Stelle zu nennen – was sich nicht erklären lässt. Und damit haben Frost und Lynch auch dem Mythos Twin Peaks etwas entgegengesetzt, indem sie ihn gleichzeitig befeuern. Es ist kein Zufall, dass the Arm in dieser Folge die Frage wiederholt, die Audrey vor einigen Folgen gestellt hat: „Is it the story of a little girl who lived down the lane?“. Denn für Lynch war es immer mehr als das.

Sonja Hartl

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