Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Highlights, Highlights 2023

Brigitte Helbling, Niklaus Helbling, Anna Hoffmann

Brigitte Helbling: Highlights 2023

In diesem Jahr wurde mir die Lektüre von Jack Kerouacs „Dharma Bums“ von gleich zwei literarischen Werken dringend nahegelegt. 

Das eine war Alison Bechdels „Das Geheimnis meiner Superkräfte“, ein Graphic Novel, über den ich für Culturmag noch schreiben will und auch werde. Die Alison-Figur in der Geschichte besteigt mit ihrer frischgebackenen Ehefrau Holi den „Matterhorn“, den Berg in den High Sierras, den schon Kerouac versuchte zu erklimmen, und scheitert genau an der Stelle im Aufstieg, wo auch ihr Vorgänger nicht mehr weiterkam (maybe ein literarischer Kniff?). Der Grund, warum Bechdel von „Dharma Bums“ fasziniert ist, in „Superkräfte“ immer wieder darauf zurückkommt, liegt in Kerouacs hippiesken Umgang mit Buddhismus und seinen selbstzerstörerischen Schreibgewohnheiten. The flow!

Das andere Werk erinnere ich nicht mehr. Der Autor war ein Mann. Vager Eindruck, dass Gary Snyder („Japhy“) im Dharma-Bum-Bezug wichtig war. Und der Buddhismus. Ein Lyriker? Falls es mir wieder einfällt, trage ich den Titel nach.

Auf Deutsch heißt Kerouacs Buch „Die Dharmajäger“ und ist in diesem Jahr bei Rowohlt in einer Neuübersetzung von Thomas Überhoff erschienen. 

Kerouac ist für mich nicht niemand. „On the Road“ hat mir vor Jahrzehnten ein Studienkollege geschenkt, mit einer Widmung, die mich gefreut hat, und seither lese ich den Roman ab und zu wieder, weil ich immer vergesse, worum es darin eigentlich geht.

(J.D. Daniels hätte darauf eine Antwort, in seinem grandiosen Essay Letter from Kentucky, in dem er davon schreibt, wie ein Freund ihm das Buch, ebenfalls mit Widmung, zu Weihnachten schenkt. Der Freund hieß Gary. Daniels behauptet, er erinnere sich nicht mehr, ob er „On the Road“ gelesen habe: „It’s about a road“.) 

Bechdels Alison-Figur im Comic hat ihre Lektüre von „On the Road“ abgebrochen. Irgendwann, sagt sie, habe es ihr mit dem „Macho Bullshit“ gereicht. Ihre Gesprächspartnerin, eine Fahrradmechanikerin und Buddhistin, erwidert darauf trocken: „Ja, darüber muss man hinweglesen.“ 

Ganz meine Kerouac-Erfahrung, auch mit „Dharma Bums“. Das mit den Ladys kommt immer leicht schief rüber, gewollt ahnungslos. Irgendwie ärgerlich. Trotzdem ist Kerouac, scheint mir jedenfalls immer mehr, genius. Ähnlich ging es vielleicht Jean Rhys, als sie Charlotte Brontës Roman „Jane Eyre“ (auch genius) zum x-ten Mal wieder las und sich dann hinsetzte und „Wide Sargasso Sea“ schrieb, um der verrückten Gattin auf dem Dachboden von Mr. Rochester wenigstens ein bisschen Kontext zu geben (würde ich für Kerouac nie tun).

„Wide Sargasso Sea“ habe ich noch nicht gelesen, aber es steht auf meiner Liste. 

In Sachen Leseliste: Nicht wenige meiner aktuellen Buchentdeckungen stammen aus Nick Hornbys Buchkolumne „Stuff I’ve been Reading“ im Believer-Magazin, wo er zwei Kategorien von Stuff bespricht: Books I’ve readund Books I’ve bought. Zweiteres wäre in meinem Fall dann eher Books I found in the library. (So viele Bücher, so wenig Regalplatz!)

„Dharma Bums“ habe ich mir gekauft, in der Penguin Classics Deluxe Edition mit dem schönen Comic-Cover von Jason. Ich empfehle diese Ausgabe auch wegen dem weichen Papier und dem Layout. Was mir beim Lesen auffiel, immer wieder auffällt, ist die Art, wie Kerouac seine Freunde feiert, nicht müde wird, zu erzählen, wie grandios sie sind, und großzügig, und brillant und so weiter… als seien sie, und er damit vielleicht auch, alle auf dem Weg zu irgendeinem höheren Heldentum. Wie kann man sich als Leserin da nicht gut fühlen? Ich wollte nicht, dass das Buch zu Ende geht. Dann aber war es zu Ende und Kerouac bald auch schon der Star-Autor, den er immer sein wollte.

Pass auf, was du dir wünschst, heißt es. 

„It’s the nightmare of having what you want that I’m interested in today”, schreibt Eileen Myles in “Chelsea Girls”

Books I found in the library: Myles’ Buch, die Gedichte darin, ihr vollkommen anderer Sound, etc., etc.: Eine Entdeckung, die seit 30 Jahren auf mich wartet.

Samuel R. Delanys Erinnerungen an Sex und seine Schreibanfänge im East Village, „The Motion of Light in Water“, wartet noch länger, seit 35 Jahren. Von dem Science-Fiction-Großmeister kannte ich bisher nur eine Kurzgeschichte aus einer Anthologie, „Aye, and Gomorrah“. 

Delanys erste verkaufte Story, von 1967, insane

Alle haben sie von ihm gelernt, heißt es.

Yes, they have! (Ich will das auch.)

Plan für 2024? 

Mehr davon. 

Brigitte Helbling ist CulturMag-Mitarbeiterin und Autorin seit Gründung des Projekts und schreibt seit zwei Jahrzehnten eine ganze Menge für Theater. Ihre Lecture Performance Die Mondmaschine von 2019 (inszeniert von Niklaus Helbling, mit Antonia Labs) tourte auch 2022 über die Bühnen, ebenso der „Revue-Hit“von 2021, Der neue Prinzenspiegel (mit Niklaus Helbling, Fabienne Hadorn, Barbara Terpoorten). 2022 erschien ihr Roman Meine Schwiegermutter, der Mondmann und ich beim Verlag Rüffer und Rub. Ihr Text „Why I Write“ ist in unserem Verlust-Special DUE zu finden.

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Niklaus Helbling: Höhepunkte aus 2023

Film: TRENQUE LAUQUEN von Laura Citarella, Argentinien 2023.

Trenque Lauquen ist der Name einer Kleinstadt in Argentinien, und Trenque Lauren heißt auch runder See, den es mitten in der Stadt gibt und wo das tote Monster gefunden wird. Die Biologin Laura ist in die Gegend gekommen, um über Pflanzen zu forschen, aber sie lässt sich ablenken von einer Liebesgeschichte in Briefen, die sie in einzelnen Büchern der Bibliothek versteckt findet. Und dann verschwindet Laura.

Der Film beginnt damit, dass der Freund von Laura und ihr Assistent sich auf die Suche nach Laura machen. Sie fahren in die Orte um die Stadt mit dem See, befragen Menschen, stoßen auf eine Sendung in einem Radiostudio, auf die Geschichte mit dem Monster. Und wir folgen Ihnen und in Rückblenden Laura, vier Stunden lang, ohne dass es irgendwie langweilig würde, ohne dass irgendeine dieser Netflix-Serienkiller-Töne oder -Farben auftauchte, nein, es wird einfach Schicht um Schicht recherchiert, ziemlich nüchtern ein Labyrinth erforscht. Nichts wird extra spannend gemacht, aber alles ist interessant und wirklich rätselhaft (oder bezaubernd?). Wie Bolaño aber weiblicher, wie Rivette aber ernster, wie Lynch aber heller, inkl. Monster. (Anm. d. Red: Von der Regisseurin stammt auch LA FLOR; siehe bei Alf Mayers Rückblick.)

Film: LA CHIMERA von Alice Rorwacher, Schweiz, Frankreich, Italien 2023.

Eine Bande von Grabräubern plündert in der Toskana etruskische Gräber und bekommt für die Artefakte von einem Zwischenhändler Geld, der sie wiederum an eine Schweizer Galeristin weiterverkauft. Die Bande hat ihren Konkurrenten eines voraus: den Wünschelrutengänger Arthur, der die versteckten Höhlen und unterirdischen Kammern für sie aufspürt, ein schlafwandlerischer Brite, der in die Gegend zurückgekommen ist, um die Mutter seiner verstorbenen Geliebten zu besuchen. Zwischen ihm und dem Dienstmädchen Italia entspinnt sich eine Beziehung, die fast nur aus Gesten und Bewegungen zu bestehen scheint.

Mehr ist eigentlich nicht. Aber der Film schaut sich an, als würde Alice Rorwacher gerade mit Fellini und Pasolini das Kino erfinden. Die Kamera geht in die Dörfer, in die Landschaft, begegnet Menschen, die dort leben, Felder bestellen, kochen, essen, Feste feiern, und mittendrin Isabella Rossellini als die Mutter und Josh O’Connor als Arthur, ohne dass irgendwas auffallen würde, und untendrunter liegen die toten Etrusker mit ihren heiligen Sachen. Es wird einfach eine heutige, splittrige Geschichte erzählt, die für Arthur möglicherweise nicht so gut endet. Aber ich habe mich schon lange nicht mehr so gefreut, an dem Abend ins Kino gegangen zu sein.

Hörbuch: Jahrestage von Uwe Johnson, gelesen von Charly Hübner und Caren Miosga, Regie Wolfgang Stockmann, Hamburg 2023.

Vor drei Jahren habe ich angefangen, zum Spazierengehen Hörbücher zu hören oder mit Hörbüchern spazieren zu gehen. Täglich. Das heißt, ich brauche zuverlässigen Nachschub. Noch habe ich audible nicht leergehört, aber mit den großen und langen Büchern ist man natürlich irgendwann durch. Es kommt ja nicht jeden Monat ein neuer Proust, Tolstoi oder Victor Hugo dazu. Und ganz selten kapituliere ich auch vor einem Vorleser, der trotz Berühmtheit einfach keine französischen Straßennamen pronongsieren kann. Letzten November aber kamen sie dann: Die Jahrestage von Uwe Johnson, gelesen von Charly Hübner und Caren Miosga. Ganze 70 Stunden Chronik und zwar doppelt: die Tag-für-Tag-Erzählung des Jahres 1967/68 von Gesine Cresspahl in New York und der Bericht über die dreißiger und vierziger Jahre ihres Vaters Heinrich Cresspahl in Mecklenburgischen Jericho.

Das Buch allein ist eine (Wieder-) Entdeckung, es spricht in so vielen Aspekten mit den heutigen Verhältnissen, man kommt aus dem Staunen und Nachdenken gar nicht mehr heraus. Die Figurenzeichnungen, die Mecklenburger Geschichten, die New Yorker Zustände, Vorkrieg, Krieg und Nachkrieg, Antisemitismus, Naziwillkür, russische Besatzung, die Morde an den Kennedys und an Martin Luther King – man hat das Gefühl, Uwe Johnson erklärt einem, warum wir heute da sind, wo wir sind. Charly Hübner, Caren Miosga haben mit ihrem Regisseur einen hervorragenden Job gemacht, in jeder Hinsicht! Sie scheinen ganz in dem Werk zu wohnen, sprechen souverän plattdeutsch, sind immer auf der Höhe der Gedanken, des Humors, dieser ungebrochenen, wenn auch verschatteten Neugier des Erzählers und seiner Stellvertreterin.

Niklaus Helbing lebt in Hamburg, schreibt und inszeniert Theater mit inzwischen gegen 80 Inszenierungen in Deutschland, Österreich, Schweiz, zuletzt am Staatstheater MainzTheater Kanton Zürich. Seit 25 Jahren ist er mit der freien Theatertruppe MASS & FIEBER / MASS & FIEBER OST unterwegs, mit Gastspielen bis Lissabon und Teheran. Die Stücke Der neue Prinzenspiegel und Die Mondmaschine waren auch 2023 on tour. Nächste Premiere in Hamburg: Der Kater der Zukunft. Under construction: niklaushelbling.com.

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Anna Hoffmann: Blut und Wasser

Der Wecker klingelt, die Wassermassen rollen zurück ins Unbewusste, ich öffne die Augen, Licht fällt herein, das Jahr ist um. Ein wildes, ruheloses, stürmisches Jahr: um, hin, vorbei und weg. Kaum war ich am Ostseestrand gewesen, schipperte ich schon auf dem Nil, bin in Weimar entlang der Ilm gewandert, in Pristina über Pfützen gesprungen, stand am Ufer des Euphrat und bin in Bagdad über den Tigris gefahren, habe türkisfarbene albanische Seen bewundert, bei Speyer ein Stöckchen in den Rhein geworfen, bin vom Boot in die Ägäis gesprungen, morgens und abends an der Spree zur Arbeit getrabt, in Frankfurt über den Main zur Buchmesse gehuscht und zu guter Letzt in Hamburg über die Elbe gesetzt. 

2023, Jahr meiner Leseparenthese, mit dem „Winterpoem“ von Maria Stepanova versprach die Literatur noch komplexer und schöner und verzweifelter zu werden, wochenlang hatte ich das Buch herumgeschleppt und wieder und wieder gelesen. Als ich Monate später mit Maria im Literaturhaus in der Fasanenstraße verabredet war, konnte ich es nicht übers Herz bringen, sie zu bitten, dieses gefledderte, ehemals weiße, mir so teure Exemplar zu signieren. 

Ein befremdliches Buch blieb mir Dirk Oschmanns „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“, aber es führte dazu, mich mit meiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen und daraus entstanden Gedichte. 

Und dann knallte „Magnetizdat DDR. Magnetbanduntergrund Ost 1979 – 1990“, herausgegeben von Robert Miesner, Alexander Pehlemann und Ronald Galenza, in mein Leben, genauer in meine eh kurzen Nächte, mit seinen 462 Seiten, Erinnerungen stürzten auf mich ein, eine davon verband sich mit dem Werk der Fotografin Gundula Schulze Eldowy. „Berlin in einer Hundenacht“ wie das Fotobuch hieß die Ausstellung in der Galerie PHOTOKUNST von Johanna Breede, Fasanenstraße 69, und ich konnte nicht widerstehen … „Lothar“, und zwar der Abzug, von dem die Reproduktion für das Buch „Berlin in einer Hundenacht“ gemacht wurde, hängt nun in meiner Wohnung, ein anderer, von einer Handvoll, im Metropolitan Museum of Art in New York. 

Auf der Ausstellungseröffnung „Close to the Edge“ in der Galerie Brotfabrik hatte mir mein Mann Miron Zownir vorgestellt, einen großen Künstler des Realen: „Berlin noir“„Down and out in Moscow“„Ukrainian Night“… (noch bis zum 1. April 2024 läuft in den Hamburger Deichtorhallen „Dix und die Gegenwart“ und zeigt auch eine Auswahl seiner Arbeiten.) 

Ich verschlang die Fotos und fast hätten sie mich verschlungen und in ein dunkles Loch gespuckt, in finsterer Nachbarschaft zu Senthuran Varatharajahs Buch „Rot, Hunger“, das die Geschichte des Kannibalen von Rotenburg aufgreift und mit einer Liebesgeschichte verbindet, verstörend in der ästhetischen Setzung der Anthropophagie, verstörend der konstant hohe Ton der Erzählung kombiniert mit der präzisen Anleitung zum Zerwirken eines Fleisches. Ein Solitär. Kein neuer, funkelnder Huysmans

Sinthujan Varatharajah, der Bruder, legte 2022 „an alle orte, die hinter uns liegen“ vor, in dem er anhand eines Familienfotos den Lesenden die Augen öffnet für die Mechanismen der Macht des globalen Kolonialismus, also auch für die Monstrosität hinter unserer reichen, schönen mitteleuropäischen Welt. 

Kurz vor den Weihnachten schenkte mir ein Kollege „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ von Guy Delisle aus dem Jahr 2011, deutsch 2012 bei Reprodukt erschienen, ein Comic, in dem besagter Kollege selbst als Figur vorkommt. Das Ganze bildet einen roten Faden durch den alltäglichen Wahnsinn von Theogeographien. Eine Empfehlung für die, die sich ein umfangreiches Bild von dem Konflikt Israel/Palästina machen wollen, und ja dieser Comic kann dazu beitragen. 

Viele weitere Lektüren bleiben hier ungenannt, einfach weil die Zeit rinnt und der Alltag ruft.

Jetzt, im Rückblick, wundert es mich nicht, dass ich dem Jahresende ausgelaugt und müde entgegenwankte, zu den Literaturfestivals, Reisen, Lesungen kamen wieder Konzerte in der Philharmonie, in der Deutschen Oper „Lohengrin“, meine erste und vermutlich letzte Wagner Oper, Kinofilme: geistreich und voller Humor „Tár“, der mich ratlos und enttäuscht zurücklassende „Napoleon“ und leider Aquaman (der ist so schlecht, den verlink ich nicht), und zum ersten Mal im Leben war ich zu einer Tanz-Aufführung „SYM-PHONIE MMXX“ von Sascha Walz & Friends. 

Das Jahr brachte auch große Verluste … und der Dichter Bert Papenfuß-Gorek starb am 26. August.

Bin kein Büxenschieter und will kein Bangbüx sein, viel Schönes lag in 2023: Gedichte von mir wurden ins Englische übertragen (von Catherine Hales, merci) ins Arabische (von Fouad El-Auwad, danke), ins Albanische (von Merita Paparisto und von Iva Katundi, ich danke euch), ins Indische Odia (von Dr. Bhawani Shankar Nial –  dankeschön) und ins Persische (von Parvaneh Hosnia, merci) und gerade erreichte mich die Nachricht, dass einige dieser persischen Gedichte, in der regierungsunabhängigen Kunst- und Literaturzeitschrift CHAMEH veröffentlicht wurden. 

Wofür ich 2023 vor allem dankbar bin, sind die Menschen, die ich kennenlernen durfte, die Gespräche, die wir führten und die Gedichte, die in den verschiedenen Sprachen so wunderbar klingen. YEP!

Von Anna Hoffmann erschien im März 2023 im CulturMag Pristina, eine Momentaufnahme und im Juni 2023 Fünf Sterne Bagdad.

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