
Das Archivieren dieser Tode wurde zu meiner Arbeit
Patricia Evangelista: Some People Need Killin. Eine Geschichte der Morde in meinem Land. Aus dem philippinischen Englisch von Zoë Beck. CulturBooks, Hamburg 2025. Hardcover, Lesebändchen, 368 Seiten, 28 Euro. – Verlagsinformationen zum Buch hier. Textauszug mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autorin.
Die Lesungstermine mit Patricia Evangelista auf ihrer Deutschlandtour hier:
Zahlreiche Panels auf der Buchmesse Frankfurt, Mittwoch bis Sonntag. CulturBooks auf der Buchmesse: Halle 3.1 A126
sowie:
Mittwoch, 15.10: 19:30–21:00 Uhr | Innenstadt Frankfurt, Buchhandlung VielSeitig & Büchergilde
Freitag, 17.10.: 20:00 Uhr | Innenstadt Frankfurt, Historisches Museum / Sonnemannsaal
22.10. Literaturhaus Göttingen: 19:00–20:30 Uhr | Göttinger Literaturherbst 2025
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Dieses Buch ist den benannten und unbenannten Überlebenden
des Drogenkriegs gewidmet, allen, die beschlossen haben zu reden.
Ohne ihren Mut würde dieser Bericht nicht existieren.
Prolog
Über einen Zeitraum von etwas mehr als sieben Monaten veröffentlichte der Philippine Daily Inquirer von 2016 an täglich eine Kill List, wie er es nannte, eine Todesliste. Es handelte sich dabei um ein öffentliches Archiv der Toten, das sich aus Berichten von Korrespondenten aus dem ganzen Land speiste. Die Einträge waren nummeriert und chronologisch geordnet. Die Todesumstände wurden knapp umrissen. Die Ortsangaben beschränkten sich auf Städte und Provinzen, es gab keine genauen Adressen. Wenn man sie kannte, wurden die Namen genannt, wenn nicht, wurden Nummern benutzt.
Der erste »nicht identifizierte mutmaßliche Drogendealer« beispielsweise wurde am 1. Juli ermordet, dem ersten Tag von Rodrigo Dutertes Amtszeit, am selben Morgen, an dem Jimmy Reformado, Nummer fünf der meistgesuchten Drogendealer in Tiaong, von »unbekannten Killern« erschossen wurde. Am folgenden Tag, dem 2. Juli, wurde Victorio Abutal, der meistgesuchte Drogendealer in Lucban, von »unbekannten Killern vor den Augen seiner Frau getötet«, eine Stunde und zehn Minuten vor dem Tod von Marvin Cuadra, Nummer zwei auf der Liste, und weniger als 14 Stunden, bevor die Nummer sieben, Constancio Forbes, »vor einem Wettbüro aus nächster Nähe« ermordet wurde. Einen Tag später, am 3. Juli, wurde der meistgesuchte Drogendealer von San Antonio, Arnel Gapacaspan, »von unbekannten Killern, die in sein Haus eindrangen«, umgebracht, exakt zur selben Zeit, zu der Orlan Untalan, auf der Liste der Meistgesuchten in Dolores auf Platz zehn, »tot in einem Abflusskanal, von Kugeln durchsiebt« aufgefunden wurde.
»Unbekannte Killer« war eine gängige Formulierung, aber es sind ihre Opfer – mutmaßliche Drogendealer, mutmaßliche Drogenhändler, ganz allgemein wegen Drogendelikten angeklagt, regional wegen Drogendelikten zur Fahndung ausgeschrieben, meistgesucht –, die verdeutlichten, dass es sich bei dem Geschehenen keineswegs um Zufälle handelte.Vielmehr waren es, wie Präsident Duterte versprochen hatte, gezielte Tötungen von »Menschen, die dabei sind, mein Land zu zerstören«.
Die Durchführung war einzig durch die Vorstellungskraft der Mörder begrenzt. Ein Mann wurde »tot aufgefunden, nachdem er aus seinem Haus entführt worden war«. Drei wurden »tot in einem Kanal« entdeckt, »gefesselt und mit ausgestochenen Augen«. Einem Mann wurde »in seinem Schlafzimmer in den Kopf geschossen«, und einer wurde morgens um sieben »vor der Grundschule seiner Tochter« getötet. Die tägliche Zahl der Toten war manchmal zweistellig, wie am 9. Juli, beginnend um Mitternacht mit Danilo Enopia Morsiquillo, mutmaßlicher Handlanger eines Drogenhändlers, der neben seiner Freundin schlafend erschossen wurde. Die zwölf anderen Tode unterschieden sich in Todesursache und Tötungshergang. Ein ehemaliger Wanderarbeiter wurde erschossen, als er die Autobahn entlangfuhr. Zwei fand man erdrosselt unter Kartons mit Schildern, auf denen sie als Kriminelle bezeichnet wurden. Drei weitere fand man tot auf, »die Schusswunden in Kopf und Mund mit Paketband abgeklebt«. Die restlichen Männer, die alle ebenfalls im Verdacht standen, etwas mit Drogen zu tun zu haben, waren »von unbekannten Killern umgebracht« worden.
Keine dieser Tötungen geschah offiziell durch die Polizei. Wenn man der Regierung glauben durfte, waren diese Morde von Privatpersonen und Mitgliedern von Drogenkartellen ausgeführt worden, von denen einige den Krieg als Ausrede benutzten, um mögliche Informanten zu beseitigen.
Die konstanten und ungemein schnellen Abläufe erforderten ihre eigene Nomenklatur. Man nannte sie drogenbezogene Tode. Illegale Tötungen. Es waren gezielte Mordanschläge, Exekutionen, Leichenentsorgungen, Drive-by-Shootings. Es waren »Verluste im Krieg der Duterte-Regierung gegen das Verbrechen« oder wie es der Nachrichtensender ABS-CBN formulierte, »diejenigen, die umkamen«. Selbst philippinische Beamte schienen nicht in der Lage, sich auf eine Terminologie zu einigen. Ein Senator nannte sie »Tötungen im Schnellverfahren«. Der Innenminister bezeichnete sie als »mutmaßlich durch Selbstjustiz ausgeführte Tötungen von Persönlichkeiten aus dem Drogenmilieu«.
Es gibt einen Begriff für dieses Phänomen. Er lautet »extrajudicial killings«, außergerichtliche Tötungen. Diese Floskel setzte sich auf der Straße und im Fernsehen durch, sodass ein Senatsbeschluss erlassen wurde, um »die jüngst grassierenden außergerichtlichen Tötungen und Schnellhinrichtungen von Kriminellen« zu untersuchen. Die Wiederholung erzwang eine Abkürzung – EJK. Die Presse benutzte sie als Attribut. Die Familien der Opfer als Verb. Die Kritiker als Vorwurf.
Mit Beginn der Duterte-Ära wurde das Archivieren dieser Tode zu meiner Arbeit. Als Außenreporterin für Rappler in Manila war ich eine derjenigen, die über die Auswirkungen von Dutertes Versprechen berichteten, jeden zu vernichten – ohne Anklage oder Verhandlung –, den er oder die Polizei oder irgendwelche Mitglieder einer Selbstjustiz ausübenden Bürgerwehr verdächtigten, Drogen zu nehmen oder zu verkaufen. Die Anzahl von Dutertes
Toten war zeitweise überwältigend, und ebenso erdrückend war es, über die Mächtigen zu berichten in einem Land, in dem die Mächtigen sich weigern,Verantwortung zu übernehmen.
Mitten während des Kriegs lief ich davon.
Zu der Zeit untersuchte ich gerade eine Mordserie in der Hauptstadt. Meine Arbeit ging nur langsam voran. Ich jagte Zeugen nach. Ich klaubte offizielle Berichte zusammen. Ich traf mich mit Männern, die mir detailliert schilderten, wie genau sie ihre eigenen Nachbarn auf Anordnung von oben getötet hatten, und schickte dann Interviewanfragen an die Polizeibeamten, die sie beschuldigten. Rappler war der Auffassung, dass meine Anwesenheit in Manila ein Sicherheitsrisiko darstellte. Ich sah das genauso.
Nicht davon auszugehen, dass die Killerkommandos aus Eigeninteresse davon Abstand nehmen würden, mich auf der Stelle abzuknallen, war sicherer. Meine Herausgeberin verschob die Veröffentlichung, bis mein Flieger von der Startbahn abgehoben hatte.
Aus all diesen Gründen überquerte ich Anfang Oktober 2018 den Pazifik.Wenn die netten Leute des Logan Nonfiction Fellowship glaubten, ich könne Literatur produzieren, spielte ich sehr gern mit. Die Künstlerresidenz auf einem bewaldeten Anwesen in Upstate New York dauerte drei Monate. Es hätte für mich eine Erholung sein müssen, aber wenn man jahrelang über ein staatlich sanktioniertes Massaker berichtet, macht das komische Sachen mit dem Kopf. Ich hatte gelernt, jede Aussage zu relativieren und Mitschriften auf dem Balkon zu verbrennen. Ich hatte nächtelang in der Überzeugung wach gelegen, dass ein falsch gesetztes Komma
Anlass für eine Verleumdungsklage geben würde. Die pragmatische Vorsicht, die eine Reporterin, die über den Drogenkrieg berichtet, dringend benötigt, wandelte sich dank meiner zwanghaften Einbildungskraft in nahezu lähmende Paranoia. Nichts war mehr sicher. Alle logen. Der Mann mit dem Selfiestick war ein Polizeispitzel oder ein Mörder oder ein fanatischer Unterstützer des Präsidenten, der ein Foto von mir, wie ich eine Quelle treffe, auf Twitter hochladen könnte.
Die Tatsache, dass ich damit gelegentlich richtiglag, befeuerte den Irrsinn nur noch.Vieles erschien verdächtig: weiße Lieferwagen, Blinklichter, Spam-Mails, Männer auf Motorrädern, automatisierte Kreditkartenabbuchungen, der Kellner im Coffeeshop, der Hotelangestellte, der mich nach meiner Rechnungsadresse fragte, ein klingelndes Telefon, ein unterbrochener Anruf, die Türklingel.
Ich las meine eigenen Geschichten wieder und wieder durch, suchte nach Lücken, zermarterte mir das Hirn wegen bestimmter Formulierungen, überzeugt davon, einen Fehler übersehen zu haben, der den Tod eines Zeugen nach sich ziehen würde. Als ich schließlich mit meinem leeren Einreiseformular in der Hand am New Yorker Flughafen stand, traute ich meinem Gedächtnis nicht mehr zu, meinen eigenen Namen schreiben zu können. Ich über-
prüfte die Schreibweise, indem ich sie mit meinem Ausweis abglich. Ich erinnere mich noch genau an den Drang, eine zweite Quelle zu finden – die ich auch fand, in meiner Geburtsurkunde.
Die Landschaft rund um Albany war sehr hübsch, auch wenn ein Päckchen Zigaretten 13 Dollar kostete. Es war kalt. Die Leute waren warmherzig. Es gab Schokoladenmousse zum Nachtisch, manchmal Beeren. Während der ersten Wochen versuchte ich, in einem Nebel aus Star Trek und Agatha Christie abzutauchen, aber im Gegenzug für das Aufenthaltsstipendium musste ich mich ernsthaft an einem Exposé für ein Buch versuchen. Ich schrieb
darüber, wer ich war und woher ich kam und wie es sich anfühlte, morgens um zwei vor einer Leiche zu stehen.
Am Ende meines Aufenthalts unterschrieb ich einen Verlagsvertrag. Ich verpflichtete mich, aus der Ich-Perspektive von dem philippinischen Drogenkrieg zu erzählen. Es ging alles sehr schnell. Es war nicht meine Absicht zu lügen. Dieses Versprechen von Nähe und Intimität schien weit entfernt, als es inmitten der Glaswände eines Konferenzraums an diesem kalten Wintermorgen diskutiert wurde, Tausende Meilen entfernt von der drückenden Hitze eines kurz vor dem Kollaps stehenden Manilas.
Ich ging nach Hause. Ich fing an zu schreiben. Der erste Entwurf umfasste 73.000 Wörter, die sorgfältig und im Detail die Umstände eines jeden Mords beschrieben, die Tatorte so zahlreich und raumgreifend, dass es kaum mehr möglich war, die Leichen voneinander zu unterscheiden. Es war eine Reportage, kalt und präzise. Nirgendwo schrieb ich, wer ich war oder woher ich kam oder wie es sich anfühlte, morgens um zwei vor einer Leiche zu stehen.
Journalisten lernen, dass sie selbst niemals Teil der Geschichte sein dürfen. Und tatsächlich: Je länger ich als Journalistin arbeitete, desto gelegener kam es mir, hinter der professionellen Stimme einer allwissenden dritten Person zu verschwinden, überall und nirgends hinzugehören; Fragen zu stellen, ohne selbst welche zu beantworten. Bei jedem Fazit, das ich veröffentlichte, gab es zwei Quellen, einen Faktencheck und Querverweise. Mein Name stand zwar unter der Überschrift, aber die Geschichten, die ich schrieb, gehörten anderen Leuten an anderen Orten; Familien, deren Trauer und Schmerz so gewaltig waren, dass meine Gefühle dahinter verschwanden.
All das war richtig, aber es war ebenfalls richtig, dass ich Angst hatte. Meine Unfähigkeit, selbst Verantwortung zu übernehmen, war nicht nur einem fehlgeleiteten Bekenntnis zur Objektivität geschuldet. Mir fehlten schlicht und einfach die Nerven.
In diesem Buch geht es um die Toten und die Menschen, die zurückbleiben. Aber es ist auch eine persönliche Geschichte, erzählt in meiner eigenen Stimme, als Bürgerin einer Nation, die ich nicht als die meine anerkennen kann. Die vielen Tausend, die starben, wurden mit der Erlaubnis meines Volkes getötet. Ich schreibe dieses Buch, weil ich mich weigere, meine zu geben.
Patricia Evangelista, Manila, Juni 2022












