Serienkiller in Hochglanz-Idylle
„Die Frau des Serienkillers“, „Die Tochter des Serienkillers“, „Die Schwester des Serienkillers“,“– die Titel zeigen es schon: Nicht nur ist der Serienkiller zurück, dieses Mal bringt er Familienangehörige mit. Was hinter diesem Trend in der Kriminalliteratur steckt, hat sich Sonja Hartl angesehen.
Der Serienkiller ist zurück. Klar, er war niemals wirklich weg, aber seit einigen Jahren beobachte ich, dass es immer mehr Serienkiller-Erzählungen gibt und sie kommen in anderem Gewand daher: Mit stärkerer Konzentration auf die Opfer beispielsweise, auch wird die Rolle der Polizei anders dargestellt. Dazu kommen Bücher, die die Angehörigen des Killers in den Blick nehmen. Hochspannende Titel wie „Diese Frauen“ (These Women, Ü: Sigrun Arenz) von Ivy Pochoda oder auch Catherine Ryan Howards „The Nothing Man“ (Ü: Jan Möller), die beide 2020 erschienen sind (im Original). Bei beiden Büchern spielen die Ehefrau und Tochter des jeweiligen Täters eine Rolle. Sie blicken anders auf Serienkiller und ihre Taten, sie verkomplizieren den Begriff „Komplizenschaft“ – ohne aber die Gewalt und die Taten zu verharmlosen. Die Serienkiller-Familien-Trilogie von Alice Hunter – „Die Frau des Serienkillers“, „Die Tochter des Serienkillers“ und „Die Schwester des Serienkillers“ (alle übersetzt von Rainer Schumacher) – wählt einen anderen Ansatz.
Vorweg sei angemerkt: Es geht nicht um dieselbe Serienkiller-Familie, sondern um drei Familien von drei Serienkillern, die einander nicht kennen und auch nicht im Zusammenhang stehen. Alle drei Titel variieren eine Erzählung: Eine Frau in ihren 30ern hat sich in einer eher ländlichen Gegend in England ein nach außen hin perfektes Leben aufgebaut. Sie ist superglücklich verheiratet/liiert mit einem tollen Typen, hat – bis auf im letzten Band, aber dafür gibt es einen Grund – ein bis zwei supersüße, clevere, aber noch kleine Kinder und lebt in einem traumhaften Haus. Sie betreibt ein Porzellan-Café („Die Frau des Serienkillers“), ist Tierärztin („Die Tochter des Serienkillers“) oder Lehrerin an einer Privatschule („Die Schwester des Serienkillers“). Dann passiert etwas, die Fassade beginnt zu bröckeln – und es zeigt sich, dass nicht alles so perfekt war. Der Ehemann hat gelogen, betrogen, die Frau ist möglicherweise doch nicht so ehrlich gewesen, wie es den Anschein hat, außerdem gibt es da einige Vorfälle, die sie gerne vertuschen würden. Erzählt wird aus wechselnden Perspektiven zwischen ihr und ihm – mit deutlichem Schwerpunkt auf ihr – gelegentlich sind andere Perspektiven dazwischengeschaltet.
Begehrenswerte heile Welt
Setting und Erzählweise erinnern deutlich an die seit einigen Jahren so erfolgreichen Domestic Thriller und ihre Weiterentwicklungen. Gillian Flynns „Gone Girl“ ist 2012 erschienen – und sie hat damals der manipulativen, (selbst-)zerstörerischen Erzählerin und Protagonistin zu ungeheurer Popularität verholfen. Mittlerweile sind wir diese Figuren (wieder) gewöhnt, wir kennen sie. Damals aber hat sie den Blick auf ein Milieu geworfen, das seit Margret Millar, Guy Cullingford oder auch Charlotte Armstrong nur noch selten in den Blick genommen wurde: bürgerlich bis wohlhabend, voller konventionell attraktiver, heterosexueller Menschen, die in schönen Häusern in schönen Gegenden leben. Ein Milieu, das trotz aller mörderischen Tendenzen interessant und begehrenswert bleibt.
Bei Alice Hunter wird dieses Milieu mit Markennamen, Beruf und Lebenszielen evoziert. Auch bei ihr wird regelmäßig zu viel getrunken, ist nichts so perfekt, wie es aussieht – und jedes Mal haben auch die Frauen mehr oder weniger Dreck am Stecken und sehr deutlich unzuverlässige Erzählerinnen. Das Ende hält eine „Überraschung“ parat, die zu oft allerdings mehr auf den Blurb „Das habe ich nicht kommen sehen“ als auf Plausibilität schielt. Mit dem Serienkiller kommt nun aber ein anderer Typus des Kriminalromans in dieses Setting – und auf den ersten Blick finde ich die potentiellen Kontraste recht reizvoll: Die Taten eines Serienmörders sind in der Regel sehr blutig, chaotisch und unkontrolliert, dazu waren Serienkillerromane lange sehr männlich dominiert. Nichts davon findet man allerdings hier: Der Serienkiller ist vielmehr eine Steigerung des einfachen Mörders. Er erhöht Grusel und direkten Gewaltfaktor leicht, aber letztlich geht es mehr um das aufmerksamkeitsweckende Schlagwort „Serienkiller“ als um seine Morde. Auch die Auswirkungen seiner Taten bleiben weitgehend ausgespart. In „Die Tochter des Serienkillers“ schreibt die Tochter alles Schlechte in ihrem Leben vor allem ihrer manipulativen Mutter zu, in „Die Frau des Serienkillers“ geht die Frau des Killers erstaunlich gelassen mit dem Geständnis um, dass ihr Mann bereits mindestens eine Frau getötet hat. Die Morde sind hier – wie im Retro-Rätselkrimi – lediglich eine Störung der geordneten Normalität, die möglichst beseitigt werden sollte. Kurz ein paar Blutspritzer aufwischen, schon ist alles wieder in Ordnung.
Blutige Variante des Retro-Krimis
Vordergründig verbindet Alice Hunters Trilogie daher das psychologisch-gesellschaftskritische Interesse von „Diese Frauen“ und „The Nothing Man“ mit dem Blick auf das Häusliche von „Gone Girl“ – aber ihr fehlen der sezierende Blick und der Scharfsinn. Diese drei Bücher entlarven nichts, was nicht offensichtlich ist. Sogar die Figuren sind sich dessen bewusst. „Ich habe nie medizinischen Rat gesucht, denn ich hatte immer viel zu viel Angst davor, dass dabei die Wahrheit ans Licht kommt. Also tue ich alles dafür, es vollständig zu verleugnen, jede einzelne dieser Episoden ebenso tief in meinem Inneren zu begraben wie die Erinnerung an die Existenz meiner Eltern.“ Das ist natürlich praktisch: Hier weiß die Tochter des Serienkillers, dass sie etwas verleugnet, ja, sogar was sie verleugnet und erzählt es auch gleich in denkbar schlichter Sprache den Leserinnen. Deshalb bleibt hier vor allem die Kulisse: Populäre Zutaten, mundgerecht aufbereitet. Der Serienkiller als blutige Variante des Retro-Krimis.
Mehr zu der Rückkehr der Serienkiller in Sonja Hartls Radio-Feature bei Deutschlandfunk Kultur, anzuhören unter diesem Link.
















