Geschrieben am 1. März 2024 von für Crimemag, CrimeMag März 2024

nonfiction, kurz – März 2024: Sachbücher

Alf Mayer über die Sachbücher:
Jim Heiman: Surfing. A History from 1778 to Today
Mittelweg 36: Besatzungsgesellschaften
Sofi Oksanen: Putins Krieg gegen die Frauen
Gary Stevenson: Das Milliardenspiel. Wie man eine Bank ausraubt – und den Rest der Welt gleich mit

Aus dem Blickfeld verschwunden

(AM) Mit Russlands Überfall auf die Ukraine ist ein Phänomen in die soziale Wirklichkeit Europas zurückgekommen, das lange überwunden schien: das Leben unter militärischer Besatzung.  17 Prozent des ukrainischen Staatsterritoriums sind russisch besetzt. Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und das Saarland zusammen. Im deutschen Diskurs aber stellt das Thema Besatzung eine Leerstelle dar, kommt am ehesten noch im Gedankengut der Neu-Nazis als Reminiszenz vor. Tatjana Tönsmeyer macht als Grund für die Unsichtbarkeit von Besatzungsgesellschaften nach dem Ende der Kämpfe Asymmetrien, entmündigte Staatlichkeit, das Fehlen von Bildern und den Schein von Normalität aus.

Mittelweg 36, die Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, geht das Thema im aktuellen Themenheft in sechs teils rasend spannenden Beiträgen an. (Ich könnte mir noch einen weiteren vorstellen: zu Krimis und Thriller aus der Besatzungsszeit … Ross Thomas etwa mit „Der achte Zwerg“, Grahams Greenes „Der dritte Mann“ (samt Film) oder Martin Limons historische Romane aus Korea mit den US-Militärpolizisten Sueño and Bascom.)

Worin besteht die eigentümliche Realität von Besatzungsgesellschaften, in denen weder Krieg noch Frieden herrscht, Gewalt aber immer gegenwärtig ist? Mit welchen Strategien arbeiten die Besatzer? Wie gestaltet sich das Zusammenleben von Soldaten und Zivilisten? Gelinada Grinchenko schildert das Alltagsleben im besetzten Charkiv anhand von Erzählungen von Bewohnerinnen der Stadt. Sibel Koç schaut auf die alliierte Besatzung Istanbuls und deren Nachwirkungen auf Europa-Bilder in der heutigen Türkei. Florian P. Kühn untersucht Afghanistan und die Rolle militärischen Zwangs  wischen Besatzung und Intervention. In einem Interview mit Thijs Bouwknegt geht es um die Frage: »Haben wir das Richtige getan?« Die schöne Rubrik »Ortstermin« bestreitet Martin Bauer, bis 2022 geschäftsführender Redakteur der Zeitschrift, mit einer soziologischen Studie des Dreifaltigkeitsfriedhof II in der Berliner Bergmannstraße. Sozialwissenschaft das alles mit Hand und Fuß. Bravo.

Mittelweg 36 – Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung: Besatzungsgesellschaften. 33. Jahrgang, Heft 1 Februar/März 2024. Hamurg, 128 Seiten, Broschur, 14 Euro.

Ein Insider-Buch als Hilfe zum eigenen Ausstieg

(AM) Das Buch beginnt mit einem Albtraum. Mit einer Kneipenunterhaltung über einen Trader der Deutschen Bank, erfolgreich über alle Maßen, der irgendwann aussteigen wollte. Nun, er wurde verklagt und verklagt. »Aus der Traum von der Familie. Alles, was er sah, waren Gerichtssäle. Er verbrachte dort die besten Jahre seines Lebens. Kannst du dir das vorstellen? … Am Ende war er pleite. Mehr als pleite… Anwaltskosten.«

Nach diesem Prolog geht es los. »Aufwärts« heißt das erste Kapitel von Das Milliardenspiel. Wie man eine Bank ausraubt – und den Rest der Welt gleich mit. Der Insiderbericht aus der Londoner City stammt von Gary Stevenson. Er legt los mit: „In gewisser Hinsicht bin ich zum Trader geboren.« Wir folgen dem Hochbegabten durch eine arme Kindheit in East London, sein Elternhaus liegt zwischen einer Fabrikruine und einem Wertstoffhof. Gary hat ein Talent für Zahlen. Er erhält ein Stipendium für die prestigeträchtige London School of Economics, gewinnt bei einem Wettbewerb der Citi Group ein Praktikum auf dem Handelsparkett Er wird zum erfolgreichsten Trader, den die Bank je gesehen hat. Seinen ersten Bonus erhält er 2009, wenige Monate, nachdem der Kollaps von Lehman Brothers fast das gesamte Weltfinanzsystem zerstört hat. Es sind 13.000 Pfund, mehr als die Hälfte dessen was sein Vater im Jahr als Postbote verdient. Im nächsten Jahr werden 400.000 £. Und dann ab da Millionen. Schwindelerregend viele Millionen.

Doch sein Gewissen regt sich. Er erkennt: Die Banken treiben den Untergang der Weltwirtschaft bewusst voran. Seine Bank, ja er selbst, ist dafür verantwortlich, dass viele Andere in Armut abrutschen. Mit 27 steigt er aus und bekämpft das globale Finanzsystem, u.a. mit seinem YouTube_Kanal „GarysEconomics“, auf dem er vor windigen Finanz- und Anlagetricks warnt oder zum Beispiel erklärt, wie die Geldpolitik der Bank of England (nur) die Reichen begünstigt. 2021 ist er einer von 30 Millionären, die in einem offenen Brief Premierminister Rishi Sunak dazu auffordern, für Reiche endlich die Steuern zu erhöhen. Gary Stevenson erkämpft sich in seiner Bank den Ausstieg. Das Buch ist Teil davon. – Der Brecht-Satz aus der „Dreigroschenoper“, „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“, kommt darin nicht vor – aber natürlich in so gut wie jeder Besprechung, die zu diesem von schwarzem Humor nicht freien Buch bei uns erscheinen wird.

Gary Stevenson: Das Milliardenspiel. Wie man eine Bank ausraubt – und den Rest der Welt gleich mit. Der Insiderbericht aus der Londoner City (The Trading Game. A Confession, 2024). Aus dem Englischen von Bernhard Schmid. Ariston Verlag, München 2024. Hardcover, 443 Seiten, 24 Euro.

Oksanen

Frauenfeindlichkeit, strategisch und systemisch

(AM) Schweigen. Scham. Marginalisierung. Abwehr. Sexuelle Gewalt zu thematisieren, gar systemische, das trifft noch immer auf Skepsis. ”Eine Frau in Berlin“, 1954 auf Englisch und 1955 auf Niederländisch erschienen, 1959 dann in einem Genfer Kleinverlag auch auf Deutsch veröffentlicht, erzählte autobiografisch (und anonym) vom 20. April bis 22. Juni 1945 und davon, wie eine Frau im befreiten Berlin zum Vergewaltigungsopfer plündernder russischer Soldaten wird. In Deutschland stieß das Buch auf heftigste Ablehnung. Der Autorin wurde vorgeworfen, sie habe „die Ehre der deutschen Frau beschmutzt“ und das Buch sei eine „Schande für die deutsche Frau“. Die Autorin verbot geschockt jede weitere Veröffentlichung bis zu ihrem Tode und lehnte auch für die Zeit danach die Nennung ihres Namens ab. Erst zwei Jahre nach ihrem Tod erschien das Buch dann 2003 in der von Enzensberger herausgegebenen Anderen Bibliothek. Ich entsinne mich noch, wie verhalten und verklemmt die Verfilmung von Max Färberböck mit Nina Hoss in der Hauptrolle in den Feuilletons kleingeredet wurde. Da lag immer noch ein Schatten von Tabu und Nestbeschmutzung – und Sorge vor „pauschaler Diffamierung“ der jetzt doch „guten“ Russen.

„Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine ist in hohem Maße ein Geschlechterkrieg“, steht in Versalien auf dem Cover von Putins Krieg gegen die Frauen. Die finnisch-estische Autorin Sofi Oksanen („Stalins Kühe“, „Fegefeuer“, „Hundepark“) nimmt darin kein Blatt vor den Mund. Sie hat eine nach (russischer) Vergewaltigung verstummte Großtante in der Familie, sie weiß vom Grauen, das die Familien des Baltikums schon einmal erleben mussten – und sie schaut hin. Hört zu. Schreibt auf.

Russland setzt sexuelle Gewalt in der Ukraine als Waffe ein. Soldaten rufen ihre Frauen mitten im Plündern an und werden von ihnen zum Vergewaltigen ermuntert, wenn sie ein Kondom überziehen. Das ist dokumentiert. „In so einer Welt“, schreibt Oksanen, „ist es völlig normal, dass ein Soldat die Wohnung einer Ukrainerin betritt, ihren Kleiderschrank durchwühlt und seine Freundin anruft, um sie nach ihrer Körbchengrösse zu fragen.“ Frauenfeindlichkeit und Kolonialismus – ja, Russland, ist eine Kolonialmacht mit ungestillten Gelüsten, insistiert die Autorin – sind tief in die russische Gesellschaft eingeschrieben. Frauenrechte gelten in Russland heute als verwerfliche westliche Importware. Mehr als ein Drittel der Männer haben die Gewaltmaschine Armee, mit unsäglicher Brutalisierung über Generationen, durchlaufen – sie alle Täter, Opfer oder Zeugen. Dedowschtschina, die „Herrschaft der Großväter“ nennt es sich, wenn Dienstältere systematisch junge Soldaten schikanieren. Wer das für übertrieben hält lese einmal im Grimme-Preis-Portal „Dekoder“ den Text „Du leckst mir gleich mit der Zunge das Klo aus“. Dein Einsatz von Strafgefangenen im Krieg erhält so noch einmal eine systemischere Funktion. Putin spricht in seinen Reden oft bewusst deren Gossensprache, etwa dass man Feinde „in der Latrine ertränken“ werde.

All das vereint sich im Ukraine-Krieg strategisch zu Kriegsverbrechen. Aber die können heute nie zuvor dokumentiert werden, weil es Journalistinnen, Richterinnen, Staatsanwältinnen und Anwältinnen gibt. Die Feministin Oksanen: „Die Hoffnung besteht, dass die Straffreiheit Russlands ein Ende haben wird… Alle Diktaturen haben Angst vor Frauen. Ihre Macht basiert auf der Ohnmacht der Frauen.“

Sofi Oksanen: Putins Krieg gegen die Frauen (Samaan virtaan. Putinin sota naisia vastaan, 2023). Aus dem Finnischen von Angela Plöger und Maximilian Murmann. Verlag Kiepenheuer&Witsch, Köln 2024. 326 Seiten, 24 Euro.

Die perfekte Welle, zum Buch geronnen

(AM) Eigentlich ist es unfassbar, welch ein Preis-Leistungs-Verhältnis der international bestens aufgestellte Verlag Taschen aus Köln mit seinem Top-down-Publishing zuwege bringt. Die Kulturgeschichte Surfing. A History from 1778 to Today erschien 2016, paradiesisch mit über 1000 Bildern illustriert, im XXL-Format 29 x 39,5 cm und stolze 7,12 Kilo schwer zum Preis von 150 Euro. Mittlerweile gibt es eine XL-Ausgabe im Format 25 x 34 cm, 3,74 kg, für 60 Euro – und nun das alles für extrem schlanke 25 Euro im Jubiläumsprogramm zum 40.  des Verlages. Immer noch als Hardcover, 1,11 kg schwer und mit 15.6 x 21.7 cm ein wenig größer als ein Normalbuch. Es ist die perfekte Welle, zum Buch geronnen.

Man muss nicht zwingenderweise aktiver Surfer sein, um beim Blättern ein ums andere Mal aufzuseufzen, um sehnsüchtig ans Meer zu denken und an all die Stunden, die man dort schon verbracht hat – und noch verbringen will. Jim Heimann, der sein Buch selbst ein „Ding der Unmöglichkeit“ nennt, ist ein lustvoller Forscher. Was er hier ins Netz geholt hat, ist so planktonreich wie der Ozean selbst, enthält eine schier unerschöpfliche Vielzahl von Informationen und Fundstücken, ist überreich illustriert, enthält alte Stiche und Poster, Postkarten, Werbung von Fluglinien und Reisegesellschaften, Titelseiten von Magazinen, frühe Farbfotos, Fotos von Profis und Amateuren, kühnste Aufnahmen, Buchumschläge, Filmplakate, Surfzeitschriften, Fotoalben, Gemälde und vielfältige Abbildungen von Hawaii-Hemden, Strandshorts, Badeanzügen oder Surfbrettern. Die waren einmal mehr als doppelt mannshoch, auch der Bau und ihre Evolution ist natürlich Thema. Jim Heimann hat mehrere Hundertschaften von Fachleuten konsultiert und als Autoren einzelner Kapitel eine Handvoll der besten zeitgenössischen Surf-Experten versammelt.

1958 noch war Surfen in Kalifornien auf etwa 5000 Wellenreiter beschränkt, heute ist es ein für Milliarden von Menschen mit Sehnsucht erfülltes ikonografisches Bild von Freiheit und individueller Selbstbehauptung geworden, eine Freizeitaktivität in Trabantenstädten ebenso wie in Kriegszonen. Man denke an die vietnamesische Surfszene in Coppolas „Apocalypse Now“. Man denke an Surfbretter, die von Flugzeug-Ingenieuren entwickelt wurden, an Neoprenanzüge und Materialien aus dem militärindustriellen Komplex. Surfen ist Anpassung und Widerstand, Massenkonsum und Ausbruch. So viel an Zivilisationsgeschichte, auf letztlich solch einem kleinen Brett.

Ein Surfer sieht die Welt mit völlig anderen Augen als jede Landratte. Surfer frönen dem Tribalismus, haben eine eigene Sprache und ihren eigenen Orte der Sehnsucht. Da gibt es zum Beispiel die Riesenwellen vor dem portugiesischen Nazarè, da gibt es den „Silver Dragon“, eine zehn Meter hohe Welle im Mündungsbereich des chinesischen Flusses Quiantang, von der ein 20-Minuten-Ritt dokumentiert ist. Aber, wie gesagt, um mit diesem Buch zu träumen, muss man gar nicht unbedingt selbst Surfer sein …

Jim Heimann: Surfing 1778-2015. Englische Ausgabe. Mit Beiträgen von Matt Warshaw, Steve Barilotti, Chris Dixon, Drew Kampion, Peter Westwick und Peter Neushul. Verlag Taschen, Köln 2023. Hardcover mit  über 1000 Abbildungen. Format 15.6 x 21.7 cm, 1,11 kg. 512 Seiten, 25 Euro. – Verlagsinformationen Taschen.com.

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