Geschrieben am 1. Februar 2025 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2025

non fiction, kurz – Sachbücher Februar 2025

non fiction, kurz – Sachbücher Februar 2025

Aus dem Sachbuch-Stapel hat Alf Mayer wieder einige interessante Veröffentlichungen gefischt:

Deffarge & Troeller: Stern-Reportagen und Filme
Lutz Hachmeister: Hitlers Interviews. Der Diktator und die Journalisten
Kai Lehmann: Der Henker des Herzogs. Ein ganz normales Leben um 1700
William Middleton: Paradise Now. Das außergewöhnliche Leben des Karl Lagerfeld
Schweizerisches Nationalmuseum (Hg.): kolonial – Globale Verflechtungen der Schweiz
Matthias Uhl: GRU. Die unbekannte Geschichte des sowjetisch-russischen Militärgeheimdienstes von 1918 bis heute

Zuletzt bei uns besprochen:
Mara Delius, Marc Reichwein (Hg.): 111 Action-Szenen der Weltliteratur
Draussenseiter. Das Kölner Strassenmagazin, Sept. 2024: Feindliche Architektur
Helen Fry: Women in Intelligence. The Hidden History of Two World Wars
Andrew Mckevitt: Gun Country: Gun Capitalism, Culture, and Control in Cold War America
David Yamane: Gun Curious: A Liberal Professor’s Surprising Journey Inside America’s Gun Culture

Und vorletzt:
Nadine Akerman, Pete Langman: Spycraft. Tricks and Tools of the Dangerous Trade from Elizabeth I to the Restoration
Julia Lovell: The Opium War. Drugs, Dreams and the Making of Modern China
Jacques Lusseyran: Das wiedergefundene Licht

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Zeitgeschichte pur, keine Bilder zum Träumen

(AM) Noch bis zum 25. Februar 2025 läuft im (wunderbaren) Folkwang Museum Essen eine Ausstellung, die vorsorglich mit »Keine Bilder zum Träumen« betitelt ist. Sie zeigt, so der knappe Titel des hier besprochenen Katalogs, Stern-Reportagen und Filme von Deffarge & Troeller. Ein wenig wie ein Rohling liegt der massive Katalog in der Hand: ein broschierter Buchblock im Großformat, rauher Schnitt, mit aufgeklebtem Karton-Cover und Rücken – wie ein Arbeitsexemplar, eine Voransicht.

Bis hin zur Schreibmaschinen-Typografie der Textseiten hat dieser interessante Katalog die Anmutung eines Werkstatt-Besuchs. Reichhaltig illustriert mit Fotos, kompletten Reportagen und Filmvorschauen, Buchmaquetten, Kontaktabzügen, Film-Stills und Skripten sowie weiteren Dokumenten können wir hier zwei großen Journalisten über die Schulter schauen Die Französin Marie-Claude Deffarge (1924–1984) und der Luxemburger Gordian Troeller (1917–2003) arbeiteten ab den 1950er-Jahren gemeinsam als freie Journalisten und berichteten mit großer Empathie von den Lebensrealitäten von Menschen in 55 Ländern, zuerst vor allem aus Iran, Jemen und anderen Ländern dieser Region, später aus nahezu der ganzen Welt. In den 1960er-Jahren verantworteten sie wichtige Auslandsreportagen für das Magazin Stern. Parallel dazu entstanden erste gemeinsame Filmreportagen, ab den 1970er-Jahren rückten Dokumentarfilmreihen ins Zentrum ihres Schaffens. Über ein halbes Jahrhundert hinweg umfasst ihr Werk gut 100 internationale Reportagen und rund 80 Dokumentarfilme.

Im Zentrum der Präsentation in Ausstellung und Katalog steht das Archiv von Deffarge & Troeller, es bietet tiefe Einblicke in ihre Arbeit und die damalige Medienlandschaft. Über 100.000 Negative, Diapositive und Abzüge sowie Filme, Tonbänder und Recherchematerialien warten auf Aufbereitung. Diese erste umfassende Retrospektive vereint nun ihre Foto- und Filmreportagen, gibt vielfältigen Überblick über die Entstehung der Berichte bis zur Rezeption und ist ein Anfang, dieses immense Lebenswerk wiederzuentdecken. Sie waren dran, am Puls der Zeit, sie recherchierten zu den dringendsten weltpolitischen Themen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und sie hatten Haltung: von der Kritik am »sinnlosen Anspruch der Objektivität« bis zur Kritik des Fortschritts und des Ethnozentrismus.

Deffarge & Troeller waren zweifellos ihrer Zeit voraus, heißt es im Vorwort. »Dadurch bietet ihre Arbeit eine unschätzbare Quelle an Informationen, um die Wurzeln der globalen Folgen von Klimawandel, Umweltzerstörung, Wirtschaftskrisen, Migrationsströmen, Diskriminierung und politischer Einflussnahme in unserer heutigen Zeit zu verstehen.« Den Anfang machen körnige Filmzwischentitel der TV-Reportagen: »Auf Geld und Verderb«, »Allein gegen die Großen«, »Kommunisten seit 1000 Jahren« oder »Das Mittelalter widersteht« heißen sie. Heute wohl am kontroversesten: »Freiheit unter dem Schleier.«

Das Buch, so muss das heute wohl sein, enthält vorne einen gelben Disclaimer, dass die Reportagen »aus heutiger Sicht diskriminierende Stereotype… herabwürdigende Darstellungen … und vereinzelt rassistische Begriffe« beinhalten. Die Kultur- und Sozialwissenschaftlerinnen Raika Khorsshidian, Heidar Zahedi und Shirin Naef versuchen in einem eigenen Kapitel eine heutige Sichtweise auf die damals zum Beispiel heftig die iranische Revolution befürwortenden Reportagen von Deffarge & Troeller – die letztlich erhebliche Einschränkungen, besonders für die Frauen im Iran, mit sich brachte. »Freiheit unter dem Schleier«, diesen Antagonismus muss man ins Heute übersetzen.

Museum Folkwang und und CNA, Luxemburg (Hg.): Deffarge & Troeller: Stern-Reportagen und Filme. Katalog der Ausstellung im Museum Folkwang, Essen. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2024. Gebunden, Format 22.5 x 31.5 cm, mit 647 farbigen und 372 s/w-Abbildungen. 294 Seiten, 48 Euro/ 49 CHF. – Verlagsinformationen. Informative Internetseite von Deffarge & Troeller hier.

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Unkritische Erfüllungsgehilfen

(AM) Das Erscheinen dieses Buches im hat er nicht mehr miterlebt, der im August 2024 verstorbene Medien-Tausendsassa Lutz Hachmeister (Journalist, Sachbuchautor, Filmregisseur, Filmproduzent, Hochschullehrer und 1989 bis 1995 der Leiter des Grimme-Instituts). Ich erlebte ihn anfangs der 1980er Jahre als Autor von »medium«, damals schon ein Wirbelwind voller Energie und Ideen. Ständig hatte er tausend Projekte.

Sein letztes klang mir als Idee etwas exotisch. Mit Trump im Amt und nicht nur der AfD auf dem Vormarsch, nimmt es sich aber hochaktuell und dringend an. Nein, sie alle sind nicht Hitler, die heutigen »strongmen« und –frauen, dennoch macht Hitlers Interviews. Der Diktator und die Journalisten frösteln. Adolf Hitler gab der ausländischen Presse im Lauf seiner politischen Karriere mehr als hundert Interviews. Journalistinnen und Journalisten aus aller Welt fanden den deutschen Diktator als Gesprächspartner faszinierend. Lutz Hachmeister hat die Gespräche nachrecherchiert und ausgewertet, erzählt nun erstmals ihre Gesamtgeschichte.

Und genau das lässt die Journalistenzunft und die Rolle der Medien alles andere als gut aussehen. Hachmeisters Kernthese ist nämlich, dass sich Hitlers Interviews, sei es mit amerikanischen, britischen, italienischen oder französischen Journalisten, kaum von seinen öffentlichen Hetzreden unterschieden haben. Die Recherche weist nach, wie selten die Weltpresse dem Diktator wirklich inhaltliche Fragen stellte und wie häufig es stattdessen um »die Art, wie er seinen Tee trank« ging.
Ich weiß noch, wie mir jetzt im Januar 2025 die Spucke wegblieb, als der mir bisher eher zupackend scheinende Christian Sievers vom »ZDF heute journal« die eben gerade zur Kanzlerkandidatin gewählte Alice Weidel am Tag der AfD-Parteitags zu „interviewen« versuchte – und unsäglich Schiffbruch erlitt. Nicht eine Frage, nicht eine einzige Gegenstrategie hatte er im Köcher, um der noch voll im Kampfmodus schäumenden und noch nie zuvor dermaßen radikal und wütend aufgetretenen Rechts-Populistin den Wind aus den Segeln zu nehmen. Propaganda als Propaganda zu entblößen. Stattdessen lieh das ZDF an diesem Abend der AfD das Megafon. Völlige Ka-pi-tu-la-tion.

Der Journalismus war auf einen wie Hitler nicht vorbereitet, das macht Hachmeister klar. Die schlechte Nachricht: Auch heutige Journalisten sind es nicht. Nicht nur gegen Trump ist noch kein Kraut gewachsen. Die Quotenmedien mit ihrer Gier nach »news« (noch so abstrus) verschärfen das Problem sogar. Und dass Christian Sievers mit seinem Totalversagen nicht allein ist, macht Hachmeisters Schlusskapitel erschreckend klar, sein Titel: »Epilog: Wie interviewt man einen Diktator – und warum überhaupt?« Das fulminante Kapitel ist nichts weniger als eine Mediengeschichte peinlicher, gescheiterter Interviews der letzten vier Jahrzehnte. Hachmeister kommt zu dem Schluss, dass der »Propaganda-Effekt des Diktators« immer größer ist als der Informationswert ist. Welchen Sinn produzieren also eigentlich Interviews mit Autokraten? Diktatoren sollte man nicht interviewen, findet Hachmeister.

Lutz Hachmeister: Hitlers Interviews. Der Diktator und die Journalisten. Kiepenheer & Witsch, Köln 2024. 384 Seiten, mit zahlreichen S/W-Abbildungen, 28 Euro.

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Auch Geheime haben klein angefangen

(AM) Jahrzehntelang im Schatten des übermächtigen KGB, ist über den russischen Militärgeheimdienst GRU im Westen wenig bekannt. Auch in der Thrillerliteratur spielt er kaum eine Rolle. Aber nicht nur für Autoren dieses Genres ist interessant, was der Historiker Matthias Uhl über Die unbekannte Geschichte des sowjetisch-russischen Militärgeheimdienstes von 1918 bis heute in seinem 750 Seiten starken Buch versammelt. Es ist die erst offenkundig erst dritte Studie zum Thema. »GRU – die Speerspitze« von »Viktor Suworow« war 1984 der Insiderbericht eines nach Großbritannien geflüchteten Überläufers unter Pseudonym. 1992 erschienen die Erinnerungen von Juri Puschkin, eines ehemaligen Offiziers der GRU-Dienststelle Magdeburg: »GRU –Aktivitäten des sowjetischen Geheimdienstes nach der Wende«.

Bis heute gibt es im Westen kaum gesicherte Informationen über die Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije (Hauptverwaltung für Aufklärung), dies vor allem, weil bis heute kaum ein Dokument aus den Archiven der GRU zugänglich ist.

Matthias Uhl aber kann, wie auch immer, auf Dokumente aus dem legendären Archiv des Militärgeheimdienstes zurückgreifen und stellt erstmals für einen breiten Leserkreis die Geschichte der GRU von ihrer Gründung 1918 bis heute dar. Er beleuchtet Operationen und Spionageaktionen während des Kalten Krieges und des heutigen Russland bis hin zu Mordanschlägen in Westeuropa (Stichwort Skripal) sowie zum Einsatz der GRU bei der Besetzung der Krim und im Ukraine-Krieg (Stichwort grüne Männchen auf der Krim). Der Giftanschlag auf den ehemaligen GRU-Obersten Sergej Skripal 2018 in Salisbury war besonders spektakulär. Er sollte dafür bestraft werden, dass er gegen einen der wichtigsten Grundsätze der GRU verstoßen hatte: »Rede nicht mit dem Gegner!«

Der wohl geheimste Nachrichtendienst Russlands sieht sich im eigenen Selbstverständnis in einer über 200-jährigen Tradition. Erste institutionelle Vorläufer des bis 1917 auch als »Raswedka« bezeichneten militärischen Geheimdienstes entstanden 1810 unter dem Kriegsminister Michael Barclay de Tolly, dem späteren Bezwinger Napoleons. Er richtete eine sogenannte »Expedition für geheime Angelegenheiten« ein, 1812 entstand daraus beim Kriegsministerium eine Sonderkanzlei. Das neue Amt verfügte über ganze vier Beamte, um geheime Aufgaben zu lösen. Die Beschaffung von nachrichtendienstlichem Material fiel deshalb im Wesentlichen den Militäragenten zu, die damals in Spanien, Frankreich, Österreich, Preußen, Bayern und Sachsen operierten. «Deshalb gilt das Jahr 1812 bis heute als Geburtsstunde des russischen Militärgeheimdienstes«, vermerkt Michael Uhl in der Einleitung. – Wenn das keine Tradition ist. Und Uhl ist sich gewiss: »Mit Sicherheit werden wir auch im weiteren Verlauf des 21. Jahrhunderts immer wieder mit Geheimdienstoperationen der GRU konfrontiert sein.«

Matthias Uhl: GRU. Die unbekannte Geschichte des sowjetisch-russischen Militärgeheimdienstes von 1918 bis heute. Herder/ wgb Theiss, Freiburg i. Brsg. 2024. Hardcover, 752 Seiten, 39 Euro.

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Von wegen neutral oder unschuldig

(AM) »Nachholende Aufmerksamkeit. Wie der Schweizerische Anteil am europäischen Kolonialismus entdeckt wurde« ist der zweite Text in diesem Buch überschrieben. Georg Kreis zeichnet darin nach, wie sich  – ja, tatsächlich erst in diesem Jahrtausend, erst ab etwa 2010 – eine Sensibilität manifestierte, dass die Schweiz eben kein außerhalb der allgemeinen Geschichte liegender Sonderfall sei, dank dem man sich grundsätzlich als unschuldiges Land verstehen könne, wenn es um den europäischen Kolonialismus gehe. Der vorzüglich gestaltete Ausstellungskatalog kolonial – Globale Verflechtungen der Schweiz illustriert mit Objekten, Kunstwerken, Fotografien und Dokumenten erstmals einen umfassenden Überblick über die koloniale Verflechtungsgeschichte der Schweiz. 14 Beiträge präsentieren und diskutieren Forschungsarbeiten der letzten zwei Jahrzehnte. Außerdem wird gefragt, was das koloniale Erbe für die Schweiz der Gegenwart bedeutet, und immer wieder werden Aktualitätsbezüge hergestellt. Dieses Buch ist politisch – und will es sein. Alleine schon seiner Haptik und Gestalung wegen nimmt man es gern in die Hand. Im Verlag Scheidegger & Spiess weiß man um das Geheimnis gelungener Bücher, beherrscht Minimalismus mit Meisterschaft.

Und von wegen »unschuldig«: Die Schweiz ist seit dem 16. Jahrhundert global vernetzt und kolonial verflochten. An der Versklavung der etwa zwölf Millionen Menschen aus Afrika zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert beteiligten sich mehr als 250 Schweizer Unternehmen und Privatpersonen, verdienten am Handel und häuften Vermögen. Schweizer Söldner verdingten sich zu tausenden in Kolonialarmeen, alleine zwischen 1815 und 1962 an die 40.000 in der französischen Fremdenlegion und 7.600 in der niederländischen Kolonialarmee, so der Katalog. Im privaten Kongo-Freistaat des belgischen Königs Leopold II. waren um die Jahrhundertwende etwa 200 Schweizer Funktionäre und Experten in Lohn und Brot. Schweizerische Missionare waren auf der ganzen Welt unterwegs. An den Universitäten Zürich und Genf wurde zudem rassistisches Denken gelehrt, das über die Landesgrenzen hinaus der Legitimation des kolonialen Systems diente. «Wer wirtschaftlich so tüchtig mithurt wie die Schweiz, kann politisch nicht als Jungfrau auftreten», meinte Friedrich Dürrenmatt zum Paradox der eidgenössischen Neutralität.

Schweizerisches Nationalmuseum (Hg.): kolonial – Globale Verflechtungen der Schweiz. Scheidegger & Spiess, Zürich 2024. Broschiert, Format 16 x 23 cm. 284 Seiten, 49 farbige und 12 s/w-Abbildungen, 35 Euro/ 30 CHF.

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Follow the Money, umrunde ein Leben

(AM) Was zum Henker, über solche Typen wissen wir doch längst alles. Wirklich? Im Thüringischen Staatsarchiv Meiningen schlummert ein kulturhistorischer Schatz, dem der Historiker und Museumsdirektor Kai Lehmann jetzt nach einer Ausstellung im Jahr 2022 den fast romantauglichen Band Der Henker des Herzogs. Ein ganz normales Leben um 1700 gewidmet hat. Es handelt sich um das »Register oder Aufzeichenbüchlein« des Scharfrichters Johann Jeremias Glaser (1673-1725) in Meiningen und Wasungen. Er war ein Mann aus dem einfachen Volk, hat jedoch ein einmaliges Zeitzeugnis hinterlassen hat: ein sogenanntes Anschreibebuch. Mit 28 Jahren begann er, jede Einnahme und Ausgabe akribisch zu notieren. Der letzte Eintrag stammt von seinem ältesten Sohn, der das über 300 Seiten starke Buch mit den Ausgabeposten für die Beerdigung und den Leichenschmaus seines Vaters beendete.

Neben biografischen Angaben finden sich Einnahmen und Ausgaben, Erlöse und Kosten und natürlich auch Einkünfte aus der Scharfrichter-Tätigkeit und der Strafvollstreckung. Aber eben nicht nur. Das ganze private Leben bildet sich ab: Taufen und Hochzeitsfeiern, Einnahmen aus Verpachtungen oder Arbeiten wie die Kloakenreinigung, Ausgaben für Knechte und Mägde, für den Musikunterricht der Kinder, für Kleidung und Schulmaterialien. Man stelle sich vor, jemand würde heute alle, aber auch alle Kassenbelege für künftige Generationen aufbewahren, vielleicht sogar mit Notizen. Welches Leben könnte man da erzählen? – Eben.

Der Meister Franz Schmidt, der ebenso wie Johann Jeremias Glaser mehr als 40 Jahre Henker war, vollstreckte beinahe 400 Hinrichtungen (siehe auch meine Besprechung Geschichtsschreibung, wie man sie sich wünscht: Joel F. Harrington: »Die Ehre des Scharfrichters. Meister Frantz oder ein Henkersleben im 16. Jahrhundert«, Siedler Verlag, 2014). Glaser hingegen brachte lediglich 22 Frauen und Männer zu Tode, darunter die letzte Lebensverbrennung einer vermeintlichen Hexe auf mitteldeutschem Boden (17 Gulden, inklusive Spesenabrechnung). Von Frantz wissen wir kaum etwas Persönliches, Glaser ist im Vergleich zu ihm geradezu gläsern. Das ist die kulturhistorische Sensation. So wird es dem Autor möglich, in die Lebenswirklichkeit eines aus heutiger Sicht Ausgestoßenen einzutauchen, der sich standesbewusst freilich mitten in der Gesellschaft befand, und sein Leben in allen Facetten zu erzählen.

Vergleiche auch Hazel Rosenstrauch, 2012, mit »Karl Huß, der empfindsame Henker. Eine böhmische Miniatur« (Matthes & Seitz, meine Besprechung hier).

Kai Lehmann: Der Henker des Herzogs. Ein ganz normales Leben um 1700. Herder/ wgb Theiss, Freiburg i. Brsg. 2024. Hardcover, 400 Seiten, 20 Abb., 28 Euro.

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Mit hinter die Bühne genommen

(AM) Geradezu süffiges Papier, 608 Seiten davon, im eigenen Haus gesetzt, gestaltet, gedruckt und gebunden, redaktionell umfänglich betreut und gegenüber der amerikanischen Originalausgabe zusätzlich mit einem Register ausgestattet kommt die Biografie über Das außergewöhnliche Leben des Karl Lagerfeld als sozusagen letzte Verneigung von Verleger Gerhard Steidl gegenüber einem ehemaligen Compagnon, mit dem es eine gemeinsame Buchreihe gab. Der Titel Paradise Now erklärt sich aus dem Motto des Buchs, einem Dekret von KL: »Die Nachwelt ist mir egal. Völlig egal! Von der habe ich nichts. Was zählt, ist das Heute: Paradiese now!«

Autor William Middleton ist kein Modekritiker, wie er betont, wohl aber Journalist und Redakteur mit besten Kenntnissen vom Laufsteg und was davor und danach alles dazugehört, hat in New York und Paris gearbeitet, war Fashion Features Director für Harper’s Bazar und Pariser Büroleiter unter anderem vom W Magazine und Women’s Wear Daily. Er ist ein Insider, hat Lagerfeld auch privat erlebt, Zeit mit ihm verbracht und ihn mehrmals interviewt. Ein Skandalbuch darf man sich von ihm nicht erwarten, aber wir kommen Lagerfeld nahe. Und dem, was er wollte, mochte, liebte und verachtete. Die Ambition des Autors war es, eine »kulturelle Biografie« zu schreiben, den Modeschöpfer in seine Zeit zu stellen und dabei möglichst »mit Karl in einem Raum zu sein«.

William Middleton bewerkstelligt das frappierend gut, zum durchaus eleganten Erzählfluss trägt die Übersetzerin Ursula Wulfekamp ganz gewiss ein gehöriges Stück bei. Diesen Laufsteg meistern Autor und Übersetzerin bravourös. Das Buch schaut hinter die Fassade des Mannes mit der Sonnenbrille und dem gepuderten Pferdeschwanz. Wenn Sie sich für Lagerfeld interessieren, lesen Sie selbst. Es gibt Entdeckungen zu machen.

William Middleton: Paradise Now. Das außergewöhnliche Leben des Karl Lagerfeld (Paradise Now. The Extraordinary Life of Karl Lagerfeld, 2023). Aus dem Englischen von Ursula Wulfekamp. Steidl Verlag, Göttingen 2024. Hardcover, mit Abb., 608 Seiten, 58 Euro.

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