Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024, News

Shigeru Ban: »Nicht nur für die Privilegierten bauen«

Shigeru Ban. Complete Works 1985–Today. Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch. Verlag Taschen, Köln 2024. Hardcover, 30,8 x 39 cm, Gewicht 6,85 kg. 696 Seiten, 200 Euro. – Auch erhältlich als Art Edition, limitiert auf 200 Exemplare, mit einem signierten Kunstdruck Shigeru Bans und einem maßgefertigten 3D-Lasercut-Cover aus Holz, das der Dachkonstruktion des Swatch/Omega Campus in Biel/Bienne nachempfunden ist. Verlagsinformationen Taschen hier.

Firmenzentralen, Museen, Häuser – aber auch Notunterkünfte

Zur Monografie des japanischen Architekten Shigeru Ban – von Alf Mayer

Dieser Architekt verkörpert die Demut. »Eleganz trifft humanitäre Hilfe« betitelt der Verlag seine Pressemitteilung zur Werkmonografie von Shigeru Ban. Man muss ergänzen, dass auch Anmut, sparsamer Umgang mit Ressourcen und Augenmaß dazugehören und sich viel Nähe zur Natur und ihrer Schönheit in seiner Arbeit spiegelt.

Architekturkenner Philip Jodido – der im Taschen Verlag bereits die Reihe Homes for Our Time sowie Monografien über zahlreiche bedeutende Architekten, darunter Norman Foster, Tadao Ando, Renzo Piano, Jean Nouvel und Zaha Hadid vorgelegt hat – beginnt sein Porträt von Shigeru Ban mit der Beschreibung dessen temporären Büros auf einer Terrasse des Pariser Centre Pompidou: »Das Büro eines Architekten sagt viel über seine Person aus. Ob überwältigend oder bescheiden, diese Orte des Schaffens sind ein Statement und lassen Rückschlüsse auf Charakter und Originalität ihres Nutzers zu. Natürlich verfügt Shigeru Ban über ein Büro in Tokio, doch sein Paper Temporary Studio in Paris erzählt besonders viel über seine Persönlichkeit.«

Ban hatte das 115 m2 große temporäre Büro (im Buch Seite 270 ff.) 2004 auf einer Terrasse des Pariser Centre Pompidou errichten lassen und es mit Schreibtisch und Stühlen aus Pappe eingerichtet. Jodido weiter: »Natürlich hat es eine Bedeutung, dass Ban dieses scheinbar an Vergänglichkeit nicht zu überbietende Material gewählt hat, um seine Präsenz in der Entwurfs- und Bauphase des Centre Pompidou in Metz (2007–10; im Buch Seite 392 ff.) zu manifestieren. Die bescheidene Größe seines Büros und die verwendeten Materialien, in der Regel Papierderivate – ein bevorzugtes und doch höchst überraschendes Baumaterial des Architekten –, mögen ein Verweis auf seine japanische Herkunft sein. Diese Wahl zeugt aber auch von seiner stillen Bescheidenheit, ein Wesenszug, der bei international bekannten Architekten nicht eben verbreitet ist, einer illustren Gesellschaft, zu der Ban spätestens seit 2014, als er den Pritzker-Preis erhielt, zweifellos gehört.« Ban selbst erklärte dazu: «Die röhrenartige Konstruktionsform des Studios nahm natürlich Bezug auf das Erscheinungsbild des Centre Pompidou. Zufällig war sie aber auch die effizienteste Form.«

Eine Stadt leuchtet – mit dem »Tokyo Toilet Project«

Ban Bescheiden- und Besonderheit erlaubt, dass ich in diesem Text als zweite seiner Arbeiten ein Bauwerk benenne, auf das man gemeinhin wohl kaum in einem anderen Architektenporträt deuten würde. Es sind seine beiden je 14 Quadratmeter großen »Transparent Tokyo Toilets« aus dem Jahr 2020. In Wim Wenders’ oscar-nominiertem Film PERFECT DAYS (2023) spielen die farbenfrohen und variablen Glasbauten eine bedeutende Rolle und sind neben der Wohnung des von Koji Yakusho dargestellten Toilettenreinigers zweitwichtigster Drehort. Bis hin zu einer Oscar-Nominierung gelang dem Filmprojekt auch dank der Schauplätze, was die japanischen Co-Produzenten im Sinne hatten, als sie einen international bekannten Regisseur für eine – eigentlich – Image-Idee an Bord holten: nämlich Tokios bunte öffentliche Toiletten bekannter zu machen. Ursprünglich für die Besucher der Olympischen Sommerspiele 2022 gebaut und in der internationalen Wahrnehmung Corona zum Opfer gefallen, waren sie Teil eines umfassenden Stadtplanungsprojekts der Nippon Foundation. Zum »Tokyo Toilet Project« gehörten auch Entwürfe von Tadao Ando, Toyo Ito, Kengo Kuma (eine Besprechung seines Werks bei uns hier: »Das Beton-Zeitalter hinter sich lassen«) und anderer bekannten Architekten.

Shigeru Ban entwarf je eine öffentliche Toilette für den Yayogi Fukamachi Mini Park und den Haru-no-Ogawa Community Park. Er sagt dazu: »Für mich bedeutet Design stets die Lösung eines Problems. Im Falle von öffentlichen Toiletten, insbesondere in Parks, stellen sich zwei Probleme. Erstens: Sind sie sauber? Und zweitens: Lauert mir dort jemand auf? Dies verunsichert vor allem Frauen. Deshalb haben wir eine transparente Toilette vorgeschlagen, die diese beiden Punkte klärt, bevor man sie überhaupt betritt. Und in der Nacht erleuchtet sie den dunklen Park wie eine Laterne, um ihn in einen schöneren und sichereren öffentlichen Raum zu verwandeln.« Jodido dazu: »Die transparenten Wände werden durch intelligente oder schaltbare Glastechnik undurchsichtig, wenn sie besetzt sind und die Tür verschlossen ist. Die Anlagen verfügen über Männer-, Frauen- und behindertengerechte Kabinen, die durch verspiegelte Wände voneinander getrennt sind, und unterscheiden sich lediglich in der Farbe des Glases: Grün und Blau für Haru-no-Ogawa, um mit der bewaldeten Umgebung zu verschmelzen, und Orange, Rosa und Violett für Yayogi, wo sich ein Spielplatz in der Nähe befindet.«

Der Wenders-Film verblüfft nicht nur mit der stoischen Gelassenheit des Hauptdarstellers und der unspektakulär Darstellung seines Arbeitstags, sondern auch mit der Anmut von Alltagsarchitektur, die man anderswo eher gar nicht wahrnimmt. So wie – auch dies im Film als Traummomente zu sehen – die Schönheit von Blatt- oder Astwerk oft nicht gewahr ist. Shigeru Ban hat diese Achtsamkeit. Diesen Blick. Und diese Formensprache. Er sagt von sich: »Ich bin kein formgebender Architekt, sondern ein formfindender Architekt.«

Ein Bambushut fürs Centre Pompidou in Metz

Ein Beispiel ist seine an einen Bambushut erinnernde geflochtene Dachkonstruktion für das Centre Pompidou in Metz. Jodido dazu: »Als Ban 1998 am Wettbewerb für den Japanischen Pavillon arbeitete (Expo 2000, Hannover, 1999–2000; im Buch Seite 200 ff.), erwarb er in einem Pariser Kunstgewerbeladen einen chinesischen Hut. »Ich war überrascht, wie architektonisch er wirkte. Die eigentliche Konstruktion besteht aus Bambus, eine Schicht Wachspapier macht sie wasserdicht. Es gibt sogar eine Isolierschicht aus getrockneten Blättern. Er ist konstruiert wie die Architektur eines Gebäudes. Seit ich diesen Hut damals gekauft habe, wollte ich ein solches Dach entwerfen.« Abgesehen von seinen spektakulären Innenräumen öffnet sich das Centre Pompidou in Metz großzügig zur angrenzenden Piazza und knüpft damit an das häufig zu beobachtende Interesse des Architekten an fließenden Übergängen von Innen- zu Außenraum an.« Über sein wandloses Haus sagt er: »Als ich zum ersten Mal das Grundstück betrat, war meine spontane Reaktion, die wunderbare Aussicht auf das Meer rahmen zu wollen.«

Zeit, dass wir seinen Werdegang etwas näher beleuchten. Ban wurde 1957 in Tokio geboren und studierte von 1977 bis 1980 am Southern California Institute of Architecture (SCI-Arc). Anschließend besuchte er in New York die Cooper Union School of Architecture, wo er bis 1984 bei John Hejduk studierte. Der war, seit er einen Zeitschriftenartikel über ihn gelesen hatte, der Grund gewesen, zum Studium ins Ausland zu gehen. Dass Hejduk Entwürfe kaum je umgesetzt wurden, störte ihn nicht. »Nein, im Gegenteil, ich fand seine Ideen und Formensprache sogar sehr realistisch. Wegen meines Studiums bei ihm schien es naheliegend, dass auch ich ein sogenannter ‚Papierarchitekt‘ werden würde.«

Doch ein »Papierarchitekt« geworden

Tatsächlich ist Shigeru Ban ein »Papierarchitekt« geworden, wenn auch auf ganz andere Weise – er entschloss sich, mit Papier zu bauen. Eigentlich zuerst aus reiner Sparsamkeit.

Einen Teil seiner Motivation dafür führt er auf Kindheitserlebnisse zurück: »Zuerst wollte ich Tischler werden. Meine Eltern bauten ihr Haus mehrmals um, und so kam es mir vor, als wäre ständig ein Tischler im Haus. Als Kind habe ich dann die kleinen Holzabfälle gesammelt, um etwas daraus zu basteln, eine Spielzeugeisenbahn oder ein Haus. Vielleicht liegt es daran, wie mich meine Eltern erzogen haben, dass ich es hasse, Dinge wegzuwerfen. Ich muss wohl eine natürliche Veranlagung dafür haben, gebrauchte Dinge wiederzuverwerten.«

Bei einem Ausstellungsprojekt mit kleinem Budget über den finnischen Architekten Alvar Aalto (der auch sonst seinen Horizont sprengte) waren es die Pappröhren, die nach Abwickeln der Stoffbahnen übriggeblieben waren. Holz war zu teuer für das Projekt, also nahm er die Röhren – und war erstaunt.  »Obwohl ich es damals nur dekorativ im Innen- raum einsetzte«, erzählt er, «war ich begeistert von der Belastbarkeit, Präzision und Vielseitigkeit des Materials. Mein erster Entwurf für einen Bau aus Papier war für eine Ausstellung in Hiroshima gedacht, wurde jedoch nie realisiert (1989). Der erste Bau aus Papier war dann ein kleiner Pavillon für eine Ausstellung in Nagoya. «

Heute gilt der Einsatz von Papier in der Architektur als »grüne« Strategie, was Shigeru Ban viel Aufmerksamkeit verschaffte. Er selbst meint hierzu: «Obwohl man mich heute für einen umweltfreundlichen Architekten hält, kümmerte sich damals niemand um die Umwelt. Ich interessierte mich einfach für unbehandelte, kostengünstige Materialien.« Und er erzählt eine Anekdote: »Um zur japanischen Kunsthochschule zugelassen zu werden, mussten wir einen Turm aus Pappe bauen, der über einen Meter hoch war, ohne Material zu verschwenden. Nach strikten Regeln und mit begrenztem Material zu arbeiten, war etwas, das ich gut konnte. Ich traf meinen damaligen Professor vor ein paar Jahren wieder, der meinte: ‚Du machst ja immer noch dasselbe.‘«

Ausflug nach Hannover – nicht von Pappe

Pappröhren kommen in Bans Architektur immer wieder zum Einsatz. Das »Paper House«, 1994, am Yamanaka-See in Yamanashi, auch als »Paper Tube Structure 05« bezeichnet, war in Japan das erste Bauprojekt, für das Pappröhren als Strukturelemente eines dauerhaften Baus genehmigt wurden. Angesichts der strengen Bauvorschriften in Japan keine geringe Leistung. »Die eingeschossige Konstruktion aus Pappröhren hat eine Grundfläche von 100 m2. 110 Pappröhren mit einer Höhe von 2,7 m wurden S-förmig angeordnet und definieren die Räume des Hauses. Die Vertikallasten des Hauses werden von zehn Pappröhren getragen, während die 80 Röhren im Inneren des Baus den Seitenschub auffangen. Die Röhren bilden einen Wohnraum mit Galerie«, beschreibt Jodido das Projekt.

Und nun ein Sprung nach Hannover. Ich weiß noch die ungläubigen Gesichter in der Redaktion, als ich, von der Mitgliederzeitschrift der Bau-Gewerkschaft IG BAU zu einem Vorbericht über die Bauten der EXPO 2000 in die niedersächsische Landeshauptstadt geschickt, mit einem Text über den innovativen Japan-Pavillon zurückkam. Baustoff: Pappe. Kein Beton. Jodido dazu: »Mit einer Gesamtfläche von 3015 m2 und einer Höhe von 16 m war dies die bisher größte Paper Tube Structure (No. 13) Shigeru Bans. Die Materialwahl war besonders passend, schließlich war die Ausstellung Umweltthemen gewidmet, darüber hinaus sollte der Bau auch japanische Traditionen repräsentieren. Natürlich vereinfachte die Verwendung von Papier auch die unvermeidliche Demontage und das Recycling des Baumaterials. Der größte regionale Hersteller für Pappröhren, Sonoco Europe, beteiligte sich an der Entwicklung der Baumaterialien. Die Dachabdeckung bestand aus einer in Japan entwickelten Papiermembran, die aus fünf feuerfesten und wasserabweisenden Schichten bestand.« Um die wellenförmige Konstruktion aus 440 Pappröhren mit je 12 cm Durchmesser und bis zu 40 m Länge gemeinsam auszuarbeiten, wandte Shigeru sich an den renommierten deutschen Architekten und Ingenieur Frei Otto und das englische Ingenieurbüro Buro Happold.

Exkurs Frei Otto

Die hier besprochene Monographie ist auf Shigeru Bans ausdrücklichen Wunsch Frei Otto gewidmet. Das hat neben geistiger Verwandtschaft auch an Bans Interesse am Ingenieurwesen zu tun. Die spiegelt sich in vielen seiner Bauten, für die er oft Vierendeel-Träger verwendet. Das sind diagonalenlose Tragelemente der Baustatik: Viereckrahmen ohne Diagonalen. Vorteil dieser Konstruktion ist, dass in den Zwischenräumen Öffnungen möglich sind. Ein solcher Träger ähnelt einem Rahmen, der allein durch die Steifigkeit der Stäbe und Riegel tragfähig ist. Auch die Konzeption eines »wand-losen« Hauses erfordert exakte Kenntnisse über die Statik eines Bauwerks. Da ist Frei Otto (1925–2015), Gewinner der RIBA-Goldmedaille 2005 und des Pritzker-Preises 2015, immer schon der Richtige.

Ein Großteil seines Werks widmet sich der Suche nach der jeweils leichtesten oder wirtschaftlichsten Lösung bautechnischer Probleme, weshalb er sich stets für natürliche Formen interessierte. 1964 gründete Otto das Institut für Leichte Flächentragwerke an der Universität Stuttgart, kombinierte ab den späten 1960er-Jahren natürliche Formen mit modernen Baumethoden und später dann mit den aufkommenden Computertechniken. In seinem Buch »Biologie und Bauen« (1972) suchte er Möglichkeiten, die Leichtbaustruktur von Vogelschädeln auf architektonische Konstruktionen zu übertragen. Ein 1973 veröffentlichter Band setzte sich mit der Schönheit und Belastbarkeit von Spinnweben auseinander.

Eindeutig biomorphe Bauten sind der Deutsche Pavillon für die Expo ’67 in Montreal und dann das Dach des Olympiastadions in München 1972, quasi der Urvater aller Leichtbauwerke, Dachfläche 74.000 m². Für die Olympischen Sommerspiele 1972 in München sollte ein völlig neuartiges Stadion entstehen. Es sollte in die Landschaft eingebettet sein, ein menschliches Maß haben und die Ideen von Freiheit und Demokratie verkörpern. Jetzt mehr als 50 Jahre alt, hat das Bauwerk noch nichts von seinem leichtfüßigen Zauber verloren. Für den neuen Stuttgarter Hauptbahnhof übrigens entwarf er ein spektakulär-futuristisch anmutendes unterirdisches Dach. »Vom Herzen her bin ich Gestaltsucher und manchmal auch Gestaltfinder, der sich der Unvollkommenheit seines Tuns und seiner Produkte bewusst ist…. Ich versuche, Natur zu verstehen, auch wenn ich eingesehen habe, dass Natur wohl nie von einem Lebewesen, das selbst ein Objekt der Natur ist, verstanden werden kann.« (Frei Otto über seine Arbeit)

Nomadic Museum, Pier 54, New York © wiki-commons

Das nomadische Museum: Container als Baumaterial

Shingeru Ban arbeitete auch mit einem weiteren ungewöhnlichen Baumaterial: mit Schiffscontainern. »Container werden nach internationalen Standards gefertigt und sind weltweit zu mieten. Der Gedanke hierbei war nicht so sehr , Materialien neu zu nutzen, sondern vielmehr, das gleiche Material zu verwenden«, beschreibt Ban das geradezu monumentale Projekt »Nomadic Museum« (am Pier 54 in New York, 2004–2005; Santa Monica, 2005–2006; Tokio, 2007; siehe Seite 336 ff. im Buch). »Meine Neigung, Dinge aufzubewahren, war dabei nicht wirklich entscheidend«, erklärt er. »Als ich den Auftrag vom Fotografen Gregory Colbert erhielt, war das Problem vielmehr, ein großes Gebäude für eine Wanderausstellung von Land zu Land bewegen zu können. Es musste leicht auf- und abzubauen sein und sich kostengünstig transportieren lassen. Statt das Baumaterial für ein Bauwerk von über 4000 m2 zu verschiffen, lassen sich am ehesten Kosten senken, wenn das Material vor Ort verfügbar ist. Container sind weltweit zu mieten.«

Dieser Pragmatismus, gepaart mit Eleganz, befeuert auch seine humanitären Bauprojekte, für die er 2014 nicht zuletzt mit dem Nobelpreis der Architektur ausgezeichnet wurde. Die Begründung unterstreicht einen Aspekt, der Shigeru Ban von den meisten international anerkannten Architekten unterscheidet. Die Jury: »Seit dem 35-jährigen Bestehen des Pritzker-Architekturpreises ist es sein Ziel, lebende Architekten für ihre exzellenten ausgeführten Bauten sowie solche, die einen bedeutenden und anhaltenden Beitrag für die Menschheit leisten, auszuzeichnen. Shigeru Ban wird dieser Vorstellung in vollem Maße gerecht. Es ist ein hervorragender Architekt, der seit fast 30 Ja ren mit kreativer und hoch qualifizierter Planung auf extreme, durch Naturkatastrophen verursachte Situationen reagiert. Wenn die Tragödie zuschlägt, ist er häufig gleich vor Ort, wie unter anderem in Ruanda, der Türkei, Indien, China, Italien, Haiti und seinem Heimatland Japan.«

Paper Tube Shelter für Katastrophenopfer

Ja, dieser Architekt baut nicht nur Häuser, Villen, Kindertagesstätten, Gymnasien, Grundschulen, temporäre Spielstätten für Theater, Ausstellungshallen und Firmen-Pavillons, die Swatch-Zentrale, Kurhäuser, Bahnhöfe, Fabrikhallen, Unternehmenszentralen, Ateliers, Bibliotheken und Museen – sondern auch Behelfswohnungen, Sozialbauten, Wohnheime, Sammel- und Notunterkünfte. Dies für Flüchtlinge und Erdbeben- oder Tsunamiopfer. Weltweit.

Anstoß für ihn waren Bilder vom Zustand der Flüchtlingslager 1994 in Ruanda. »Ich dachte, das kann man verbessern«, kommentierte er lakonisch. Reiste nach Genf, um mit dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR zu arbeiten. Entwarf Prototypen für Zelte mit Pappsäulen-Mast. Half nach dem Erdbeben 1995 in Kobe mit Notunterkünften, die Bierkisten als Fundamente und Pappsäulen als Trageelemente hatten. Das Buch darüber müsste noch geschrieben werden – und könnte sicher inspirierend sein –, wie er seitdem in allen Katastrophen gebieten der Welt zu einer vertrauten Gestalt geworden ist, immer mit einer Schar Studenten anrückt, mit denen er dann ad-hoc-Lösungen entwickelt.

Dazu gehörten zum Beispiel Notunterkünfte wie das »Paper Log House-India« (Gujarat, Indien, 2001), das »Paper Log House-Turkey« (nordwestliche Türkei, 1989) oder Notunterkünfte aus Pappe für die UNHCR (Ruanda, 1999). Bei den »Post-Tsunami Rehabilation Houses« in Kirinda, Sri Lanka, lag der Schwerpunkt auf der Nutzung regional verfügbarer, kostengünstiger Materialien, statt der von Ban bevorzugten Pappröhren. Insgesamt wurden 50 Häuser aus Stampflehmziegeln und Holz geplant. Jedes Haus hat eine Fläche von 71 m2 und kostete 13.000 Dollar.

2004 bis 2006 entwickelte Ban nach jeweils schweren Erdbeben und Überschwemmungen in Japan das »Paper Partion System«, ein effizientes Trennwandsystem mit jeweils 4 Quadratmeter großen Einheiten für Notunterkünfte, das er mit Studenten immer mehr perfektionierte. Das »Partition System 3« funktioniert mit Stützen und Trägern aus Pappröhren, die in Notfällen leicht und preiswert zu beschaffen sind und hat den Vorteil, dass kein Material gelagert werden muss und es von Personen ohne jegliche Erfahrung im Bauen montiert werden kann. Die Trennwände lassen sich, ohne genagelt zu werden, in nur 30 Minuten aufstellen.

Auch das ist – man muss es klar sagen – Architektur. Sie kam unter anderem auch schon in Italien, der Türkei und in Syrien zum Einsatz. Die »Paper Tube Shelter« mit Bans Papierröhrentechnik ermöglichten den raschen Aufbau von Notunterkünften in den Krisengebieten etwa von Fukushima oder in der Ukraine.

Shigeru Ban ist damit so etwas wie ein Repräsentant von Anti-Architektur. Solche Projekte haben nichts von der Star-Aura, nach der viele in der Branche streben. Einige Monate, bevor ihm der Pritzker-Preis verliehen wurde, forderte Ban 1994 seine Architekten-Kollegen und –Kolleginnen auf, ihre Expertise doch mehr in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen: »Ich sage nicht, dass wir Architekten keine Monumente bauen sollen, aber ich denke, wir alle können mehr für die Gemeinschaft tun. Architekten kümmern sich nicht um Notunterkünfte, weil sie zu beschäftigt sind, für die Privilegierten zu bauen.«

Alf Mayer

Stand für die Frankfurt Book Fair

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