Ambler, immer wieder Ambler
Immer in den Sommerferien begehe ich die Sünde des Fremdlesens. Fremdlesen heißt, just for fun zu lesen, ohne Verwertungsabsicht für editorische oder publizistische Zwecke. Zumindest rede ich mir gerne ein, dass das so sei. Und so habe ich mir dieses Jahr einen Stapel Romane von Eric Ambler (1909 – 1998) eingepackt, weil ich ja gerne dem Rat von Ross Thomas folge: „Ambler, immer wieder Ambler“. Intelligente Plots, schillernde Figuren, elegante Prosa – was will man mehr in der milden Meeresbrise auf der Insel des Ewigen Frühlings, Madeira. Pustekuchen. Auch mitten im Atlantik hat die Hitzewelle zugeschlagen. Aber vor allem: Was ich mir so als vergnügliche, wiederauffrischende, aber im Grunde bekannte Lektüre vorstellte, erwies sich dann doch als Keim für diese Kolumne, von wegen Fremdlesen.
Das hat damit zu tun, dass Eric Amblers Polit-Thriller mir heute aktueller denn je vorkamen, obwohl seine 18 Romane zum Teil uralt sind – sein erster Roman, „Der dunkle Grenzbezirk“ erschien 1936. Und das mir, obwohl ich wahrlich kein Freund nostalgischer Verklärungen bin. Außerdem haben seine Romane gewichtigen Anteil daran, dass man Polit-Thriller durchaus als die Königsklasse der Crime Fiction verstehen kann.

Nachdem sich der Brite Ambler vor dem Zweiten Weltkrieg mit dem aufkommenden Faschismus beschäftigt und dabei schon den Blick auf Südeuropa geworfen hatte, schaute er nach 1945 auch auf andere Weltgegenden: Seiner Abrechnung mit dem Stalinismus („Der Fall Deltchev“), der subtilen Analyse der Situation in Griechenland nach dem Bürgerkrieg („Schirmers Erbschaft“) folgten Exkursionen nach Indonesien („Besuch bei Nacht“, „Waffenschmuggel“), Afrika („Schmutzige Geschichte“), nach Nahost („Der Levantiner“) und in die Karibik („Dr. Frigo“) – bevor er sich ausdrücklich um den Kalten Krieg („Das Intercom-Komplott“) und eine zunehmend globalisierte Geldwirtschaft („Bitte keine Rosen mehr“) kümmerte. Bemerkenswert daran ist Amblers schon damals weltumspannender Blick auf Gegenden, die ansonsten oft lediglich als Kulissen für allerlei Räuberpistolen à la James Bond herhalten mussten – von ein paar Ausnahmen wie Graham Greene, Ross Thomas oder Stephen Becker, Alan Furst mal abgesehen. Wobei ich nur dringend raten kann, die beiden letzteren Autoren nicht ganz und gar zu vergessen.
Man könnte jeden dieser brillant recherchierten und perfekt durchdachten Ambler-Romane auf ihren „aktuellen“ Bezug abklopfen – und würde fündig. Der Neo-Stalinismus, der in Gestalt des Putinismus mit allen seinen scheußlichen Mechanismen fröhliche Urständ feiert, ist in „Der Fall Deltchev“ schon deutlich präfiguriert, die an Irrwitz grenzenden Konflikte im Nahen Osten (Libanon, Syrien, Israel, Palästina) sind in „Der Levantiner“ seziert, die Indonesien- und Afrika-Romane handeln von den problematischen Implikationen von Dekolonisierung, dem Aufstieg des politischen Islams und dem wachsenden Einfluss Chinas. Trollfabriken und hybride Kriegsführung spielen – wenn auch nicht unter diesem Namen – eine große Rolle beim „Intercom-Komplott“, und dass es in der Karibik von Dr. Frigo nur vordergründig um Ideologie, tatsächlich aber um wirtschaftliche Interessen (Stichwort: Öl, Trump und Venezuela) geht, war Ambler schon in den 1970s klar.
Und schließlich: „Bitte keine Rosen mehr“ – da sind die Verwüstungen einer neoliberalen, wildgewordenen Finanzwirtschaft schon lange kein Vorschein mehr, sondern bereits sehr schön ausgefaltet. Mit anderen Worten: So ziemlich alle Konflikte, die heute auf uns einprasseln, sind nicht neu. Eric Ambler hat sie glasklar gesehen und damit seine virtuosen Verwirrspiele getrieben. Nicht, um zu erklären, wie es zugeht auf der Welt, sondern um das ganze ideologische Geröll wegzuräumen, das einen klaren Blick auf die Tatsachen versperrt. Alle diese Konflikte sind nicht vom Himmel gefallen, sie haben ihre Geschichte, ihre meist betrüblichen Gründe, die man sehen könnte oder gesehen haben könnte. Das würde uns heute vor erstauntem bis empörtem Prusten bewahren und beweist einmal mehr, dass Literatur, auch wenn sie „unterhaltend“ daher kommt, weit mehr zu bieten hat als „Unterhaltung“.
Gerade in unserer Zeit ist ein Ambler’scher Blick absolut notwendig. Zumal auf der Basis dieses illusionslosen, kalten Blicks extrem haltbare Literatur entstehen kann – besonders heute ein probates Antidot für allseitige Gefühligkeit. Wir brauchen diesen Blick auf die Welt – und vielleicht ist es kein Zufall, dass – sorry, wenn ich ausnahmsweise mal pro domo spreche – gerade die zwei Autoren, die deutlich aus diesem Geist schreiben, in meiner Reihe erscheinen: Michael Idov mit seinen Kormoran-Romanen („Das Riga-Komplott“ und demnächst „Kormoran“, Ü: Stefan Lux) und D.B. John mit „Red Star Down“ (Ü: Lutz-W. Wolff). Insofern habe ich mir mit meiner vermeintlich unschuldigen Ferienlektüre ein Bein gestellt. Nu.
©08/2026 Thomas Wörtche
























