Die Wende von unten Sieben lange Jahre arbeitete Ingo Schulze an seinem neuen Roman „Neue Leben“ – eine Zeit, die, wie in diversen Interviews zu lesen war, auch von einer tiefgreifenden „ästhetischen Verunsicherung“ geprägt war. Im Resultat entzieht sich der Erfolgsautor von „Simple Stories“ nun den hoch gespannten Erwartungen von Kritik und Publikum an den angekündigten „Wenderoman“ schlitzohrig durch eine literarische Finte: Kurzerhand tritt er nur als Herausgeber und sparsamer Kommentator eines vorgeblich im Jahre 1990 entstandenen Briefkonvoluts des in Dresden geborenen und aufgewachsenen Enrico Türmers auf, mit dem er
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Endlich Tränen der Freude Verleihung der Hermann-Kesten-Medaille des deutschen PEN-Zentrums an kongolesische Journalistenorganisation. Donat M’Baya Thsimanga und Tshivis Tshivuadi wa Tshivuadi . Diese kongolesische Namen auszusprechen fällt schwer, geschweige denn, sie zu behalten. Aber den Inhalt ihrer Dankesrede anlässlich der Entgegennahme der ‚Hermann-Kesten-Medaille’ des deutschen PEN-Zentrums in Darmstadt, vergisst man nicht. Jedes Jahr verleiht das PEN-Zentrum, unterstützt von der Hessischen Landesregierung, einen Preis, der Personen oder Organisationen ehren soll, die sich mit Mut und Zivilcourage zur Verteidigung der Presse- und Meinungsfreiheit eingesetzt haben. Im Jahr 2005 wurde der Preis an
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Aus dem Leben eines DJs Kaminer kann’s nicht lassen. Wieder einmal hat der gebürtige Moskauer seine Berliner Schnurren in einem Erzählband gebündelt. Diesmal plaudert er vorwiegend aus dem musikalischen Nähkästchen: über die Klientel der Russendisko, Lieblingslieder und verschrobene Künstler. Tump! Tump! Tump! Mit jedem Stechschritt bekommt der Vordermann mit einem Trommelstock wieder eins auf die paukenförmige Mütze. So monoton und schmerzhaft wie auf dem illustrierten Schutzumschlag geht es hinter den Buchdeckeln zum Glück nicht zu. Wladimir Kaminer schreibt auch in seinem neuesten Erzählungsband „Karaoke“ so sprunghaft, kurzweilig und meinungsstark wie
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Neue Wege Während sich mit dem Fall der Berliner Mauer der Osten und der Westen aufeinander zu bewegten, drifteten mit dem sich abzeichnenden Siegeszug des Techno und des Hip-Hop die Popkulturen Europas und Amerikas immer weiter auseinander. Diesen Schluss zieht zumindest Andrian Kreye in der SZ-Diskothek zum Popjahr 1989. „Angesichts der ganz real revolutionären Kräfte schien die subversive Kraft des Pop versiegt“, urteilt Andrian Kreye, Amerika-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, über das Popjahr 1989. Pop und Rock erstarrten seiner Interpretation zufolge zur „sinnentleerten Pose“. Selbstverständlich zelebrierten R.E.M. und Nirvana denn auch
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Heiligt der Zweck alle Mitten? Sihem Bensedrine und Omar Mestri attackieren den „Übergang zur Demokratie” in den Maghreb-Staaten. Wurde mal wieder ‚der Bock zum Gärtner gemacht?’ Ausgerechnet in Tunesien findet ab dem 17. November der UN-Gipfel über die Freiheit der Medien und den ungehinderten weltweiten Informationsaustausch statt. Weit und breit ist etwa von den in Mitteleuropa geltenden Standards an Presse- und Meinungsfreiheit in Tunesien nichts zu spüren. Zwar verweist die Regierung Ben Ali unentwegt auf ihr Grundgesetz, nach dem jeder Bürger des Landes sagen und schreiben kann, was er will,
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Freier Fall Wie in „Top Job“ oder die „Die letzte Wette“ richtet Jason Starr auch in seinem vierten Roman „Hard Feelings“ sein Augenmerk auf scheiternde Existenzen. Minutiös beschreibt er den nicht aufzuhaltenden Fall eines New Yorker Top-Verkäufers. „Die Menschen in Manhattan schaffen sich dauernd selbst ihre Probleme, die sie davon abhalten, sich mit erschreckenderen, unlösbaren Problemen der Welt zu befassen.“ Dieser Satz aus Woody Allens filmischer Hommage an den bekanntesten Stadtteil New Yorks ist auch nach 25 Jahren noch wahr. In gewisser Weise trifft er nämlich auch auf die Figuren
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Die Vitalität der Gefahr „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um“ ist seit jeher die Rechtfertigung der Mutlosen für ihr komatöses Dahindämmern im Stillstand. Dass, wer die Gefahr sucht, ganz im Gegenteil darin mit all seinen Sinnen erwacht, weiß Andreas Altmann. Der kischpreisgekrönte Reiseschriftsteller beschreibt in seinen Reportagen den Urgrund des Reisens: zu spüren, dass man am Leben ist. Der mobile Autor hat viel gesehen, er berichtet aus Asien, Afrika und Südamerika. Und aus Europa ohnehin: Vor zwei Jahren ging er zu Fuß von Paris nach Berlin und erzählte
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Zwischen Paradies und Delirium „Die Wirklichkeit – nichts als Schrecken steckt darin.“ Diese negative Bilanz von Ich und Welt führt in das Zentrum des neuen Romans der ebenso hochgelobten wie eigenwilligen schottischen Autorin A.L. Kennedy. Ihre Protagonistin Hannah Luckraft ist Ende dreißig, hält sich mit Aushilfsjobs über Wasser und ist eine überzeugte Alkoholikerin mit schmuddeligen Pubs als zweiter Heimat: „Das Trinken macht mich frei. Das ist keine Qual. Das ist ein Geschenk.“ Nach dem Filmriss ist bei ihr vor dem Filmriss und danach beginnt die mühselige Rekonstruktion des Ichs, der
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