Geschrieben am 1. November 2025 von für Crimemag, CrimeMag November 2025

Schatzsuche November 2025 – Lese- und Hinschaustoff

Eine Vielzahl von Krimi-Neuheiten …

… erscheinen jeden Monat, dazu Graphic Novels (vulgo: Comics) und DVDs und BluRays. 

Unmöglich, das alles zu überblicken und zu rezensieren. 

CrimeMag siebt und schürft deshalb für Sie und weist hier regelmäßig mit Hilfe der befreundeten Buchhandlungen

Chatwins (Berlin), 
Wendeltreppe (Frankfurt)
und Buchladen in der Osterstraße (Hamburg)

auf interessante Neuerscheinungen hin.

Bitte denken Sie daran, dass gerade in diesen Zeiten Ihre lokalen Buchhandlungen besonderer Unterstützung und Solidarität bedürfen. Lieber dort bestellen als bei amazon. Man kann das nicht oft genug sagen – und tun.

** **

Claudia Denker, Chatwins, Berlin:

Beim Durchsuchen der Krimineuerscheinungen ist mir für diese Schatzsuche wenig aufgefallen. Deshalb habe ich noch einmal zurückgeschaut und auch wieder ein paar Titel ausgesucht, die nicht unbedingt ins Genre passen.

Bereits im Oktober erschienen ist ein Titel von Bijan Moini, der mir letzten Monat durchgerutscht ist: »2033« (Atrium). Eine rechtsextreme Bundeskanzlerin regiert, der einzigen Oppositionspartei droht ein Parteiverbot – was dann?  

Ebenfalls letzten Monat kam ein neuer Titel von Mick Herron: »Down Cemetry Road« (Diogenes, deutsch von Stefanie Schäfer). Nach – bis jetzt – sieben Fällen mit Jackson Lamb lernen wir eine neue Privatermittlerin kennen – mal ansehen.

Einen Kriminalroman der chinesisch-kanadischen Autorin Liann Zhang über das Influencer-Leben können wir im November lesen: »Belladonnas« (Suhrkamp, deutsch von Stefan Lux).

Viel Spaß hatte ich mit der neuen Graphic Novel von Bianca Schaalburg: »Emma und Amir. Im Schatten des Terrors« (Jacoby & Stuart). Nicht nur, weil die Geschichte zum Teil bei mir um die Ecke spielt (auch in Paris), und ich in den Bildern meine Umgebung und die Schwimmbäder wiedererkannt habe, mochte ich das Buch sehr. Es ist tatsächlich auch eine richtige Kriminalgeschichte. Und der Hund von Amir heißt Hammett. Wunderbar.

Nicht so schön, aber sehr interessant ist das neue Buch des türkischen Journalisten Can Dündar: »Ich traf meinen Mörder« (Galiani Berlin, deutsch von Sabine Adatepe). Wie der Titel schon sagt: Der Autor besucht den Mann, der 2016 den Auftrag erhielt, ihn zu ermorden, im Gefängnis.

Was er darüber hinaus noch herausfindet, werde ich lesen.

Obwohl es auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand, ist mir das Buch jetzt erst richtig aufgefallen: »Rom sehen und nicht sterben« von Peter Wawerzinek (Penguin). Hat mich gepackt.

Und zum Schluss noch ein Weihnachtsgeschenk, bei weitem nicht nur für Fans des Münster-Tatorts. »Axel Prahl: ‘Was man liebt, braucht Zeit‘ « (Goldmann). Knut Elstermann hat zusammen mit Prahl eine bunte Collage aus Interviews, Fotos und Geschichten gebaut. Wer den Schauspieler mag, wird seine Freude damit haben.   

** **

Jutta Wilkesmann und Hildegard Gansmüller, Wendeltreppe, Frankfurt:

Hier also die ausgewählten Bücher:

David Safier: Miss Merkel: Mord unterm Weihnachtsbaum (Kindler)

Mick Herron: Down Cemetery Road (Diogenes)

Uketsu: HEN NA IE: Das seltsame Haus (Lübbe)

Hiltrud Baier: Tod unter Nordlichtern (Oktopus)

Jonathan Coe: Der Beweis meiner Unschuld (Folio, Wien)

Christoffer Petersen: Sieben Gräber für den Winter (Kampa)

Langsam nähern wir uns dem Endespurt – also: Volle Kraft voraus und gut gehen lassen!

Liebe Grüße aus der Wendeltreppe

** **

Torsten Meinicke, Buchladen in der Osterstraße, Hamburg:

Als Lektüre für lange und dunkle Novemberabende empfehle ich:

Mick Herron, Down Cemetery Road (Ü: Stefanie Schäfer), Diogenes 2025, 560 S., 19 Euro: Zoe Boehm ermittelt in Oxford. Vom Erfinder der „Slow Horses“. Ein altes Buch von Herron, jetzt endlich auf deutsch erhältlich. 

Gary Victor, An der Kreuzung der Parallelstraßen (Ü: Peter Trier), Litradukt 2025, 136 S., 16 Euro: Ein wilder Ritt durch Haiti. Halb Burleske, halb Apokalypse. Eine Heiligenstatue will Sex ohne Kondom, Gott reitet auf einem Esel mit Scheinwerfern, ein entlassener Beamte will Rache nehmen. Viel Blut, Dreck und Fäkalien. Ich glaube, da will ich nicht Urlaub machen.

Felicity McLean, Red (Ü: Kathrin Bielfeldt), Polar 2025, 304 S., 17 Euro: Neues aus Australien! Die Geschichte der jungen Ruby „Red“ McCoy, die von der Flucht aus New South Wales träumt. Die vielen Schwärzungen im Text müsste mir der Verlag aber noch erklären.

Lavie Tidhar, Adama (Ü Conny Lösch), Suhrkamp 2025, 426 S., 22 Euro: Ich war schon von „Maror“ begeistert und finde, dass „Adama“ noch besser ist. Tidhar, selbst in einem Kibbuz aufgewachsen, erzählt die Geschichte des Kibbuz Trashim von 1945 bis heute. Und das vollkommen Romantik- und Nostalgie-frei. Ein gewaltiges und gewalttätiges Familienepos über mehr als ein halbes Jahrhundert.

Fabcaro, Asterix in Lusitanien (Ü: Klaus Jöken), illustriert von Didier Conrad, Egmont 2025, 48 S., 13,50 Euro: Korrupte Politiker, Wirtschaftsverbrechen, Spitzel und jede Menge Nahkampf. Es könnte ein Thriller von Andreas Pflüger sein. Es ist aber – der unbedingt lesenswerte – neue Asterix. 

Ach ja, der Pokal-Krimi des magischen FC Sankt Pauli gegen Hoffenheim samt Elfmeterschießen war auch nicht unspannend. 

Torsten Meinicke (Buchladen Osterstraße)

** **

Tipps aus der Redaktion

Thomas Wörtche:

Hamed Abdel-Samad/Philipp Peyman Engel: Was darf Israel? Ein Streit.
(dtv) Am Wort Genozid hängt sich der Briefwechsel von Hamed Abdel-Samad (u.a. Islamwissenschaftler)  und Philipp Peyman Engel (u.a. Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen) auf. Ziel: Gegenteilige Sichten der Dinge aushalten, zu verstehen versuchen, respektvoll streiten. Kommunizieren, reden, nicht damit aufhören. So soll es sein.

Richard J. Evans: Hitlers Komplizen. Helfer und Vollstrecker. Das Dritte Reich in 24 Porträts.
(DVA, Ü: Klaus-Dieter Schmidt). Wichtige Studien zu den Leuten, die „dem Führer zugearbeitet“ haben, und ohne die das „Dritte Reich“ nicht funktioniert hätte. Beklemmend.

Wolf-Rüdiger Baumann/ Claudia Saam: Camp Ogglethorp 1917 – 1920. Deutsche „Alien Enemies“ in den USA. (:transit) Hätte ich mich nicht in meiner Dissertation mit Hanns-Heinz Ewers beschäftigt, der in Camp Ogglethorp einsaß, wäre mir dieses Stück deutsch-amerikanischer Geschichte nicht geläufig gewesen. Denn in diesem Camp wurden während des Ersten Weltkriegs Immigranten interniert, die unter den „Alien Enemy Act“ von 1797 fielen. Also das Gesetz, das Trump aktuell wieder ausgegraben hat, um gegen unerwünschte Menschen vorzugehen. Ganz ohne Krieg.

** **

Alf Mayer:

Jetzt im Taschenbuch: Patrick Radden Keefe: Imperium der Schmerzen. Wie eine Familiendynastie die weltweite Opioidkrise auslöste (hanserblau, 640 Seiten, 18 Euro. Übersetzung: Gregor Runge/ Kattrin Stier/ Benjamin Dittmann-Bieber). Das große, verstörende Sittenbild der Sackler-Familie, die sich als Philantropen feiern lassen, deren Vermögen durch Valium entstand und die mit der Erfindung des Medikaments OxyContin die Opioidkrise in den USA auslöste und Millionen Menschen süchtig und abhängig machte. Ein meisterliches Narrativ, umfassend recherchiert. True Crime. – Ein Textauszug bei uns hier.

Im Monat November gibt es Kulleraugen-Verlag drei komplementären Foto-Bücher zu den Farben Weiß, Rot und Schwarz von Brigitte Tast im Set zum Sonderpreis von 80 Euro. Das erste Buch, »Die Hüterin des Weiß«, erschien 2011, das dritte, »Durch Schwarz und Weiß« (Besprechung bei uns hier) im Jahr 2024. Mehr Infos: kulleraugen-verlag (at) gmx.de

Hörbücher Jochen Brunow: Ab 4.11. gibt es die beiden hervorragenden Kriminalromane »Verdeckte Spuren« und »Die Chinesin« von Jochen Brunow (hier und hier bei uns besprochen), beide bei ars vivendi erschienen, auch auf allen üblichen digitalen Kanälen als Hörbücher, gelesen von Wolfgang Wagner. (Bei Fine Voices.) Und eine gute Nachricht: Im April 2026 erscheint der dritte Roman mit dem Ex-Kommissar Beckmann, »Der Mann vom Meer« (bei ars vivendi)

Provinzkrimis sind nicht ganz unser Ding, eher nur wenn sie universell sind, eben Country Noir. Aber das hier ist schon eine besondere Region, und ein Verlag hier prägend. Was bei ars vivendi aus Cadolzburg 2005 mit einem Toten in der Pegnitz begann (im Überraschungshit »Dürers Mätresse« von Jan Beinßen), wurde im Laufe der Jahre zum erfolgreichen Verlagsprojekt – mit bis heute 148 Kriminalromanen und 512 Tatorten zwischen Ansbach, Hof und Aschaffenburg. »20 Jahre Frankenkrimi« wird jetzt am Mittwoch, 19. November 2025, mit einer besonderen Lesenacht gewürdigt. Es lesen Jan Beinßen, Tommie Goerz, Dirk Kruse, Susanne Reiche und Lucas Fassnacht. Ort: Marmorsaal des Presseclubs Nürnberg, Gewerbemuseumsplatz 2, 19 Uhr. Karten und Infos hier. Pünktlich zum Jubiläum erscheint »Dürers Mätresse – die Rückkehr« von Jan Beinßen, allein diese Reihe ist inzwischen auf 20 Bände angewachsen. Blühende Provinz.

Arno Schmidt: Tagebücher der Jahre 1957–1962. (800 Seiten, 68 Euro.) Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag.
Darauf freue ich mich schon länger, habe mich mit Herausgeberin Susanne Fischer schon vor einigen Buchmessen darüber unterhalten. Das einzig erhaltene Tagesnotizbuch von Arno Schmidt, nun erstmals komplett veröffentlicht und kommentiert. Es umfasst mit den Jahren 1957 bis 1962 den Umzug der Schmidts von Darmstadt nach Bargfeld ebenso wie die Entstehung der Romane »Die Gelehrtenrepublik« und »Kaff auch Mare Crisium« sowie der Erzählungen aus »Kühe in Halbtrauer«.

Konstantin Richter: Dreihundert Männer (Suhrkamp, 544 Seiten, 30 Euro) erzählt von Bankiers, Industriekapitänen und Lobbyisten, von Aufstieg und Fall der »Deutschland AG« über rund 150 Jahre, von der Start-up-Nation Kaiserreich bis in die krisengebeutelte Gegenwart. Wirtschaftsgeschichte kann so spannend sein…

Und gerade im Kino: »Depeche Mode: M«, Konzertfilm mit einer Zusammenstellung von Auftritten während der Memento-Mori-Tour und, besonderer Leckerbissen: Archivmaterial. (Kinos übrigens haben das weit bessere Soundsystem als jedes Wohnzimmer. Gilt auch für Opern.)

Eine der wichtigsten Kurzgeschichten der Literaturgeschichte ist die vom »Zwischenfall auf der Eulenfluß-Brücke« von Ambrose Bierce, erstmals am 13. Juli 1890 im »San Francisco Examiner« veröffentlicht. Jetzt wird sie als bibliophiles Schmuckstück in einem meiner Lieblingsverlage wieder aufgelegt: Bleisatz, bestes Papier, Handpresse, eigens geschaffene Holzschnitte von Jane Randfield. Aber natürlich viel zu teuer:

Ambrose Bierce: An Occurrence at Owl Creek Bridge, Suntup Editions, Irvine/ California, 65 $.

Verleger Paul Suntup kooperiert mit Künstlern, Typographen, Druckern, Buchbindern der guten alten Druckkunst: »Für uns geht es um die Rückkehr zu einer Zeit, in der die Kunst und das Handwerk des Büchermachens noch etwas bedeutet haben.«