Argentinischer Blues Lugano beweist mal wieder, dass das, was sich spielerisch und leicht und elegant anhört, nur dann glücken kann, wenn es perfekt gekonnt wird. Tempus fugit. „Tango Walk“, die letzte CD von Hernán Lugano, die er mit einem Quintett um den grandiosen schwedischen Trompeter Gustavo Bergalli eingespielt hatte, liegt schon wieder neun Jahre zurück. Für die außergewöhnliche Qualität der Musik spricht, dass ich mich noch ganz genau und bestens daran erinnere – ein Wiederhören hat das sofort belegt. Jetzt also legt Lugano zusammen mit Ernesto Zeppa am Schlagzeug und
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Traumpfade Ein Klangteppich mit suggestiver Ausstrahlung eröffnet das erste Album des australischen Popduos „The Dissociatives“. Man wähnt sich auf den Traumpfaden der Aborigines, wenn die ersten Töne von „We’re Much Preferred Customers“ erklingen. Und die geheimnisvoll angehauchte, chorisch multiplizierte und immer wieder verfremdete Stimme des ehemaligen Frontmanns von „Silverchair“ gibt sofort den experimentellen Ton an, der die ganze Platte beherrscht und keine Sekunde Langeweile aufkommen lässt. Nachdem vom fünften Kontinent nur Lobeshymnen nach Europa gedrungen waren, durfte man auf die australischen Ausnahmemusiker mehr als gespannt sein. Und was Daniel Johns
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Salonfähig Nach ihren erfolgreichen Editions-Ausflügen in die literarischen, klassischen und cineastischen Gefilde der Hochkultur wagt sich die Süddeutsche Zeitung mit den 1000 Songs ihrer POP-Anthologie jetzt in die Niederungen der Massenkultur. Doch auch bei der SZ-Diskothek gilt: Understatement statt Mainstream. „Sex, Drugs and Rock’n Roll”. Mit diesem Schlachtruf trieben die musikfanatischen Jugendlichen in früheren Jahrzehnten ihre Eltern noch zur Weißglut. Doch aus den Teens und Twens von damals sind mittlerweile Thirty- und Fortysomethings geworden, die von der Phonoindustrie als besonders „kaufwillig“ eingestuft und nun auch von den Feuilletonisten der auflagenstärksten
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Sinnlich und kommunikativ Ullmann zaubert satte, wollüstige Sounds mit Tenor- und Sopransax und Bassklarinette, widmet sich zutiefst emphatisch schönen Melodielinien in den verschiedensten Idiomen. Gibt es so etwas wie musikalische Faulheit? Also die Faulheit, die Ohren aufzumachen und zu hören? Vermutlich, denn anders könnten die Dauerdenunziationen von free music, improvisierter Musik, free jazz oder wie auch immer die Labels heißen, als unhörbar, unsinnlich, verkopft, egoman, unkommunikativ und so weiter und so fort nicht greifen. Dadurch entsteht Verlust. Zum Beispiel der Verlust, „Essencia“, eine Trio-Produktion des Holzbläsers und Komponisten Gebhard Ullmann,
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Wellenberge, Wellentäler Täglich. Zwei, drei Blicke. Gegen das Vergessen. Oder als Mahnung. Oder aus Liebe. Oder aus Sehnsucht. Warum eigentlich heften wir uns immer und immer wieder neu Postkarten, ermutigende Sinnsprüche, langsam vergilbende Photographien (wir zwei, wann war das noch mal, am Strand von Norderney) an die Wände, an die Pin-Boards? Jedes Jahr werden es mehr Postkarten aus immer entfernteren Winkeln der Erde und wir verlieren langsam den Überblick. Wer hat noch mal die Karte mit dem Berg im Gegenlicht geschickt? Stammt die Karte aus Bali oder nur von der
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Psychotrip ins Leere In seinem neuen Roman schickt Leander Scholz seine Leser in einen um die Auswüchse der modernen Medizin kreiselnden Psychotrip. „Go West“ hieß einst das Credo der amerikanischen Pioniere und hundert Jahre später propagierte William S. Burroughs schon das Bewusstein als das letzte neu zu entdeckende Territorium. In seinem neuen Roman „Fünfzehn falsche Sekunden“ zeigt Leander Scholz nun, das dieser neue Westen durch Gen- und Transplantationstechnik sowie Psychopharmaka gnadenlos der Manipulation ausgeliefert ist und selbst der Tod nicht mehr das ist, was er einmal war. Scholz Protagonistin Celeste
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Spirituelle Einheit Keine Verschwörung: Gerade die Live-Aufnahmen aus Frankreich vom Juli 1970 zeigen Albert Ayler ironischerweise noch einmal in sehr guter Form. Im November 1970 wurde Albert Aylers Leiche aus dem East River gefischt. Verschwörungstheoretikers Lieblingsdebatte, ob er ermordet wurde oder nicht, wollen wir hier nicht aufwärmen. Er ist schlicht und einfach ertrunken und Selbstmord ist die wahrscheinlichste Ursache. Acht Jahre lang hatten die Platten des Saxophonisten aus Cleveland, Ohio die Jazzwelt durcheinandergewirbelt. Aus dem großen Zertrümmerer und gleichzeitigen Innovator war am Ende eine schlechte esoterische Kopie seiner selbst geworden.
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Schiere Existenz Belehren und Erfreuen sind immer noch keine schlechten Kriterien für Bücher. Fergus Flemings erzählendes Sachbuch über den Versuch der Franzosen, die Sahara zu kolonialisieren, erfüllt beide. Erstens habe ich viel gelernt. Nämlich wie die Franzosen nach dem Einmarsch in Algier 1830 in einem grotesken Gemisch aus kolonialer Gier, blankem Größenwahn, bis an die Zähne bewaffneter Indolenz und administrativer und militärischer Inkompetenz sich die kontinentgroße Sahara fast zufällig und von Debakel zu Debakel einverleibt haben. Auf eine dumme Expedition folgte die nächste, auf eine militärische Katastrophe ein dürrer Pyrrhus-Sieg,
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