Geschrieben am 1. März 2024 von für Crimemag, CrimeMag März 2024

Thomas Wörtche: Samuel W. Gailey »Die Schuld«

Und wasche ab unsere Schuld …

Hat Samuel W. Gailey mit „Die Schuld“ einen noir théoligique vorgelegt? Thomas Wörtche grübelt …

“Die Schuld”, die dem Roman von Samuel W. Gailey den Titel verleiht, gibt sich Alice O´Farrell, die als 15jähriges Mädchen nicht richtig auf ihren kleinen, nervigen Bruder Jason aufpasst. Jason schließt sich im Wäschetrockner ein und kommt so zu Tode. Alice kann sich das nicht verzeihen, läuft von zuhause weg, fängt an zu trinken, lebt auf der Straße, wird kleinkriminell und schlägt sich schließlich jahrelang mit miesen Jobs in miesen Bars und Stripschuppen durch. Jetzt, fünf Jahre später, erwacht sie eines morgens neben ihrem schmierigen Chef, der tot im Bett liegt. Alice findet eine Menge Drogen in der fremden Wohnung und eine Tasche mit 91.000 Dollar. Als zwei Gangster und zwei Cops auftauchen, gibt es ein Blutbad. Alice gerät in Panik, schnappt sich das Geld und rennt davon. Kurz danach heften sich ein Psychopath und ein monströser Schläger (aus dem Tarantino-Labor) an ihre Fersen und eine wilde Jagd durch vier Bundesstaaten beginnt. Dass Alice unterwegs noch die 15jährigen Ausreißerin Delilah zuläuft, die ebenfalls gute Gründe für ihre Flucht hat, macht die Angelegenheit nicht einfacher.

Der Roman folgt drei Vektoren: Den Schuldgefühlen von Alice, ihrer Flucht vor den Gangstern und ihrem allmählichen Selbstentzug vom Alkohol, während ihre Lage immer prekärer wird.  Den meisten Platz gibt der Roman für Alices Roadtrip durch ein Amerika aus, das hauptsächlich aus hässlichen Landschaften, hässlichen und abstoßenden Menschen und schlechtem Essen besteht. Manchmal ist es schwer zu entscheiden, ob es der Blick der weißen Mittelstandstochter Alice ist oder der des Erzählers, der jede Adipositas, jede schlimme Frisur, jeden ekligen Fraß, jeden niedrigen Rassismus und jede billige Klamotte penibel festhält.

Gailey lässt kaum einen Topos, kaum ein Klischee in seinem Porträt des ugly America aus. Dasselbe gilt auch für die Flucht von Alice vor dem Psychopathen und seinem Gehilfen. Man weiß sehr genau bei den auftauchenden Nebenfiguren, wer zum Kollateralschaden wird  – und man weiß auch ziemlich genau, auf welches Ende das Buch hinausläuft. Und man wird sogar ein bisschen unsicher, ob diese auffällige und nicht sehr originelle Häufung genre-typischer Elemente sogar als Parodie zu lesen sein könnte, weil „Übererfüllung“ von Textmerkmalen eigentlich immer ein Indikator für Parodie ist – oder für fragwürdige Prosa. Auch dass Alices Schuldthema endlich diskursiv verhandelt wird, entbehrt einer gewissen, unfreiwilligen Komik nicht: Es ist am Ende der Psychopath, der quasi als Psychotherapeut agiert. Aber hatten wir das nicht schon seit Hannibal Lecter in rauen Mengen?  

Gegen eine parodistische Intention spricht aber, dass der Roman absolut komikfrei ist. Man kann nur spekulieren, ob Gailey den vor zwanzig Jahren aufsehenerregenden und immer noch großartigen Roman „Donna und der Fettsack“ der Britin Helen Zahavi kennt, der aus einer vage ähnlichen Konstellation (junge Frau spielt mit dem Feuer in Gestalt eines Psychos) wie „Die Schuld“ heraus mit einem exzessiven Ende der Selbstzerstörung einer problematischen Heldin endete. Aber so radikal wie Zahavi ist Gailey dann doch lieber nicht. Und so obsiegt der amerikanische Optimismus über all die Hässlichkeit und Verworfenheit der Welt.  Schuld, so könnte man den Schluss des Romans deuten, kann man, wenn man nur durch genug Leid purgiert ist, letztendlich – und hier im Wortsinn – abwaschen. Das ist sehr theologisch gedacht, aber das kennen wir seit Jim Thompson und James Lee Burke nur wahrlich auch schon.

Samuel W. Gailey: Die Schuld (The Guilt We Carry, 2019). Aus dem Englischen von Andrea Stumpf. Polar Verlag, Stuttgart 2024. Hardcover, 308 Seiten, 26 Euro.

Tags :