Die unerträgliche Belanglosigkeit des Seins Der archaische Kampf auf Leben und Tod und das Dahintreiben in postmodernen Belanglosigkeiten – dies sind die beiden Pole, zwischen denen Colson Whitehead in seinem zweiten, enzyklopädisch ausgreifenden Roman hin und her pendelt und dabei einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt. Der 1969 in New York geborene Afro-Amerikaner erzählt in„ John Henry Days“ zum einen die Legende von John Henry, der als „Bohrhauer“ im Westen Virginias einen Tunnel durch das Big Bend trieb und durch seinen heroischen Wettkampf mit einer Dampfbohrmaschine der ersten Generation berühmt wurde. DiesenRead More
Um der Wahrheit willen Mariane Pearl, die Frau eines in Pakistan entführten und hingerichteten amerikanischen Journalisten, erinnert sich in bewegender Weise an dessen Leben und letzte Wochen. Man hat sich an diese Nachricht fast schon gewöhnt. Irgendwo unter vermischte Weltnachrichten wird über einen verschleppten, bedrohten, getöteten Journalisten berichtet. Man reagiert zynisch („Berufsrisiko“) oder flüchtig und teilnahmslos. Gäbe es nicht Organisationen wie vor allem die Reporter ohne Grenzen, dann wären diese Ereignisse schnell vergessen. Die Statistik aber ist erschreckend. Allein im Jahre 2003 sind über 40 Journalisten im Rahmen ihrer beruflichenRead More
Zwischen Ehrenkodex und Intrigen Endlich liegt mit „Manche tun es nicht“ ein Hauptwerk von Ford Madox Ford in deutscher Übersetzung vor und versetzt die Leser auf erstaunlich avancierte Weise in die englische Gesellschaft zu Anfang des letzten Jahrhunderts. Ford Madox Ford ist einer der wichtigsten Vertreter der englischen Moderne und steht in einer Reihe mit Autoren wie James Joyce, T.S. Elliot, Virginia Woolf oder Joseph Conrad. Rund 30 Romane und unzählige Aufsätze und Rezensionen hat der 1873 in London geborene und 1939 in großer Armut verstorbene Schriftsteller verfasst. Als HerausgeberRead More
Ohne Nachhall Für einen neuen Fänger im Roggen reicht es bei dem in die Jahre gekommenen Dirk Wittenborn nicht. Sein flott geschriebener Roman über das Erwachsenwerden bleibt ohne Nachhall. Wir schreiben das Jahr 1978 und der fünfzehnjährige Finn wohnt zusammen mit seiner Mutter in einem heruntergekommenen New Yorker Loft zwischen Lafayette und der Bowery. Während der anderweitig verheiratete Vater von Dirk Wittenborns Ich-Erzähler als berühmter Ethnologe die Yanomani im Amazonas-Regenwald erforscht, verdient seine Mutter Elizabeth ihre Brötchen als Masseurin und lebt ansonsten noch mitten in der Flower-Power-Zeit: „Mit den DrogenRead More
Anwalt der Underdogs Schon in seiner grandiosen Marseille-Trilogie rund um den melancholischen Polizisten Fabio Montale hat Jean-Claude Izzo den Zugewanderten, Ausgestoßenen und Gescheiterten der französischen Gesellschaft ein besonderes Augenmerk geschenkt. In „Die Sonne der Sterbenden“ beleuchtet er nun in halb-dokumentarischer Weise das Leben auf der Straße und rückt das immer noch romantisierende Bild vom weinseligen Clochard zurecht. Gleich im Prolog erleben wir das würdelose Sterben von Titi, der den „Winter in sich trägt“ und Tag für Tag immer mehr den Boden unter den Füßen verliert. Das Leben zwischen Pariser Metrostationen,Read More

Posted On März 14, 2004 By In Bücher, Crimemag

Martin Suter: Lila, lila

Spiel mit doppeltem Boden Schon vom ersten Satz an summt Martin Suters traumhaft sicherer und kristallklarer Ton betörend in den Ohren und zieht den Leser in einen weiteren atmosphärisch dichten Psychothriller des Schweizer Erfolgsautoren hinein. Martin Suters Protagonist ist dieses Mal ein 23-jähriger Kellner namens David Kern. Er arbeitet in einer von trendy (Pseudo-) Schriftstellern, Art Directors, Architekten und Künstlern bevölkerten Retro-Lounge-Bar und lebt recht antriebslos in eine unbestimmte Zukunft hinein – bis er bei einem Trödler ein altes Nachttischchen kauft, das sein Leben radikal verändert. In der verklemmten SchubladeRead More
Witziger Egotrip Dass der Bochumer Kabarettist und Autor Frank Goosen nach gerade einmal zwei Romanen im vergangenen Jahr mit dem Literaturpreis Ruhrgebiet geehrt wurde, hat auch ihn selbst überrascht. Schließlich sieht er sein literarisches Schaffen mit Stolz als „Unterhaltungsliteratur“ – und dies erfüllt er auch in seinem neuen Buch im besten Sinne. Doch Goosens literarische Karriere scheint voll von Überraschungen zu sein. So war zwar nach dem Ende des überaus erfolgreichen Vortragsduos „Tresenlesen“ zu erwarten, dass ein eingeschworener Fankreis das geschriebene Wort Goosens begierig aufnehmen würde, doch dass Liegen lernenRead More
Dr. Mabuse lebt Verschwörungstheorien und Terrorszenarios haben seit den Anschlägen vom 11. September Hochkonjunktur und finden zunehmend auch in der Literatur Widerhall. David Zeman liefert in seinem Debüt „Das Pinocchio-Syndrom“ dafür ein hochbrisantes, wenn auch literarisch nicht gerade überzeugendes Beispiel. Schon der Prolog ist ein Paukenschlag: Ein Kreuzfahrtschiff voller hochbegabter amerikanischer Jugendlicher wird von einer Rakete mit Atomsprengkopf vernichtet. Kurze Zeit später bricht eine rätselhafte Krankheit aus, bei der die Betroffenen wie zu Stein erstarren und nach monatelanger Leidenszeit versterben. Der amerikanische Vizepräsident ist eines der ersten Opfer. Alles deutetRead More