Anna Hoffmann Tag

Brigitte Helbling: Die Netze ausgeworfen In 2024 habe ich mir endlich Olivia Laings The Lonely City (Canongate 2017) vorgenommen. The Lonely City erzählt von Einsamkeit in der Großstadt und ihre Manifestationen in den Künsten, befasst sich u.a. mit Hitchcock, Nomi, Solanas, Goldin, vor allem aber mit Hopper, Warhol, Darger, Woynarowicz; Alleinsein/Einsamsein als Kunst, oder als Bedingung für Kunst… der Untertitel lautet „Adventures in the Art of Being Alone” (was sich auf mehrere Arten lesen lässt). Die sehr feine Übersetzung von Thomas Mohr entschied sich in diesem Fall für Eindeutigkeit: DieRead More
Johannes Groschupf: Ein Glücksfall Thomas Wörtche verzog keine Miene, als er mir ein Angebot machte, das ich nicht ablehnen konnte. Wir saßen bei einem Italiener am Rande Kreuzbergs. Es war spät geworden. Der Wirt wischte den Tresen mit dem Geschirrtuch. Claudia Denker, die uns zusammengebracht hatte, nippte an ihrem Grappa. Ich entschuldigte mich und ging zur Toilette. Ich schaute nicht nach, ob hinter dem Spülkasten eine Waffe versteckt war, sondern warf mir am Waschbecken kaltes Wasser ins Gesicht. Ob ich einen Thriller für seine Krimireihe bei Suhrkamp schreiben wolle? „Ja“,Read More
Brigitte Helbling: Highlights 2023 In diesem Jahr wurde mir die Lektüre von Jack Kerouacs „Dharma Bums“ von gleich zwei literarischen Werken dringend nahegelegt.  Das eine war Alison Bechdels „Das Geheimnis meiner Superkräfte“, ein Graphic Novel, über den ich für Culturmag noch schreiben will und auch werde. Die Alison-Figur in der Geschichte besteigt mit ihrer frischgebackenen Ehefrau Holi den „Matterhorn“, den Berg in den High Sierras, den schon Kerouac versuchte zu erklimmen, und scheitert genau an der Stelle im Aufstieg, wo auch ihr Vorgänger nicht mehr weiterkam (maybe ein literarischer Kniff?). Der Grund, warum Bechdel vonRead More
Niklaus Helbling: Den Atem anhalten Solenoid von Mircea Cartarescu (Paul Zsolnay Verlag, Wien 2019) ist eine fordernde Lektüre, eine Art magischer rumänischer Realismus mit Hang zur Zerfalls-Ästhetik (Jean Améry) und einem ausufernd erzählendem Ich, das ganz Bukarest verschlingt und als magnetisch-alchemistische Kraftwerk wieder ausscheidet. Der Erzähler liebt gruselige labyrinthische Gebäude, wird darin als Kind zu den Ärzten, Zahnärzten, Impfschwestern geschickt, steht dann als trauriger Lehrer vor wilden gesichtslosen Kindern, kreuzt exzentrische Kollegen im Lehrerzimmer, schläft mit Lehrerin Irina im Magnetfeld seines düsteren schiffförmigen Hauses, in dessen Keller es ein Solenoid (titelgebendeRead More
**** Anna Hoffmann: „Dat geiht nirgends so verrückt to as op de Welt.“   Für die Menschen des Südens, der auf jeden Fall und schon immer hinter der Grenze von Mecklenburg begann, etwas ausführlicher: Achtung, Judith Rakers Stroboskophaar flackert gleich los! … ich erinnere mich an kein anderes Jahr, in dem ich interessierter an der Tagesschau gewesen bin und sie öfter verpasst habe. Irgendwas war immer.  Und 2021 brachte noch mehr Irrsinn als 2020, mehr Arbeit, mehr Aufwand für die Alltäglichkeiten. Ich gehöre zu denen, die keine Zeit hatten, neue SprachenRead More
Anna Hoffmann: VLUST. Gedichte. Plus Audio-CD von Anna Hoffmann. Hybriden-Verlag, Berlin 2021. Verlagsinformationen hier. Eine Rezension. Gewiss werde ich nicht fragen, was uns Anna Hoffmann damit sagen wollte – das tat die Dichterin nämlich genau in ihren Gedichten und mit deren Form. Beschreiben möchte ich hier vielmehr, wie es mir mit diesem Buch ergangen ist. Da liegt auf meinen Küchentisch immer eine kleine Auswahl von Poesie (von der Antike bis heute). Natürlich fänden sich ‚heiligere‘ Stätten, um Gedichte in der eigenen Wohnung auszustellen …; anders gewendet: gute Lyrik ist für mich die, mit derRead More