Geschrieben am 1. Mai 2019 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2019, News

Alf Mayer: Interview mit Nico Walker

Nico Walker © privat

„Ich bin kein Kriegsheld“

Ein per E-Mail geführtes Interview mit dem in Kentucky im Gefängnis sitzenden Autor von „Cherry“

Weil er anderen helfen wollte, meldete er sich als Sanitäter für den Irak-Krieg, war in elf Monaten bei etwa 250 Kampfeinsätzen dabei, kam traumatisiert zurück, konnte nicht schlafen und war depressiv, wurde rauschgiftsüchtig, überfiel in vier Monaten zehn Banken – Gesamtbeute: knapp 40.000 Dollar -, wurde zu elf Jahren Gefängnis verurteilt, schrieb mit Hilfe von Außen einen Roman, der jetzt für den PEN/Hemingway Award nominiert war.

Alf Mayer: Mir wurde gesagt, Sie sprechen etwas Deutsch? Welche Leseerfahrung haben Sie mit deutscher Literatur?

Nico Walker: (Beantwortet diese eine Frage tatsächlich auf Deutsch, Holprigkeiten wurden redigiert, im Weiteren führen wir das Interview auf Englisch.) Ich hab einige der Deutschspracheklassiker gelesen – ein bisschen Heine, Goethe, Hesse usw., Kafka, aber nicht sehr viel. Vor Kurzem hab ich „Hool“ (von Philipp Winkler) und „Sonne und Beton“ (von Felix Lobrecht) gelesen. Beide sind großartig, denke ich. „Hool“ sagt viel Wahres, denke ich, über Freundschaft und die Ideale der Jugend – und die Sache mit dem Tiger ist einfach toll! „Sonne und Beton“ hat etwas Wahres – wie es sich mit der Straftat verhält und der Gewalt. Für mich wirkt es echt, wie Lobrecht die Sachen versteht, über die er redet. „Ich Hab die Unschuld Kotzen Sehen“ (von Dirk Bernemann) ist ein anderes Buch, das ich vor Kurzen gelesen habe. Ein hartes Buch, aber nicht übertrieben, denke ich. Echter Kummer und echte Wahrheit sind darin. 
Aber vielleicht ist mein Lieblingsbuch auf Deutsch „So was von da„. Ich liebe die Energie dieses Buches. Es ist sehr cool, macht viel Spaß und ist nicht seicht. (Und er ergänzt: Sorry if my German sucks, I haven’t been using it much as of late. – Wir führen das Interview per E-Mail, die im US-Gefängnissystem snailmail heißt.) 

Sie haben Latein gelernt? Was lesen Sie da und was sind die Freuden dieser Sprache?

Mit Latein habe ich mich in den ersten beiden Jahren meiner Haft beschäftigt. Das war im Untersuchungsgefängnis, nicht im Zuchthaus. Es war eine Weile her, seit ich es gelernt hatte, aber viel von dem, was ich von Wesen meiner eigenen Sprache, also vom Englischen verstehe und weiß, hat damit zu tun, was ich beim Lateinlernen erfuhr. Als Autor habe ich sehr viel davon profitiert. In der Schule hatte ich mir das Latein wieder abgewöhnt, weil ich den Fehler machte, Sachen wie Boethius oder den Heiligen Augustinus zu lesen. Seine Bekenntnisse sind absolut furchtbar, nie wieder war ich von einem Buch so enttäuscht. Er hätte all dieses Zeug einfach für sich behalten sollen. Wenn Sie gutes Latein lesen wollen, lesen Sie Cäsar – er ist sehr verständlich und er langweilt dich nicht. Ich muss mich wieder mit Latein beschäftigen, merke ich, aber ich war unglaublich beschäftigt seit „Cherry“ herausgekommen ist.

Welche Art Musik ist Ihr Ding? Spielen Sie ein Instrument?

Ich mag alles außer Contemporary Country, solange es gut ist. Ich mag Bach, ich mag die Rolling Stones, ich mag Bright Eyes, ich mag  NWA, ich mag Hank Williams Sr., ich mag Robert Johnson, ich mag Chopin, ich mag Louis Armstrong. Zur Zeit höre ich oft „My Bloody Valentine“. Ich habe immer mal wieder mit meiner Gitarre geklimpert und ein wenig getrommelt. Ich war ein halbwegs guter Gitarrespieler, aber richtig gespielt habe ich schon lange nicht mehr.

Sind sie ein Kinoliebhaber? Schauen Sie Filme? Wenn ja, gibt es Beispiele für welche, die hängengeblieben sind?

Früher das Kino seiner Wahl in Cleveland – Foto: Wiki Commons

Als ich klein war liebte ich es, in das Cedar-Lee Theatre in Cleveland Heights zu gehen. Aber ich war schon lange nicht mehr in einem Kino. Mein Lieblingsfilm wäre „Fear and Loathing in Las Vegas“ oder „The Big Lebowski“.  Als ich jünger war, haben mir „The Usual Suspects“ viel bedeutet, diesen Film mag ich sehr. „Full Metal Jacket“ ist der aufschlussreichste und einfühlsamste Kriegsfilm den ich je gesehen habe. 

Haben Sie Robert Redfords „The Old Man & the Gun“ über die Bankräuberlegende Forrest Tucker gesehen? Oder sind Sie mehr der Typ für Ben Forster in David Mackenzies „Hell and High Water“?

Beide kenne ich leider nicht.

Federal Correctional Institution (FCI) – Ashland, Kentucky

Sie sind zu elf Jahren Gefängnis verurteilt, sitzen immer noch in der Federal Correctional Institution in Ashland? Wann kommen Sie raus?

Im Jahr 2020. Aber ich weiß nicht genau, wann.

Was gehört zu den ersten Dingen, die Sie dann tun werden?

Etwas essen, was gut schmeckt. Zigaretten rauchen, die nicht selbstgedreht sind. Zum Arzt gehen. Neben einer schönen Frau aufwachen.

Ihr Buch ist gerade in Deutschland erschienen – und in welchen Ländern noch?

USA, Kanada, Großbritannien und das Commonwealth, Japan, Korea, Polen, die Tschechei, Ungarn, Italien, die Niederlande, Spanien, Portugal, Brasilien, Frankreich … fühlt sich an, als würde ich welche vergessen. Es sind viele Länder.

„Cherry“ wird klassifiziert als „autobiografischer Roman“. Wie würden Sie es selbst nennen?

Es ist eine Liebesgeschichte.

Was bedeutet Cherry? Warum dieser Titel?

Cherry meint eine Erfahrung. Den Punkt zwischen Wissen und Nichtwissen. Die Zeit in deinem Leben, wenn du an einer Schwelle stehst. (Im Englischen gibt es den Ausdruck „losing your cherry“, was bedeutet, seine Unschuld zu verlieren, entjungert oder gar vergewaltigt zu werden – d. Red.)

Es gibt die Geschichte, dass Sie nie daran dachten, ein Buch zu schreiben. Dass Matthew Johnson von Tyrant Books auf der Suche nach einem aufregenden Stoff eines Tages „Irak-Veteran“ und „Bankräuber“ bei Google eingab und dann auf den BuzzFeed-Artikel von Scott Johnson stieß, der die Überschrift trug: „How A War Hero Became A Serial Bank Robber“. Und dann ging es wohl weiter, wie Sie es im Nachwort von „Cherry“ beschreiben. – Wie fühlt sich das alles heute an?

Es war nicht so, dass ich nicht an ein Buch gedacht hätte. Aber über den Irak-Krieg zu schreiben, über Heroin und die Bankräuberei, das wollte ich nicht unbedingt. Ich wollte kein autobiografisches Buch, selbst wenn es Fiktion wäre. Ich schrieb damals viele Gedichte, die hatten nicht viel mit Realität zu tun, so etwas war damals mein Ding. Aber das war alles nicht tragfähig, ging nicht weiter. Und da war dann dieser Kerl Matthew Johnson, der mir die Chance gab, vorwärtszukommen – die wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ich beschloss, eben das Buch zu schreiben, nach dem er mich fragte. Es einfach zu riskieren, egal, ob ich damit scheitern würde – das stand für mich fest, wie das Amen in der Kirche. Heute fühlt es sich alles okay an. Aber es hat mich einen Preis gekostet, so weit zu kommen. Immer noch gibt es Sachen, von denen ich mich reinwaschen muss, mit denen ich mich nicht unbedingt befassen kann und will. Aber das gehört einfach dazu, denke ich. Und manches von dieser Reibung hat mir gut getan.

Jetzt diesen Sommer 2019 soll ihr Buch von Joe and Anthony Russo verfilmt werden, den Regisseuren von „Captain America: Civil War”, „Captain America: Winter War“ und „Avengers: Infinity War”, die gerade mit „Avengers: Endgame“ schon wieder einen weltweiten Kinorekord hinlegen. Sie sind Blockbuster-Regisseure. Die Hauptrolle soll Spiderman Tom Holland übernehmen. Wie finden Sie das?

Ich hoffe, dass alles gut geht. Wir werden sehen.

Oxycontin, Vorder- und Rückseite

Ihr Buch wird als der erste große Roman der Opioid-Krise gehandelt. Sie haben mit Oxycontin angefangen, um schlafen zu können. Ihre posttraumatische Störung blieb unbehandelt, und sie mussten sich selbst medikamentieren. Was hat es mit PTSD und der Opioid-Krise auf sich?

Ich habe mit Oxycontin angefangen, um mich nicht umzubringen. Es hat mich glücklich gemacht, hat sich gut angefühlt. Ich wünschte, ich hätte nicht angefangen, es mir zu injizieren. Der Grund war nur, dass eine Injektion eben half, die Wirkung zu verlängern, weil das Medikament teuer war. Trotzdem gebe ich dem Medikament keine Schuld. Es half mir, es machte mich ruhig und zufrieden. Wenn ich es im Laden zu einem vernünftigen Preis hätte kaufen können, wäre das in vieler Hinsicht einfacher gewesen. Es hätte alles im Lot sein können. Ich hätte im Lot sein können. Aber unglücklicherweise leben wir in einer Welt, in der die Hälfte der Leute absolut darauf aus sind, die andere Hälfte über den Löffel zu balbieren. Es könnte so schön sein, wenn sich nur jeder um sich selbst kümmern würde, aber so ist es eben nicht.

Opioide – Bild: Wiki Commons

Die Verbindung zwischen PTSD und den Opioiden ist in etwa so: Als ich aus einer Kampfeinheit im Irak zurückkam war ich auf eine Weise aufgedreht, wie es im Zivilleben absolut keinen Platz hat. Ich war aggressiv und ruhelos. Ich war wie schlechte Nachrichten. Außerdem war ich depressiv wie die Hölle, mit all dem Tod und so. Das Medikament half dagegen. Heroin half dagegen. Ich bereue nicht, Medikamente oder Heroin genommen zu haben. Ich bereue, dass ich es mir gespritzt habe. Injizieren ist nicht gut, es ist eine Sackgasse. Wenn es nicht „illegal“ gewesen wäre, aus welchem abstrakten, beschissenen Grund auch immer, wäre alles gut gewesen. Sehen Sie sich Amerika und 60.000 Opioid-Tote jedes Jahr an – das alles ist ein direktes Ergebnis von Regierungsverordnungen. Die FDA (die U. S. Food and Drug Administration ist die Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde der Vereinigten Staaten, d. Red.) zwingt Pharmafirmen, Medikamente zu produzieren, die man sich nicht injizieren kann, was die User dazu bringt, sich auf der Straße Drogen zu kaufen. Anstatt Medikamente zu nehmen, die in cleanen Fabriken und unter Aufsicht von Chemikern hergestellt werden, holen Opioid-Patienten sich jetzt ihr Dope von Idioten, die keinen Schulabschluss haben und Beruhigungsmittel für Elefanten als Heroin an nichtsahnende Kunden verkaufen, weil Beruhigungsmitte 200 Dollar die Unze kosten, Heroin aber 1000. Aber wen juckts schon, wenn die Junkies sterben?

Walker, 2005 in der Grundausbildung als Sanitäter

Sie haben sieben Orden und Belobigungen für Tapferkeit. Sie haben in den elf Monaten, die Sie im Irak-Krieg waren, an rund 250 Kampfeinsätzen teilgenommen – ist das nicht alles eine ganze Menge?

Ich habe sieben Belobigungen, aber nicht für Tapferkeit. Die prestigeträchtigste Auszeichnung, die ich habe, ist eine CMB (combat medic badge) – „für enge Feindberührung im Nahkampf“. Es ist eine lange Geschichte. Die Kurzversion: Wir haben jemanden getötet. Dafür habe ich die CMB bekommen. Du bringst jemanden um, und du erhältst einen Knopf, den du dir ans Hemd stecken kannst. Dann fragen sich die Leute, ob die Regierung spinnt.

Selbstverständlich war mir die Ironie klar, eine Sanitäter-Auszeichnung dafür zu bekommen, jemanden getötet zu haben. Was die Zahl der Einsätze angeht, das war tatsächlich ungewöhnlich. Ich habe registriert, dass ich erschöpft war, habe aber damals nicht viel darüber nachgedacht.

Hatten Sie Gelegenheit, mit Ihrem Großvater, der ein Infanterist war, über den Krieg zu reden?

Ich haben keinen Großvater gehabt, der im Zweiten Weltkrieg bei der Infanterie war. Das ist eine der gut tausend Ungenauigkeiten in dem BuzzFeed-Artikel. Ein paar andere Sachen: Ich bin kein Kriegsheld. Ich habe nie meine Waffe auf eine schwangere Frau gerichtet. Die Jim-Rome-Show gibt es nicht am Wochenende. Ich war auf drei öffentlichen Schulen. Ich habe nie in einer Badewanne geweint. Und ja, ich hatte einen Großvater, der am Zweiten Weltkrieg teilnahm. Er war in der Wehrmacht. Starb in Russland.

Sie werden zitiert mit: „Ein Bankraub hat viel mit Krieg zu tun.“ Haben Sie ein paar Antworten auf das gefunden, was auch der Vietnam-Veteran Karl Marlantes sich fragt: „Was es heißt, in den Krieg zu ziehen“ („What it is Like to Go to War“).

Nein, da weiß ich nichts.


Heroen der „Ilias“ nach Tischbein – Nikolaj Ivanonic Utkin (1786 – 1863)

Sie haben die „Ilias“ im Gefängnis gelesen. Wie relevant ist Homer heute?

Die „Ilias“ ist sehr relevant. Es ist eine der lebendigsten und kraftvollsten Anklagen gegen den Krieg. Sie macht die menschlichen Leiden einer Schlacht mit großer Sorgfalt und Einfühlung klar. Ich denke, die „Ilias“ gehört zu den Werken, von denen jeder sagt, dass er sie gelesen habe, aber nur wenige haben es wirklich getan, deswegen wird so viel fehlinterpretiert. Ich empfehle sie jedem, so lange es ein gute Übersetzung ist.

Übersetzung von Kurt Steinmann, Nachwort von Jan Philipp Reemtsma

Kennen Sie Norman Mailers „Die Nackten und die Toten“?  

Nein, nie gelesen. Ich bin kein großer Mailer-Fan.

Haben Sie eine Schwäche für Kriminalromane? Nennen Sie gerne Namen.

Mir gefällt, was der verstorbene Philip Kerr geschrieben hat. Ich mag Bernie Gunther, er ist eine gute Figur.

Sie erinnern sich noch an „Cockfighter“ („Hahnenkampf“) von Charles Willeford? Warum?

Charles Willeford gelingt diese Erzählstimme so gut. Frank Mansfield, der sich zu schweigen geschworen hat, ist einer der authentischsten Charaktere, die mir je in einem Buch begegnet sind. Von Kopf bis Fuß ist hier alles da, alles passt zusammen, nichts ist überflüssig. Dieses Buch ist ein Meisterwerk.

Wie ist es, im gleichen Haus wie Dashiell Hammett und Raymond Chandler, bei Alfred A. Knopf, veröffentlicht zu werden?

Es ist eine Ehre, absolut. Sie beide repräsentieren mit die besten Seiten der amerikanischen Literatur. James Lee Burke ist noch jemand, vor dem ich sehr viel Respekt habe.

Was werden wir in der Zukunft von Nico Walker lesen?

Viel, hoffe ich mal. Ich werde nichts raushauen, wenn es nicht gut ist. Die Zeit wird es weisen. Ich arbeite an ganz verschiedenen Sachen – Gedichte, Kurzgeschichten, Drehbücher, Romane. Hoffentlich gibt mir jemand eine Chance, etwas davon zu veröffentlichen. Ich werde dankbar sein, wenn das passiert.

  • Nico Walker: Cherry (2018). Aus dem Amerikanischen von Daniel Müller. Wilhelm Heyne Verlag, München 2019. Hardcover, 380 Seiten, 22 Euro. – Siehe auch die Rezension von Johannes Groschupf in dieser CrimeMag-Ausgabe nebenan.

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