
Kids-Beben
Was genau ist eigentlich die Arbeit von Jugendämtern?
Wissen die, was bei der Jugend los ist, was sie bewegt, reibt, wütend macht?
Was wissen wir über Jugendliche und ihre Welt, die uns auf der Straße, in der U-Bahn, in der Nachbarschaft begegnen? Oft Kopfhörer im oder auf dem Ohr, als würden sie sich von unserer Welt, die nicht die ihre zu sein scheint, abschotten. Ja, was wissen die Eltern tatsächlich über ihre heranwachsenden Kinder? Und was ist uns aus unserer Jugend im Kopf geblieben?
Fragen, die sich in den ersten Seiten von Susanne Kaisers „Riot Girl – Ein Fall für Obalski“ stellen. Fragen, denen man eigentlich gerne ausweichen möchte. Denn was habe ich mit diesen Jugendlichen und ihrer Wut zu tun, die Susanne Kaiser beschreibt? Gibt es die? Werden die übersehen?
Es ist nicht nur eine andere Generation, sondern eine andere Welt, in die man mit der forensischen Kriminalbeamtin Obalski eintaucht. Versetzt in das ihr fremde München, wird die Ermittlerin ins Jugendamt eingeschleust, um der Protestbewegung Influenzas auf die Spur zu kommen, hinter deren Online-Firewall sich jugendliche Aktivistinnen verstecken.
Bevor Missbrauchsthemen, Kinderpornographie, Demütigungen oder Elterngewalt mit Thrill die Handlung bestimmen, muss Obalski getarnt als Sozialarbeiterin die Ebenen und Hürden der amtlichen Jugendpflege und des Jugendschutzes durchdringen. Zumindest in diesem Buch hat das Jugendamt, ebenso wie die Polizei, wenig Ahnung, was in vielen Jugendlichen vorgeht oder ihnen angetan wird. Bei diesem Thema kommt der Autorin zugute, dass sie sich als Journalistin lange mit der Analyse von Geschlechterverhältnissen, organisiertem Frauenhass und Sexismus beschäftigt hat, was dem Buch einen authentischen Hintergrund gibt.
Über Social-Media-Kanäle versucht ihre Protagonistin den jungen Aktivistinnen auf die Spur zu kommen und deren angedrohte finale Aktion zu stoppen: Mit Massenselbstmorden drohen sie sich in Gesellschaft und Politik Gehör verschaffen. Freilich quält Obalski auch ihre eigene Geschichte, der sie nicht davonlaufen kann. So nimmt sie uns auch auf eine klassische Heldinnen-Reise samt moderner Drachenkämpfe und Traumata.
Zu Beginn jagt sie den Ereignissen eher hilflos nach, rennt verzweifelt gegen Firewalls, holt sich Blessuren. Trost findet sie in um die Ecke in einer Brauereikneipe beim Barmann Joe. Doch selbst beim süffigen Feierabend-Hellen im neu-alt-münchnerisch genannten Giasing, kann sie dem Fall nicht entkommen. Die Inneneinrichtung bebt, Tische und Stühle bewegen sich, Biergläser zerspringen auf dem Boden. Ausgelöst von einem Social-Media-Posting, das tausende Besucher eines Rockkonzert in der weit entfernten Olympiahalle zum rhythmischen Hüpfen aufforderte. Quasi als letzte verzweifelte, wütende Warnung an die Welt der gleichgültigen Erwachsenen, lassen die Influenzas ganz München erbeben.
Geliefert wird auch ein Sidekick ins rechte Milieu. Obalski versucht ein Mädchen aus den Fängen ihrer Reichsbürger-Eltern zu befreien, das sie als einen Teil einer Bewegung identifiziert, die an jenen blutige Notwehr-Rache üben, die durch ihre gesellschaftliche Stellung für den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen nicht belangt werden. Die Polizei sieht in diesen Missbrauchs-Tätern zunächst nur Opfer.
Hat man sich zusammen mit der verdeckten Ermittlerin mal staunend, mal mühsam, ja auch kopfschüttelnd in den Mühlen des Münchner Jugendamtes eingerichtet, nimmt das Buch stetig Fahrt auf, bis sich das Geschehen überschlägt, um die geplanten Massenselbstmorde der Jugendlichen zu verhindern.
Ein Krimi mit Anliegen, der gleichermaßen für sein Thema sensibilisiert als auch Spannung liefert. Wer weit von dieser Jugend entfernt ist, auch von Elternhäusern und einer Umgebung, die verkorkste Lebensläufe produziert, bekommt einen Einblick in eine Szene, die oft mehr im den Sozialen Medien als in der Wirklichkeit zu leben scheint oder von deren Schrecken flüchtet. Eigentlich perfekt für einen Sonntags-Tatort, der unter die Haut gehen könnte – eine erschreckende Reise in eine fremde Welt, die wir Erwachsenen kaum wahrnehmen oder begreifen.
Beim Lesen kommt das Gefühl auf, dass Susanne Kaiser ihre verdeckte Ermittlerin auch weiterhin auf herausfordernde Heldinnen-Reisen durch gesellschaftliche Problemzonen schicken will, was durchaus eine Bereicherung für die deutsche Krimi-Szene wäre. Vielleicht erfahren wir dann auch den Vornamen von Obalski.
Roland Keller
Susanne Kaiser: Riot Girl. Ein Fall für Obalski. Wunderlich Verlag/ Rowohlt, Hamburg 2025. 416 Seiten, Hardcover, 24 Euro.











