Geschrieben am 1. Oktober 2025 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2025

»Shunga« – Hokusai als Erotik-Künstler

Im Reich der Sinne

Alf Mayer zu Hokusais erotischem Werk, erstmals versammelt im Band »Shunga«

Hokusai. Shunga. Herausgegeben von Andreas Marks. Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch. Verlag Taschen, Köln 2025. Hardcover im Schuber, 24.3 x 30.4 cm, Gewicht 3.30 kg. 480 Seiten, 100 Euro. – Verlagsinformationen: Taschen.com. Hokusai bei Taschen hier.

** **

Expliziter Sex. Ohne jedes Wimpernzucken. Als wäre das ganz natürlich. »Adults Only« steht auf der Website des Taschen Verlags neben den Credits zum Buch. Ein Hardcover im Schuber, Format 24,3 x 30,4 cm, Gewicht 3,3 Kilo, 480 Seiten. Wieder ein formidabler Band, in Ausstattung und Umfang dem kürzlich erschienenen »Goya. Complete Prints« ebenbürtig (Besprechung bei uns hier), und eben, weil man bei Taschen unverklemmt ist, genauso wichtig: »Hokusai: Shunga«. Zum ersten Mal in einem Band vereint und kundig kommentiert, die erotischen Holzschnitte und Skizzen des japanischen Meisters.

Herausgeber Andreas Marks ist auch Autor und Motor der Monumental-Monografie »Hokusai« mit Abbildungen von 746 Holzschnitten, Malereien, Skizzen und Buchillustrationen (hier bei uns besprochen). Er hat ostasiatische Kunstgeschichte an der Universität Bonn studiert, an der Universität Leiden mit einer Dissertation in Japanologie zu Schauspielerdrucken des 19. Jahrhunderts promoviert, ist Direktor des Clark Center for Japanese Art am Minneapolis Institute of Art. Es ist nachvollziehbar, warum Hokusais erotische Seite nun in einem eigenen Band erscheint. Die editorische Spürarbeit dafür war enorm, die Quellenlage schwierig. Viele Werke erschienen unter Pseudonym, wurden der besseren Verkäuflichkeit halber manchmal zerlegt, auch die Verleger wurden fast nie namentlich genannt. Andreas Marks hat hier Detektivarbeit geleistet. Und nicht nur das. Seine Einleitung und die Kommentare der einzelnen Werke tragen sehr zum Verständnis bei.

Hier die im Band versammelten shunga-Werke, Bücher und Holzschnittserien, aus dem über siebzigjährigen Schaffen von Katsushika Hokusai (1760–1849):

Das Bohnenfeld (1768-1812)
Ein Mann von Ehre (1808-1812)
Muster von Liebespaaren (um 1812)
Junge Kiefern am ersten Tag der Ratte (um 1814)
Überlappende Röcke (um 1818-1821)
Die juwelenbesetzte Perücke (um 1818-1821)
Die Götter der ungezählten ehelichen Freuden (1821)
Das Adonisröschen (um 1822/23).

Offiziell verboten, in der Praxis aber geduldet

Shunga (wörtlich „Frühlingsbilder“), eindeutige erotische Szenen mit detaillierten Abbildungen der menschlichen Genitalien, lassen sich bis in die früheste Phase des japanischen Holzschnitts im späten 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Hokusai war längst nicht der Einzige, der solche Bilder entwarf. Erst der allgemeine Niedergang der Holzschnittkultur im frühen 20. Jahrhundert machte ihrer Popularität ein Ende. Sexualität, so betont Andreas Marks, war im Japan der Edo-Zeit (1603–1868) gesellschaftlich akzeptiert, und »alles, was mit Fruchtbarkeit zusammenhing, wurde regelrecht angebetet, da man es für gute Ernten, die das Überleben sichern sollten, als bedeutsam erachtete. Diese Sichtweise stand der vorherrschenden Situation in Europa, wo christliche Überzeugungen jede öffentliche Sexualität verteufelten und unterdrückten, diametral entgegen.« Shunga waren zwar offiziell verboten, in der Praxis aber geduldet, viele namhafte Künstler (und unter ihnen Hokusai) umgingen die Zensur und gaben sich dem Genre,wenn auch unter Pseudonymen, mit Begeisterung hin. Die »Frühlingsbilder« wurden geschaffen, um zu unterhalten oder zu erregen, und sie dienten sogar als Glücksbringer: Samurai trugen sie als Talismane bei sich, wenn sie in die Schlacht zogen.

Bis heute kann es vorkommen, dass man als Gast einer Familie in Japan nach dem Abendessen als besonderem Höhepunkt der Einladung eine Antiquität zu sehen bekommt: einen wertvollen shunga-Holzschnitt, der seit Generationen in Privatbesitz ist, so etwas wie der Familienschatz. Möglicherweise gar ein Hochzeitsgeschenk für einen Vorfahren. Und auch hier wieder: keine Peinlichkeit beim Vorzeigen.

Als Film übrigens transportiert wohl der 70er-Jahre-Skandalfilm IM REICH DER SINNE (Japanisch: 愛のコリーダ, Französisch L’Empire des sens) von Nagisha Oshima diese Selbstverständlichkeit von Sex und erotischer Kunst am unmittelbarsten. Als würde man als Zuschauer eben mit im Schlafzimmer sitzen und alles Explizite und bei uns mit Verbot und Scham Belegte völlig unverstellt zu sehen bekommen. (Dazu auch eine persönliche Anekdote.)1

Eine Schatulle mit shunga gehörte übrigens zu den Gastgeschenken, die Kommodore Matthew Calbraith Perry erhielt, als er im Juli 1853 mit seinen »Schwarzen Schiffen« erstmals im Hafen von Uraga nahe Edo (dem heutigen Tokio) einlief, ein Jahr später mit einem noch größeren Geschwader von Kriegsschiffen wiederkam und vom Shogun Tokugawa Ieyoshi die Öffnung Japans gegenüber dem Westen erzwang. Jedes der dampfgetriebenen US-Kriegsschiffe war um ein Mehrfaches größer als die japanischen Wasserfahrzeug dieser Zeit. Perry forderte ultimativ eine Unterredung mit dem Kaiser. Salutsalven aus den Geschützen seiner Schiffe und weitere Machtdemonstrationen brachten die eingeschüchterte Regierung dazu, ihm die Landung zu erlauben. Perry inszenierte sie mit außerordentlichem Pomp und übergab einen Brief US-Präsidenten Fillmore. Darin wurde das Ausheben aller Handelsbeschränkungen sowie ein Niederlassungsrecht gefordert. Perry verabschiedete sich mit der Drohung, in einigen Monaten mit einer größeren Flotte zurückzukehren. Und das tat er dann auch. Im Februar 1854 erschien er erneut vor Edo, diesmal mit einer regelrechten Flotte aus acht Schiffen mit 1600 Mann Landungstruppen an Bord. Die Amerikaner erhielten ihren Vertrag. Japan öffnete sich. Und herein kam – hier in unserem Zusammenhang interessant – alle Prüderie.

Und historischer Zusammenhang: Als nach den Atombobenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki auf dem US-Schlachtschiff »Missouri« am 2. September 1945 die Kapitulation Japans unterzeichnet wurde, war dabei die Flagge von Perrys Schiff von 1854 mit aufgezogen. Von übergegeben shunga ist nichts bekannt. Das Geschenk von 1854 mit den expliziten Sexszenen war gewiss auch ein unverblümter Hinweis auf die ausgeprägte japanische Männlichkeit. Die Reaktion Perrys oder seiner Offiziere auf die mächtigen japanischen Penis-Darstellungen ist nicht überliefert.

Holzschnitte wie andere auch

Über die Jahrhunderte durchliefen shunga dieselbe Produktionsgeschichte wie andere Druckgattungen, beginnend mit Schwarz-Weiß-Bildern, die nur mit schwarzer Farbe gedruckt, aber später vielleicht von Hand mit bunten Farbtupfern angereichert wurden. Als der technische Fortschritt das präzise Drucken von Bildern mit mehreren Platten ermöglichte, setzte sich der Farbdruck als Standardverfahren durch. In der Folge konnten Besonderheiten wie die Blindprägung oder der Polierdruck nach Belieben in die farbigen Entwürfe aufgenommen werden, um sie weiter zu verschönern.

Wie all die übrigen Druckgattungen unterlagen shunga zudem stilistischen Veränderungen. Ab den späten 1770er-Jahren etwa wurden die Geschlechtsteile zunehmend betont und in ihrer Darstellung stark übertrieben, was heute als Markenzeichen der erotischen Bilderwelt Japans gilt. Marks: »Diese Größenverzerrung geht zum Teil darauf zurück, dass shunga vor allem für den Verkauf produziert wurden und sich daher genauso wie nichterotische Holzschnitte und Bücher auf dem Markt behaupten mussten. Die in diesem Genre tätigen Künstler konkurrierten miteinander, und für sie alle kam es darauf an, sich einen Namen zu machen, einen wiedererkennbaren Stil zu entwickeln und obendrein ihre potenzielle Käuferschaft zu unterhalten.«

Um wen es sich bei den Hauptfiguren einer intimen Szene handelt, lässt sich laut Marks teilweise an ihrem Äußeren festmachen. Frisuren, Make-up und Kleiderordnungen helfen bei der Einordnung, etwa tragen verheirateteFrauen rasierte Augenbrauen, nicht aber Kimonos mit langen, hängenden Ärmeln. Die meisten Frauen auf diesen Bildern waren keine Kurtisanen, sondern wahrscheinlich Hausangestellte, Dienstmädchen, Ehefrauen, Witwen und anderes mehr. Unter der Herrschaft des Shogunats war Prostitution zwar erlaubt, in den größeren Städten aber auf amtlich ausgewiesene Rotlichtviertel beschränkt, um Störungen der Ordnung zu vermeiden. »Zwischen den Prostituierten bildeten sich Statusunterschiede heraus, die vom armen Straßenmädchen biszur hochrangigen Kurtisane reichten. Letztere sind auf den Bildern an der Vielzahl ihrer Haarnadeln und Kämme und an ihren luxuriösen Kimonos zu erkennen.«

Auffällig: Die Frauen in diesen Szenen sind allermeist gleichberechtigte Partnerinnen und den Männern weder unterwürfig noch bloße Objekte des männlichen Vergnügens. Ihr Interesse an sexuellen Aktivitäten und die Befriedigung, die sie daraus ziehen, sind genauso Thema von shunga wie die entsprechenden Gelüste der Männer. (Siehe auch Meredith Keukelaar: The Impact of the Male Gaze: Femininity and Female Sexuality in Shunga Prints of the Edo Period. Dissertation, 2022)

Neben der Darstellung heterosexueller Beziehungen gibt es Szenen, in denen nur Frauen oder nur Männer vorkommen. Wenn eine Frau allein oder in Gesellschaft einer anderen Frau dargestellt wird, beinhaltet die Handlung in der Regel das eine oder andere Sexspielzeug, aber keine sichtbaren Unterschiede in Alter oder sozialer Stellung. Wenn dagegen zwei Männer abgebildet sind, besteht immer ein Altersunterschied. Dass dabei der ältere Mann der dominante ist, spiegelt die gesellschaftlich akzeptierte Situation wider. Die jungen Männer in diesen Szenen sind üblicherweise Lustknaben oder wakashu, deren Dienste auch von Witwen in Anspruch genommen werden konnten.

Humor und Fantasie sind wichtige Bestandteile von shunga, wie bei Hokusai an der Szene mit der Taucherin und den Kraken abzulesen ist. (Siehe die nächste Abildung.)

Tatsächlich wurde von Ehepartnern im wahren Leben nicht erwartet, dass sie einander liebten, da die meisten Ehen aus wirtschaftlichen Gründen oder im Hinblick auf die gesellschaftliche Stellung geschlossen wurden. Zumindest für Männer galt das Streben nach sexuellen Beziehungen außerhalb der Ehe weder moralisch noch ethisch als verwerflich, betont Andreas Marks.

Alf Mayer

Anm (1) Hokusais »Shunga« sind Schuld daran, dass ich Medienredakteur wurde – und damit letztlich auch an diesem Text. Nie hätte ich gedacht, dass diese Geschichte einmal erzählbar wird, aber ab und zu verschränkt sich halt das Biografische mit dem Politischen und Ästhetischen. Und sei es bei den »Shunga« von Katsushika Hokusai, Japans berühmtestem Künstler.

Sie müssen dazu aber kurz mit mir ins Kino. Herbst 1977, ins »Gloria«, am oberen Ende der Frankfurter Kaiserstraße. Schönes Kino, heute ein Möbelmarkt. Einer der vier Männer, die mir beim Bewerbungsgespräch gegenüber saßen, der Jüngste und Sympathischste, hatte mich danach auf dem Flur gefragt, ob ich am Abend noch in Frankfurt sei und mit ihm ins Kino gehen wolle. Da gäbe es einen Film, den er gerne mit mir zusammen sehen wolle. Mir war sofort klar, dass das eine zusätzliche Chance war. Also sagte ich sofort ja, warf aber ein, dass ich meine Frau mit dabei habe und nicht alleine kommen könne. Das passt ja, meinte er, seine Frau wolle den Film auch unbedingt sehen. Wir verabredeten uns für 19 Uhr vor dem Kino.

Ich war mit meiner damaligen Frau aus dem Allgäu angereist. War Journalist bei der »Augsburger Allgemeinen«, aber gerade im Sabbatical als Hoferbe. Bauernhof. Mischbetrieb, 30 Milchkühe, 60 Schweine. Mein Vater hatte sich ein Bein im Maishäcksler zerfetzt, war auf Monate ein Ausfall. Also hatte ich mich beurlauben lassen. Es war eine einmalige Gelegenheit, mir die Bauernexistenz aus der Nähe anzuschauen, eigentlich hatte mich bereits der Besuch des Gymnasiums aus dem Dorf katapultiert. Für meine aus einem Villenhaushalt in Wiesbaden stammende Liebe war Bauernhof gleich Reitpferd, und etwas Romantisches. Ich wusste seit der Sklavenarbeit in der Kindheit, dass das kitschig war. Hielt dann auch nicht lange, diese Phantasie. Deshalb hatte ich mich auf eine Stellenanzeige in der »Zeit« beworben. Die Zeitschrift »medium« suchte einen Filmredakteur. Es war meine Helden-Zeitschrift, das erste Medien-Magazin der Republik, links, kritisch, tolle Texte, hatte mich eh für die Zeitung versaut. Also bewarb ich mich. Also standen wir dann abends um 19 Uhr vor dem Kino.

Ich hatte nicht gefragt, für welchen Film wir uns denn verabredeten. Nun, es war, sah ich dann, IM REICH DER SINNE von Nagisha Oshima. Damals der totale Skandalfilm. Auf der Berlinale – als wohl einziger Film ihrer Geschichte – sofort nach der Aufführung vom Staatsanwalt beschlagnahmt, in Hamburg und anderen Städten auch. In Frankfurt aber lief er.

Wir Männer saßen nebeneinander. Die Frauen saßen außen, also je rechts oder links von uns. Und sie versanken immer mehr in den Sitz. Erstarrten. Hielten die Luft an. Denn was wir sahen, war «shunga«. Explizit dargestellter Sex. Ohne jedes Wimperzucken. Als wäre das ganz natürlich.

Nur noch kurz: Wir vier hatten, nachdem für die Frauen die Peinlichkeit überwunden war, eine richtig gute Diskussion. Tage später dann der Anruf: Ich bekam die Stelle, wurde Redakteur bei »medium« – teils sicher auch, weil ich in Verteidigung eines shunga-Films gute Argumente vorgebracht hatte.

Tags : , , , , ,