Binge-Reading mit Pausen
Kommt nach dem Binge-Watching jetzt auch das Binge-Reading? – Von Roland Keller
Unter ihrem Pseudonym Karen Sander – die vielschreibende Autorin Sabine Klewe mit einer halben Million Auflage nutzt gleich mehrere für unterschiedliche Arbeiten – legt sie jetzt mit „Die Tiefe“ die erste Folge der dritten Mini-Staffel ihrer Ostsee-Krimi-Trilogie vor, die im Untertitel „Versunken“ heißt. Für Nichtkenner: Die vorangegangenen Mini-Staffeln mit Spiegel-Bestseller-Prädikat tragen die Titel „Der Strand“ und „Der Sturm“ und bestehen aus je drei Folgen.

Hier lebt die Fortsetzungstradition wieder auf, die etwa die Leser von „Dr. Mabuse, der Spieler“ dazu brachte, 1921 jede Woche den Zeitungsverkäufern die „Berliner Illustrirte“ aus der Hand zu reißen, um sich von Cliffhanger zu Cliffhanger zu hangeln. Dies nur als Beispiel für das Leserbindemittel der Tageszeitungen und Zeitschriften, das bis ins 17. Jahrhundert zurückgeht. Nachdem diese Form im Pressebereich so gut wie ausgedient hat, setzen nun umso stärker TV- und Streaming-Plattformen auf Mini-Serien und mehrteilige Staffeln, um die Zuschauer an sich zu binden.
Dieses Prinzip aufs Buch zu übertragen, heißt allerdings für die Leser, dass sie etwas länger auf die beiden Fortsetzungen von „Die Tiefe – Versunken“ und damit auf die Auflösung warten müssen. Die beiden Folgen „Verblendet“ und „Verloren“ sind für Februar und Mai 2026 angekündigt und setzen das Spiel mit dem „V“ im Untertitel fort. Die erste Staffel „Der Sturm“ wurde mit „Vermisst“, „Verraten“, „Vergessen!, die zweite, „Der Strand“, mit „Vergraben“, „Verachtet“, „Vernichtet“ betitelt. Mal sehen, was das Wörterbuch bei V künftig noch herzugeben vermag.
Fürs Binge-Lesen der vorangegangenen Dreiteiler werden auch Dreierpacks angeboten, gar Exklusiv-Packs mit Postkartensets der Autorin (Sabine Klewe fotografiert auch, neben ihrem Schreiben). Diese Komplett-Packs ersparen den Frust, wie jetzt zum Ende der ersten Folge von „Die Tiefe“, auf zwei weitere Folgen zu warten, um zu erfahren, ob der Mörder einer vierköpfigen Familie gefunden wird, deren Leichen in einer versunkenen Segelyacht in der Ostsee entdeckt werden.

Keine Angst, Langeweile lässt Autorin Sander nicht aufkommen. Denn neben diesem und weiteren Morden treibt in „Die Tiefe: Versunken“ auch noch ein Serienmörder sein Unwesen.
Der alleinerziehende Kriminalhauptkommissar Tom Engelhardt – die Mutter seiner Tochter starb tragisch – und die Kryptologin Mascha Krieger sind in „Die Tiefe – Versunken“ ein Liebespaar. Beruflich arbeiten sie wieder zusammen, weil ein codierter Brief nach dem Tod eines Opfers eintrifft. Über den Romantik-Momenten liegt allerdings ein dunkles und gefährliches Geheimnis. Die als Kind adoptierte Krieger will endlich wissen, wer ihre Eltern sind. Doch als sie zum Ende der Folge Unterlagen findet, die ihre wahre Herkunft zeigen könnten, werden sie geraubt. Somit bleiben gleich mehrere Bälle in der Luft für die nächste Folge, die Engelhardt und Krieger wohl aber erst im letzten Teil auffangen werden.
Nichts gegen Serienermittler oder -Detektive von schreibenden Serientätern. Conan Doyle, Dashiell Hammett, Agatha Christie, Georges Simenon, Andrea Camilleri etc. hinterlassen nicht nur deutliche und blutige Spuren, sie haben Figuren geschaffen, in die sich ihre Leser verliebt haben. Und damit auch die Verlage, weil sie sichere Auflagen ohne teuren Marketingaufwand bieten. Protagonisten- und Autorennamen wurden quasi zu Marken (im aktuellen Beispiel noch aufgepeppt mit auffälligem Spoiler, den V-Worten). Die Leser, auch die Zuschauer bei zahlreichen Serien, wissen, was sie bekommen; die Schwankungen im Standard nehmen sie hin – und die Autoren müssen nicht mühsam eine neue Figur erfinden und etablieren. Bei allem Seriellem lieferten sie jedoch abgeschlossen Stories.
Auch als Leser der Ostsee-Thriller-Staffeln von Sander wird man langsam zum Einheimischen der Ostsee-Region um den Darß, ist quasi hier zu Hause. Allerdings fremdelte ich als Spät- und Quereinsteiger zunächst mit den Orten und musste mir als Münchner erst Orientierung verschaffen. Einfacher war es, mit den Hauptfiguren Krieger und Engelhardt warmzuwerden. Ihre Gefühle, ihr Privatleben, freilich auch ihre Ermittlungsarbeit schaffen Sympathie, während die Morde – immerhin sieben Tote in dieser Folge – kaum zur Empathie reichen. Spannend ist hingegen, was Ungeklärtes langsam aus DDR-Zeiten hochkocht. Sichtbar an einem Mann, der aus der Realität der Wiedervereinigung in die Wälder geflüchtet ist und ein Geheimnis hat, das eng mit den ungeklärten Morden zusammenhängen könnte.
Trotz der vielen Toten werden diese deutlich von den vielen Nebenfiguren übertroffen, die wie bei einem Pingpong-Spiel in rasch wechselnden Szenen erscheinen, die freilich immer mit einem kleineren oder größeren Cliff-Hängerchen enden, aber erst nach dem zweiten, dritten oder vierten Szenenwechsel ihre Fortsetzung finden, wenn man fast schon vergessen hat, was man beim Szenenende unbedingt wissen wollte. Tempo und Spannung durch Szenenwechsel zu erzeugen und aufrechtzuerhalten, ist ein erprobtes Stilmittel, doch hier nervt es und bremst oft. Legt man das Buch zwei, drei Tage zur Seite, verliert man leicht den Anschluss und Überblick. Eine Liste der Mitspieler wäre hilfreich, um nach den Szenenwechseln rasch zu erkennen, mit wem man es gerade zu tun hat.
Beim Lesen fragte ich mich auch: Will ich wirklich wissen, wer die Morde begangen hat? Die Toten und ihr Schicksal sind so fern, so gesichtslos, dass sie nur Anstöße für die Suche der beiden Ermittler sind, denen die Sympathie gehört. Sie dürfen gegen das, was sich ihnen entgegenstellt – angefangen vom Polizei-Apparat bis zu missgünstigen Kollegen und den Tätern –, nicht scheitern. Bleibt also die Einladung, mit ihnen über drei Folgen auf Held:innenreise zu gehen.
Leider wirkt der Beginn der Folge wie Konfektion, was erst nach der Hälfte gebrochen wird, wenn die Kryptologin Krieger nach dem dunklen Geheimnis ihrer wahren Herkunft sucht. Ihr Partner Engelhardt, aufrichtiger Polizist, privat alleinerziehender Vater und verliebter Partner, bleibt eher blass.
Vielleicht gewinnt diese deutsche Held:innenreise mit Pensionsberechtigung noch in den kommenden Fortsetzungen, schafft es, sich aus der Konvention zu lösen, Muster zu verlassen, um die Story stärker als das Gesetz der Serie zu machen.
Wobei – bei aller Kritik – die Staffeln bislang gut funktioniert haben, wie die Verweildauer auf den Spiegel-Bestsellerlisten zeigt. Unter den Käufern dürften nicht nur Leser sein, die rund um die schöne Ostsee-Region Darß leben.
Dennoch frage ich mich, ob es diese unabgeschlossenen Serienfolgen bei Büchern geben muss.
Wie unglücklich wäre ich gewesen, wenn ich bei Lieblingen wie etwa dem Commissario Montalbano Monate auf Fortsetzungen hätte warten müssen, um zu erfahren, wie er einen Fall löst, statt auf ein neues Buch zu hoffen, mit dem er mich erneut mit auf seine Suche nimmt – natürlich auch zum Essen, bei dem man ihm voller Neid leider nur lesend Gesellschaft leistet.
Roland Keller
Karen Sander: Die Tiefe: Versunken. Rowohlt, Hamburg 2025. Klappenbroschur, 368 Seiten, 14 Euro. – Verlagsinformationen zum Buch hier und zur Autorin.


















