Geschrieben am 1. April 2022 von für Crimemag, CrimeMag April 2022

Alf Mayer: WEBs Vietnam-Film „Amerasia“

Es gibt Filme, die bei einem bleiben, obwohl es schon sehr lange her ist, dass man sie gesehen hat. „Amerasia“ von Wolf-Eckart Bühler ist solch ein Fall. Ich sah ihn 1985, beim Münchner Filmfest, und dann wieder jetzt erst vor wenigen Tagen – dank der gerade eben als DVD erschienenen digitalen Restaurierung des Filmmuseums München. Fast schockierend, wie sehr mir der wie unter Schock stehende Hauptdarsteller John Anderson im Gedächtnis war. Und wie diese eine Episode aus dem Waisenhaus mich nie verlassen hat. Davon weiter unten.

„Amerasia“ ist einer der insgesamt nur drei Filme, die der Filmkritiker und Filmemacher Wolf-Eckart Bühler hinterlassen hat. (Zu seinen beiden Filmen über den Schauspieler Sterling Hayden siehe hier.) Bühler, ein begnadeter Schreiber und Essayist, suchte nicht nach Stoffen, um daraus Filme machen zu können. Es war immer umgekehrt. „Erst ist ein Stoff da, ein Sujet, das mich fasziniert, dann wird ein Film daraus“, beschreibt er den Prozess.

„Die Nachwirkungen des Krieges gegen Vietnam sichtbar machen“ (Felix Hofmann), das unternimmt der mit minimalstem Budget in Thailand gedrehte dokumentarische Spielfilm „Amerasia“ (1985). Bühler stellt darin zwei ganz unterschiedliche Arten von Opfern dieses Krieges einander gegenüber – die in Thailand gestrandeten amerikanischen Ex-GIs und die von US-Soldaten gezeugten, in Waisenheime abgeschobenen Kinder, die dem Krieg ihr Leben ebenso wie ihre Heimatlosigkeit verdanken.

Alle Darsteller in „Amerasia“ spielen sich selbst. Der Vater der thailändischen Hauptdarstellerin war ein amerikanischer Soldat, auch alle die anderen sind das, was sie wirklich sind: Barbesitzer, Farmer, Nichtstuer, Journalisten, Tänzerinnen und Huren, Thai-Boxer, Söldner … jeder und jede von ihnen, und alle auf je eigene Weise, ein Opfer des Vietnamkrieges. Heimlich-unheimliche Zeugen einer dort wie hier unerwünschten und unterdrückten Vergangenheit, fremd und unbehaust in einem Land, das ihnen niemals Heimat sein kann. 

Hauptdarsteller John Anderson war zwei Jahre Soldat in Vietnam gewesen, hatte in Haile Gerimas „Ashes and Embers“ (1982) einen Veteranen gespielt, der in den USA keine Heimat mehr findet. Mit und in „Amerasia“ holte ihn diese Vergangenheit direkt ein. Wolf-Eckart Bühler dazu: „Es war für ihn wie ein Schock, er war zurückversetzt in die Zeit des Krieges. Er schlief nur noch angezogen, in Stiefeln, genau wie damals, immer bereit zum Aufspringen beim leisesten Alarm. Tagsüber wartete er entweder stumm und apathisch auf Befehle – ein Schauspieler und Soldat, und beides zusammen -, oder er rebellierte vehement und mit monologischen Wortkaskaden, sah den Film zunehmend als ein linksradikales, kommunistisches Komplott, identifizierte sich immer mehr mit allem Amerikanischem vor Ort, wurde paranoider und abgestumpfter zugleich.“ 

Ein Schauspieler also, der immer weniger über sich verfügt und in dessen ratlosem Gesicht sich auch der Betrachter spiegelt. Das hat sich mir eintätowiert. Und ebenso unvergesslich für mich jener amerikanische Pater in einem Waisenhaus, ein Thai-Junge neben ihm. Er habe den Vater dieses Kindes in den USA ausfindig gemacht, erzählt der Waisenhausleiter, er habe ihn um wenigstens ein bißchen finanzielle Unterstützung für sein Kind gebeten. Der aber, mittlerweile ein wiedergeborener Christ, habe mit seinen eigenen Hurereien im Vietnamkrieg nichts mehr zu tun, sei nicht zuständig für das Sündenkind. Jedes Jahr, so der Pater, erhält dieser Typ deshalb zu Weihnachten eine Postkarte. Nichts darauf, nur der Abdruck einer Kinderhand. Und die wird jedes Jahr größer.

Wolf-Eckart Bühler, der am 16. Juni 2020 gestorben ist, war ein Linker. Sein Interesse galt den unterdrückten linken Traditionen in Hollywood, der Kommunistenverfolgung durch HUAC und Schwarze Liste, seine Liebe dem Western und dem Polizeifilm. Legendär sein Filmkritik-Heft vom Januar 1972 zu John Ford’s Stock Company mit all dem Personal der Ford-Filme, von Ben Johnson bis Hank Worden, John Wayne auch dabei. Bemerkenswert auch seine Filmkritik-Hefte zu Leo T. Hurwitz, Irving Lerner oder Abraham Polonsky.

In „Amerasia“ reflektiert Bühler den Vietnamkrieg dort, wo er komplexe Spuren hinterließ: auf dem ehemaligen US-Flugzeugträger Thailand. Dort, wo Babykiller Babys machten, die niemand haben will. Ebenfalls immer noch sehenswert und ebenfalls auf der nun erschienenen DVD enthalten: die Fernseharbeit „Viet Nam! Über den Umgang mit einer leidvollen Vergangenheit“ (1994, 44’ Min).

Terry Allen

Die Musik von „Amerasia“ stammt von Terry Allen, einem der größten Einzelgänger der Countrymusik. Bühler wollte ihn unbedingt dafür haben; die beiden verband dann eine lebenslange Freundschaft. Das Label Paradise of Bachelors, diesen Hinweis verdanke ich Hanspeter Eggenberger, legt jetzt gerade zwei musikalische Frühwerke von Terry Allen in wunderschön gestalteten Neuauflagen auf: Smokin the Dummy and Bloodlines.

Asien und vor allem Vietnam haben Bühler und seine Lebensgefährtin Hella Kothmann danach immer wieder bereist. Sie verfassten den weltweit ersten und bis heute informiertesten Reiseführer Vietnam, dies lange vor den Recherche-Möglichkeiten des Internets. Inzwischen liegt die 13., vollständig aktualisierte Neuauflage vor. 

Hartnäckigen Gerüchten zufolge, die er amüsiert nie deutlich dementierte, war Bühler lange Jahre in Saigon Miteigentürmer einer Bar namens „Apocalypse Now“. Heute darf man sagen, dass das gut erfunden war, aber ebenso hängen blieb wie vieles aus seinem Werk. Eine widerspenstige – Alexander Kluge würde sagen: robuste – Qualität seiner Arbeit.

Dieser Arbeit – und es war eine, ehrenwert bis in die letzte Pore – zu begegnen lohnt sich heute noch.

Die neue DVD des Münchner Filmmuseums versammelt davon eine geballte Ladung. DVD 1 enthält den Film „Amerasia“ (1985, 97 Min) und die Fernseharbeit „Viet Nam! Über den Umgang mit einer leidvollen Vergangenheit“ (1994, 44’ Min), DVD 2 die für Werner Dütsch beim WDR entstandenen Arbeiten „Leo T. Hurwitz: Filme für ein anderes Amerika“ (1980, 44 Min), „Über Irving Lerner“ (1981, 11 Min) und“Innere Sicherheit: Abraham Polonsky“ (1981, 44’ Min) sowie die Rundfunkarbeiten „Rot weht der Wind“ (1974, 55’ Min) über Filmkritik und die Zeitschrift „Filmkritik“, „Reisen am Rande der Nacht: Sterling Hayden“ (1980, 49 Min) und „Ein Anderer werden: Abraham Polonsky (1982, 55’ Min).

Alf Mayer

Siehe auch mein Porträt: Die Sterling-Hayden-Filme von Wolf-Eckart Bühler, bei uns Dezember 2017

Mein Text zur Hayden-Retrospektive im Filmmuseum München: Hommage à Sterling Hayden: Ein Mann im Kampf mit sich selbst, Mai 2017

Ein Nachruf auf Sterling Hayden von Wolf-Eckart Bühler: Vale, Wanderer, November 2018 in unserem Special Verlust Uno

Die Hayden-Filme auf DVD in der edition filmmuseumLeuchtturm des Chaos (Pharos of Chaos) & Der Havarist. Edition Filmmuseum 113, Doppel-DVD, Laufzeit: 255 Min., Booklet: 16 Seiten. Preis: 29,95 Euro. Inhalt: Leuchtturm des Chaos (1983) / Vor Anker, Land unter. Ein Film mit Sterling Hayden (1982) / Der Havarist (1984) / Alternativer Filmanfang Der Havarist (1984). Herausgeber: Filmmuseum München, DVD-Authoring: Tobias Dressel, Gunther Bittmann, DVD-Supervision: Stefan Drössler.

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