Geschrieben am 1. September 2025 von für Crimemag, CrimeMag September 2025

Roland Keller: Vera Buck »Der dunkle Sommer«

Leere Häuser auf Sardinien

La Sardegna, ein Traum aus wild-romantische Landschaften, umgeben von azurblauem Meer. Wer aus dem Flugzeug steigt, wird umhüllt vom warmen Wind, der nach See und Natur riecht. Nichts ist vom tief sitzenden Schrecken der Vergangenheit Sardienins zu spüren, der in Vera Bucks „Der dunkle Sommer“ mit Gewalt an die Oberfläche drängt.

Der Roman ist mehr als passende Urlaubslektüre, doch Vorsicht, das von Rowohlt verkündete Thriller-Versprechen könnte beim Leser falsche Erwartungen wecken, auch wenn Buck etliche Thrill-Momente und zahlreiche Cliffhanger zwischen ihren Schwenks auf Personen und Ereignisse einwebt. „Der dunkle Sommer” ist ein spannende und zugleich tragische Familiengeschichte, eine spannende und zugleich schmerzhafte Reise in eine düstere Vergangenheit, die lange gehütete Geheimnisse aufbrechen lässt.

Tilda, Architektin mit deutsch-italienischen Wurzeln, flüchtet in ein seit 1982 verlassenes sardischen Dorf. Dort hofft sie ihr Trauma – der Einsturz eines Theater-Umbauprojekts, bei dem es einen Toten gab und sie ihr ungeborenes Kind verlor – heilen zu können. 

Im fiktiven Botigalli gibt es außer leeren Häusern und der stehenden Sommerhitze anscheinend nichts. Kein Negozio di Alimentari, kein Panificio für frisches Brot, nichtmal die unvermeidliche Dorf-Bar für einen schnellen Espresso. Quasi nichts fürs tägliche Leben. Runter zum Meer muss sich Tilda eine halbe Stunde mühsam über enge Bergstraßen kämpfen. Ebenso lange und mühsam ist es zum nächsten Städtchen, der Provinzhauptstadt Nuoro. Einsamer und verlorener geht es kaum. Selbst die Schafe scheinen geflüchtet zu sein.

War es der Artikel über das sardische Geisterdorf, den ihr verstorbener Vater aufgehoben hat, der Tilda in dieses menschenleere Nirgendwo zieht? Oder hat sie bei all den abschreckenden Nachteilen der Preis für das Haus überzeugt? Nur ein Euro.

Der Versuch des Staates mit solchen Lock-Angeboten verlassene Dörfer zu revitalisieren, stellt sich für Tilda bald als vergiftetes Angebot heraus. Zu spät erfährt sie, dass in dem Haus ein blutiges Massaker stattfand, bei dem zahlreiche Dorfbewohner umgekommen sind und die Überlebenden danach dem verfluchten Ort den Rücken kehrten, das einst im Mittelpunkt zahlreicher Entführungen stand.

Anders als auf dem italienischen Festland, wo in den 70er und 80er Jahren eine Entführungsindustrie durch mafiöse Organisationen boomte, waren die ebenso wenig entschuldbaren Taten der armen sardischen Bauern und Schafhirte oft Teil ihres Kampfes um die Existenz, gegen Armut und Knechtschaft. Das traf auch den bekannten italienischen Liedermacher Fabrizio De André. 1979 wurde er zusammen mit seiner späteren Ehefrau erst nach vier Monaten und Zahlung eines hohen Lösegeldes freigelassen – und setzte sich dennoch im Nachhinein für die prekäre soziale Lage der sardischen Landbevölkerung ein. Sichtbar wir derenVergessenheit und Isolation auch im Film „Padre Patrone” der Taviani-Brüder aus dem Jahr 1977 nach dem autobiografischen Roman von Gavino Ledda.

Die grellen Schlagzeilen über die zahlreichen Entführungen sind längst verblasst. Heute liest sich das wie die Fortsetzung alter sardischer Banditen-Romantik, was oft als ewig währender Kampf für die Unabhängigkeit der Insel missverstanden wird.

Nicht in „Der dunkle Sommer”. Vera Buck verwebt Schicksale der Dorfbewohner mit dem ihrer Protagonistin Tilda, lässt Momente der Vergangenheit und der Gegenwart aufeinanderprallen. Unerklärliche Vorgänge in Tildas Haus kündigen die Rückkehr der Schrecken aus der Vergangenheit an, ebenso die verbissene Recherche eines Journalisten, der gegen alle Widerstände die Wahrheit des Massakers aufdecken will. Zu allem Überfluss flüchtet Tildas Bruder vor seinem persönlichen Desaster zu ihr auf die Insel, der mehr Belastung als Hilfe ist. Die Heilung ihres Traumas muss warten.

Ausgangspunkt der Rückblicke ist die Entführung eines Zwölfjährigen in den 80er Jahren, was die siebzehnjährige Franca empört. Doch ihr Kampf gegen den Dorf-Clan und die seit Jahrhunderten festgelegte Rolle der Frau in einer patriarchalischen Dorfgesellschaft scheint vergeblich. Nach einer Vergewaltigung wird sie zu einer Zwangsehe mit dem Vergewaltiger gezwungen. Mutig wirft sie bei ihrer Hochzeitsfeier den Männern ihre Verlogenheit und ihre Verbrechen vor, was schließlich zu dem Massaker eskaliert.

Buck knüpft hier an den realen Fall der Sizilianerin Franca Viola an, die nach ihrer Entführung und Vergewaltigung zur Ehe mit ihren Peinigern gezwungen wurde und dagegen aufbegehrte. Bis 1980 war „Il matrimonio riparatore (die reparierende Ehe Teil) des italienischen Strafrechts. Einem Mann, der eine Frau sexuell missbraucht hat, entging strafrechtlichen Konsequenzen, wenn er sein Opfer heiratete. Nach landläufiger Meinung wurde die Frau damit auch von der ‚Schande der Entehrung’ erlöst.

Zum Finale wird Tilda von den Ereignissen überrannt, während verheerende sommerliche Flächenbrände die Dramatik noch steigern. Von ihrem Bruder fehlt jede Spur, wurde er Opfer der Flammen oder einer Entführung? Auf der verzweifelten Suche nah ihm erfährt Tilda nicht nur die Wahrheit über die Vergangenheit des Dorfes, auch über Franca und sich selbst – und warum ausgerechnet dieses Dorf und dieses Haus sie gegen alle Widerstände angezogen hat.

Ohne jetzt zu verraten, von welcher inneren Stimme sie gerufen wurde, ein kurzes Fazit: Keiner kann seiner Vergangenheit entkommen. Auch nicht diesem Sardinien, dem Buck die glatte touristische Oberfläche weg- und alte Wunden schmerzvoll aufreißt. Ihre Menschen und ihre Geschichten, die Orte und Landschaften wirken so intensiv und authentisch, als würde man all das hautnah selbst erleben. Wer sich jemals tiefer ins sardische Hinterland, fern von wunderschönen Stränden, gewagt hat, konnte vielleicht ein wenig die Geheimnisse dieser alten, verborgenen, in Spuren immer noch archaisch-patriarchischen Welt erahnen, die sich Fremden – anders als in diesem Buch – nicht öffnet.

Roland Keller

Vera Buck: Der dunkle Sommer. Rowohlt, Hamburg 2025. Paperback, 384 Seiten, 17 Euro.

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