Geschrieben am 1. Februar 2026 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2026

Wolfgang Brylla liest/ schaut »Verbrenn das Negativ«

Trashig, pulpig, gut

Jeden, der mit B- und C-Horrorfilmen auf VHS-Kassette aufgewachsen ist, erwartet vermutlich mit Josh Winnings „Verbrenn das Negativ“ (Suhrkamp, 18,00 €) ein großer Lesespaß. Aber auch diejenigen, die mit Pulp-Klassikern aus Hollywood wenig am Hut haben, sollten zu Winnings Erstling, der für den Bram Stoker Award nominiert wurde, greifen, um zu erfahren, wieviel sie in den trashigen 80ern und 90ern verpasst haben.

„Verbrenn das Negativ“ ist eigentlich eine Filmgeschichte. Die Handlung um die Hauptfigur Laura Warren, die sich als Britin ausgibt, aber in Wirklichkeit US-Amerikanerin ist und als Journalisten nach L.A., in die Hauptstadt der Filmindustrie fliegt, ist im Filmmilieu verankert. Denn Laura schreibt nicht nur über die Filmstars des 21. Jahrhunderts, sondern war auch selbst im Filmzirkus mit von der Partie. Als Kinderschauspielerin nahm sie nämlich, unter ihrem bürgerlichen Namen, an der Produktion des Kultfilmes „The Guesthouse“ teil, der weniger wegen seines ausgesprochenen brillanten Drehbuches oder der szenischen Umsetzung für Schlagzeilen sorgte, vielmehr wegen einer Reihe von mysteriösen Todesfällen, die in der Filmcrew schon am Set oder kurz nach der Filmpremiere stattfinden. Und weil für einen Streamingdienst ein Remake bzw. Reboot von „The Guesthouse“ geplant ist, schickt Lauras Hauptredakteur sie in die USA, damit sie von dem ganzen Projekt berichten kann.

Winnings Thriller ist somit ein Buch über einen alten Film und einen neuen Re-Film/Serie. Obwohl Winning sich als bekennender Filmjunkie outet, der viele Jahre als Filmjournalist tätig war, vermisst man im Romantext eine typische filmische Schreibe und Darstellungsstrategie, was nahe liegen würde. Stattdessen wählt Winning einen Er-Erzähler, der mit seinem Einblick in das Innenleben der Protagonist:innen hausiert – und wir haben einen ganzen Reigen von Figuren. Kaum Montage, die Handlungszeitachse verläuft chronologisch und kausal, es gibt wenig Szenensprünge, keine Erzählcuts. Für das Lesevergnügen ist es allerdings halb so schlimm, nur die Erwartungshaltung – zumindest die meinige – wird an diesem Punkt zumindest ein bisschen in die Irre geführt.

Was das Lesevergnügen auf jeden Fall trübt, ist die teilweise hölzerne Dialogsprache der agierenden Heldinnen, vor allem von Laura und ihrer Schwester Amy, die ihr bei dem Ghosthouse-Quest hilft – es zeigt sich nämlich, dass auch bei der Neufassung des Films Menschen auf seltsame Weise sterben. Dieser ästhetische Makel ließe sich jedoch mit der fehlenden literarischen Erfahrung Winnings erklären, der ja zuerst an seiner narrativen Werkstatt feilen muss, oder auch mit dem Verweis auf die… Fadheit der Sprache in den Horrorfilmen selbst. Denn in diesen geht es meistens nicht um spitzfindige und hochgestochene Unterhaltung (auf der Flucht von einem Monster oder einem blutrünstigen Killer), sondern um Action. Es muss was halt passieren. Auch „Verbrenn das Negativ“ scheint diesem Modus operandi zu folgen. Laura stellt Fragen, flieht vor dem Fremden, flieht vor dem Film, vor ihrer Vergangenheit, vor sich selbst, vor ihrem Schicksal.

Die Handlung schleicht – „rasen“ wäre zu viel gesagt – somit von Twist zu Twist, wie in einer Geisterbahn, was man in anderen Kriminalromanen oder psychologischen Thrillern bemängelt, erweist sich bei Winning durchaus als gelungenes Erzählmodell, zumal er damit (bewusst oder auch unbewusst) das Erzählschema von Horrorfilmen adaptiert und nachmacht. Laura, an der sich die Leser:innen orientieren, repräsentiert jedoch nicht unbedingt nur das Gute, die Grenzen zwischen Gut und Böse werden verwischt. Wie in vielen Popcorn-Movies des analogen Filmzeitalters tritt auch bei Winning eine Kinderfigur in Erscheinung (hier in Gestalt der erwachsenen Laura, die sich jedoch stets an ihre „The Ghosthouse“-Phase erinnert), auch bei Winning schwebt über der Handlung ein rätselhaftes Geheimnis, es werden psychodelisch-ähnliche Zustände beschrieben und irrationale Kräfte kommen zum Zuge. Ein Horrorfilm auf Papier, ohne Film zu sein.

Die Nicht-Montage gleicht Winning mit einer Art Bild- und Text-Collage aus, mit der er eine doppelt gefakte Authentizität zu provozieren weiß. Bei den in den Fließtext einbezogenen graphischen Elementen handelt es sich um getürkte Screenshots von Twitter, TikTok oder anderen social media-Kanälen, um Interviewauszüge aus Zeitungen oder Buchfragmente, mit denen versucht wird, die Echtheit von „The Ghosthouse“ zu untermauern, einem Horrorfilm, den es nicht gibt, und somit auch die fiktive Echtheit der Romanhandlung von „Verbrenn das Negativ“ anzutippen.

Hier liegt der größte Leseanreiz – trotz einiger sprachlicher Schwächen – von Winning: Egal, ob man sich in der Horrorfilmgeschichte auskennt oder nicht, man ist geneigt (ohne selbstverständlich vorher zu googeln!) Winning Glauben zu schenken, dass „The Ghosthouse“ wirklich existierte und dass der Film eine ganze Lawine von Leichen auslöste, denn er greift auf einen festzementierten Fundus von (proto)typischen Horrorattributen zurück.

Irgendwie möchte man sich wieder „Nightmare“ reinziehen…

Josh Winning: Verbrenn das Negativ (Burn the Negative, 2023). Aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Lux. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp, Berlin 2025. Klappenbroschur, 374 Seiten, 18 Euro.

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Wolfgang Brylla brüstet sich damit, mit acht Jahren „Winnetou“ gelesen zu haben. Was für ein Teufelskerl. Zwinkersmiley. Von Thomas Mann hält er wenig, von Krimis aber viel. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer polnischen Universität verpfändet er derzeit Forschungsgelder für den Einkauf von Kriminalromanen. Sternzeichen: Skorpion. – Seine Texte bei uns hier. 
2022 erschien von ihm, zusammen mit Maike Schmidt herausgegeben, „Der Regionalkrimi. Ausdifferenzierungen und Entwicklungstendenzen“ (Vandenhoek & Ruprecht). 2025 erschien von ihm und Oliver Ruf herausgegeben, im gleichen Verlag: „TV populär. Zur Wissensgeschichte einer Fernsehform“. Sowie „Der polnische und deutschsprachige Retro-Krimi. ‹Detektivische› Fallstudien (Brill/ V & R unipress) _ Textauszug bei uns hier. Im Februar 2026 erscheint: Ästhetiken des Grauens. Kriminalität in Literatur, Film und Wirklichkeit.

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