Ruhe sanft – in Art brut
Alf Mayer über das Buch der Ethnologin Regula Tschumi
»Im Huhn begraben«, »Mit dem Linienbus ins Jenseits«, »Drei Toastbrote als Sarg« oder »Friede seinem Turnschuh«, zu solchen Überschriften lädt die Begräbniskultur ein, die im südlichen Ghana zur Kunstform geworden ist. Die Schweizer Ethnologin Regula Tschumi hat sie erforscht, und umfänglich dazu publiziert. Jetzt fasst ein Bildband, in dem man öfter seinen Augen nicht traut, ihre Arbeit der letzten 20 Jahre zusammen: »Stilvoll ins Jenseits. Künstlerische Särge und Bestattungskultur in Ghana« (Kehrer Verlag, Heidelberg).

Das Leben bejahen – im Tod, das ist mir als katholischer Ministrant aus dem Allgäu durchaus geläufig. Bei keiner Liturgieform lag mehr Weihrauch in der Luft als bei einer Beerdigung, auch fand ich Begräbniszeremonien immer ehrlicher und spannender als eine kitschige Hochzeit. Tod, das war immer schon eine erwachsene Sache, eine Stunde der Wahrheit. Und warum nicht auch eine der Lebensfreude? Der Leichenschmaus danach wurde zelebriert, nur damit war es dann eine »schöne Leich«. Aber nichts im Vergleich zu dem, womit Johannes Großschupf uns CulturMag-Leser im Mai 2020 vertraut machte: »Coffin Dance #covid-19«.
Textauszug: »Ich wollte nie einen Coronavirustext schreiben: Das Coffin Dance Meme ist der Soundtrack dieser Wochen, Vicetones & Tony Igy sägende Version von Astronomia, dazu der Auftritt der Dancing Pallbearers, ghanaischen Sargträgern mit Sonnenbrillen, Anzügen samt Einstecktüchern und weißen Handschuhen. In dezenten Schrittfolgen transportieren sie den Sarg auf den Schultern, auf den Oberschenkeln durch die Straßen zum Friedhof. Zunächst war das Meme auf Epic Fails im Netz gemünzt, dann als gutgelaunte Antwort auf die vielen Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie. Beschwingt wird der Sarg zu Grabe getragen, eigentlich aber diese ganze ratlose Welt in ihrem Stillstand, in ihrem verzweifelten Narzissmus, der kein Publikum mehr findet …«
Den Coffin Dancers von Ghana gehört eines der fünf Kapitel in Regula Tschumis Buch. Fünfzig Seiten über einen bei uns viel zu wenig bekannten Beruf. Ein anderes, für uns seltsames Kapitel, ist das über die Aufbahrung. Die Bestattungsriten der Ga in der Region Accra zelebrieren lustvoll »Die Pracht des Abschiednehmens«, so eine von Tschumis Veröffentlichungen. Viele Beerdigungen dort dauern von Freitag bis Sonntag, sind große Party. Früher galten solche Riten der Bestattung von Fürsten. Wie weltweit vieles an Hoch-Kultur wurde aber im Zuge von mehr Freiheit dort die Begräbniskultur popularisiert. Tschumi (Jahrgang 1957) konnte nachweisen, das die figürlichen Särge nach der Unabhängigkeit Ghanas regionale Verbreitung fanden. Ihre Dissertation «Die figürlichen Sänften und Särge der Ga im Süden Ghanas – Geschichte, Transformation und Sinn einer künstlerischen Ausdrucksform von den Anfängen bis in die Gegenwart» wurde im November 2013 publiziert. Im Zuge ihrer Forschungen entdeckte sie den um 1919 geborenen Künstler Ataa Oko aus La (Ghana), der bereits um 1945 figürliche Särge gebaut hatte. Das Buch enthält einige Künstler-Biografien. Erstmals in einer größeren Ausstellung waren die Sargskulpturen in Europa 1989 im Centre Pompidou in der Ausstellung «Les Magiciens de la terre« zu sehen.
Oft sind es die »einfachen« Leute – Handwerker, Fischer, Marktleute –, die diese Särge benutzen. Die Wohlhabenderen würden solche Särge eher nicht verwenden, weil sie sie als »heidnisch« empfinden, berichtet Tschumi. »Man ist ja christianisiert, und da ist der Figurensarg verpönt.« Die figürlichen Särge der Ga, so weist Tschumi nach, stellen keine künstlerische Neuerfindung dar, sie sind Kopien der zum Teil noch heute – meist beim Begräbnis militärischer Führer – benutzten figürlichen Sänften, die einst Häuptlingen und Königen vorbehalten war. Die Särge haben die Unmittelbarkeit der Art brut. Kunst quasi in ihrem Rohzustand, jenseits etablierter Formen und Strömungen. Eine antiakademische Ästhetik, die ins Zentrum unserer Wahrnehmungsgewohnheiten trifft.
Ein Sarg wie:
ein Turnschuh, ein Maiskolben, ein Panzer, ein Bus,
ein Thunfisch, ein Krokodil, ein Löwe, ein Hai, ein Wal,
ein Leopard, ein Kühlschrank, ein Haus, ein Hobel,
ein Mehlsack, ein Schuh, ein Fischernetz, ein Ölfass,
ein Adler, ein Handy, ein Grill, ein Kochtopf,
ein Maiskolben, ein Motorrad, ein Lkw,
eine Trommel, ein Energydrink, die Bibel,
eine übergroße Nähmaschine, eine blaue Teekanne,
ein dicker Bleistift, ein gefällter Baum, ein Grill,
eine Flasche Palmöl, eine Ananas, eine Languste,
eine Schweinshaxe, eine Palme, eine Gitarre,
eine Eidechse, eine Kobra, eine Tomatenkiste,
eine Kakaobohne, eine Pfefferschote, eine Gurke.
Die farbenfrohen Plastiken als letzte Ruhestätte symbolisieren die Berufe oder Wünsche der Verblichenen. Manchmal erfüllen sie einen letzten Wunsch, wie zum Beispiel das farbenfrohe Air Ghana-Flugzeug für einen Dorfbewohner, der immer vom Fliegen träumte, aber nie das Geld für ein Ticket hatte. »Man feiert nicht den Tod, sondern das erfüllte Leben des Verstorbenen«, sagt Regula Tschumi. »Ich will, dass mein Onkel in einem Kanu bestattet wird, denn er war ein Fischer – oder in einem Turnschuh, weil er Schuh-Verkäufer war.«
Ein beliebte Hebamme findet so im (nachgebauten) Bauch einer Schwangeren ihre letzte Ruhestätte, ein Heiler die seine in einem zusammengerollten Pflanzenblatt. «Der große Baum ist gefallen«, symbolisiert ein Baumstumpf samt gefälltem Stamm den Sarg eines Familienoberhaupts. Eine überdimensionale Tomatenkiste, aus der beim Tanz der Coffin Dancers reife Tomaten purzeln, gehört einem Farmer. Die Beerdigung artet stilgerecht zu einer großen Tomatenschlacht aus, was sich auf den wei0en Uniformen der Dancer besonders gut macht.
Hey, mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Umgekehrt aber auch.
Ein wunderbares Gegengift, dieses Buch.
Alf Mayer
Regula Tschumi: Stilvoll ins Jenseits. Künstlerische Särge und Bestattungskultur in Ghana (Buried in Style. Artistic Coffins and Funerary Culture in Ghana, 2025). Kehrer Verlag, Heidelberg 2025. Steifbroschur, Format 22 × 28 cm. 240 Seiten, 283 Farbabbildungen, 49,90 Euro. – Englische Ausgabe unter dem Titel: Buried in Style. Verlagsinformationen hier. – Die Internetseite von Regula Tschumi hier.
P.S. P.S.: »Echo des Unbekannten. Vom Umgang mit Tod und Vergänglichkeit« heißt die Ausstellung des Kunstvereins Talstraße in Halle, zu der auch Regula Tschumi beigetragen hat. (2. 10. 2025 – 15. 2. 2026)





























