Geschrieben am 1. April 2024 von für Crimemag, CrimeMag April 2024

Thomas Wörtche findet bei Fabio Stassi »Die Seele aller Zufälle«

Einfach nur brillant

Vince Corso, der Held von Fabio Stassis Roman “Die Seele aller Zufälle“ ist Aushilfslehrer, Gelegenheitsdetektiv und vor allem Bibliotherapeut. Sein Ansatz ist, für jedes menschliche Problem, das seine Klientinnen und Klienten ihm vortragen, die dazu passende, heilsame Lektüre zu empfehlen. Ach, wie schön es wäre, würde dieses Berufsbild ökonomisch ersprießlich tatsächlich existieren. Corsos literarisches und kulturhistorisches Wissen ist in tutta Roma bekanntermaßen immens. Und so beauftragt ihn eine Dame aus der Gesellschaft, die literarische Quelle von bruchstückhaften und anscheinend unzusammenhängenden Worten und Zeilen zu finden, die ihr demenzkranker Bruder unaufhörlich vor sich hinmurmelt. Sie verspricht sich davon den Schlüssel zu einem Millionenerbe, Corso hingegen vermutet genau eine solche gierige Ranküne und verschweigt seiner Klientin, dass er das gesuchte Buch identifiziert hat und auch eine Menge mehr, was er über den dementen Bruder und dessen unendliche, weltumspannende Bibliothek in Erfahrung gebracht hat. Das Rätsel ist gelöst, aber der Sinn der Lösung bleibt zunächst im Vagen.

Ein Kriminalroman ohne Leiche also, aber voller Rätsel, Mysterien, Hin- und Verweisen ohne Ende. Das fängt schon damit an, dass unser Held in der Via Merulana in Rom wohnt, eine Adresse, die direkt auf den kapitalen Roman „Die grässliche Bescherung in der Via Merulana“ von Carlo Emilio Gadda hinweist, ein Schlüsselwerk der italienischen (Kriminal-) Literatur aus dem Jahr 1947 (hier bei uns besprochen). Und wo unendliche, labyrinthische Bibliotheken auftauchen, sind, wie stets, der Geist und die Text-Thesauren und – Labyrinthe von Jorge Luis Borges nicht weit. Aber diese Strategie des Verweisens, der Anspielungen und der Zitate ist nicht beliebig: Gaddas Roman war eine heftige Attacke gegen den Faschismus der 1920er Jahre, dessen Symptome Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auch der ätherisch-melancholische Held Corso in unserer Gegenwart auf den Straßen Roms brachial abbekommt. Und Borges steht als Chiffre für die argentinische Kultur, die ja sowieso in spezieller Wechselwirkung zur italienischen Kultur steht.

Stassi ruft neben Borges von Carlos Gardel (die argentinische Tango-Ikone) über Ricardo Piglia, Oswaldo Soriano und viele andere mehr ganze kulturelle Kontextcontainer ab, weil die Lösung des Bücherrätsels über ein aus Argentinien nach Italien re-importiertes Kartenspiel namens Truco zu einem tatsächlich existierenden argentinischen Roman führt.

Um diesen kriminalistischen oder besser – doppelsinnig – kriminalliterarischen Kern des von Annette Kopetzki großartig übersetzten Romans legt Stassi in anscheinend mäandernden Exkursen, Meditationen und Reflexionen über Themen wie u.a. Erinnerung, literarisches Verstehen, Poetik, Kontingenz und die Sinnhaftigkeit des Daseins wie der (Kriminal-)Literatur, ein Plädoyer für eine globale Zivilisiertheit, für eine Welt voller Kultur, Wissenschaft, Erkenntnis und Mysterien.

Daraus ergibt sich kein Meta-Roman (wie man auch nicht alles, was der Erkenntnis folgt, dass Literatur immer auch aus Literatur entsteht, gleich als „meta“ rubrizieren muss), sondern eine spannende, wollüstig zu genießende, allzeit originelle und sehr kluge Lektüre darüber, dass alles mit allem zusammenhängen mag, wenn man es nur erkennen kann. Und so gesehen, ein brillanter Beitrag zur Entgrenzung von „Genre“, im Geiste des Genres.

Zudem bietet das Ende des Romans einen cleveren Cliffhanger zu dem – handlungschronologisch – nächsten Roman von Fabio Stassi: „Ich töte, wen ich will“ (dt. 2022, hier bei uns von TW besprochen).

Thomas Wörtche

Fabio Stassi: Die Seele aller Zufälle (Ogni coincidenza ha un’anima, 2018). Deutsch von Annette Kopetzki. Edition Converso, Karlsruhe 2024. 283 Seiten, 24 Euro.

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