Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Highlights, Highlights 2023

Monika Geier, Claudia Gehrke, Sulari Gentill

Monika Geier: Der Realität ins Auge sehen

Vielleicht wisst ihr ja, wie intensiv ich dieses Jahr die Dämonenwelt erforscht habe, und ihr erwartet jetzt im Jahresrückblick meine Lieblingsbeschwörungsformel oder die beste selbstgetestete Pentagrammfarbe. Tatsächlich kann ich euch nur verraten, dass laut spotify (was ich eigentlich als Abwehrzauber gegen all die Geister auf Italienische Schlager angesetzt hatte) mein meistgehörtes Lied dieses Jahr „Paint it black“ war. Zufall? 

Nein – leider. Ich denke, dass es an den Sachen liegt, die in der Zeitung stehen. Und an den Dämonen, die einer da entgegenspringen. Suchen musste ich wahrlich nicht nach ihnen. Mir war nur ein ganzes Jahr lang irgendwie schlecht. Ganz ehrlich: Mir war schwindlig wie noch nie.

Gut, Lieblingsbuch. Am erhellendsten fand ich dieses Jahr: Mark Twain, „Unterwegs mit den Arglosen“, eine Neuübersetzung im Schmuckschuber aus dem Mare-Verlag. Es müsste eigentlich auf irgendeinem Index stehen, weil es rassistisch, klassistisch und zutiefst arrogant ist, aber: Es erklärt ganz wunderbar die Haltung jener 77 amerikanischen Pilger, die Twain 1867 als Korrespondent nach Europa und ins „Heilige Land“ begleitete: Sie scheuten keine Kosten, Mühen noch Gefahren, um mit eigenen Augen die Stätten ihres Glaubens zu sehen, und sie betraten dieses Land, als sei es ein Besitz. Für sie sollten alle seine Orte und Einwohner ihre vielrezitierten biblischen Erzählungen abbilden. Wenn das nicht funktionierte, waren die Pilger empört. Und was noch bemerkenswerter ist: Auch Mark Twain, der Spötter, war empört. Er zweifelte niemals an der Heiligkeit jener alten Geschichten und wollte sie dem bisweilen renitenten Land quasi entreißen. Es ist ein Buch, das sehr viel erklärt. Es lohnt sich, das zu lesen.

Lieblingsessen: Aus der Kategorie „Seltsame Weihnachtssüßigkeiten“: Bendick`s Bittermints. Ist sowas wie der große Bruder von After Eight, aber mit hundertmal mehr Schmackes. 95%ige Bitterschokolade um ein dickes Fondant mit hammerviel Minzöl, da muss frau sich echt reinessen, aber dann … Oder: Polvorones, diese spanischen Kekse, die im Mund zerbröseln wie ein Löffel Mehl, aber irgendwie halt doch genau den Geschmack haben, den nur Polvorones haben. Dazu ein Gläschen Sherry …

Lieblingspflanze: Apfelbaum. Ist ja schon erstaunlich, dass dieser Spruch vom Apfelbäumchen, das noch gepflanzt werden sollte, wenn morgen die Welt untergeht, ausgerechnet Martin Luther in den Mund gelegt wird. Vielleicht galt er als Experte, weil er mindestens drei feste Weltuntergangstermine berechnet hat? Tatsächlich ist die Idee älter und geklaut, aus dem Aussprüchen Mohammeds nämlich, der sagte: „Wenn die Stunde kommt und jemand von euch einen Setzling in der Hand hält und genug Zeit hat, ihn zu pflanzen, dann soll er es tun.“ Es ist ein sehr schöner Satz, vielleicht sogar mein diesjähriger Lieblingssatz. Er enthält eine hübsche kleine Ausflucht aus dem großen Drama des sicheren, hundertprozentigen, absolut katastrophalen Weltuntergangs. Ein subversives und sehr pragmatisches Aber. Denn mal ehrlich: Wann hätte je eine Apokalypse ihren Termin eingehalten? Und wenn sie jetzt doch kommt: Wann genau? Am Ende des Öls? Des Sandes? Des russischen Gases? Der Temperaturskala? Wollen wir diese Spannung ertragen oder können wir uns drauf einigen, dass wir alle in einer Matrix leben und sicherheitshalber einen Beschützer bestimmen sollten? Brauchen wir nicht einfach eine neue Religion?

Also ich nicht. Ich denke, was wir brauchen, ist der Wille und die Vernunft, angesichts aller Krisen weiterhin für Klimaziele, Demokratie und eine offene Gesellschaft zu arbeiten. Auch wenn uns das einiges an Nüchternheit und Ehrlichkeit abverlangt. Sehen wir der Realität ins Auge: Das Leben wird weitergehen. Das jüngste Gericht wird nicht kommen. Wir haben den Setzling in der Hand und Zeit, ihn zu pflanzen. Tun wir es.

»Antoniusfeuer« von Monika Geier wurde gerade mit dem Deutschen Krimi Preis 2023 ausgezeichnet.

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Claudia Gehrke: Mein Krimiberg 2023

Eine Gruppe Menschen macht Urlaub in einem abgelegenen Haus, Kinder verschwinden, religiös Verbohrtes auf dem Land, äußerst Dramatisches aus der Vergangenheit der Kommissarin/des Kommissars in die Handlung verwoben, Handlung, angesiedelt in der „großen Politik“ – in Geschichte oder Gegenwart – und feministisch angehauchte Handlung (beides mit mehr oder weniger deutlichem Zeigefinger auf das Verwerfliche versus moralisch Richtige erzählt), Haushälterin entwickelt sich zur Bösen oder gerät in eine seltsame Familie, sie wird bedroht oder zu irgendwas Ungutem „missbraucht“, Entführungen, Freundinnen und ein Drama in deren Kindheit, das in der Gegenwart eine Rolle spielt, Serienmörder, Menschen allein in der Natur (das Setting lese ich recht gerne).

Patricia Cornwells Krimis um die Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta gibt es immer noch (schon seit den frühen 90ern), bis vor fünf Jahren hat meine Schwester mir diese oft geschenkt, in diesem Jahr stolperte ich wieder einmal über einen – Setting: Leichenbeschreibung. Details, an denen sich etwas herausfinden lässt. Von Blumen, die aus Leichen wachsen, lese ich im Moment (Vera Buck, „Wolfskinder„, Setting verschrobenes abgelegenes Dorf). Dazu kamen wie in jedem Jahr noch die Krimis mit den Erotikszenen.

Ich lese so gut wie dauernd (wenn ich nicht arbeite oder mit anderen Menschen Dinge tue, bei denen sich nicht zugleich lesen lässt), in Pausen von der Arbeit am PC, beim Essen, in der Bahn, vorm Schlafen, und brauche immerzu neuen Lesestoff. Ich lese und bewege mich aus der Gegenwartswelt samt ihrer unlösbar erscheinenden, traurigen Probleme hinaus und aus meinem „kleinen“ Alltag auch, doch selbstverständlich steige ich nicht aus, sondern das Lesen, weiß ja jede/r, eröffnet im Sog der Geschichten Einblicke, Sekundenerkenntnisse … (Ein interessantes Buch über das Lesen bekam ich in diesem Jahr auch, „Die Wunderkammer des Lesens“, erschienen 2023 im Verlag Das kulturelle Gedächtnis. Ich tauschte es gegen unser Konkursbuch 55: „über Bücher“ auf der „Winterlese“, einem Verlagsbüchermarkt im Residenzschlosses von Bad Mergentheim (eine Stadt, in der ich zuvor noch nie war, ein schöner eleganter Saal und eine sehr sympathische Veranstaltung, auf der sich die Veranstalter rührend um ihre Verlagsgäste kümmerten, zum Beispiel kam am Morgen nach dem Event in der Buchhandlung Moritz und Lux die Moderatorin in den Schlosssaal und brachte allen ein Glas Sekt – doch schon schweife ich ab.)

Da ich neben „allgemeiner Literatur“, „Thrillern“ und den opulenten Themenbänden der Reihe „Konkursbuch“ (bestehend aus vielen Genres) auch erotische Bücher verlege, schenken mir Bekannte oft Krimis, in denen Erotik vorkommt. Krimis, in denen sich die Kommissarin in einen für den Fall ihrer Abteilung zugeteilten Cop verliebt (oder ähnliche Konstellationen). Oft werden akribisch geschilderte Sexszenen eingefügt, die mich aus der Spannung reißen (falls sich überhaupt Spannung aufgebaut hat). Ich überblättere diese Szenen, die aufgesetzt wirken. Nichts dagegen, dass in einem Krimi „erotische Augenblicke“ vorkommen, eine Sexszene in einem Roman, in dem diese Szene die Handlung vorantreibt, aber zwanghaft eingefügte Erotik stört mich. 

An so gut wie alle typischen Krimi/Thrillersettings bin ich dieses Jahr geraten, viele habe ich schon wieder vergessen. Die mit einem pädagogischen Zeigefinger erzählten Bücher vergesse ich besonders schnell (außer diese beiden –  keine Krimis und erzählt mit unaufdringlichen, nett und sehr vergnüglich verpackten „pädagogischen“ Andeutungen bzw. Wissensvermittlung. Es sind zwei Kinderbücher, auch auf dem schönen Verlagsmarkt von Kollegin und Kollege eingetauscht als Geschenke für Großnichte und -neffe: „Hallo Sonne, hallo Wind“ von Isabel Minós Martins und Bernardo P. Carvalho, aus dem Portugiesischen übersetzt von Martin Hengst, Mixtvision Verlag, hier habe ich selbst einiges gelernt, und „Mut ist was Gutes“ mit den liebenswerten Zeichnungen von Wolf Erlbruch und Gedichten von Arne Rautenberg (Mut ist auch, was nicht zu machen) aus dem Peter Hammer Verlag).

Von einigen Krimis ist mir etwas in Erinnerung geblieben, sie waren eine intensivere Leseerfahrung.

Setting Kinderfreundschaft: „Sie beobachtet dich“ von Camilla Way. Eine hat in der Kindheit der anderen gegenüber Schuld auf sich geladen, doch welche? Mit unerwarteten Volten und nahe an den inneren Welten der beiden. 

Setting Entführung: Am besten fand ich Michelle Sacks, „Was verloren ist“, erzählt aus Perspektive eines Mädchens, das von seinem Vater auf eine „Abenteuerreise“ mitgenommen wird. Eine Weile brauchte ich, mich an die Schreibweise zu gewöhnen, die wohl der eines Mädchens ähneln soll, das Tagebuch schreibt: Einzelne Worte, die sie betonen möchte, sind großgeschrieben, und das sind viele. 

Setting Haushälterin: Schön gegruselt habe ich mich bei Yrsa Sigurdardóttir, „Nacht“, in ein paar Nächten durchgelesen, die Szenen im Einschlafen noch schaudernd vor Augen (ob sie in Träume eingedrungen sind, weiß ich nicht). Von Anfang an der Handlung ist klar, dass alle ermordet werden. (Das Buch ist in zwei Strängen erzählt, die Handlung vor dem Mord aus Sicht der Haushälterin, bzw. Lehrerin der Kinder der Familie, und die danach aus Sicht des Ermittlers. Die Auflösung wirkt heruntergerattert, so, als habe die Autorin mit dem Roman fertigwerden müssen; den Effekt der Gruselszenen hat das nicht geschmälert, die waren ja vorher schon gelesen). Und aus Joy Fielding „Die Haushälterin“ – klassische Geschichte um eine sich als böse entpuppende Pflegekraft (die einen bösen alten Mann betreut) – sind mir vor allem die Alltagsszenen aus der Ehe der Protagonistin Jodi in Erinnerung, die klingen so, als erzählte die Autorin aus ihrer Beziehung, nah am Alltagsleben mit seinen Fallen. Damit bin ich bei dem Krimisetting, was mich ganz besonders interessiert (auch wenn ich einige der Bücher mit den immer wiederkehrenden typischen Krimisettings hingerissen gelesen habe): Krimis über den „ganz einfachen“ Alltag samt seiner Abgründe und aus Innensicht unterschiedlicher Menschen.

Solche Geschichten – ohne dass sie das Hauptaugenmerk auf die Ermittlerinnen und Ermittler richten – fand ich nicht oft. Und so war ein privater Lesehöhepunkt meines Jahres ein Buch, was bei mir erschienen ist (ich lese Manuskripte geplanter Bücher – das meint nicht die Berge der „unverlangt eingesandten Manuskripte“ – immer „wie privat“, erst beim zweiten Lesen als Verlegerin mit lektorierendem Blick): Regina Nössler, „Die Kellerassel“. Es geht um Menschen in Berlin (aus unterschiedlichen sozialen Schichten), die Figuren sind sich zufällig begegnet, und eine ist mit anderen verbunden, wie in einem „Reigen“. Eine Erpressung kommt vor. Die Wendungen in der Handlung sind unvorhersehbar. Es wird Tote geben, doch warum und wen, und ist das wirklich das Wichtigste? Die Gedankenwelt der Figuren zeigt verborgene Seiten. Hauptfigur Isabel (die schon in Nösslers vorigem Krimi „Katzbach“ die Hauptrolle spielte), eigentlich alle Figuren sind nicht gerade sympathisch, doch wer (inklusive der Leserin) ist das immer? Wenn wir in alle, die wir näher zu kennen glauben, hineinblicken könnten: Was läsen wir? Was denken sie wirklich? Was treibt sie zu welchen Handlungen und wissen sie immer, was sie warum tun? Auch Isabels nur unwillig eingeräumte „moralisch gute“ Seite zeigt sich im Buch manchmal. „Kellerassel“ war im Dezember auf Platz 1 der renommierten Krimibestenliste, das hat uns sehr gefreut! Danke an die Krimibestenliste-Jury. Und an die Rezensentinnen und Rezensenten, die Buch und Autorin so klug besprochen haben.

Auf meinem Lesestapel liegt jetzt ein Buch, das als Setting Spionage hat („Wie Sterben geht“ von Andreas Pflüger, der diesjährige Preisträger des Deutschen Krimipreises), ein Setting, was ich so gut wie nie lese, es interessiert mich „eigentlich“ nicht, aber krimipreisgekrönte Bücher lese ich immer, bin sehr gespannt. Auch auf den Roman von Platz 2 freue ich mich, Monika Geier, „Antoniusfeuer“ – Setting, wenn ich den Klappentext richtig in Erinnerung habe, Skurriles rund um Religion und Dämonen, Dörfer. Es gab sicher viele gute Bücher in diesem Jahr. Auch Nino Haratischwili, „Das mangelnde Licht“ mit seinen 832 Seiten wartet noch.

Claudia Gehrke führt den kleinen, feinen Konkursbuchverlag. Themenschwerpunkte sind Frauen, Erotik und Kunst sowie allgemeine Literatur, inklusive Thriller, sowie die Reihe „Konkurbuch“ mit unterschiedlichen Themen. Demnächst erscheint Band 59 „Freiheit“. – 2021 erlebte sie hautnah den Vulkanausbruch auf La Palma, der ihr Haus begrub. Sie schrieb darüber in unserem Jahresrückblick 2021 und im Nachhall auch 2022.

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Sulari Gentill

It seems that someone has waxed the calendar and we slipped across 2023, arriving at December with a kind of wild, bewildered momentum.  Here in the foothills of Australia’s Snowy Mountains the seasons have been a little muted… the winter not as cold, the summer not as warm.  It is perhaps more comfortable and convenient, but I have missed the snow, the frosts which do not thaw, the crunch of ice underfoot.  A milder summer however, free from the kind of unrelenting heat for which Australia has a reputation, is welcome.

I have this year been training a new truffle dog, an English Springer Spaniel I named Pig in the hope that she follows in the truffle hunting tradition of that species.  She is a funny hound with an excellent nose and desire to make any living creature her friend… other dogs, donkeys, wombats, chickens, even frogs.  The wonder and delight with which she regards the world is beautiful to watch.  With luck, as she matures, she will hunt truffles without being distracted by passing butterflies.

Kenneth Branagh’s A Haunting in Venice lured me away from my large screen television and into an actual picture theatre.  The version was only very vaguely related to Agatha Christie’s Halloween Party on which it purported to be based, but, in some ways, it was better for that. I enjoyed it though perhaps not as much as Branagh’s previous films of Christie’s work—Murder on the Orient Express and Death on the Nile—both of which stayed more true to the books.

Thirty years after its release I finally watched What’s Eating Gilbert Grape? I am perplexed as to what kept me from viewing this poignant, beautifully acted film for so long. But it’s comforting to know that there are such gems out there that I can still look forward to experiencing for the first time.

Bookwise, I spent more time writing than reading as deadlines loom, but I did recently Aoife Clifford’s wonderful Australian mystery When We Fall.  Set in a small coastal town, the book speaks to bloodlines and aging, art and death.

The garden at “Grand Oak” continues to grow and change, ever more trees, flowers, statues and a burgeoning vegetable garden mark the year.  There is great solace in having your hands in the dirt.  It connects you to the earth, to seasons past and those yet to come.

Sulari Gentill lives on her farm in the foothills of the Snowy Mountains of New South Wales. She is the award-winning author of The Rowland Sinclair Mystery series, historical crime fiction novels set in the 1930s. She won the 2012 Davitt Award for Best Adult Crime Fiction and has been shortlisted for the Commonwealth Writers‘ Prize. Her „The Woman in the Library“ (Poisoned Pen Press, Scottsdale, Az.) landed on 11 top 2022 lists, including Book Page Best Mysteries of 2022, LibraryReads Top 10 Books of 2022, and CrimeFiction Lovers Best Mystery of 2022.

Two years back she decribed for us how she nearly lost her form to the raging wildfires. In 2022 she co-edited “Undefendabale: The Story of a Town Under Fire” (Clan Destine Press). On January 2 2020 the township of Batlow, population 1313, was declared ‚undefendable‘ and its citizens advised to flee. This is the story of its survival – against all odds. While most Batlownians evacuated, many stayed to fight for their beloved community. And in the end, the undefendable town was saved by volunteers – by farmers, teachers, electricians, retirees, and boys barely out of high school. During and after the fires, the world’s media descended upon Batlow. They told the story of the battle for the town, or the parts of it they saw. The townspeople didn’t object to that, but later felt the need to tell their story in their own words.

Undefendable is a memoir of a town under fire, a curated collection of stories, poems and photographs from the people of Batlow about those terrible days.

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