
Ein seltsamer Roman
Fleischstreifen an einer Wäscheleine oder Spargel, die zu Fingern mutieren. Mit solchen und ähnlichen surrealistischen und skurill anmutenden YouTube-Filmchen mauserte sich Uketsu zum medialen holy shit des japanischen Mainstreams. Nur wenige wissen, wer sich in Wirklichkeit hinter der weißen Gesichtsmaske aus Pappmaché versteckt. Dank dieses gezinkten und PR-mäßig genial vermarkteten Identitätsspiels liefert Uketsu dem nach Sensationen und Klatsch lechzenden Publikum immer wieder den nötigen Gesprächsstoff, was natürlicherweise die Verkaufszahlen seiner Romane alles andere als herunterdimmt. Bei Lübbe ist in der zweiten Hälfte 2025 – vier Jahre nach der Buchpremiere – Uketsus „Das seltsame Haus“ erschienen. Ein merkwürdiger Kriminalroman, an dem sich wohl die (nicht nur japanischen) Geister scheiden werden.
Ähnlich wie Uketsus hochgehypter und gefeierter Erstling – „Seltsame Bilder“ – handelt auch „Das seltsame Haus“ von Bildern. Diesmal von zwei Hausgrundrissen, die ein tiefes, unmenschliches Geheimnis verbergen. Es geht nämlich um brutale Morde, um mysteriöse Korridore und Übergangsflure, um Räume, die es zwar gibt, die aber nicht gesehen und entdeckt werden dürfen. Zu diesen Zeichnungen gesellt sich im Verlaufe der Handlung noch ein dritter Grundriss, wodurch allerdings die ganze Verbrechenssituation nicht um eine weitere verschlüsselte Komponente verschlimmbessert wird. Stattdessen fungiert diese Zusatzskizze mehr oder minder als das erhoffte Licht im dunklen Tunnel, mit der alle Fragen beantwortet werden. Oder zumindest: beantwortet werden können.
Erinnern Sie sich, als vor vielen Jahren Hellmuth Karasek in der Fernsehwerbung einer berühmten schwedischen Möbelverkaufskette einen Katalog in der Hand hielt, den er augenzwinkernd als „möblierten Roman“ bezeichnete? Angelehnt an Karasek könnte man im Falle von Uketsus „Das seltsame Haus“ von einem „gemauerten Roman“ sprechen, der seine Hauptaufmerksamkeit den Gebäuden bzw. den Umrisszeichnungen von irgendwelchen Einfamilienhäusern schenkt, die nur auf den ersten Blick normal wirken. In Wahrheit jedoch bilden sie eine Keimzelle des Bösen, in der Morde von… physisch eingeschränkten Kindern verübt werden. Wer Opfer und wer Täter ist, die Gründe dafür muss man in der Familiengeschichte suchen, in einem familiären Tötungsritual, das man sogar im 21. Jahrhundert, im Zeitalter von TikTok, Instagram und Chatrooms, weiterhin pflegt.
Die in den Kriminalroman eingeschleusten Hausprojektbilder bilden den Grundstock des Erzählens. Ohne die eingeflossenen Grundrisse gäbe es auch kein Erzählmotiv; die 08/15-Bauamtzeichnungen sind deswegen einerseits der narrative Impetus, und andererseits der Klebstoff, der die Handlung zusammenhält, zumal immer und immer wieder auf sie verwiesen wird. „Das seltsame Haus“ lässt sich als Architektursachbuch im Einrichtungs-Grundkurs viertes Semester verstehen. Man erfährt viel von Wänden, die ihre Funktion nicht erfüllen, von frageaufwerfenden Leerräumen, von Wohnzimmern ohne Fenstern. Die ganze Geschichte dreht sich um Hauspläne und -verzeichnisse. Anders: um Räume, die textuell illustriert werden und die auf diese Weise auf den ‚guten‘ alten Häkelkrimi Bezug nehmen, der nicht selten ebenfalls auf Landkarten, Hauskarten mit verschiedenen Zimmeranordnungen und Inventaren zurückgriff, um das zu lösende Rätsel räumlich zu verorten, den Leser:innen eyecatchermäßig einen objektiven Lageplan zu kredenzen und die Erzähldramatik an visuelle Elemente zu binden.

Nicht nur in dieser Hinsicht scheint sich Uketsu der Tradition der detective story verpflichtet zu fühlen. Auch mit Blick auf die Strategie der Spannungserzeugung orientiert er sich an den ganz Großen des Golden Age. „Das seltsame Haus“ ist zerredet, der Ich-Erzähler, eine Koryphäe in Sachen Okkultismus, gibt seine Einzelgespräche mit diversen Figuren wieder. Der Romantext wirkt wie eine Aneinanderreihung von Interviews. Erst im vierten abschließenden Kapitel findet sich eine vom Erzähler eingeleitete Rekapitulation der Blutbadgeschichte – gemäß dem schematischen Erzählmuster des Detektivromans mit der Rekonstruktion des Falls am Romanende –, in der die Story hinter der Story mehr oder weniger erklärt wird. ‚Erklärung‘ ist vielleicht auch das falsche Wort, denn es ist schon eine Kunst für sich, im Stammbaum von Katabuchi den Überblick nicht zu verlieren und den vielen Familienver- und abzweigungen nachzukommen. Ganz old school wird dann in einem abgedruckten Brief eine Erklärung der Erklärung nachgereicht, was an sich nur schlüssig ist und als Gattungshommage an die Christies und Co. gelesen werden kann, auf der anderen Seite jedoch mit der (beabsichtigten?) Post-Modernität Uketsus in keinem Zusammenhang steht.
Denn „Das seltsame Haus“ ist, konzentriere man sich auf das Wie des Erzählens, durchaus als Beispiel eines Romans zu betrachten, der neue mediale Kommunikationsformen ins Literarisch-Konservative zu transferieren versucht und mit der Hineinimplementierung von Grundrissen ein multimediales Konstrukt auf den Weg bringt, das auf die heutige Social media-Welt anspielt. Man nehme oder poste ein Bild, man setze einen Kommentar darunter, boom, zack, fertig. Darüber hinaus wird man den Eindruck nicht los, dass Uketsus Romankapitel einen Chatverlauf abbilden. Dies wird durch die ständige Hervorhebung der einzelnen Gesprächsteilnehmer in Fettdruck verstärkt. Man könnte sogar behaupten, dass den meisten kurz gehaltenen Figurensätzen, oder Benachrichtigungen, ein Zeichenlimit wie bei X zugrunde liegt.
Mit X und anderen sozialen Netzwerken, wo Fake news und Alternativzeugs kolportiert werden (können), hat „Das seltsame Haus“ auch eine andere Gemeinsamkeit. Am Romanschluss herrscht nämlich keine 100%ige Gewissheit, die für die Rätselkrimis so typisch sind, sondern eine vollkommene Unsicherheit. Ob die vom Ich-Erzähler präsentierte Mordhausgeschichte wahr ist, wird von ihm selbst bezweifelt, denn „natürlich sind das nur Vermutungen von mir“, weiß unser Magie-Experte zu berichten, „für die es keinerlei Beweise gibt. Aber genauso gibt es auch keinen Beweise dafür dass Keitas Brief wirklich von ihm selbst geschrieben worden ist“. Mit anderen Worten: so ist es – oder auch anders.
Man muss sich halt selbst einen Reim auf Uketsu machen. Eigenartig ist „Das seltsame Haus“ jedoch auf jeden Fall: sonderbar gut, sonderbar schlecht oder einfach sonderbar.
Wolfgang Brylla
Uketsu: He Na IE – Das seltsame Haus. Übersetzung aus dem Japanischen von Heike Patzschke. Bastei Lübbe AG, Köln 2025. Hardcover, 224 Seiten, viele Abbildungen, 24 Euro.
Anm. d. Red.: Siehe auch Thomas Wörtche zum ersten Uketsu-Band bei uns und beim SWR.


























