Posted On März 10, 2005 By In Musikmag

Tommy Smith Sextet: Evolution

Wonnen kluger Sprödigkeit In dieser Produktion geht es um die Verwebung, um die Kommunikation der einzelnen, sehr individuellen Stimmen. Am Anfang ein paar erratische Phrasen von John Scofields Gitarre. Dann steigen John Pattitucci (Bass) und Bill Stewart (Drums) ein und bilden einen erst tastenden, dann stramm midtempo marschierenden Rhythmus, dann ein kurzes Thema, unisono von den beiden Tenoristen Smith und Joe Lovano vorgetragen, und dann erst einmal ein single note-Solo von Scofield, dann ein in diesem postbop-Milieu erstaunlich bluesiges Pianosolo von John Taylor – erstmal weiß man nicht so genau,Read More
Große Liebeserklärung an den Jazz Geschrieben mit Verve und Drive von jemandem, dem die Musik und ihre Protagonisten mehr am Herzen liegen als Spezialistentum, als akribische biographische Forschung. Man könnte das Buch zum Beispiel so besprechen: Was soll uns eine Portraitsammlung von 13 Jazzgrößen aus dem Jahr 1957 bringen, die biographisch und in ihrer Wertung dieser „Giganten“ nichts Neues bietet? Und sich obendrein eines putzigen Anekdotismus´ bedient, der manchmal daherkommt wie Genre-Bildchen von Norman Rockwell. Da hämmert der kleine Dizzy Gillespie mit seinen „kleinen Wurstfingern“ auf dem elterlichen Klavier herumRead More

Posted On Februar 28, 2005 By In Litmag

Lehrer – ein Nachruf

Lehrer – ein Nachruf Gibt es überhaupt noch Lehrer? Jeder flüchtige Blick auf die aktuelle Berufsstatistik in einem beliebigen Bundesland würde diese Frage als absurd und unverständlich erscheinen lassen. Natürlich gibt es noch abertausende von angestellten Lehrern und solchen, die nach dem Hochschulstudium auf eine Lehrerstelle oft vergebens warten. Zweifellos wird es Lehrer noch lange Zeit geben, auch wenn sich vermutlich ihr Berufsbild mit der Expansion von Internet und Cyberspace-Reality radikal ändern wird. Auf diese Entwicklung zu reagieren, ist die Aufgabe einer, in gängiger Reformersprache formuliert, „zukunftsorientierten Bildungspolitik“. PISA, Standortnachteile,Read More
Eine gute Schreibstube Von Carl-Wilhelm Macke Sie haben auf ihre Art alle einen guten Namen auf dem aktuellen Literaturmarkt: Martin Pollack, Erich Hackl, Richard Swartz, Claudio Magris, Ryszard Kapuscinski. Sie entstammen verschiedenen Generationen. Sie schreiben in verschiedenen Sprachen. Ihre Bücher sind unterschiedlichen Themen gewidmet. Wenig scheint sie zu verbinden. Doch es gibt eine Gemeinsamkeit, eine für andere, für die Leser und Kritiker nicht wahrnehmbare gemeinsame Wurzel. Sie freizulegen, bedarf es einen Umwegs, einer historischen Recherche im Archiv untergegangener Zeitschriften. Man muss beginnen mit der Erinnerung an einen heute, in DeutschlandRead More
Sound der Slawen Russland scheint Fremden düster und verschlossen. Doch tief im Innern des Vielvölkerstaates glüht es gewaltig. Davon zeugen wieder einmal die gesammelten Ohrwürmer von Wladimir Kaminer und Yuriy Gurzhy. Zu hören auf Russendisko Hits 2. Die Russendisko ist mittlerweile nicht nur in Deutschland zu einem Markenzeichen geworden. Sie erfreut sich auch bei Nachahmern im Ausland immer größerer Beliebtheit. Zum finanziellen Verdruss der Macher Wladimir Kaminer und Yuriy Gurzhy, wie sie im Booklet der neuen CD mit ironischem Augenzwinkern zu verstehen geben. Die Titelanmeldung beim Patentamt scheiterte letztlich anRead More
Faszinierendes Irrlichtern Mit seinem neuen Roman fordert der Spanier Francisco Casavella seine Leser heraus und warnt sie in einem kafkaesken Prolog auch gleich vor: „Wir geraten in Labyrinthe ohne Plan, Spiralen ohne Zentrum.“ In einer Rückblende lässt Casavella seinen dreizehnjährigen Protagonisten Fernando dann vom „wichtigsten Tag“ seines Lebens berichten, dem „Tag des Watussi“. Anfang der siebziger Jahre steht Fernando auf der Schwelle zwischen unschuldigen Kinderspielen und ersten Grenz- und Gesetzesüberschreitungen mit dem hinkenden Zigeunerjungen Pepito. Ihr Abenteuerspielplatz ist die schäbige Peripherie Barcelonas mit dem Hafen, dem alten Olympiastadion und verrufenenRead More
Die Utopie des Menschseins Nicht nur was für Hesse-Leser: „Walden oder Leben in den Wäldern“ von Henry David Thoreau (1817-1862). Vor 150 Jahren erschien Henry David Thoreaus Hauptwerk „Walden“. Auch heute noch besticht dieser Essay-Zyklus, in dem der Philosoph, Naturschwärmer und Landvermesser von seinem Leben in einer einsamen Blockhütte in Massachussets erzählt, durch eine luzide Zivilisations- und Kapitalismuskritik sowie durch ein radikales Konzept der Selbstverwirklichung. Thoreaus Leben in den Wäldern war als ein bewusstes Experiment angelegt, um dem „Narrenleben“ in den Städten zu entfliehen und zu „einer wahren Ganzheit“ zuRead More

Posted On Februar 19, 2005 By In Litmag

Hilflose Journalisten

Über (fehlende) Gesten der Solidarität mit der entführten Journalistin Giuliana Sgrena. Von Carl-Wilhelm Macke Jeder Journalist lernt es schon in der ersten Woche eines Volontariats: das ‚Ich‘ hat in einem journalistischen Beitrag nichts zu suchen. Man schreibt als Beobachter mit möglichst großer Objektivität und Genauigkeit eine Reportage oder präsentiert in einem Kommentar seine Meinung, aber nie in der ersten Person Singular. Als Journalist darfst du niemals ‚Ich‘ schreiben und dann sieht man auf einem Pressephoto in die Augen der um ihr Leben flehenden, vollkommen verhärmten, todesbleichen italienischen Kollegin Giuliana Sgrena.Read More