
Abgrundtief
„Die obsessive Liebe zweier Männer zu einer Frau, die sich zwischen ihnen nicht entscheiden mag“, sieht der Klappentext im neuen Roman von T.C. Boyle und liegt damit so weit vom Kern der Geschichte wie man nur sein kann: Liebe spielt in dem Geflecht der drei Protagonisten eine extrem untergeordnete Rolle.
Dr. Terence Tully, Assistenzarzt am County Hospital Los Angeles, reist nach Boulder City, um dort nach dem Haus seiner gerade verstorbenen Mutter zu schauen. Er wird das Haus erben – und auch Daisy, den trauernden Hund. Beim Frühstück in einem Café begegnet Terence zum ersten Mal einer attraktiven jungen Frau im Minikleid, die ihn nach der Zeitungsseite mit den Mietangeboten fragt. Schon bei der zweiten Begegnung landet Bethany in seinem Bett – und als Leser weiß man früher als Terry, dass diese Frau sich im geerbten Haus einquartieren wird.
Bethany ist auf naiv-laszive Art manipulativ und übergriffig, der nach dem Wochenende nach LA zurückgekehrte Terry erfährt durch die Nachbarin, dass jemand sich im Haus aufhält und als seine „Verlobte“ ausgibt. Auf einem Vertrauensverhältnis fußt die Beziehung zwischen den beiden also von Beginn an nicht. Weil Beth aber behauptet, von ihrem Ex auf die Straße gesetzt worden zu sein, lässt der junge Arzt sie dort wohnen. Immerhin kümmert sich so jemand um Haus und Hund, während er seiner Arbeit nachgeht – und der Sex mag auch eine Rolle spielen. Die erste Begegnung mit Jessy, dem gewalttätigen Ex, beschwört Unheil herauf. „Sie ist Gift“ ist die vielsagende Warnung, die Jessy ausspricht. Die Bedrohung geht dann aber doch von dem Biker aus: Nach zerstochenen Autoreifen, Momenten mehr oder weniger offenen Stalkings ist er es, der dafür sorgt, dass Terry in der Wüste einen beinahe tödlichen Unfall hat. Wurde bis dahin aus der Perspektive Terrys erzählt, wechselt die Erzählperspektive nach rund einem Drittel des Romans auf Beths Seite. Später soll auch aus Jesses Sicht erzählt werden.

Die gesellschaftskritische Ader pocht in den Nebensätzen
Die Perspektivwechsel ermöglichen es Boyle, die aneinander vorbeilaufenden Motive und Erwartungshaltungen der Protagonisten zu beleuchten. Allerdings verfällt Boyle diesmal in seiner Figurenzeichnung stark in Klischees: Terry ist der umweltbewusste Großstädter, Jessy und Beth trotz bürgerlicher Berufe (Rezeptionistin im Krankenhaus / Lehrer) eine Art Outlaw-Paar aus der Provinz mit einer Neigung zu Alkohol und Drogen. Beth ist eine äußerst ambivalente Frauenfigur: Da ist auf der einen Seite ihre Oberflächlichkeit und die Leidenschaft für den Bad Boy. Auf der anderen Seite wächst sie über sich hinaus, als sie den möglicherweise lebenslang verkrüppelten Arzt pflegt. Womöglich keimt zwischen der Zuneigung und der Sorge, dass so nun der Rest des Lebens ablaufen könnte, sogar etwas wie Liebe auf. Aber sie kann auch nicht auf den Drink in der Bar, das Abhängen mit Freunden verzichten. Vor allem kommt sie nicht von Jessy los, obwohl sich dem Leser nicht ein Funken seines „Charmes“ erschließt.
Selbstverständlich zieht Boyle seine Figuren weiter hinab in zwischenmenschliche Untiefen. Außergewöhnlich ist hier, dass er bei der Charakterzeichnung von Jessy arg zu schwarz-weiß-Malerei neigt. Jessys Motiv ist keinesfalls Liebe, sondern einzig und allein das männliche Durchsetzen von Besitzanspruch. Er ist durch und durch ein Arschloch, eine Figur, der man keine Sympathien entgegenbringt. Umso außergewöhnlicher, als sich der Biker als Romanautor versucht, und man bisweilen den Eindruck bekommt, dass ausgerechnet diese Figur als Alter Ego des Autors angelegt ist. Jessys Ambitionen bei seinem literarischen Projekt einer Saga über den Bau des Boulder-Dam gelten allerdings in erster Linie dem Ruhm und der Möglichkeit, es allen zu zeigen – und mit der älteren Creative Writing-Dozentin ins Bett zu gehen, weil Beth nicht zur Verfügung steht.
„No Way Home“ ist wenig subtil und in seiner Struktur leicht durchschaubar – aber auf der anderen Seite auch ein spannender Pageturner. Boyles gesellschaftskritische Ader pocht hier in den Nebensätzen, etwa wenn die Lebensentwürfe des veganen Großstädters und der rotes Fleisch essenden Kleinstädter aufeinandertreffen; wenn Terry Radionachrichten kommentiert, für die Beth keinerlei Interesse zeigt; wenn der sinkende Wasserspiegel des Stausees ungeahnte Blicke in seine bewegte Geschichte freigibt. Wirklich stark ist eine kleine Nebenhandlung, die den Klinikalltag in der Notaufnahme schildert, in der Terry unter anderem mit einer Obdachlosen konfrontiert wird, die dringend notwendige Behandlungen ablehnt. In seinem Beruf geht der junge Arzt auf, seine Angewohnheit, anhand von kleinen Details wie Hautverfärbungen, geplatzten Äderchen oder Bewegungen innerlich Diagnosen seiner Gegenüber auch im Privatleben zu stellen, ist ein Running Gag, der aber auch seinen aufmerksamen Blick auf andere Menschen illustriert. Seine eigenen Bedürfnisse und Gefühle kann er weniger gut beschreiben – und ihm fehlt der Zugang zu diesen Provinzlern, die doch nur wenige Stunden Autofahrt von seinem Heimatort leben.
Leider hat man bisweilen den Eindruck, dass es dem Autor ebenso geht, die Figuren Bethany und Jerry hätten durchaus mehr Tiefe vertragen können. Dass man dennoch mitfiebert, liegt am typischen Boyle-Drive – auch wenn er diesmal überraschend humorbefreit daherkommt.
Frank Schorneck
T.C. Boyle: No Way Home. Deutsch von Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag, München 2025. 384 Seiten, 28 Euro. – Weltpremiere. Die englische Ausgabe erscheint erst im April 2026.


















