Geschrieben am 3. April 2025 von für Crimemag, CrimeMag April 2025

Roland Keller zur Schlosshotel-Groteske von Gerhard Henschel

Ein Mordsspaß um Bob Dylan und Arno Schmidt

„Sanft strich der Abendwind durch die Blätter der Blutbuchen, die rings um das Schlosshotel Hohenhaus Wache standen”, sind die ersten Zeilen von „Mord auf Hohenhaus”. Sie harmonieren perfekt mit der Warnung auf dem Cover: „Ein Schlosshotel-Kriminalroman”.

Zum Glück hat  mich das nicht abgeschreckt, der Name des Autors hat mich neugierig gemacht. In welche Niederungen des Genres hat sich Gerhard Henschel verirrt? Stammt nicht von ihm die Satire „Sex-Schock – Penis kaputt?“, die richtig Wellen schlug, nachdem Ex-Bild-Herausgeber Kai Diekmann die taz wegen Störung der Privatsphäre verklagte? Der Gang vors Gericht brachte das Gerücht über eine missglückte Penisverlängerung dann erst richtig in Umlauf.

Warum wildert Henschel, der für Familienromane oder Sachbücher wie „Kulturgeschichte der Missverständnisse”, bekannt ist, im plüschigen und wohltemperierten Schauermilieu der Schlosshotel-Kriminalromane? Wie nicht anders erwartet, treibt er genüsslich sein Spiel mit dem Genre, wie schon 2020 mit seiner Regionalkrimi-Parodie „SoKo Heidefieber”, der weitere Anschläge folgten.

Tief sticht seine spitze Feder ins weiche Herz der Romantik-Krimis. Kitschvergnügt lässt er pflaumenblaue und apfelgrüne Gerüche aus dem Obsthain des Hotels aufsteigen und im Seerosenteich die schwefelgelbe Wasserfarbe des Vollmondes spiegeln.

Jenseits solcher Süßstoff-Lyrik reichert der Übersetzer der Bob-Dylan-Autobiografie seine Krimigroteske nicht nur mit tiefen Kenntnissen über den Meister an – freilich mit großzügig gestreuten Zitaten. Das Schlosshotel wird kurzerhand zum Schauplatz einer Dylanolog:innen-Konferenz, samt feierlicher Enthüllung einer Marmorskulptur des Nobelpreisträgers, was in einem Fiasko endet. Warum baumelt ein festgeklebter Arno-Schmidt-Forscher am Dylans Gitarrenkopf? Tot, ermordet. Warum? Wollte jemand den Vortrag über Arno Schmidts „Seelandschaft mit Pocahontas” verhindern, auf den die angereisten Schmidtianer:innen nun verzichten müssen?

Dieser Verzicht bezieht sich allerdings nicht auf das, was Henschel dem Leser im Verlauf der Handlung über seinen geschätzten Kollegen Schmidt nahebringt. Darunter auch die juristischen Scharmützel, mit denen bigotte und verklemmte Beamten den Autor in den 50er Jahren überzogen haben, was hier in diesem Krimi nachglüht.

Doch kommen wird zur Handlung. Durch sie führt der Dylan-Verehrer Michael Ritz, ein Anwalt mit Detektiv-Ambitionen. Zusammen mit einer illustren Gästeschar versucht er den Mord aufzuklären. Das Panoptikum bereichern neben weiteren Hobby-Detektiven ein schwedischer Journalist, mit dem bezeichnenden Namen Kalle Blomquist, und eine ledergebundene Dame, die mit einer schweren Harley-Davidson samt streichelfreundlichem Rottweiler anreist, aber auch intellektuell über PS-Stärke verfügt. Als Sidekick in der Besetzung darf ein beschränkter Sensationsjournalist nicht fehlen.

Zu den kleinen Gemeinheiten neben all der Ironie, die Henschel serviert, gehört die präzise Darstellung der Gourmet-Küche, an der wir leider nur appetitanregend schnuppern dürfen. Sie gibt den Takt des Geschehens mit an, samt der exquisiten Jahrgänge aus dem Hotelkeller. Quasi als dringende Anregung, beim Umblättern den Griff nach dem Weinglas nicht zu vergessen.

Das Ganze ist nicht ohne Thrill, wobei man nicht jede Wendung der sich steigernden Handlung hinterfragen sollte, die auch mal in Sackgassen landet oder sich in alte Gemäuer verirrt. Insbesondere wenn Henschel seine Krimi-Satire mit mörderischen Teufel- und Hexenaustreibern aufrüstet, die geistig im Mittelalter stehen geblieben sind und das Einleitungs-Zitat von Dylan „The age of the anti-Christ has just only begun” bestätigen, dem weitere folgen. Fröhlich plündert Henschel auch bei Arno Schmidt und macht dabei Lust auf mehr, wenn er dessen Bürgerschreck-Sätze aus Adenauer-Zeiten zitiert. Zum Glück ist das nicht allein wunderbarer Mehrwert für Germanisten, die es aushalten müssen, dass der Vertreter ihres Berufsstandes nicht an der Nase herumgeführt, sondern an ihr aufgehängt wird.

Vorab sei verraten, dem aufregenden Finale setzt Bob Dylan dann noch eine Krone auf. Im Schlosshotel gibt er ein exklusives Gastspiel, über das angesichts des privaten Charakters weder Medien noch Chronisten jemals etwas erfuhren. Auch nicht, dass sich der Meister bis morgens um drei Uhr mit sterblichen Bewunderern bei einer Flasche Heaven’s Door Bourbon von dem Auftritt erholte.

Henschel dürfte beim Schreiben mindestens so viel Spaß gehabt haben wie ich beim Lesen, was das Buch weit über die Zielgruppe der Dylanolog:innen und der Schmidtolog:innen unter den Germanisten öffnet. Für die ist dieser Schlosshotel-Krimi ein Muss, auch frisches Futter für Dissertationen über die Rolle von Arno Schmidt und Bob Dylan in der Kriminalliteratur.

Roland Keller

Gerhard Henschel: Mord auf Hohenhaus. Ein Schlosshotel-Kriminalroman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2025. 192 Seiten, 18 Euro.

Tags : , , ,