Geschrieben am 1. Juni 2026 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2026

Neu aufgelegt: Richard Hallas «Wer verliert gewinnt«

Picaro-Roman, Politsatire und Noir-Klassiker

Joachim Feldmann über die deutschsprachige Neuausgabe von Richard Hallas’ Roman „Wer verliert gewinnt“

„Die Sache ist die. Man muss nur jedem Menschen in der ersten Woche fünf Dollar geben – unter der Bedingung, dass er sie innerhalb einer Woche wieder ausgibt. In der zweiten Woche gibt man jedem sechs Dollar. Und jede Woche gibt man einen Dollar mehr als in der vorigen.“ Und in einem Jahr, so erklärt Patsy, eine dralle Dame von Mitte dreißig, habe „jedermann ein wöchentliches Einkommen von fünfzig Dollar“. Zahlen würde das Ganze der Staat, finanziert durch eine „kleine Warenumsatzsteuer“.

Wir befinden uns in Kalifornien während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre. Was klingt, als sollten alle ökonomischen Probleme durch eine Art staatlich organisiertes Schneeballsystem gelöst werden, ist natürlich satirisch gemeint. Der im nordenglischen Yorkshire geborene und im Alter von 15 Jahren in die USA ausgewanderte Autor Eric Knight (1897 -1943) parodiert hier das Programm, mit dem der sozialkritische Schriftsteller Upton Sinclair („Der Dschungel“) 1934 bei den Gouverneurswahlen in Kalifornien antrat.

„End Poverty in California“ (EPIC) nannte er das Bündel von Maßnahmen – von der Verstaatlichung leerstehender Fabrikgebäude über die Einführung einer Einkommenssteuer bis zur Gründung von Produktionskooperativen -, mittels derer Massenarbeitslosigkeit und Armut abgeschafft werden sollten. Auch garantierte staatliche Pensionen gehörten dazu. Sinclair verlor die Wahlen trotz des großen Zuspruchs, den seine Vorstellungen in der Bevölkerung fanden. Allerdings gingen manche seiner Ideen, z.B. die Schaffung von Arbeitsplätzen durch öffentliche Investitionen, in die New Deal-Politik von Präsident Roosevelt ein.

Ganz so einfältig wie von Wright in seinem unter dem Pseudonym Richard Hallas 1938 veröffentlichen Roman „You Play the Black and the Red Comes Up“ dargestellt, waren die Vorstellungen Sinclairs wohl doch nicht. Aber vielleicht ein bisschen naiv. Und damit ein idealer Gegenstand für Knights beißenden Spott. Jedenfalls lässt er Patsy zur Gründerin einer neuen Partei avancieren. Deren Namen allerdings stiftet, wie sollte es anders sein, ein Repräsentant der Traumfabrik Hollywoods, der Filmregisseur Quentin Genter: „Du führst die Menschheit ins neue ökonomische Kanaan. Wir nennen’s die Ökanaanomische Partei! Das ist das Richtige! Die Ökanaanomische Partei – Reichtum für alle! Wir machen eine neue Religion daraus!“

Doch auf politische Satire lässt sich der Roman, jetzt versehen mit einem informativen Nachwort des Herausgebers Martin Compart unter seinem deutschen Titel „Wer verliert gewinnt“ vom rührigen Elsinor Verlag neu aufgelegt, nicht reduzieren. Die Geschichte eines Mannes namens Richard, der sich, von Frau und Kind verlassen, vom ländlichen Oklahoma nach Kalifornien aufmacht, um dort von einer Kalamität in die nächste zu geraten, entzieht sich eindeutigen Zuordnungen. Gewiss lässt sie sich, wie es Verlag und Herausgeber nahelegen, als „einer der großen ‚amerikanischen‘ Hardboiled-Noir-Romane“ lesen, denn immerhin wird der Ich-Erzähler scheinbar unschuldig in Verbrechen verwickelt, die ihn in sogar in der Todeszelle landen lassen.

Doch das wäre ein rein inhaltliches Kriterium. Die episodenhafte Handlungsstruktur hingegen lässt eher an pikareske Romane denken, deren ahnungslose Helden einer immer wieder überraschenden Abfolge unerhörter Begebenheiten ausgesetzt werden. Dazu gehört in diesem Fall Richards Teilnahme an einem angeblich als Jux geplanten, aber tödlich endenden Überfall ebenso wie der scheiternde Versuch, in einem Spielcasino das zu Unrecht erbeutete Geld wieder loszuwerden. Der in Comparts Nachwort zitierte Martin Edwards („The Life of Crime. 2024) hat recht, wenn er Hallas/Wright bescheinigt, den „Stil der Black-Mask-Schule für eine Burleske“ zu nutzen. Ein eigentümlicher Klassiker des Genres also, der nun erstmals seit 1944 wieder in deutscher Übersetzung vorliegt. Diese stammt von Anna Katharina Rehmann-Salten (1904-1977)  und wurde weitgehend unverändert für die vorliegende Neuausgabe verwendet. Das macht die Lektüre gelegentlich zu einer Herausforderung, hat aber seinen ganz eigenen Reiz, nicht nur für Aficionados des Noir-Thrillers.

PS: Eric Wright übrigens hatte seinen größten schriftstellerischen Erfolg mit einer Kurzgeschichte über eine Colliehündin, die 1938 in der Saturday Evening Post erschien: „Lassie Come Home“. Und auch die Übersetzerin Anna Katharina Rehmann-Salten verdankte als Nachlassverwalterin ihres Vaters Felix Salten ihren Lebensunterhalt nicht zuletzt einem fiktiven Tier – dem Rehkitz Bambi, über dessen Verwertungsrechte sie 1958 erfolgreich mit Disney verhandelte.

Joachim Feldmann

Richard Hallas (Eric Knight): Wer verliert gewinnt (You Play the Black and the Red Comes Up, 1938). Deutsch von  Anna Katharina Rehmann-Salten (Scherz, Bern 1944). Herausgegeben von Martin Compart. Elsinor Verlag, Coesfeld 2026. 223 Seiten, 22 Euro.

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