Geschrieben am 1. März 2024 von für Crimemag, CrimeMag März 2024

Weltempfänger 58

Seit Ende 2021 bin ich in der Jury für den Weltempfänger – und sobald ich anfange, davon zu erzählen, klinge ich kitschig: Seither ist die Welt in meinem Kopf viel größer geworden. Finde ich Suriname mühelos auf einer Weltkarte. Habe ich neue Interessen entwickelt. Viel gute Literatur gelesen, die sonst vermutlich an mir vorbei gegangen wäre. Und viel über die verschiedensten Länder gelernt. Dieser letzte Punkt ist es, der mich am meisten ärgert. Das ist ein Satz, der immer wieder fällt, sobald man über Literatur aus dem Globalen Süden spricht. Mit ihm hängt eine Ignoranz zusammen: Wann hat das wohl jemand zuletzt über einen US-amerikanischen Roman gesagt? Aber auch eine Erwartung an diese Literaturen, die nur selten einfach Literatur sein dürfen. Das Problem: Oft lerne ich etwas aus den Büchern, die ich lese. Auch bei dem aktuellen Weltempfänger. Als Beispiel: Platz 6, „Die sieben Monde des Maadi Almeida“. Diese bitterböse Farce spielt während des Bürgerkriegs in Sri Lanka. Noch nicht einmal der Autor Shehan Karunatilaka geht davon aus, dass jemand diesen Konflikt überblickt: Er liefert eine sehr übersichtliche Auflistung mitsamt pointierter Zusammenfassung der verschiedenen Konfliktparteien, gibt kurze Einführungen in vorherige Ereignisse und schafft es doch, das Grauen, die globale Bedeutung dieses Bürgerkrieges zu erzählen. Und zwar alles verpackt in eine aberwitzige Kriminalgeschichte: Der Fotograf Maali Almeida wurde ermordet. Ihm bleiben sieben Monde, um herauszufinden, wer ihn umgebracht hat. Ein Geist auf Mördersuche – das ist abgedreht und oftmals hochkomisch, zumal alles letztlich banal aufgelöst wird. Aber ich habe eben auch sehr viel über die Geschichte Sri Lankas gelernt.

Viel gelernt habe ich auch in dem Comic „Tsai Kun-lin – Die gestohlenen Jahre“ – bereits hier von mir vorstellt. Und aus „Kein Wasser stillt ihren Durst“ von Najat Abed Alsamad. Hierin erzählt sie von der syrischen Drusin Hayat, die von ihrem Ehemann verstoßen wurde. Zu Beginn dieses Romans sitzt sie in einem Keller ihres Elternhauses und beginnt sich zu erinnern. Wer nun denkt, so etwas habe er schon oft gelesen, liegt falsch. Es geht nicht nur um die Geschichte Hayats, sondern Alsamad erweitert die Perspektiven und erzählt die komplexe Geschichte einer patriarchalen Religion, Kultur und ganzen syrischen Region.

Vielschichtige Einblicke in die chilenische Gesellschaft stecken in „Mein Name ist Estela“ von Alia Trabucco Zerán: Das Hausmädchen Estela sitzt in einem Vernehmungsraum. Das siebenjährige Mädchen ihrer Arbeitgeber ist gestorben, sie soll dazu aussagen. Also beginnt sie zu erzählen – und in ihrer Erzählung zeigt sich, wie tief sich die Auswirkungen einer Diktatur und des Turbokapitalismus in Menschen und Familien einschreiben.

Vielleicht ist es also doch etwas Gutes, aus Literatur zu lernen. Solange sie auf diese Funktion nicht festgelegt wird.

Als PDF finden Sie den Weltempfänger auf der Seite von Litprom.

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