Geschrieben am 1. März 2024 von für Crimemag, CrimeMag März 2024

Thomas Wörtche über »Brazilian Psycho«

Ein verwirrendes Projekt

TW reibt sich die Augen

„Brazilian Psycho“ von Joe Thomas hat zwar mit „American Psycho“ weder formal noch inhaltlich zu tun, bewegt sich aber dennoch auf literarisch vorgeprägtem Terrain: Erzählungen über die soziopolitischen Zustände des heutigen Brasiliens, so wie wir es auch von Rubem Fonseca, Paulo Lins, Patrícia Melo oder den Filmen um die „Tropa de Elite“ kennen.  Diese meisterhaften Narrative allerdings stehen „Brazilian Psycho“ massiv im Weg.

Auf fast 650 Seiten zieht der Brite Joe Thomas am Beispiel São Paulo ein Riesenpanorama auf: Er beschreibt die Jahre 2003 bis 2019 als ein Kontinuum von Korruption, Verbrechen, Elend, Gewalt, Ausbeutung und Ungerechtigkeit. Sein Personal – kleine Gangster, große Gangster, PolitikerInnen, Anwältinnen, Polizisten, Investoren, Banker – stammt aus den Favelas und den Vierteln der Reichen und Mächtigen gleichermaßen.  Wir erleben aus lokalpolitischer Perspektive das Scheitern von Lula da Silva und Dilma Rousseff und damit den Aufstieg von Jair Bolsonaro, der alles noch viel schlimmer macht. Als erzählerischer Leitfaden dient die Suche nach einem Mörder, der möglichweise ein Serienmörder sein könnte.

Thomas verarbeitet tonnenweise Originalmaterial (Studien, O-Zitate aus den Medien etc.), versucht sich in nicht-linearem Erzählen, baut plötzliche Perspektiv-Sprünge ein, die den Roman eher undurchsichtig machen, allerdings ohne dekonstruktive Absicht. Unklar bleiben die politischen und finanziellen Manöver, undeutlich und verschwommen viele Figuren. Und zumindest mir fehlt ein deutliches Alleinstellungsmerkmal (oder gar viele), die Joe Thomas´ São Paulo z.B. von Rio unterscheiden würden.

Klar, Eindeutigkeiten und Übersichtlichkeit sind vermutlich nicht zu haben und sollen auch gar nicht simuliert werden, bei den geschilderten Verhältnissen. Und gar nichts gegen Techniken, die dem elenden, herabgesunkenen Realismus des 19. Jahrhunderts im Geschmack literarischer Oberlehrer Paroli bietet, der immer noch geschätzte 80% von „Genre“ dominiert. Also alle Techniken von Moderne, Post-Moderne und Postpostmoderne, vulgo Erzählen auf dem state of the art. Bei Joe Thomas liest sich das alles so, als habe er die ganzen Verfahren gerade erfunden und hantiere ungelenk damit herum. Aber so ganz will er sich nicht dem Chaos und der Unübersichtlichkeit seines Themas überlassen – deswegen vermutlich das Serienmörder-Thema als narratives Leitmotiv.  

Für ein spezielles Betonklötzchen seines Projekts kann Thomas allerdings nichts. Er ist nunmal Engländer und schreibt auf Englisch. Das schlägt ihm das Instrument Sprache aus der Hand, daran kann auch der Übersetzer Alexander Wagner nichts ändern. Vergleicht man Joe Thomas etwa mit Rubem Fonseca, der die unendlichen Schattierungen und Nuancen des Alltags-Brasilianisch resp. der verschiedenen Alltags-Brasilianischs (äh, wie ginge der Plural an der Stelle?) erzählerisch einsetzt, reden die Figuren, egal, ob aus der Favela oder der Oberschicht kommend, bei Thomas alle ähnlich. Der andauernde Einwurf von ein paar O-Sprache-Partikeln hilft da wenig. „Filho da puta“, einfach mal so eingestreut, macht noch keinen Soziolekt.

Und noch ein Punkt: Wenn man lange der südamerikanischen Kriminalliteratur vorgeworfen hatte, lediglich das rewriting angelsächsischer Muster zu betreiben (eine These von Ilan Stavans, die nur partiell richtig war und historisch überholt ist), ist es von einer speziellen bösen Ironie, dass man jetzt von außen den brasilianischen Zuständen mit Erzählstrukturen zu Leibe rücken will, die aus den us-amerikanischen 1980s und 1990s (also James Ellroy und Bret Easton Ellis) stammen – zumal das aber auch nur auf der Marketing-, und keinesfall auf der Text-Ebene stattfindet. Aber das nur nebenbei … 

Deswegen empfehle ich dann doch, eher zu Patrícia Melos „Die Stadt der Anderen“ zu greifen (mehr dazu in der nächsten Ausgabe des CrimeMag) – da wird der Unterschied der beiden Register ziemlich sehr deutlich.

Thomas Wörtche

Joe Thomas: Brazilian Psycho (Brazilian Psycho, 2020). Deutsch von Alexander Wagner. Verlag btb, München 2024. 640 Seiten, 18 Euro.

Tags : , , ,