
Die ganz private Held:innenreise
Sind wir nicht alle auf einer Heldenreise durch unser Leben?
Und gespannt, wohin sie uns führt – und vor allem, wie und ob wir sie beeinflussen können?
Dazu die große Frage: Wie können wir in unser Schicksal eingreifen, statt es einfach über uns kommen zu lassen, hinzunehmen?
Wenn Autoren seit Odysseus’ Zeiten ihre Protagonisten auf Heldenreisen schicken – jetzt im Sommer von Christopher Nolan als großes Kinoepos wiederbelebt –, muss es doch auch uns einfachen Sterblichen gestattet sein, unser Leben als Heldenreise zu uns selbst zu begreifen?
Also Gestalter und Autoren unserer eigenen, privaten Heldenreise zu werden?
Ich höre die Einwände. Von Kindheit an gibt es zu viele feste Stellschrauben und Weichen, die versuchen, uns in feste Bahnen zu lenken: Elternhaus, Kindergarten, Schule, Berufsausbildung, Familie, Partnerschaft, Einbindung und Bewährung in Beruf und Gesellschaft. Dann schließlich das Nachlassen, das Altern, der Rückzug. Verbunden mit Unwägbarkeiten, Krankheiten und Krisen.
Ist in diesem Raster, in dieser Gesellschaft überhaupt eine individuelle, selbstbestimmte Heldenreise möglich, wie uns so viele seichte und weniger seichte People-Storys und Biografien weismachen wollen? Kann man tatsächlich werden, was man will? Oder bescheidener: sein Selbst finden?
In ihrem Buch „Abenteuer Innenwelt“ ermutigt die Psychotherapeutin Anne-Claire Kowald in acht Schritten zu einer persönlichen Heldenreise und orientiert sich dabei auch an Joseph Campbell, dem US-amerikanischen Mythenforscher. Mit Werken wie „Der Heros in tausend Gestalten“ und „Die Kraft der Mythen“ hat er Muster mythischer Überlieferungen und Erfahrungen herausgearbeitet, die seit Jahrtausenden in den Menschen und ihren Kulturen verankert scheinen und in modernen Erzählungen weiterleben. Dieses universelle Grundprinzip nannte er die Reise des Helden.
Kowalds „Abenteuer Innenwelt“ ist zugleich Arbeitsbuch und Reiseführer. In zahlreichen Beispielen lädt sie den Leser ein, innezuhalten, und nimmt ihn mit auf eine ganz persönliche Reise durch Verlust, Suche, Rückkehr und Heilung. Zur Verdeutlichung nutzt sie Momente aus dem Film „Findet Nemo“, in denen sie in idealer Weise die Grundmuster der Heldenreise erkennt.
Psychologie und Mythen sind nicht erst seit diesem Buch alte Freunde, wie Freud und Co. belegen. Warum also nicht die Heldengeschichte als Wegweiser für das eigene psychische Befinden und Finden nutzen – für Wege und Orientierung durch das Leben und seine Krisen?
Zum Thema Heldenreise in Literatur und Film gibt es freilich längst neuere, populäre Sachbücher, die sich meist auf Joseph Campbell stützen. Der Filmwissenschaftler Christopher Vogler hat daraus „Die Odyssee des Drehbuchschreibers“ abgeleitet.
Wer das umfassendste Werk zum Thema – samt Kritik an Vogler – sucht, wird bei Joachim Hammanns „Die Heldenreise im Film“ fündig. Auf fast 700 Seiten bietet Hammann, Drehbuchautor und früherer Weltvertriebsleiter des Filmverlags der Autoren, zu jeder Station der Heldenreise unzählige Belege aus bekannten Kinofilmen – also ein Werk mit hohem Unterhaltungswert, auch für Leser, die nicht vorhaben, Drehbücher oder Romane zu schreiben, sondern stattdessen eine spannende Reise durch die Mythengeschichte des Kinos voller philosophischer Ausflüge unternehmen wollen (erhältlich bei BoD – Books on Demand, auch als ePub).
Neben Campbell beruft sich Hammann auch auf die Tiefenpsychologie Carl Gustav Jungs und versteht die Heldenreise weniger als starres Plot-Schema denn als psychischen Entwicklungsprozess, an dessen Ende die Rückkehr als ganzer Mensch steht, der zu sich selbst gefunden hat. Emotionale Wirkung, so seine Forderung an Filme, muss aus psychologischer Wahrheit entstehen, nicht aus reiner Handlungstechnik.
Nach der Lektüre seines Buches fragt man sich immer wieder, warum im deutschen Film das Prinzip der Heldenreise regelmäßig negiert wird. Dabei gehe es, so Hammann, nicht darum, dass am Schluss der strahlende Held als großer Sieger dasteht, sondern um die Verwandlung eines beschädigten oder entfremdeten zu einem mitfühlenden, lebendigen Menschen.
Freilich muss der Zuschauer immer Teil einer spannenden und interessanten Reise werden, die mit seinem eigenen Leben etwas zu tun hat – und im Idealfall auch zum Nachdenken anregt.
Somit schließt sich der Kreis zu „Abenteuer Innenwelt“, also zur ganz persönlichen Held:innenreise. Campbell, Hammann und Vogler bestätigen, dass sich unser Leben in den großen Erzählungen widerspiegelt. Also warum nicht selbst aktiv werden – mit der Held:innenreise in „Abenteuer Innenwelt“?
Roland Keller
Anne-Claire Kowald: Abenteuer Innenwelt – Die Reise zu dir selbst. Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 2026. 224 Seiten, Klappenbroschur, 26 Euro.

















