Geschrieben am 1. Juli 2025 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2025

Sonja Hartl: Spione reloaded – Das Private ist privat

Egal, wo ich gerade hinschaue, überall bekommen zentrale Krimifiguren ein Privatleben. Alice Hunter stellt in ihrer Trilogie diverse weibliche Verwandte eines Serienmörders in den Mittelpunkt. Rob Hart erzählt in „Assassins Anonymous“ von einem Auftragskiller, der aus Trauer um seine große Liebe aufhören will zu töten. In der Serienneuverfilmung von „The Day of the Jackal“ bekommt der Schakal Frau und Kind an seine Seite – als wäre es nicht gerade das Faszinierende an dieser Figur, dass man nichts über sie weiß. Gut, dann wäre allerdings auch offensichtlich, dass es in Frederik Forsyth‘ Vorlage keine nennenswerte Frauenfiguren gibt und vielleicht wollte man das vermeiden. Allerdings hätte dafür die MI6-Agentin ausgereicht. Möglicherweise sollen diese alten Figurentypen so „moderner“ erscheinen, „verletzlicher“ oder „nahbarer“. Mal eine emotionale Seite zeigen. Als Auftragskiller. Ich bekomme da eine ganz große Manchette-Sehnsucht. Ach, die 1970er, als Auftragskiller noch das waren, was ihre Jobbeschreibung vorsah. Und nicht nur bei Killern, auch bei Spionen rückt das Privatleben zunehmend ins Zentrum der Erzählungen.

Smiley lässt grüßen

In Steven Soderbergs „Black Bag“ muss George Woodhouse (Michael Fassbender) einen Verräter in den eigenen Reihen suchen. Es gibt fünf Verdächtige, sie bekommen die Codenamen “Tinker Tailor …”, nein, natürlich nicht! Aber die Referenzen an die George(!)-Smiley-Romane von John Le Carré und andere Spionage-Klassiker. Dazu reicht ein Blick auf Michael Fassbender. Mit seiner nichtssagenden Frisur, den Klamotten und der Hornbrille allein erinnert er sofort an eine jüngere Version der George Smileys von Alec Guiness resp. Gary Oldman – oder auch Michael Caines Harry Palmer der Len-Deighton-Verfilmungen. Der unscheinbare, aber sehr clevere George muss nun herausfinden, wer der fünf Verdächtigen eine Software mit Massenvernichtungswaffenausmaß an die Russen verkauft hat. Unter ihnen ist auch Georges wunderschöne Ehefrau Kathryn St. Jean (Cate Blanchett), der er sehr treu ergeben ist. Anders als bei Le Carré darf die Ehefrau bei Soderbergh mehr tun als Affären haben: Sie arbeitet selbst für den Geheimdienst, offenbar an höherer Stelle als ihr Ehemann.

„Black Bag“ ist sich sehr bewusst, dass er sich innerhalb eines Bezugsrahmens voller Spionagegeschichten bewegt und macht daraus ein unterhaltsames Spiel. Sicherlich ahnt jeder mit einer bisschen Spionageerfahrung schnell, woraus es hinauslaufen wird – aber dann bleiben immer noch die Referenzen, die mir viel Spaß gemacht haben. Auch erklärt der Film nicht lang und breit, dass es um den britischen Geheimdienst geht (Seitenhiebe auf die CIA inklusive) oder wer welche Funktion hat. Vielmehr vertraut er darauf, dass seine Zuschauer es wissen oder aus den Zusammenhängen erschließen können.

Spionage läuft hier weitgehend so ab, wie wir es kennen – stattdessen richtet der Film den Blick mehr auf das Private. Es ist kein Zufall, dass die Ausgangssituation an „Who’s afraid of Virgina Woolf“ erinnert: Goerge lädt alle Verdächtigen zum Abendessen – und nach und nach werden verschiedene private Verwicklungen offenbart und entlarvt. Im Zentrum steht die Frage, wie es um die vielfach behauptete große Liebe zwischen George und Kathryn steht. Hat sie ihn verraten? Und falls ja, wird er sie decken, obwohl er Lügen verabscheut? Wenngleich ich ihnen diese große Liebe nicht abgenommen habe, ist es interessant, auf diese privaten Beziehungen von Geheimdienstmitarbeitenden zu blicken. Immerhin sind sie alle professionelle Lügner*innen – mit zum Teil sehr beweglichen moralischen Standards und Loyalitäten. Und falls sie mal drohen, erwischt zu werden, ist es eben „Black Bag“ – also etwas, worüber man nicht reden darf. Und so ganz nebenbei wirft dieser Film auch noch die Frage auf, inwiefern sich Moral und Aufrichtigkeit eigentlich mit Geheimdienstarbeit vertragen.

Wen interessiert schon Geopolitik?

Die private Seite von Spionage steht auch im Mittelpunkt der Netflix-Serie „Black Doves“: Die „Black Doves“ sind eine Art private Spionageeinheit, die für den höchstzahlenden Auftraggeber arbeitet und deshalb eine Reihe von ‚Tauben‘ beschäftigt, die an geheime Informationen kommen bzw. den Lauf der Dinge beeinflussen können. „Spies for hire“ sozusagen. Eine davon ist Helen Webb (Keira Knightley), mittlerweile verheiratet mit dem britischen Verteidigungsminister. Doch dann wird ihr Geliebter ermordet. Zufall? Oder steckte hinter der vermeintlich großen Liebe doch etwas anderes? Helen macht sich auf, mehr über den Mord zu erfahren – und entdeckt möglicherweise einen Zusammenhang mit dem verdächtigen Todesfall des chinesischen Botschafters in Großbritannien sowie dem Verschwinden von dessen drogensüchtiger Tochter.

Das wäre eine durchaus interessante geopolitische Verwicklung, hier aber geht es um das Privatleben von Helen – und ihrem alten Freund, dem Auftragskiller Sam Young (Ben Wishaw). Er wird zu ihrem Schutz wieder nach England geholt, aber dort warten auch vergangenen Traumata auf ihn – und er muss sich einem möglichen Wiedersehen mit seiner großen Liebe Michael (sehr gut: Omari Douglas) auseinandersetzen, der ihn verlassen hat, nachdem er auf ziemlich blutige Weise erfahren musste, was Sam beruflich macht.

Zwar will Sam nur Michaels Sicherheit, das hält ihn aber nicht davon ab, ihn konstant in Gefahr zu bringen. Allerdings macht die Gegenseite nicht viel daraus. Wie sie ohnehin nicht allzu clever agiert. So kann Helen über Folgen hinweg ein belastetes Handy behalten, ohnen dass sie es orten. Aber nachdenken sollte man bei dieser Serie eh nicht zu viel. Sonst würde man sich unweigerlich fragen, warum Helen mit ihrem zwar in der Figur begründeten, aber dennoch irrationalem Verhalten ihre Deckung gar nicht gefährdet. Oder ob es Zufall ist, dass in dieser sentimentalen Spionageserie eine Frau und ein schwuler Mann im Mittelpunkt stehen.

Liebe ist hier das wichtigste Handlungsmotiv – sogar da scheut die Serie schwierige Fragen: Helen hat Kinder mit ihrem Ehemann aka Großbritanniens Verteidigungsminister aka ihrer Zielperson. Als sie plant, ihn zu verlassen, will sie die Kinder mitnehmen. Aber sie fragt sich noch nicht einmal, ob sie das zu einer schlechten Mutter macht. Ihr Ehemann scheint ein ganz okayer Kerl zu sein: Gut, er ist ein etwas langweiliger konservativer Politiker, scheint aber verhältnismäßig wenig Dreck am Stecken zu haben. Seine Gefühle ihr gegenüber scheinen aufrichtig. Und um seine Kinder kümmert er sich im Zweifelsfall dann doch. Ein bisschen unwillig, ja. Warum also denkt sie nicht darüber nach, was es für ihre Kinder bedeuten würde, ihren Vater niemals wieder zu sehen? Denn darauf würde es ja hinauslaufen.

Jedoch wäre das eine unbequeme Frage – und die vermeidet die Serie konsequent. Sie spielt zur Weihnachtszeit, ist im Dezember auf Netflix gestartet. Die Gewalt ist so cool, dass sie auf keinen Fall zu nahe geht oder gar existentiell wird. Möglicherweise will die Serie hier an „Slow Horses“ andocken. Aber „Slow Horses“ ist durchzogen von institutionellem Versagen und einem Nihilismus, den die Spione vor allem haben, weil sie erkannt haben, dass sie ihrer Regierung egal sind. Bei „Black Doves“ hingegen wird der dünne Plot regelmäßig noch einmal zusammengefasst, so dass ich nebenbei gut ein paar Kekse essen oder mir nochmal etwas zu trinken holen kann. Meine Wohlfühlzone muss ich nie verlassen. Ist es das, das hinter diesem Trend zum Privaten steht: Eskapismus nun nicht mehr in Rätselkrimis, sondern auch allen anderen Krimi-Erzählungen? Cosy Spy sozusagen. Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der eine neue Weltordnung entsteht.

Sonja Hartl

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