Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Highlights, Highlights 2023, News

Statt Bleigießen: Ein Blick auf das Tarot von Waite und Smith (1909)

Alf Mayer über „Das Tarot von A. E. Waite und P. Colman Smith. Die Geschichte des populärsten Tarot der Welt„.

In einer leinengebundenen Schlagkassette – wie ein Artefakt aus den Archiven des Vatikans oder eines Fürsten – kommt ein aufregend ultimatives Tarot-Buch, wie es noch keines gegeben hat. Der Verlag Taschen übertrifft sich damit wieder einmal selbst, die Zeichen dafür müssen günstig dafür gestanden haben. Die prächtige Box enthält einen kompletten Satz der vom Mystiker Arthur E. Waite zusammen mit der Künstlerin Pamela Colman Smith geschaffenen 78 Karten von 1909 und Waites berühmtes Buch „The Key to the Tarot“. In einem großformatigen, mit über 1000 Abbildung illustrierten Text-Bild-Band, herausgegeben von Johannes Fiebig, werden die Tarotkarten zu Spiegeln und Wegweisern, zu neuen Antworten und persönlichen Lösungen. Jede der 78 Karten wird ausführlich beschrieben und erläutert. Es gibt viele – auch visuelle – Bezüge zur Pop- und zur Kunst- und Kulturgeschichte. Das macht den Reichtum dieses Buches aus. Und das Schöne: Es verträgt Abschweifungen. Hier einige von mir:

Ende Februar 2024 kommt DUNE 2 ins Kino, Dennis Villeneuves visionär-radikale Umsetzung des rund 50 Jahre alten Science-Fiction-Zyklus von Frank Herbert. In Dune Messiah (1969, deutsch „Der Herr des Wüstenplaneten“), dem zweiten Buch des Romanzyklus Dune von Frank Herbert, wird von einer Tarot-Welle berichtet, die den Bene-Gesserit-Frauen das Wahrsagen erschwert, weil die Tarotbilder die Klarheit ihrer Visionen trüben. Warten wir, welche Bilder Villeneuve dafür findet.

Im Roman „Das Schloss, darin sich Schicksale kreuzen“ (1973, Il castello dei destini incrociati) lässt Italo Calvino Menschen, die nicht miteinander sprechen können, ihre jeweiligen Geschichten anhand von Tarot-Karten erzählen, die auf einem Tisch ausgelegt werden. Die so entstehenden Legebilder ergeben, je nachdem, von welcher Seite aus man sie „liest“, so unterschiedliche Erzählungen wie die von Faust, Ödipus, Hamlet, Parzival, Roland oder Justine. Im Nachwort beschreibt Calvino das beinahe beliebig ausdeutbare Tarot als „Konstruktionsmaschine für Erzählungen“.

Bob Dylans LP „Desire“ von 1976 wurde weltweit zum Signal einer neuen Art des Tarot-Kartenlegens, weil die Karte „Die Herrscherin“ auf dem Cover abgebildet war. Der Titel des Albums (engl. Für Begehren, Wunsch, Wollen, auch Sehnsucht) sprach ein wichtiges Thema dieser Zeit des Aufbruchs und der Emanzipation an. Und die Band The Doors – das wusste ich lange nicht – bezog ihren Namen von William Blake und von Aldous Huxley und dessen Buch „The Doors of Perception“ (1954; dtsch. Die Pforten der Wahrnehmung). Beiden Autoren ging es um die Erfahrungen des Unendlichen und der Wunder im Leben, informiert ein Bildtext im Buch „Das Tarot von A. E. Waite und P. Colman Smith“.

Dessen Herausgeber Johannes Fiebig, ein weltweit anerkannter Experte und Erforscher des Tarot, hat bei Taschen bereits die kunstgeschichtliche Sensation „Dalí: Tarot“ herausgebracht. Produzent Albert R. Broccoli hatte eigentlich für den Film JAMES BOND 007 – LEBEN UND STERBEN LASSEN (1973) beim Surrealisten Salvador Dalí einen Satz Tarotkarten in Auftrag gegeben. Daraus wurde wegen vertraglicher Differenzen aber nichts, die Idee aber hatte den Künstler angesteckt. Dalí wurde damals zum ersten renommierten Künstler, der ein völlig neues Tarot-Kartenset entwarf.  Es wurde ein surreales Kaleidoskop europäischer Kunst- und Kulturgeschichte, das Werk erschien 1984 in einer längst vergriffenen Ausgabe. Bei Taschen wurde es wieder aufgelegt, im umfangreichen Begleitheft hält Johannes Fiebig eine angemessene Festrede zu dieser Traumhochzeit von Surrealismus und Esoterik.

Und noch einmal zum Film: In dem legt die Seherin Solitaire für den Bösewicht Kananga alias Mr. Big die Karten. James Bond verführt sie – mit Hilfe gezinkter Karten. Aber sie verliert dadurch ihre Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen. So fällt sie in Ungnade bei Kananga, der sie töten will. Bond jedoch kann sie retten und Kananga töten. Statt Dalís zum Film nicht vorliegender Karten wird im Film das von Fergus Hall gemalte Deck Tarot of the Witches  genutzt. Auf der Kartenrückseite ist ein stilisierter 007-Schriftzug zu sehen. In einer späteren Filmszene wird ein Rider-Waite Deck mit derselben Rückseite benutzt.

Womit wir bei der „Geschichte des populärsten Tarot der Welt“ sind. Kapitel 1 informiert über die Entstehung der Karten, die Pamela Colman Smith und Arthur E. Waite 1909 in London veröffentlicht haben. Einer größeren Öffentlichkeit wurde dieses – heute wohl populärste – Tarotdeck erst 60 Jahre später bekannt. Robert A. Gilbert beleuchtet das Leben und Werk von Arthur E. Waite und Mary K. Greer das von Pamela Colman Smith. Rachel Pollack erläutert in ihrem Essay „Magische Spiegel: Verborgene Wunder im populärsten Tarot der Welt“ die Vorzüge der Karten von Waite & Smith und warum sie so beliebt sind.

Im Kapitel 2 werden alle 78 Karten vorgestellt und ihre Bedeutung so dargelegt, dass man angeregt wird, die Karten selbst zu deuten. Die Großen Arkana oder Trumpfkarten gelten dabei als „22 große Stationen des Lebens“, die Kleinen Arkana bilden „56 Grunderfahrungen“ und „Vier Elemente oder die Landkarte der Seele“. Die Texte zu den Karten greifen jeweils verschiedene Themen, Dimensionen und Level der Deutung auf. In den Passagen lassen sich immer wieder neue Zusammenhäng eund Hinweise erkennen.

Kapitel 3 führt in die Praxis des Kartenlegens und wie man selbst die Blätter legt. Es gibt konkrete Praxistipps für Einsteiger, Fortgeschrittene und Profis. Eine der Neuheiten des Buches ist der sogenannte „Quick-Check“. Er bietet eine kurze, schnelle Antwort für jede Karte auf jeder Position der im Buch behandelten Legemuster an (ab Seite 411). Neben den Legemustern untersucht das Kapitel auch die Perspektiven, die sich aus dem selbstständigen Gebrauch der Tarotkarten ergeben. Dabei kommen auch die Intentionen zu Wort, die Waite & Smith einst motivierten, diese Karten zu schaffen – nach dem Motto: „Gehe nicht in den Fußstapfen der Meister, sondern suche, was sie suchten.“ Ein Glossar am Ende erklärt viele Begriffe aus der Welt des Tarot.

Tarotkarten, das ist ein Päckchen mit 78 Bild- und Symbolkarten. Die ersten stammen aus der Renaissance, entstanden zwischen 1425 und 1460 in Oberitalien und etwas später in Südfrankreich. Ihre Bildmotive sind älter, gehen zum Teil auch auf die Antike oder die Frühgeschichte (Babylonien) zurück. In der gleichen Zeit, in der das Deutungsinteresse an den Bildern und Zeichen der Tarotkarten wuchs, wurden auch erstmals Volksmärchen gesammelt und aufgeschrieben.

Im Gebrauch sind Tarotkarten vielfältig. Sie sind:
Inspirationskarten
Affirmationskarten
Motivationskarten
Meditationskarten
Rollenspielkarten
Storykarten
Familien- oder Gruppenaufstellungskarten
Charakterstudien
Ideengeber
Seelenpflege
oder einfach nur Kartenspielkarten.

In der Struktur der Karten unterscheidet man vor allem zwischen zwei Gruppen von Karten: den Großen und den Kleinen Arkana („Geheimnisse“).  Den großen Stationen des Lebens begegnet man in Karten wie Die Liebenden, Der Tod, Der Herrscher, Der Teufel, Das Gericht, Der Eremit, Der Wagen.
Die Kleinen Arkana bestehen aus 56 Karten und vielen kleinen Stationen des Alltags: zehn Zahlen und vier Bildkarten (auch Hofkarten genannt) in jeweils vier Farben (Stäbe, Münzen, Kelche und Schwerter), die denn vier Farbreihen der bekannten Kartenspiele und zugleich den klassischen vier Elementen Wasser, Luft, Feuer, Erde entsprechen.

Das in der Box enthaltene (makellos reproduzierte) Originalset von 1910 wurde von der niederländischen Sammlerin Saskia J. Jansen zur Verfügung gestellt. Es existieren weltweit keine 30 Exemplare mehr. Die Originalkarten wurden von einem Fotografen des Teyler Museums in Haarlem fotografiert, der auch schon Zeichnungen von Michelangelo und Raphael reproduzierte.

Für Herausgeber Johannes Fiebig war die Mitarbeit der Tarot-Experten Robert A. Gilbert, Mary K. Greer und Rachel Pollack wichtig. Pollacks Ratgeber „78 Degrees of Wisdom“ wurde 1980 zum Bestseller. Sie verfolgt einen geradezu antischolastischen Ansatz. Die Art Leere in den Gesichtern der Bildfiguren von Waite & Smith, von vielen als Schwäche dieser Kunst angesehen, sieht sie als ihren Vorzug, denn es erlaubt „eine Offenheit der Wahrnehmung der Bilder, so dass Millionen von Menschen ihre eigenen Ideen und Erfahrungen mit hineinlegen können“. Pollack, die sich selbst als „Der Narr“ verortet, der am Abgrund tanzt, findet Freiheit in den Karten des Tarot. Als queere Wissenschaftlerin weiß sie, dass Queerness und Okultismus „einen verstehen lassen, dass die Welt nicht so ist, wie es uns gesagt wird“. Eines kann ich ganz sicher sagen, schreibt sie, mit Tarot kommst du nie an ein Ende.

Waite selbst meinte dazu: „Die Bilder sind wie Türen, die unerwartete Räume öffnen, oder wie die Abbiegungen von einer Landstraße, die zu einer weiten Aussicht führt.“

Elias Canetti fand: „Ein Weg zur Wirklichkeit geht über Bilder. Ich glaube nicht, dass es einen besseren gibt.“ Und Joseph Campbell („Der Heros in tausend Gestalten“) sagt: „The cave you fear to enter holds the treasure you seek.“ – Sowie: „You must give up the life you planned in order to have the life that is waiting for you.”

„Wir sind das Wunder auf das wir hoffen!“ schreiben Johannes Fiebig und seine Frau Evelin Bürger in ihrem Buch „Tarot – Wege der Achtsamkeit“. Die Schlagkassette des Buchs, die sich öffnet wie eine Schatzkiste, ist tatsächlich eine.

Man entdeckt sich darin selbst. „Wenn du weißt, was du tust, kannst du tun, was du willst.“ (Moshe Feldenkrais, 1985)

Alf Mayer

Johannes Fiebig (Hg.): Das Tarot von A. E. Waite und P. Colman Smith. Die Geschichte des populärsten Tarot der Welt. Hardcover, Deck mit 78 Karten und Faksimile in einer Schlagkassette, 23 x 28,7 cm, 3 kg, 444 Seiten, 100 Euro. – Verlagsinformationen hier.

Siehe auch im Verlag Taschen:
Tarot. Bibliothek der Esoterik, 30 Euro.
Dalí. Tarot, von Johannes Fiebig herausgegeben, 50 Euro.

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