Geschrieben am 1. Februar 2026 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2026

Wolfgang Brylla hat »Sophie L.« durchgestanden

Thriller S. wie seitenfüllend

Vom Scherz/Fischer-Verlag wird Matthew Blakes neuer Thriller „Sophie L.“ als „raffinierte Psychospannung“ gepriesen. Die Werbetrommel für den „Spiegel“-Beststellerautor Blake, der mit seinem Debütroman „Anna O.“ bei einigen für helle Begeisterung sorgte, wird außerdem auf dem Buchumschlag mit einem Rezensionsverweis der „Daily Mail“ gerührt („unvergesslich“). Na ja, ob die englische Boulevardzeitung tatsächlich als Trendsetter und Orakel in Sachen literarischen Geschmacks gelten sollte, steht auf einem anderen Blatt. Es ist eher so, dass beide, sowohl der Verlag als auch die Regenbogen-Literaturkritik, sich einfach irren, denn Blakes „Sophie L.“ ist weder „raffiniert“ noch „unvergesslich“. Viel passender wäre der Ausdruck: seitenfüllend.

Eine richtige Handlung will sich in Blakes Möchtegern-Psychothriller nicht einstellen, was angesichts der zu erzählenden Geschichte und des Geschichtshintergrunds schlicht einer Todessünde gleicht. Für den zeitlichen Rahmen wählt Blake die Gegenwart – auf dieser Ebene agiert die britische Psychologin Olivia, die gleichzeitig die Funktion der Ich-Erzählerin übernimmt – und die Nachkriegszeit in Paris, vor allem die Inneneinrichtung des Hotels Lutetia, in dem Olivias Großmutter nach den Kriegswirren endlich zu Ruhe kommen möchte.

Josephine, so heißt Olivias Oma, ist eine bekannte französische Malerin, die an ihrem Lebensabend – sie wird schließlich ermordet – das Hotel wiederaufsucht, um sich ihrer Biographie zu stellen und ein Identitätsrätsel zu lösen. Es zeigt sich nämlich, dass Josephine jahrzehntelang unter einem falschen Namen lebte. Sofort nach Kriegsende fand im Zimmer 11, erster Stock, ein Rollenwechsel statt, der jetzt von Josephine mehr oder weniger publik gemacht werden soll. Ein alter Weggefährte Josephines hat allerdings etwas gegen die persönlichen Geschichtsausgrabungen, weil er um seinen guten gesellschaftlichen Ruf, trotz hohen Alters, fürchtet. Ein Profikiller kommt zum Zuge, Olivia setzt sich zum Ziel, der mysteriösen Sache auf den Grund, auch um Licht in ihre Familiengeschichte zu bringen.

Anders gewendet: mehr oder minder eine Geschichte, die man schon in verschiedenen Variationen schon gehört und gelesen hat, was keinesfalls als Vorwurf zu verstehen ist. Allerdings nutzt Blake die Variationsfähigkeit des Genres nicht aus. Einerseits ist das historische Setting sehr vielversprechend – Frankreich nach der deutschen Besatzung, Holocaust-Überlebende, Résistance-Kämpfer und Nazi-Mitläufer –, andererseits erfährt man fast gar nichts über diese Zeit. Stattdessen wird immer wieder auf die brillanten Skills und Kompetenzen Olivias im Bereich Erinnerung/Gedächtnis hingedeutet, wobei bei der geschilderten ‚Gedächtnisermittlung‘ und den Nachforschungen im Grunde gar kein neuer Ansatz zu erkennen ist.

Die Vielzahl an Figuren, die in der Gegenwarts- wie Vergangenheitshandlung auftreten, sorgen für Verwirrung, denn nicht immer werden ihre Aufgabenfelder erklärt bzw abgesteckt. Dieselbe gilt für die verschiedenen figurativen Konstellationen und Wechselbeziehungen, die nur angedeutet werden. Zuletzt bleiben einige Fragen unbeantwortet und die Hauptmotivation des Täters und seine Position in der High Society Frankreichs sind so hanebüchen, dass man als Leser:in mit dem Kopf schüttelt.

Dies alles hätte man bei der Lektüre von „Sophie L.“ verdauen und verzeihen können – auch die hastig wirkenden Rückblicke –, hätte Blake die Neigung zur überschweifenden Länge nicht gehabt. „Sophie L.“ zieht sich hin – für einen Psychothriller eher unüblich –, auch aufgrund solcher handlungsredundanten Sätze wie: „Mir bleibt kaum Zeit zu verstehen, was passiert ist. Plötzlich verschiebt sich ein Großteil meines Lebens und ergibt einen neuen Sinn“.

Ach so… 100 Textseiten hätten für „Sophie L.“ gereicht. Kein „unvergesslicher“ Roman, sondern ein Roman zum Vergessen. Schade nur, dass nach Anna O. und Sopie L. wahrscheinlich noch eine Angelika K. oder Brigitte B. kommen.

Matthew Blake: Sophie L. (A Murder in Paris, 2025). Aus dem Englischen von Andrea Fischer. Fischer Scherz, Frankfurt 2025. 384 Seiten, Paperback, 18 Euro.

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Wolfgang Brylla brüstet sich damit, mit acht Jahren „Winnetou“ gelesen zu haben. Was für ein Teufelskerl. Zwinkersmiley. Von Thomas Mann hält er wenig, von Krimis aber viel. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer polnischen Universität verpfändet er derzeit Forschungsgelder für den Einkauf von Kriminalromanen. Sternzeichen: Skorpion. – Seine Texte bei uns hier. 
2022 erschien von ihm, zusammen mit Maike Schmidt herausgegeben, „Der Regionalkrimi. Ausdifferenzierungen und Entwicklungstendenzen“ (Vandenhoek & Ruprecht). 2025 erschien von ihm und Oliver Ruf herausgegeben, im gleichen Verlag: „TV populär. Zur Wissensgeschichte einer Fernsehform“. Sowie „Der polnische und deutschsprachige Retro-Krimi. ‹Detektivische› Fallstudien (Brill/ V & R unipress) _ Textauszug bei uns hier. Im Februar 2026 erscheint: Ästhetiken des Grauens. Kriminalität in Literatur, Film und Wirklichkeit.

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