Geschrieben am 1. Juli 2025 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2025

non fiction, kurz – Juli 2025

Sachbücher, besprochen von Alf Mayer (AM):

Megan Greenwell: Bad Company: Privat Equity and the Death of the American Dream
Gardiner Harris: No More Tears: The Dark Secrets of Johnson & Johnson
Bridget Read: Little Bosses Everywhere. How the Pyramid Scheme Shaped America.

… more to come, schauen Sie wieder vorbei.

Heuschrecken und Geier

(AM) »Private Markets sind zu einem wesentlichen Bestandteil der strategischen Vermögensallokation geworden und bieten Anlegern Zugang zu einzigartigen Chancen, die auf öffentlichen Märkten nicht verfügbar sind. Neben dem Potenzial für höhere Renditen bieten Privatmarktanlagen Diversifizierungsvorteile und ein Engagement in wachstumsstarken Unternehmen. Diese Anlagen können traditionelle Investitionen ergänzen und dazu beitragen, ein widerstandsfähiges und ausgewogenes Portfolio aufzubauen«, so wirbt zum Beispiel die Privatbank Merck Finck für ihre Private-Equity-Produkte. »Private Equity hat das amerikanische Steuersystem gekapert«, schrieb die New York Times, als Donald Trump kurz vor dem Ende seiner ersten Amtszeit ein Gesetz in Kraft setzt, das den Private-Equity-Gesellschaften (kurz PEGs genannt) an der Bundessteuerbehörde IRS vorbei außerordentliche Steuererleichterungen bot. Die Private Equity verwalteten Vermögen belaufen sich weltweit auf über zehn Billionen US-Dollar. Die neue »beautiful bill« von Trump begünstigt das alles noch mehr. Noch nie sind so viele Milliardäre bei der Amtseinführung eines US-Präsidenten im Kapitol Spalier gestanden.

Risiko- oder vornehmer, Venture-Kapital, Wagniskapital hat weithin die Macht übernommen. Kanzler Merz kommt aus dem Führungszirkel von Blackstone, in den USA sitzen die CEOs von Carlyle, KKR, Cerberus Capital oder Apollo Global im Senat und anderen Institutionen – während ihre Buyouts weiterhin die Gesellschaft aushöhlen. Rendite gibt es hier nur für die Bosse und ihre Handlanger, während Arbeitsplätze verloren gehen. Wenn McKinsey in die Stadt kommt, gewinnt immer nur eine Seite. Private Equity kontrolliert Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen, Arztpraxen, Supermarkt-Ketten, Zeitungen, Feuerwehren, medizinische Dienste und Notdienste und zunehmend Gewerbe- und Wohnimmobilien.

Die Journalistin Megan Greenwell erlebte es selbst, wie die PEG Great Hill Partners ihr Blatt kaperte, Stellen abbaute und sich mit einem brutalen »quick cash-out« an eine Briefkastenfirma aus Malta das Investment versilberte. Sie nennt solche Firmen nicht (wie bei uns geschehen) »Heuschrecken«, sondern Geier. Als Greenwell ihre eigene Geschichte in einem Blog veröffentlichte, erhielt sie über 1000 Zuschriften. Viele ihrer Leser beschrieben darin, wie  Private Equity, ihr Leben, ihre Arbeitsplätze oder ihre Gemeinde ruinierte. Aus diesen Erfahrungen aus erster Hand entstand das Buch. – Es zu lesen, rentiert sich.

Megan Greenwell: Bad Company: Privat Equity and the Death of the American Dream. An Exposé of Private Equity’s Devastating Impact on American, Lives, Communities and the Economy. Dey Street Books/ HarperCollins, New York 2025.  Hardcover, 320 Seiten, 23 USD.

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Selbstausbeutung, einkalkuliert

(AM) Der eigene Chef sein, von zuhause aus oder überall, wo und wann man will, zu arbeiten, keine Hierarchie über sich zu haben… und Ähnliches sind die Jobversprechen einer Art von Ökonomie, für die es keinen richtigen Namen bei uns gibt – wo Schneeballsysteme doch eigentlich verboten sind.  Sind sie nicht, oder nicht so richtig. Für das Pyramiden-Schema ist auch bei uns immer noch breiter Platz. Und erst recht in den USA, der Heimat dieser Verkaufsform. Der Weltverband WFDSA definiert den Begriff Direktvertrieb als »einen Weg, auf dem unternehmerisch denkende Menschen unabhängig arbeiten können, um ein Geschäft mit geringen Gründungs- und Gemeinkosten aufzubauen«. Jetzt gibt eine Wirtschafts- und Kulturgeschichte des »multilevel marketing business«. Die Recherche Little Bosses Everywhere. How the Pyramid Scheme Shaped America der für das New York Magazine arbeitenden Journalistin Bridget Read liest sich wie ein Thriller.

Nur weil solche Verkaufsformen oft unter dem Radar (auch der Regulatoren) sind, heißt nicht, dass hier kein Geld gemacht wird. Dies zu einem beträchtlichen Teil sogar auf Kosten der Verkäufer, der »kleinen Bosse« ihrer selbst. Direktvertriebsunternehmen in Deutschland, vor allem sogenannte Multi-Level-Marketing- oder Network-Marketing-Unternehmen, stehen wegen der geringen Einkünfte der selbständigen Handelsvertreter immer wieder in der Kritik. Eine Studie der Universität Nijmegen stellte fest, dass sie in acht von zehn der untersuchten großen deutschen Unternehmen durchschnittlich weniger als 150 Euro Umsatzprovision pro Monat erwirtschaften.

Nach Angaben seines Weltverbands WFDSA hat der Direktvertrieb im Jahr 2022 insgesamt 172 Milliarden US-Dollar Umsatz erzielt. Diese Zahl aber ist nur der obere Teil eines Eisbergs, erwirtschaftet wird sie von 115 Millionen Menschen, die damit zu einem Haupt- oder Zusatzeinkommen kommen. Die Reporterin Read rechnet vor, dass 7,7 Prozent der Amerikaner, das sind 17 Millionen Menschen, im Lauf ihres Arbeitslebens von solchen Verkaufsjobs zu leben versuchen. Eine Studie, die 350 solcher Pyramidenfirmen erfasste, kam zum Ergebnis, dass 99 Prozent der damit Beschäftigten Geld verloren haben. Read wird zur Furie, wenn es darum geht, wie sehr dieser Wirtschaftsbereich als nebensächlich und unwichtig angesehen wird. Das helfe nur denen, die als Einzige – weil an der Spitze der Pyramide – damit Geld machen.

»Tod eines Handlungsreisenden« (Death of a Salesman) heißt das wohl bekannteste Theaterstück von Arthur Miller. Es stammt aus dem Jahr 1949 (!) und es gab dafür den Pulitzer-Preis. Wäre schön, wenn Bridget Read den für ihr Buch auch bekäme. Ich muss das mal jemand verkaufen…

Bridget Read: Little Bosses Everywhere. How the Pyramid Scheme Shaped America. Crown, New York 2025.‎ 368 Seiten, 30 USD.

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Vertrauen, rücksichtslos ausgenutzt

(AM) Muckraking nennt sich die ehrwürdig journalistische Recherchearbeit, die keine Scheu vor Unternehmensthronen hat und hinter die Fassaden schaut. Johnson & Johnson, der weltweit tätigen US-amerikanische Pharmazie- und Konsumgüter-Hersteller, ist eines der größten Gesundheitsunternehmen der Welt. Allein die Pharma-Sparte machte 2022 stolze 52,6 Milliarden US-Dollar Umsatz. Das Gesicht des Konzerns sind Babys. Niedliche Babys. Glückliche. Mit Produkten von Johnson & Johnson, umschmeichelt uns die Werbung, kennen Babys keine Tränen.

Gardiner Harris arbeitete als »public health and pharmaceutical reporter« für die New York Times, als er 2004 in einer Flughafen-Bar mit der Frau neben ihm, einer J&J-Beschäftigten ins Gespräch kam – einer »drug sales rep«, einer Arzneimittelverkäuferin im Außendienst. Ihre Horrorgeschichte über unethische Verkaufspraktiken und wie sie ihre Familie zerstört hatten, beeindruckten den Journalisten tief. Seitdem hatte er J&J im Visier. Gute 20 Jahre recherchierte er über eines der vertrauenswürdigsten Unternehmen der USA. Was er nun aufdeckt, ist ein Abgrund an Verbrauchertäuschung und menschenverachtender Unternehmenspraxis. Sein ein vernichtendes Porträt No More Tears: The Dark Secrets of Johnson & Johnson ist ein Alarmruf, das Versagen der Regulationsbehörden mit eingeschlossen.

Es geht um krebserregenden Babypuder, süchtig machende Arzneimittel und irreführende Werbe- und Vertriebskampagnen. Die Sacklers und Purdue Pharma – siehe Patrick Radden Keefe’s Empire of Pain (2021)### haben mit ihren ekelhaften Geschäftspraktiken durchaus Konkurrenz. Nur: Der systematische Vertrauensbruch über Jahrzehnte ist bei J&J noch gravierender, noch kaltschnäuziger. Nach jahrzehntelangen Behauptungen, dass ihr Babypulver absolut harmlos sei, einigte sich das Unternehmen auf einen Vergleich mit den Generalstaatsanwälten von 43 US-Bundesstaaten und stimmte der Strafzahlung von 700 Millionen Dollar zu. 8,9 Milliarden Dollar bot das Unternehmen 2003 zur Beilegung sämtlicher Klagen um Körperpflegeartikel, die das Magnesiumsilikat Talkum enthalten. Um die Klagekosten auszulagern (und damit eine Eigenart der texanischen Gesetzgebung auszunutzen) gründete Johnson & Johnson das Tochterunternehmen LTL. Anschließend meldete LTL Insolvenz an. Es hat schon seinen Grund, dass Harris teilweise mit dem Flammenwerfer schreibt.

Gardiner Harris: No More Tears: The Dark Secrets of Johnson & Johnson. Random House, New York 2025. 464 Seiten, 32 USD.

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