Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Highlights, Highlights 2023

Frank Göhre, Johannes Groschupf, Günther Grosser

Frank Göhre: Ihnen und dem Eierlikör…

JANUAR

Am 1. Januar 1945 wünscht Raymond Chandler einem Verleger „ein Glückliches Neues Jahr Ihnen und dem Eierlikör!“ (Raymond Chandler, Briefe 1937-1959, München, 1990)

FEBRUAR

Ein am 28. Februar 1978 in der Nippon Budokan Halle, Tokio, mitgeschnittenes Konzert zeigt, wie Dylan seine  größten Hits mit einer vielköpfigen Show-Band aufführte, als wäre er eine Reinkarnation des Las-Vegas-Elvis, „Mr.  Tambourine Man“ und „All I Really Want To Do“ interpretierte er als schmissige Schlager, „Knockin´On Heaven’s Dor“ und „Don’t Think Twice, It’s All Right“ als Fake-Reggae, „I Want You“ als sentimentale Ballade. (Maik Brüggemeyer, Rolling Stone, November 2023 über die 4-CD-Box Bob Dylan, „Another Budokan“)  

MÄRZ

„Am 1. März 2016, einem Dienstag mit wenigen Wolken, hatten sich die Tore des Kolosseums soeben geöffnet, um die Touristen die berühmteste Ruine der Welt bewundern zu lassen.“ Der erste Satz einer 508 Seiten-Reportage über den Mord an einem Jugendlichen, begangen von zwei in etwa gleichaltrigen „Kindern Roms“. (Nicola Lagioia, Die Stadt der Lebenden, München, 2023)  

APRIL

Im April 1954 machte ein alternder Country & Western-Sänger namens Bill Haley eine Platte mit dem Titel „Rock Around The Clock“. 1955 war sie in Amerika ein Hit, und dann war sie ein Hit in England, und dann war sie auf der ganzen Welt ein Hit. Als es damit aus war, war sie fünfzehnmillionenmal verkauft worden. Und dann hatte sie auch noch die Pop-Musik in die Welt gesetzt. Der Song war lächerlich, ein Arrangement nicht vorhanden. Aber es war Beat drin, und Haley schrie ganz schön laut. Zuerst verkaufte sich die Sache als etwas Neues, beinahe als ein Scherz. Dann kam die Presse dahinter, legte sie sich zurecht, nannte sie Anti-Musik, und plötzlich wurde ein großes Generationssymbol daraus, ein soziales Phänomen eigener Prägung. (Helmut Salzinger, Rock Power, oder wie musikalisch ist die Revolution; Frankfurt am Main, 1972)                                                                    

MAI

Am 11. Mai 1928 schreibt der von seinem Vater entmündigte Friedrich Glauser an seinen amtlichen Vormund: „Vielen  Dank für die Zusendung des Geldes. Inzwischen hatte ich meinem Vater geschrieben, dass ich Hoffnung hätte, hier in einer chemischen Fabrik unterzukommen, und er hat Ihnen darüber mit der Bitte berichtet, sich mit dieser Fabrik in Verbindung zu setzen. Ich möchte Sie ersuchen, dies nicht zu tun, es könnte alles verderben. Am besten ist es, Sie lassen mir in diesem Fall freie Hand, denn die Sache steht augenblicklich noch sehr schwankend, so dass der geringste Missgriff zu einem Misserfolg führen kann. Ich werde Sie aber über jede Neuerung auf dem laufenden halten. Nächste Woche werde ich Ihnen Näheres mitteilen können. Heute bin ich sehr müde. Ich habe letzte Woche einen Unfall gehabt, im Anschluss daran eine starke Bronchitis, die fünf Tage gedauert hat, mit Fieber, und von der ich noch nicht ganz erholt bin. (Friedrich Glauser, Briefe 1, Zürich, 1988) 

JUNI

ARD, 20. Juni 2023. Sandra Maischberger, Fernsehmoderatorin: „Einen wunderschönen guten Abend.“
Der Bärenangriff.
Maischberger: „Man fragt sich, wie Reinhold Messner, der vor Kurzem hier saß …“
Andreas Kieling, Tierfilmer: „Reinhold Messner ist furchtbar. Der ist Tierzüchter. Der hat `ne ganz konservative Haltung.“
Maischberger (Schnappatmung): „Er sagt … er sagt … er sagt …“

ZDF, 22. Juni 2023. Maybrit Illner, Fernsehmoderatorin: „Wir müssen reden.“
Die Wirtschaft.
Kevin Kühnert (SPD), Generalsekretär: „Sie regen mich auf.“ 
Daniel Stelter, Makroökonom, Unternehmensberater: „Wenn ich Sie aufrege, liegt es daran, dass Sie sich nicht mit den Grundsätzen der Wirtschaft beschäftigen wollen.“
Kühnert: „Das ist arrogant.“
Stelter: „Das mag arrogant klingen, aber es ist ein Kern Wahrheit drin.“

JULI

Eine Schautafel, großformatig, zeigt Klaus [Croissant] als Reinkarnation jenes syrisch-persischen Ismailiten, der seit tausend Jahren Meuchelmörder ins friedliebende Abendland entsendet – der Alte vom Berge. Dreiunddreißig Fäden verbinden ebenso viele Namen mit Klaus, dem großen Drahtzieher in der Mitte der Tafel wie die Spinne im Netz. Von seiner bescheidenen Anwaltskanzlei aus dirigiert er den Terror. Das war die Message, die verbreitet und wahrgenommen wurde. Aber warendie dreiunddreißig Figuren in diesem fiktiven Beziehungsgeflecht, das angeblich von März 1975 bis Juni 1977 bestand, tatsächlich „Baader-Meinhof“? – Am 11. Juli 1977 traf Klaus in Frankreich ein, um Asyl zu beantragen. (Peter O. Chotjewitz, Mein Freund Klaus, Berlin, 2007)

AUGUST

11. August 1990. Kurz zu ALDI, wo DDR-Konsumenten die Biobecher und Puddingtöpfchen gleich palettenweise abtragen: sich noch einmal richtig bedienen wollen, ehe Einheit und Öffnung doch noch wieder rückgängig gemacht  werden. Dabei alles vergleichsweise sonnengebräunte und wohlgenährte Menschen mit nichts anderem im Kopf als  von nun an ewig so weiter Währung, Ware und Verwurschtung. (Peter Rühmkorf, Tabu 1. Tagebücher 1989-1991, Reinbek, 1995)

SEPTEMBER

19. September 1998. Lange Pause, weil im wochenlangen Sylt-Regen an der neuen Erzählung bastelnd, die mir im Moment nicht zu gelingen scheint. (Fritz J. Raddatz, Tagebücher 1982 – 2001, Reinbek, 2010) 

OKTOBER

Das erste Mal hörte ich von Charles Manson und seiner „Family“ um den 20. Oktober 1969, als ich in meiner Post eine Nummer von einem Ökologie-Informationsblatt mit dem Titel „Earth Read-Out“ fand. In diesem Informationsblatt war eine Story aus dem „San Francisco Chronicle“ vom 15. Oktober 1969 abgedruckt: „Die letzten Überlebenden einer Bande nackter, langhaariger Diebe, die in gestohlenen Strand-Buggies das Death Vally durchstreiften, sind, wie das Sheriff´s Office gestern bekannt gab, ausgehoben worden. Ein Sheriff-Aufgebot, das von einem Aufklärungsflugzeug aus gelenkt wurde, verhaftete bei zwei Wüstenrazzien 27 männliche und weibliche Mitglieder der Nomadengruppe. Die Beamten erklärten, auch 8 Kinder, darunter zwei unterernährte Säuglinge, seien aufgegriffen worden. Einige der Frauen waren vollständig nackt, und andere trugen Bikini-Höschen, wie die Beamten berichteten. Die Erwachsenen wurden alle ins Bezirksgefängnis Inyo eingeliefert, wo sie zu den gegen sie erhobenen Beschuldigungen, darunter Autodiebstahl, Hehlerei und illegaler Waffenbesitz, vernommen werden sollen. (Ed Sanders, The Family. Die Geschichte von Charles Manson und seiner Strand-Buggy-Streitmacht, Reinbek, 1972)

NOVEMBER

Frank Sinatra, ein Glas Bourbon in der einen und eine Zigarette in der anderen Hand, stand in einer dunklen Ecke der Bar, flankiert von zwei attraktiven, aber langsam verblühenden Blondinen, die darauf warteten, dass er etwas sagte. Er sagte aber nichts; er hatte schon den ganzen Abend kaum ein Wort von sich gegeben, und jetzt, in diesem Privatclub in Beverly Hills, wirkte er noch in sich gekehrter – eine Stimmung, die während dieser ersten Novemberwoche [1965], einem Monat vor seinem fünfzigsten Geburtstag, alles andere als ungewöhnlich war. Sinatra arbeitete gerade an einem Film, der ihm inzwischen zum Hals heraushing, und konnte das Ende der Dreharbeiten kaum erwarten; er hatte es satt, dass die Zeitungen fortwährend und in allen Einzelheiten über seine Affäre mit der zwanzigjährigen Mia Farrow berichteten, die an diesem Abend aber nirgends zu sehen war; er war wütend, weilsich eine CBS-Fernsehdokumentation über sein Leben, die in zwei Wochen ausgestrahlt werden sollte, dem Vernehmen nach mit seinem Privatleben beschäftigte, ja, offenbar sogar über seine mutmaßlichen Freundschaften mit verschiedenen Mafia-Bossen spekulierte. (Gay Talese, Frank Sinatra ist erkältet. Spektakuläre Storys aus vier Jahrzehnten, Berlin, 2005)

DEZEMBER

Nach einem längeren Aufenthalt in Hamburg verabschiedet sich Samuel Beckett am 3. Dezember 1936: „Ich weiß  ungefähr was ich tue, was ich bin weiß ich gar nicht.“

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Johannes Groschupf: Vieles nicht verstanden

2023, wir müssen reden. Vielleicht müssen wir uns eingestehen, dass es mit uns nichts mehr ist. Es war mal gut, besonders am Anfang, im Januar. Weißt du noch? Ich konnte nicht genug von dir kriegen, du warst viel versprechend, geistreich, charmant. Jetzt drehst du dich weg, wenn ich etwas sage, als hätte ich Mundgeruch, und schaust auf die Uhr, als könntest du es nicht erwarten, dass es endlich zu Ende geht mit uns. Ist vielleicht ehrlicher so. Hat einfach nicht gepasst. 

Obwohl es auch tolle Momente gab … Die riesigen Bindenwarane, frühmorgens aus den Teichen im Lumphini-Park in Bangkok kamen, um an blutigen Knochen zu nagen. Schwitzende alte Männer, die nachts in der Altstadt von Saigon in Billardsalons spielten, während draußen die Jugendlichen in Horden vorbeiflitzten auf ihren Motorrollern. Mittags die Fischsuppe an der letzten Straßenkreuzung von Vun Thau: „Langsam essen!“, sagte die Kellnerin, und die nächsten drei Tage waren wir sterbenskrank. Fieberfantasien, kalter Schweiß, die Leute liefen wie in einem Aquarium an einem vorbei, lautlos. Es gab einen schönen rauen Song von Krazy im März: „Auf alles“. Und Danny Dziuk sang noch mal: „Wenn zwei zueinander passen“. Da habe ich dich angeschaut, und du mich. Mensch, 2023 – da ging noch was mit uns beiden. 

Was haben wir nicht alles gemacht. Einen Kaligraphie-Workshop mit türkischen Frauen am Kottbusser Tor. Buchbinden für Fortgeschrittene im Kreuzberg-Museum. Ich habe die Einladung für Olga O’Groschens Gebrauchsanweisung für Neukölln gesetzt und gedruckt. Eine Geschichte über Veronica Lake geschrieben. Ein Kurzhörspiel „Schienenersatzverkehr“ gemacht. Bücher gelesen: James Kestrels „Fünf Winter“. Das Hawaii der 40er-Jahre. Und die Oral History zu Hollywood. Und die 1200 Seiten von Gopniks Andy-Warhol-Biografie. Und Michael Shnayersons „Boom“, eine Geschichte der Galeristen und Kunsthändler in New York City von den 50er-Jahren bis heute. Und die Wolfgang-Herrndorf-Biografie von Tobias Rüther. Und Jens Balzers Buch über die 90er-Jahre. Und Regina Nösslers „Kellerassel“. Und die Russian Criminal Tattoo Encyclopaedia von Danzig Baldaev.

Ich habe vieles nicht verstanden, und das begann schon im Mai. Dortmund war zu blöd, sich die Meisterschaft zu holen. Ich will das nicht dir anlasten, 2023, aber es ist geschehen und lässt sich nicht mehr gutmachen. Tina Turner ist gestorben, und ich musste die Tresenkraft im „Erika und Hilde“ zwingen, den ganzen Abend ihre Songs zu spielen. Der Jüdische Friedhof Weißensee: Die Grabsteine stehen dicht an dicht, überwuchert von Efeu, dazwischen umgestürzte Bäume, deutsche und hebräische Inschriften. Viel Billard gespielt, manchmal gewonnen und viel zu oft verloren. Wie immer. Ich habe aufgehört zu rauchen, vielleicht war das ein Fehler. Aber vielleicht ist es auch okay so. Man findet sich, man verliert sich. 

2023, ich glaube, das war’s jetzt mit uns. War doch schön, doch wir müssen nun gehen. 2024 wartet schon, und vielleicht wird das ja was. 

Ein neuer Roman von Johannes Groschupf in der TW-Edition ist in der Pipeline: Skin City. Seine Texte bei uns hier.

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Günther Grosser: Yeah!

Heuer muss er leider kurz und schnell ausfallen, der Rückblick, weil eine eeeeewig anhaltende schwere Erkältung sooooo viel Arbeit sich hat anhäufen lassen, dass ich jetzt zu nix anderem komme grade. …. Also am liebsten gelesen hab ich 2023 Siri Hustvedts zehn Jahre alten Roman „Die gleißende Welt“. Masterpiece. Claire Keegans Erzählung „So Late in the Day“. Cried my heart out. Und Megan Abbotts „Aus der Balance.” Give me more, Pulp Master Frank! …. Im Kino war´s schwieriger, außer „Anatomie eines Falls“ und „Barbie“ war nix für mich …. Aber ein brillanter Klassiker lag als DVD herum: Theo Angelopoulos´ „Die Wanderschauspieler“ von 1975. … Im TV der Sechsteiler „Bonn – Alte Freunde, neue Freunde“ über Otto John, Reinhard Gehlen und die Anfänge der westdeutschen Geheimdienste. Exzellentes deutsches Fernsehen, mal ausnahmsweise. Und die tschechische Serie „Fünf Jahre“ …. Im Theater zwei sehr unterschiedliche und beide auf ihre Weise großartige „Dreigroschenopern“, in Freiburg und am Berliner Ensemble; dann das Tanzstück „The Romeo“ von Trajan Harrell aus Zürich und Tobias Kratzers Inszenierung der Oper „Das Floß der Medusa“ von Hans Werner Henze im Flughafen Tempelhof …. Und ich hab mich dieses Jahr viel in Galerien und Museen herumgetrieben: die WOWs!! waren Hans Hartung bei Max Hetzler, Lydia Pettit bei Judin und „Otto Dix und die Gegenwart“ in den Hamburger Deichtorhallen. …. Die Entschlüsselung von Gilles Deleuzes Denkgebäude hält an … Das Schönste war natürlich, dass die Leute meine Inszenierung „Bowie in Berlin“ begeistert gefeiert haben. Yeah!

Günther Grosser: Autor zu Genre-Themen, u. a. mit einer monatlichen Krimikolumne in der Berliner Zeitung. Theatermacher, Regisseur, Leiter des English Theatre Berlin. Seine Texte bei uns hier.

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