Eine Glosse

John le Carré, dessen epochaler Roman von 1974, „Tinker, Tailor, Soldier, Spy“, gerade in einer Neuübersetzung von Peter Torberg bei Ullstein erschienen ist, bezeichnete in seiner Korrespondenz (auch gerade erschienen: „Ein diskreter Spion. John le Carrés Briefe. Herausgegeben von Tim Cornwell. Ü. Peter Torberg, Ullstein) seinen Roman als „nur einen Krimi“, respektive „nur einen Thriller zwischendurch“. So was nenne ich Understatement, handelt sich doch um einen ungeheuer komplexen, vielschichtigen und literarisch brillanten Roman, der einer extrem aufmerksamen Lektüre bedarf, damit man als Leser nicht aus der Kurve fliegt und den Faden verliert.
Ein Stück Weltliteratur – und deswegen auch nach einem halben Jahrhundert noch extrem haltbar -, angesiedelt in der opaken Welt der Geheimdienste im Kalten Krieg. Also in einer Realität, die im nichtfiktionalen Raum einen entscheidenden Impact auf die politische Weltlage hatte und immer noch hat. Oder auch nicht, weil le Carré ein großer Skeptiker gegenüber einfachen Weltbildern und Ideologien war. Und weil diese Skepsis mit literarischen Mitteln artikuliert wird. Mit geistreichen, stets vieldeutigen Dialogen, deren Funktion innerhalb des Romans sich möglicherweise erst hundert Seiten später enthüllt; mit kunstvollen Schilderungen anscheinend banaler Alltagssituationen, die aber niemals nur Beiwerk sind, sondern die intellektuellen, psychologischen und politischen Labyrinthe markieren, in denen die Figuren des Romans agieren – und insofern auch das geneigte Lesepublikum hineingezogen wird. Das Ganze in feinster artistischer Ziselierung, deren Pendants in den Werken der klassischen Moderne zu suchen wären.
Aber: Immer noch hängt das werturteilende Damokles-Schwert des Labels „Spionageroman“ über John le Carré (und vielen anderen Autoren seiner Liga, wie Eric Ambler, Ross Thomas, Robert Littell et al). In seiner jüngst erschienenen Streitschrift über „Ästhetische Intoleranz“ (also über das in der Tat faszinierende Thema, warum gerade Urteile über Kunstwerke aller Art notfalls extrem polarisieren können) rechnet Johannes Franzen („Wut und Wertung. Warum wir über Geschmack streiten“, S. Fischer) die Romane von le Carré der „leichten Kost“ zu. Na dann, viel Spaß mit „Tinker, Tailor, Soldier, Spy“.
Das Ironische dabei ist, dass Franzen zwar den Zusammenbruch „stabiler kultureller Hierarchien“ konstatiert, aber zugleich durch solche, marginal daherkommenden Bemerkungen genau diese überkommenen Hierarchien zementiert. Nun würde Franzen vermutlich, also sehr, sehr hypothetisch erwidern, ich sei lediglich beleidigt, weil er meine Einschätzung von le Carré nicht teilt und ich mich deswegen in meiner Deutungshoheit angegriffen fühle. Darauf könnte ich wiederum (und wahrheitsgemäß) antworten, dass ich auch den „Ulysses“ für leichte Kost halte, weil er mich glänzend unterhält und amüsiert. Dieses Spiel könnten wir unendlich weiterbetreiben und Metaebene auf Metaebene türmen. Und vergessen dabei, dass es schon lange nicht mehr um solche Werturteilsstreite geht, die sowieso nur in den Wurmfortsätzen des „Diskurses“ unter Ausschluss des breiten Lesepublikums stattfinden – also in dieser Kolumne oder in den paar übriggebliebenen Feuilletons (print und online).
Tatsächlich lassen sich große Teile der Leserschaft von solchen Exerzitien nicht mehr beeinflussen – das ist ein Faktum. Gerade hat Manfred Rebhandl für den Standard ein interessantes Interview mit der Dark-Romance-Queen Jane S. Wonda geführt (Mafia-Romance zum Beispiel gehört deutlich in unser Arbeitsgebiet hier). Auf Rebhandls Verwunderung, warum „der Schwanz groß, die Pussy klein sein“ muss und die Sprache oft pornographisch, antwortet Wonda, dass solcherlei eben dem Genre geschuldet sein, weil die Leserinnen dies nun mal verlangten. Und was verlangt wird, wird geliefert. Zwar gibt es meines Wissens keine normative Theorie von „Dark Romance“, aber darum geht es nicht. Es geht schlicht und einfach um Interessen, vulgo finanzielle Interessen der Verlagsplayer auf diesem Feld. Und die definieren sich, nachdem der Parameter Regionalität (Regio-Krimis, Destination-Krimis) ausgereizt zu sein droht, zunehmend über demographischen Fakten. Altersheim-Krimis für die (Post-)Boomer, Menopausen-Krimis für die Millionen Frauen über 50, und eben „Dark Romance“ für den meist weiblichen Lesenachwuchs. Le Carrés Roman war ein Welterfolg und MillionSeller, auch bei Lesern von Ian Fleming (eine Art Wonda-Analogon seiner Zeit), es käme also darauf an, einen oder eine le Carré für alle heutzutage zu erfinden. Es würde sich lohnen.
© 02/2025 Thomas Wörtche











