Mehr als nur ein zeitgeschichtliches Dokument Dieses verzweifelte, wütende Buch hat nichts von seiner verstörenden Wucht verloren. Amerika Ende der 60er Jahre: J.F.K. und R.K. sind tot. Martin Luther King und Malcom X erschossen von durchgeknallten Psychopathen. Gewalttätige Rassenunruhen durchzogen das gesamte Land. Auch Chester Himes glaubte nicht mehr an staatliche Gerechtigkeit für die Schwarzen Amerikas, er propagierte eine organisierte und bewaffnete Revolution: „Vor allen Dingen muß eine Revolution, die Erfolg haben will, gewalttätig sein, sie muß unbedingt gewalttätig sein. Die Schwarzen sollen so viele Mitglieder der weißen Gemeinschaft töten,
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Geschliffener Erzählstil Ein sehr ambivalentes Lese-Erlebnis, bei dem man den lebendig gezeichneten Figuren zwar rasch nahe kommt, aber auch schon bald wieder enttäuscht wird – nicht zuletzt, weil zu wenig, eigentlich gar nichts, passiert. Und ohne Handlung bleibt nur das: Zwei leuchtende Charaktere in einem mittelmäßigen Roman. Kevin Cantys erster Erzählband hieß „A Stranger In This World“ und erschien in Deutschland als „Mondschein und Aspirin“. Cantys erster Roman heißt nach einem Tom Petty Song „Into The Great Wide Open“ und behält glücklicherweise diesen Titel. Wahrscheinlich hätte der Verlag ihn sonst
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Bewundernswert mutig Impressionistische, kompetente Reportagen einer tunesischen Journalistin von einer Reise durch den Irak. Ein Sachbuch über die aktuelle Situation im Irak zu empfehlen, ist gar nicht so einfach. Seit spätestens einem Jahr, seit der amerikanisch-britischen Invasion in dieses Land, sind die Medien randvoll mit Nachrichten, Kommentaren, Gesprächen, Hintergrundartikeln usw. Und es gibt auch bereits eine Unzahl von Buchveröffentlichungen zu diesem derzeit alles überragenden internationalen Thema. Und trotzdem sei auf den schmalen Band mit kleinen Reiseimpressionen und Reflexionen von Sehim Bensedrine ganz besonders hingewiesen. Einmal wegen der Autorin. Sie gehört
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Die schönste Nebensache der Welt Geschichten über große Verlierer und kleine Gewinner, traurige Sieger und glückliche Verlierer auf Rennbahnen, in Sportarenen und auf Bolzplätzen. Irgendwo bei Kafka findet man den bemerkenswerten Satz: „Nichts, wenn man es überlegt, kann dazu verlocken, in einem Wettrennen der erste sein zu wollen.“ Damit ist man schon mittendrin in den Erzählungen von Ugo Riccarelli. Alles dreht sich hier um den Sport, um seine Champions, seine Legenden, seine berühmten Gewinner und tragischen Verlierer – um die vor allem. Wer sich nicht für den Sport interessiert und
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Plädoyer für die Fünf-Minuten-Lektüre Von meiner U-Bahnstation bis zur Stadtmitte dauert die Zugfahrt etwa fünf Minuten. Rechne ich die Wartezeit auf dem Bahnsteig hinzu, werden es vielleicht einige Minuten mehr sein. Gelegentlich kommen Unpünktlichkeiten hinzu. Aber alles in allem habe ich keine Veranlassung, an der Schnelligkeit der städtischen Verkehrsbetriebe herumzumäkeln. Und zu Verspätungen im öffentlichen Verkehrswesen habe ich ohnehin ein anderes Verhältnis als die Mehrheit der Fahrgäste. Aber dazu später mehr. Da ich für das Auto stets besondere Sympathie nur empfunden habe, wenn ich von anderen gefahren werde, gehöre ich
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Kanak Attack – Rebellion der Minderheiten Feridun Zaimoglu kann mitreißend erzählen. Seine Texte sind von so vitaler Energie wie die „Kanak Spark“ seiner Figuren, jenes „babylonische Kauderwelsch einer unbedingt auffälligen, unbedingt angestoßenen Generation“. Alle kurzen Geschichten des Bandes sind schneller vorbei, als man will. Mehr davon! In ihrer Freizeit schreibt Merjem einen Roman. Ihre Brötchen verdient sie, indem sie feinen Herrschaften mit Sekt aufgefüllte Blutorangesüppchen oder Nocken von italienischer Fenchelwurst serviert. Ihre Freundin Nermin will Schauspielerin werden. Abend für Abend betört sie die Türsteher, sie auf vornehme Empfänge zu lassen,
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Bildgeschichten voller Wucht und ästhetischer Qualität José Muñoz (Bild) und Carlos Sampayo (Text), die beiden Argentinier aus Buenos Aires mit Wohnsitz in Italien resp. Spanien, gehören zu den grossen Konzept-Künstlern des Comics, die endgültig die Auseinanderdividierbarkeit von Bild und Text in dieser Kunst beendet haben. Von Thomas Wörtche Wir mussten allerdings sechs lange Jahre warten, bevor wir einen neuen Story-Zyklus um den Privatdetektiv Alack Sinner und seine synästhetischen Abenteuer auf deutsch lesen dürfen (der zweite Band, „Alack Sinner, Privatdetektiv“ war 1995 erschienen, tempus fugit). Auch hier, wie in allen Alben-Zusammenstellungen,
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Von Thomas Wörtche, 09.09.2002 Manchmal passiert es. Dann halten sie den Rand, die ganzen Quälgeister. Kein Telefon rasselt, kein Handy piept, kein Fax kräkelt, die e-mail bleibt im Cyber stecken. HighTech und Neonröhren verschwinden aus dem Bewusstsein. Draußen ist ein wunderbarer, stiller Septembertag. Klarer blauer Himmel, kein Lüftchen, ein paar Spinnweben im Apfelbaum. Im Hinterhaus klappern ein paar Teller und die Elstern hören auf, sich gröhlend rumzuprügeln. Ob`s daran liegt, dass ich mir – nach Monaten – mal wieder zwei Stunden für Domenico Scarlatti freigeschaufelt habe? Was ich mir eigentlich
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