Geschrieben am 1. Juli 2025 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2025

Roland Keller: »John« von Bernhard Aichner

Wer bin ich?

Menschen lösen sich aus ihrer Identität, verschwinden und nehmen eine neue an.

Tom Ripley ist der Klassiker. Er hat gezeigt, wie man sich in der Identität des Opfers ein schönes Leben machen kann. Und Patricia Highsmith hat es zudem noch geschafft, dass der Leser hofft, der talentierte Tom Ripley werde damit durchkommen, weiter dolce vita unter der Sonne des Südens genießen zu können.

Das hofft man auch für Bernd Aichners John, der zugleich für den Titel des Thrillers steht. Obwohl er im alten Leben als Serientäter gesucht wird, stellt sich rasch heraus, dass John die Moral deutlich stärker als Ripley auf seiner Seite hat. Schließlich wurde die Gesellschaft von chinesischen Mafiosos befreit – auch wenn das Strafgesetzbuch die Taten etwas anders interpretiert. In neuer Identität lebt John zufrieden auf einer griechischen Insel, jobbt in einer Taverne mit tollem Meerblick und kümmert sich um den Garten einer reichen deutschen Villenbesitzerin, mit der sich eine Freundschaft entwickelt. Allerdings erkennt die von True-Crime-Fällen besessene Dame in einer Fernsehsendung, dass ihr Gärtner die gesuchte weibliche Serienkillerin Yoko ist.

Nein, sie werde sie nicht verraten, beruhigt sie Yoko, sie möchte lediglich einen Mord live erleben und dabei die deutsche Gesellschaft von ihrem üblen, gewalttätigen Ex-Mann befreien, der sie immer noch verfolgt und schlägt. Zu spät begreift Yoko ihre Lügen und kann die Dame nicht davon abhalten, ihren Ex zu töten. Deren Verlangen nach echtem Crime ist damit nicht befriedigt. Bevor es weitere Opfer gibt, greift Yoko ein, wobei die Dame ungewollt in den Tod stolpert.

Damit wäre die Rückkehr auf die griechische Insel gesichert. Doch so einfach macht es der Autor dem Leser und Yoko nicht – ein Happy End wird noch nicht versprochen. Aber machen wir es kurz: Stattdessen taucht jetzt der verlorene Sohn auf, ein korrupter Polizist. Der ist nicht nur scharf auf die 70 Kilo Gold, die die Mutter in ihrem Tresor hinterlassen hat, sondern zwingt Yoko auch noch in einen Drogendeal. Auch das überlebt sie mit Hilfe eines alten Freundes. Zusammen machen sie sich mit einem Trailer auf den Weg zurück nach Griechenland – nicht ohne auf der Fähre die Leiche des Polizisten in der Adria zu entsorgen.

Das Leben unter griechischer Sonne findet wieder fast seinen alten Lauf – bis eine deutsche Kriminalbeamtin auftaucht und Yoko zwingt, die Karten auf den Tisch zu legen. Hier liegen die eigentlichen Qualitäten dieses Thrillers: wenn Autor Bernhard Aichner das Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten erzählt und mit Gegenschüssen versucht, gleichermaßen Spannung und Klarheit zu schaffen. Wir erfahren in einem Katz-und-Maus-Spiel, was die Polizistin tatsächlich weiß oder nur vermutet, was Yoko freiwillig gesteht und schließlich – aus einer völlig anderen Sicht –, was wirklich passiert ist. Je tiefer die Polizistin gräbt, Yoko in die Mangel nimmt, desto weniger glauben wir, dass es ihr um eine Verhaftung geht. Sie handelt aus ganz anderen Motiven als der Kriminalbeamte, der Yoko aus Überzeugung und Freundschaft die Flucht in ein neues Leben ermöglicht hat. Klar ist zum Schluss: Strafe muss sein, aber sie muss die Richtigen treffen.

Fazit: Spannend erzählt. Wir erfahren: Eine Frau, die nach ihrem Kampf gegen die Mafia als Serienkillerin gesucht wird, hat einen besseren moralischen Kompass als nette, reiche Damen mit einem True-Crime-Wahn oder korrupte Polizisten. Schade – in die Tiefen des Gefühlslebens von Yoko/John ließ mich das Buch nicht eindringen.

Wo Highsmith den Leser tief in Tom Ripleys Seele lockt und ihn zum Komplizen macht, setzt Aichner eher auf Action und blutiges Handwerk, zeigt, dass eine Ausbildung als Metzgerin (Yoko) nicht schadet, um eine Leiche für immer verschwinden zu lassen.
Das hätte ein wirklich großer Thriller werden können, wenn neben den spannenden Wendungen auch die Wandlungen der Hauptfigur ebenso stark gepackt hätten. Wie faszinierend hätte man doch erzählen können, wie sich eine junge Frau in die Identität eines Mannes flüchtet – welche Probleme das aufwirft. Freilich auch, wenn sie als Mann entlarvt wieder als Frau agiert und sich erneut zu John wandelt.
Schade – so steht vor allem der Überlebenskampf eines gehetzten Opfers im Vordergrund, das in Ruhe und Frieden ein einfaches Leben unter südlicher Sonne führen möchte.

Roland Keller

Bernhard Aichner: John. Wunderlich, Berlin 2025. 352 Seiten, 24 Euro.

Tags :