
Sachbücher und Zeitschriften, (gar nicht so) kurz besprochen von Roland Keller (rok) und Alf Mayer (AM):
Christopher Priest, Nina Allan: The Iluminated Man. Life, Death and the Worlds of J.G. Ballard
Susan Farrell: Vonnegut’s War: The Making of Slaughterhouse-Five
Benjamin Knull: Verbrechen verstehen – Wie Menschen zu Tätern werden
Mittelweg 36: Skandal machen // Unter Reichen// Vom Erben – Die drei letzten Ausgaben
Bettina Müller: Die Masseuse mit der Hundepeitsche. Mordfälle aus einer unruhigen Zeit (1900-1933)
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Ein Goldnugget finden
(AM) Das »verruchte« Berlin der 1920er Jahre ist längst zum publizistisch und medialen Evergreen, zu einem Longseller und Exportschlager geworden, gehört zu Good Old Germany wie das Oktoberfest (mit amerikanischem, wahlweise australischem Akzent auszusprechen). Endgültig zementiert für die nächsten Jahrzehnte hat das die Serie»Babylon Berlin«. Immerhin ist dabei ein ewig-schöner Titelsong herausgekommen: „Zu Asche, zu Staub«, auf der Bühne des fiktiven Berliner Nachtclubs Moka Efti von Severija Janušauskaitė dargeboten; für die 5. Staffel neu interpretiert von Zaho de Sagazan.
Bücher über Verbrechen aus dieser Zeit sind Legion, viele davon so gepantscht, dass die Wiesnwirte in München bleich und neidisch würden. Die besondere Art Berliner-Verbrecherei-Klischees schreibt sich sozusagen fast wie von selbst – fort, gehört zum Talmi für Berlin-Touristen. Schwer, in dieser Schwemme ein Goldnugget zu finden. Die Masseuse mit der Hundepeitsche von Bettina Müller ist so eines. Die Autorin ist eine ausgewiesene Kennerin der Berliner Kriminalgeschichte und der Kultur der Weimarer Zeit. Ihr Buch »Dandys, Diebe, Delinquenten. Verbrecher in Berlin« stammt aus dem Jahr 2022. Ihr neuer Band versammelt zwölf Mordfälle zwischen 1900 und 1933, die Tatmotive: Aberglaube, Okkultismus, Habgier, Kannibalismus, seelische Abgründe und Leidenschaften. Bettina Müllergräbt tiefer als die übliche Kolportage, bringt viel Archivmaterial zum Sprechen – recherchiert generell ausgiebig – und kennt und illustriert den Hintergrund. So gelingt es ihr, die ausgewählten Mordfälle zur Zeitstudie zu machen, zu einer gesellschafts-symptomatischen Tiefenbohrung. Im Ton eher nüchtern, nicht sensationsheischend und auch auf der Illustrationsebene informativ.
Erschienen ist der Band im Berliner ammian Verlag, einst von der Berliner Verlegerinnenlegende Lucie Großer gegründet, seit 2015 vom Historiker Marcel Piethe weitergeführt. Der Verlag war mir schon mehrfach aufgefallen, zuletzt mit dem interessanten Buch »… die DDR schien mir eine Verheißung. Migrantinnen und Migranten in der DDR und in Ostdeutschland«, aber das ist eine andere Geschichte …
Bettina Müller: Die Masseuse mit der Hundepeitsche. Mordfälle aus einer unruhigen Zeit (1900-1933). Ammian Verlag, Berlin 2026. 212 Seiten, 18 Euro.
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Lehrbuch des Verbrechens
(rok) Gibt es den geborenen Verbrecher, fragt Benjamin Knull in seinem Sachbuch, das sich mit der Frage auseinandersetzt, was Menschen zu Verbrechern und Gesetzesbrechern macht. Ist kriminelles Verhalten angeboren?
Sind also die Gene schuld, wenn Menschen zu Mördern werden?
Wer ist anfällig, kriminell zu werden? Wir alle?
Statt falsche Mythen aus der Welt der Verbrechen zu wiederholen, räumt Knull mit ihnen auf, bezieht sich auf wissenschaftliche Untersuchungen und Erkenntnisse. Dabei konzentriert er sich auch auf verschiedene Täter-Typen, bis hin zu White-Collar-Betrügern, die abstreiten würden, dass sie ein Verbrechen begehen. Intensiv beschäftigt er sich dabei mit den psychologischen Profilen der Täter. Egal, ob bei Serientätern aller Art oder bei Menschen, die anscheinend nur in ein Verbrechen gerutscht sind.
Langeweile kommt beim Lesen nicht auf, zumal in verständlicher Schreibe die wissenschaftlichen Erkenntnisse mit zahlreichen Beispielen bereichert werden. Für Krimi-Autoren eigentlich ein Muss und eine hervorragende Hilfe bei der Schaffung von Figuren, ihrer Denk- und Handlungsweise.
Der Autor ist forensischer Ermittler und Leiter des Institutes für Governance & Psychologie. An zahlreichen Universitäten lehrt er Täterpsychologie und Vernehmungstechnik. Zuletzt hat er bei der Aufklärung des Wirecard-Skandals mitgewirkt.
Benjamin Knull: Verbrechen verstehen – Wie Menschen zu Tätern werden. Frankfurter Allgemeine Buch Verlag, Frankfurt 2026.
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Den »Mittelweg 36« noch lesen, solange es den »Mittelweg 36« noch gibt
(AM) Jetzt sind es gleich drei Ausgaben vom Mittelweg 36 geworden, der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS), die es zu besprechen gälte. Die letzten drei Hefte taugen gut, um das Spektrum dieser von uns geschätzten Publikation aufzuzeigen: Unter Reichen war Thema von Heft 3, Juni/ Juli 2026, Skandal machen folgte als Heft 4, und Vom Erben ergab das formidable, 248 Seiten starke Doppelheft 5-6. Zuvor war es dieses Jahr um Auserzählt (Narrative vom Ende und das Ende der Narrative) als Heft 2 und in Heft 1 um Zusammenhalt. (Zum Wandel einer Beschwörungsformel) gegangen.
Das Archiv der schon im 35. Jahrgang erscheinenden Zeitschrift findet sich hier. Alles in allem ist die Redaktion (Jens Bisky, Stephanie Kappacher, Henriette Liebhart, Hannah Schmidt-Ott, Karsten Malowitz, mit Unterstützung von Anja Irmschläger bei Vertrieb und Marketing) mit Feuereifer und substantiellem Output dabei, die Zeitschrift unersetzlich zu machen, wenn tatsächlich – wie seit Januar 2024 angekündigt – das 1984 von dem Philologen und Mäzen Jan Philipp Reemtsma gegründete private und unabhängig finanzierte Forschungsinstitut geschlossen und seine Arbeit eingestellt werden wird. Eine Weiterführung durch andere Träger, so heißt es offiziell, »ist nicht vorgesehen, da das Institut dadurch seine Unabhängigkeit verlieren würde«.
Das verstehe und goutiere wer will, ist aber natürlich legitim und sagt auch etwas über die föderale Wissenschafts- und Bildungslandschaft. Das bedeutende Archiv des HIS wird ab 2028 vom Bundesarchiv am Standort Koblenz übernommen (und damit außer für ein paar Doktoranden von der Welt abgekoppelt). Zwei Jahre an Ankündigung des Endes war dann endlich klar: Die Bibliothek wird vom Deutschen Historischen Institut in Rom übernommen; was heißt, dass das Land Hessen und die Stadt Frankfurt für das einst von Adorno und Horkheimer begrüdete Frankfurter Institut für Soziaforschung abgewunken haben müssen. Jedenfalls geht so »eine außergewöhnliche und wertvolle Sammlung zur europäischen Gewalt- und Protestgeschichte des 20. Jahrhunderts« (Selbstanzeige) außer Landes. Immerhin haben sie in Rom schon zu den »anni di piombo«, den bleiernen Jahren, zu Bewegungen wie der Lotta Continua oder zu transnationalen Vernetzungen des Linksterrorismus geforscht. Berichtet wird aber eher auf Jahrbuchbasis, also reduziert.
Auch deshalb empfiehlt es sich, die Publikation »Mittelweg 36« noch zu nutzen und zu lesen, solange es sie gibt. Das Heft »Skandal machen« bietet gar einen kleinen Scoop, einen ausgegrabenen Text von Roland Barthes zum Thema »Was ist ein Skandal?« von 1959, kundig kommentiert und erstmals übersetzt. Solche Perlen, aber auch die Kolumne „Ortstermin« – in den drei Heften waren es das Forscherheim Assenheim, der Campus Stadtmitte in Suttgart sowie Münster als Zuhause – werden künftig wohl fehlen. Man mag noch gar nicht daran denken.
Mittelweg 36: Vom Erben. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung. 35. Jahrgang, Doppelheft 5-6, Oktober 2026. 246 Seiten, 24 Euro. (Jahresabo 60 Euro, Probeheft kostenlos.) – Inhalt hier.
Siehe auch noch: Unter Reichen. Heft 3, Juni/ Juli 2026. 144 Seiten, 14 Euro.– Inhalt hier.
Skandal machen bestimmte Heft 4 August/September 2026. 158 Seiten, 14 Euro. – Inhalt hier.
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»Wie das so ist… | As it goes…«
(AM) Den Schlachthof 5 gab es tatsächlich, als Teil des Städtischen Vieh- und Schlachthofs in Dresden. Und ja, im Gebäude mit der Nummer 5 auf dem Gebiet des heutigen Messegeländes Dresden (Messering) waren während des Zweiten Weltkriegs alliierte, darunter amerikanische und englische Kriegsgefangene, untergebracht bzw. zur Zwangsarbeit eingesetzt. Die Schlachthof-Gefangenen gehörten zum berüchtigten Stalag IV B (Stammlager), 1939 von der Wehrmacht für Kriegsgefangene erbaut. Mehr als 300.000 Gefangene aus über 40 Nationen durchliefen das Lager. Es war eine Barackenstadt mit durchschnittlich 20.000 bis 30.000 Gefangenen. Später kamen große Zahlen französischer, britischer, sowjetischer, belgischer und ab 1943 auch US-amerikanischer Soldaten hinzu. So auch der bei der Ardennenschlacht (Battle of the Bulge) als Aufklärungsscout im 423. Infanterieregiment der 106. US-Infanteriedivision hinter den feindlichen Linien von deutschen Truppen gefangen genommene einfache US-Gefreite Kurt Vonnegut. Im Fleischkeller des »Slaughterhouse Five« überlebte er den Dresdener Feuersturm der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945. Als er wieder an die Oberfläche kroch war die Stadt verschwunden.
Die Verarbeitung des traumatischen Erlebnisses brachte ihn zur Schriftstellerei. Eine literarische Form für eben jene Nacht fand er jedoch erst 1969. Der Roman »Slaughterhouse-Five, or, The Children’s Crusade: A Duty-Dance with Death« machte ihn zu einer Ikone der amerikanischen Friedensbewegung. 1972 wurde der Roman vom Regisseur George Roy Hill verfilmt, der Film errang im selben Jahr den Preis der Jury bei den Filmfestspielen von Cannes. Neben »The Naked and the Dead« (1948) von Norman Mailer (1923-2007) und »Catch-22« (1961) von Joseph Heller zählt das Buch zu den großen amerikanischen Antikriegs-Romanen. Der Untertitel ist ein Hinweis darauf, dass eigentlich noch Kinder in den Zweiten Weltkrieg geschickt wurden; außerdem wollte Vonnegut damit die Absurdität und Grausamkeit des Krieges verdeutlichen. Billy Pilgrim, sein Protagonist, der Dresden erlebt, wird von Außerirdischen (die Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit gleichzeitig erleben) entführt und in einem Zoo des Planeten Tralfamador ausgestellt.
Vonnegut, der als Polizeireporter und in der PR-Abteilung von General Electric gearbeitet hatte, sah sich als legitimer Nachfahre Mark Twains, glich sich ihm sogar im Aussehen an. Sein erster Roman, »Player Piano«, erschien 1952, insgesamt wurden es 14 Romane und 98 abgeschlossene Kurzgeschichten, dazu ein umfangreicher Nachlass. Archimedische Punkt seines Schaffens war und blieb sein Dresden-Roman »Schlachthof 5«, Susan Farrell, Literaturprofessorin in Charleston und Gründerin der Kurt Vonnegut Society, arbeitet das in ihrer detailreichen Studie überzeugend heraus. Für ihr Buch Vonnegut’s War: The Making of Slaughterhouse-Five konnte sie auf Archive, Interviews und Augenzeugenberichte sowie den neu aufgefundenen Briefwechsel Vonneguts mit seiner damaligen Frau Jane Cox zurückgreifen. – 2022 übrigens ist der Roman bei Cross-Cult als Graphic Novel erschienen, Zeichnungen: Albert Monteys.
1976 schrieb Vonnegut in einer Einleitung: »The Dresden atrocity, tremendously expensive and meticulously planned, was so meaningless, finally, that only one person on the entire planet got any benefit from it. I am that one person. I wrote this book, which earned a lot of money for me and made my reputation, such as it is. One way or another, I got two or three dollars for every person killed. Some business I’m in.«
Susan Farrell: Vonnegut’s War: The Making of Slaughterhouse-Five. Bloomsbury Academic, London/ New York 2026. 280 Seiten, ca. 30 Abbildungen, 27 USD.

















