Geschrieben am 1. Oktober 2025 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2025

Roland Keller: »Seidenstraße« von Robert Lackner

Gelbe Gefahr reloaded

Die Gelbe Gefahr, vor der Kaiser Wilhelm II. schon vor 125 Jahren warnte, gibt in Robert Lackners Thriller den Grundton an. Zu Beginn von „Seidenstraße“ gehen die ersten Schüsse lediglich in die Luft. Max Oster, Sicherheitschef des Hamburger Hafenterminals, reißt einem unfähigen Polizisten die Pistole aus dem Halfter und treibt gewalttätige Gegner und Befürworter des chinesischen Einstiegs beim Hamburger Hafen auseinander. Der
von seinem Afghanistan-Einsatz traumatisierte Ex-BND-Mann fackelt nicht lange, wenn er Gefahr wittert – und ihn kümmert es nicht, wie das bei seinen Chefs und in der Politik ankommt.

Oster hat noch eine andere Seite: Entspannung sucht er bei klassischen Konzerten in der Elbphilharmonie. Seine Leidenschaft für Musik teilt er mit einer chinesischen Businessfrau, auf deren Wiedersehen er sich freut. Daraus wird jedoch nichts. Die Dame wird auf dem Heimweg brutal ermordet. Für Trauer bleibt Oster keine Zeit – sofort steht er als einziger Verdächtiger im Fadenkreuz von Polizei und BND. Die Politik braucht dringend einen Täter, um Wirtschaftsverhandlungen mit dem chinesischen Ministerpräsidenten in Berlin nicht zu gefährden. Als wäre das nicht genug, setzt der Vater der Toten, ein hochrangiger chinesischer Militär, eine Killertruppe auf ihn an.

Zu seiner Mitgejagten wird die hartnäckige junge Journalistin Laura Schneider. Nach einer lesbischen Me-Too-Liebesnacht mit ihrer Chefredakteurin hat sie sich eine kleine Rache erlaubt – und wurde prompt gefeuert. (Ich dachte, das passiert nur bei männlichen Redaktionschefs.) In dem Mord an der Chinesin erkennt Schneider Parallelen zu einem tödlichen Erotik-Unfall eines Bundestagsabgeordneten und hofft, mit einem Scoop zurück ins Geschäft zu kommen.

Aus dieser Ausgangssituation rührt Lackner eine üppige Action-Melange mit vielen unterschiedlichen Schauplätzen an. Gespart wird bei diesem Thriller auch nicht an Gegenspielern und Verschwörern, was zu einer recht unübersichtlichen Personenausstattung und ständigen Szenenwechseln führt, die kaum ohne Cliffhanger enden. Der Leser muss sich auch durch die Amtsstuben Berliner Politbeamter quälen, die sich ständig mühen, den Besuch aus Peking nicht zu verärgern, dabei karrieregeil oder korrupt sind – oder auch beides. Nicht fehlen darf eine Verschwörung aus Politik und Wirtschaft, die den Chinesen helfen will, mit Exportverbot belegte Schlüsseltechnologie zu beschaffen. Zumindest hier sind nicht allein die Chinesen die Bösen.

Nach den ersten 50 Seiten erinnerte ich mich an einen Rat von Ken Folletts Agenten Albert Zuckerman: sparsam mit dem Personal umzugehen, um den Leser nicht zu überfordern. Bei „Seidenstraße“ kommt hinzu, dass eine Wendung die nächste überlagert, als könne sich der Autor nicht zwischen Atemlosigkeit und Spannung entscheiden. Schade, denn das Thema ist angesichts der Diskussion über den wachsenden Einfluss der selbstbewussten Wirtschaftsmacht China sehr interessant.

Oft lenken Schwenks von der Handlung ab, viele Szenen über die Aktionen von Subalternen in Ministerien ermüden mit Klischees. Zum Schluss soll dann viel Action und Verblüffung dafür entschädigen. Anders als der Titel erwarten lässt, führt die Geschichte nicht über die Hamburger Station der Seidenstraße hinaus und macht sie im Finale für eine brisante Fracht zur explosiven Endstation.

Roland Keller

Robert Lackner: Seidenstraße. Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 2025. 376 Seiten, 17 Euro.

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