Geschrieben am 1. November 2026 von für Crimemag, CrimeMag November 2026

Mauricio Castellan beschäftigt Gerd Conradt – anhaltend

HIM Heute spielen wir Hitler

ER kniet in der Mitte der ikonischen Glashalle der Neuen Nationalgalerie in Berlin. ER ist Teil der ersten umfassenden Einzelausstellung NIGHT des italienischen Künstlers Maurizio Cattelan.1 Von hinten betrachtet sieht ER aus wie ein Junge, ein Zwerg, ein Gnom. ER kniet. ER trägt einen grauen Straßenanzug, Knickerbocker, graue Wollsocken, schwarze Stiefeletten, weißes Hemd, dunkle Krawatte. Seine Hände sind gefaltet, ER betet. Von vorne zeigt Him das Gesicht von Adolf Hitler – „hyperrealistisch“.

Ich bin schockiert, fühle mich gelähmt. Verharre vor HIM, umkreise ihn. HIM jetzt in Berlin empfinde ich als Provokation. Hitler, betend, als kleiner Junge, scheinbar unschuldig – bittet er um Vergebung?

In den Medien ist Hitler allgegenwärtig. Im Dokumentationskanal History (ZDF), „Geschichte hautnah erleben“, laufen täglich Sendungen, in denen es um Hitler, das 3. Reich, den 2. Weltkrieg in alles Ausführlichkeit geht.

Vom Autor imaginiert: Maurizio Cattelan, mit KI-Unterstützung

Als Andy Warhol 1972 im Zuge der Reise von Präsident Nixon nach China aus dem strengen, emotionslosen Propagandabild von Mao-Tse-Tung eine farbenfrohe Pop-Ikone machte, war ich erstaunt, wie unkritisch der in der westlichen Welt als Massenmörder und Diktator gehandelte „Steuermann“ plötzlich in den Museen der Welt zu sehen war. Großformatige Siebdrucke aus dieser Serie werden heute zu Preisen um 100 Millionen Dollar gehandelt.

Bereits damals habe ich mich gefragt, wann Adolf Hitler als Kunst-Ikone in den Museen der Welt zu sehen sein würde. Daran erinnert mich HIM. Dieses Werk hat Cattelan 2001 geschaffen, im Mai 2016 wurde die Skulptur beim Auktionshaus Christie’s in New York für die Rekordsumme von 17,2 Millionen Dollar versteigert. Adolf Hitler, das Symbol des deutschen Faschismus, wurde zum hochpreisigen Spekulationsobjekt des globalen Kunstmarkts.

Und das in einer Zeit, wo in Deutschland eine rechtsextreme Partei, deren junge Mitglieder gern den Hitlergruß zeigen, an Einfluss in den Parlamenten gewinnt.

Als Deutschland im Mai 1945 kapitulierte, war ich vier Jahre alt. Ein Volk, in dem die Menschen sich 12 Jahre mit „Heil Hitler“ gegrüßt hatten, grüßen mussten, durfte das von einem Tag auf den anderen nicht mehr tun. Ab sofort war verboten, Hitlerbilder, Hakenkreuzfahnen, Orden, Hitlers Kampfschrift „Mein Kampf“ zu zeigen, zu besitzen. Doch das, was das 3. Reich war, steckte in den Menschen – auch wenn sie anfingen, die Kapitulation als das Ende der größten Tragödie der Menschheit zu erkennen. Zwölf Jahre vierundzwanzigstündige Propaganda waren eingeschrieben in die Menschen, die sie erlebt, erlitten hatten.

Im Internet lese ich: Man kann eine Diktatur nicht per Dekret „verarbeiten“. Am Beispiele Deutschland – nach 1945 und nach 1989 – zeigt sich, dass eine Gesellschaft mindestens ein halbes Jahrhundert bis hin zu einem Jahrhundert benötigt, bis die unmittelbaren psychologischen und sozialen Wunden so weit verheilt sind, dass die Diktatur nicht mehr den Alltag und das Denken der lebenden Generationen dominiert.

Das Böse in uns. Das Böse in mir. Um das zu erkunden, bin ich einige Jahre jeweils für mehrere Monate in den Ashram von Poona gefahren. Auch um das Gegenteil von Böse zu erleben. Ich wollte nicht lieb oder nett sein, nicht gutherzig, freundlich, artig – wollte mich nicht verstellen. Ich wollte das Recht haben, böse zu sein, zu schreien, zu weinen, zu hassen und zu lieben. In jeder Ausbildungs- oder Therapiegruppe gab es im Ashram Sitzungen, in denen über das Erlebte gesprochen wurde. Wer traute sich als Erster, über sich zu sprechen? Das war, wie sich auf einen Feuerstuhl zu setzen.

Eines Nachts hatte ich einen Traum: Stell dich vor die Gruppe und sage Heil Hitler. Die Gruppe begann. Wer möchte was sagen? Ich wusste, wenn ich es nicht mache, bleibe ich darauf sitzen, koche in meinen Gefühlen. Ich stand auf, sagte Heil Hitler und strecke den Arm in die Luft. Pause, Staunen, Entsetzen – doch der Gruppenleiter hatte mich verstanden. Er sagte: Geh zu jeder einzelnen Person, sage Heil Hitler. Als ich die Runde gemacht hatte, forderte er mich auf, jetzt von jeder Person zu verlangen, mir mit Heil Hitler zu antworten. Ich sollte vor jeder Person so lange bleiben, bis sie meinem Befehl folgte, mir gehorchte. Einige erwiderten den Gruß, einige nicht. Jedesmal war es ein verbissener Kampf, voller dramatischer Wendungen.

Nach dem Mittagessen ging die Gruppe weiter. Der Leiter schlug ein Spiel vor. Ich sollte Hitler spielen, mir aus der Gruppe Eva Braun suchen, mit ihr ausgehen, in ein Lokal, in dem es durch Kommunisten zu Störungen kommen konnte. Und ich sollte mir eine Gruppe von Bodyguards zusammenstellen, Andere sollten kommunistische Störer spielen. Es entwickelte sich ein Schauspiel voller Lust an gespielter Gewalt, Handgreiflichkeiten, Festnahmen. Ringkämpfe, Beschimpfungen, Beleidigungen waren erlaubt. Die jungen Bodyguards spielten ihre Rollen als SA-Männer mit Hingabe. Faschisten kämpften gegen sich hart wehrende Kommunisten. Mein Heil-Hitlergruß vom Morgen hatte dazu geführt, dass wir plötzlich bereit waren, Andersdenkende, ohne zu zögern, in ein KZ zu sperren. Wir hatten das Gefühl, uns gegenseitig die Haut über den Kopf gezogen zu haben. Erschüttert und erleichtert ging jeder in den Abend seines Tages zurück. Wir waren weicher geworden, hatten einen liebevolleren Blick füreinander. Ruhten mehr in uns selbst.

Indem Cattelan Hitler nicht als Diktator in Uniform, sondern als alltägliche, fast zerbrechliche Figur darstellt, entfernt er die bekannten visuellen Merkmale von Macht und Ideologie. Dadurch richtet er den Focus auf eine verstörende Reflexion über die menschliche Natur selbst – auf die Möglichkeit, dass das Böse nicht fern oder außergewöhnlich ist, sondern beunruhigend nah und nachvollziehbar ist, steht im Katalogtext zur Ausstellung.

Sind Hitler und sein 3. Reich entschuldbar? Sühne, Hoffen auf Vergebung nach so langer Zeit? Unvorstellbar für jene, denen so unmenschliches Leid angetan worden ist. In meinem Leben hat es nie eine echte Konfrontation mit Tätern gegeben, denn die gab es nach dem 8. Mai 1945 nicht mehr. Nur ganz wenige wurden in den Nürnberger Prozessen (1945 – 46) und in dem Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963 – 1965) angeklagt und verurteilt.

Einer, der sich mit der Ideologie, den Symbolen des Faschismus als Künstler intensiv befasst hat, ist Anselm Kiefer, heute weltberühmt. Aktuell zu sehen in der Kunsthalle Würth mit dem Titel: Alles was der Fall ist.2
„Zwischen Krieg und Gold „betitelt Andreas Langen am 14.10.2026 seinen Bericht über die Ausstellung für den SWR. Ob schön oder furchtbar – diese Schau mit rund 70 Werken von Anselm Kiefer entwickelt eine unvergleichliche Wucht, allein schon durch den schier größenwahnsinnigen Anspruch, sich mit Bibel, Holocaust, Literatur, dem Rhein, dem Krieg, dem Kommunismus und dem Kosmos zu befassen.

Als junger Mann reiste Anselm Kiefer 1969 in der Wehrmachtsuniform seines Vaters zu Kriegsschauplätzen des 2. Weltkriegs. Dort ließ er sich mit dem zum Hitlergruß erhobenen rechten Arm fotografieren. Er nannte die Aktion „Besetzung“. Durch „Selbstverkörperung“, wollte er das Verdrängungs- und Schweige-Tabu über den Nationalsozialismus durchbrechen. Seine Tat: ein Skandal.

„Tanz den Adolf Hitler“, schallte es 1981 aus den Lautsprechern der Tanzflächen und die Avantgarde zuckte, hüpfte, drehte sich im Blitzlicht von Lightshows zur Musik der „Neuen Deutschen Welle“. Eine der bekanntesten und einflussreichsten Formationen war „Deutsch Amerikanische Freundschaft“ (DAF), monoton sangen sie „Tanz den Mussolini“, „tach den Adolf Hitler“, „tanz den Jesus Christus“. Radiostationen setzten das Lied auf den Index und Neonazis fühlten sich bestätigt. Hitler war tanzbar geworden. Texter und Sänger der Band, Gabi Delgado-López, war Kind von Gastarbeitern, die als Oppositionelle des faschistischen Franco-Regime aus Spanien nach Deutschland geflohen waren.

In „Affenliebe“, einer ZDF-Dokumentation von 1992, geht es um eine Vater-Tochter-Beziehung, um meine Tochter Alfa und mich. Der Film basiert auf Video- und Super-8-Aufnahmen, die ich über das Heranwachsen von Alfa gemacht hatte. Im Film kostümiere ich mich in Rollen, die mein Leben geprägt haben. Auch die eines SA-Mannes. Ein früher HIM?

HIM sei ein „Trojanisches Pferd“, schreibt der Kulturkritiker und Kunstwissenschaftler Georg Seeßlen in seinem aktuell zur Ausstellung erschienenen Buch „Cattelan! Eine Reise zu Kunst, Komik und Kritik“.3 Seeßlen sieht in Cattelan ein Vorbild an „fröhlichem Spott“ und „Maskerade“. Er verschränke Täterschaft und Komik. „Bei Him bricht diese Komik jedoch in einen existenziellen Schock um.“

Zurück zum Ashram von Poona und seinem Gründer Bhagwan Shree Rajneesh, der sich später Osho nannte. „Mind“ oder „No-Mind“ könnte man mit Shakespeare sagen. Der menschliche Verstand gleiche einem Computer, sagte Osho, der mit fremder Software gefüllt sei, die den Menschen zum Knecht von Programmen mache. Der Versuch des Menschen, sein Leben „in den Griff zu bekommen“ , scheitere, weil er nicht Herr seines Versandes sei. Dem Mind setzt Osho No-Mind entgegen. Mit Hilfe von Meditationstechniken kann es der Mensch schaffen, hinter die einprogrammierten Gedanken zu kommen. „Gibberish“ ist eine Meditationstechnik, die es möglich macht, den täglichen Lärm, Stress im Kopf und das ständige Suchen nach dem „Sinn des Lebens“ als stiller Beobachter zu erleben. Es wird möglich, den Kontrolleur in uns nicht nur zu erkennen sondern auch aufzulösen. Ich praktiziere das täglich mit einem sinnlosen, Laut- und Wortfolgen – nonsense – Sprechgesang, der mich in einen Zustand von glücklicher Trance, eine „universellen Stille“, versetzt.

Der Ashram ist eine „Multiversity“, eine Universität, in der Wissenschaft in Verbindung mit Mediation erfahren, erlebt wird. In meiner Gruppe waren Menschen aus Japan, Italien, Israel und Deutschland. Besonders aus Israel kamen viele junge Menschen, die traumatische Erfahrungen aus ihrem Militärdienst nacherlebten. Eine von ihnen, die israelische Schauspielerin Madi Smadar Ma’ayan leitete in der Stadt Akko eine Theatergruppe, in der israelische und palästinensische Menschen zusammen spielten. Über ihr Stück „Arbeit Macht Frei“ drehte Andres Veiel 1993 den Dokumentarfilm „Balagan“ (produktives Chaos).4

Wie wäre es, wenn es in deutschen Bildungsstätten das Programm gäbe: Wir spielen Hitler? Wir grüßen mit Heil Hitler, tragen Naziuniformen, spielen „das auserwählte Volk“ – trainieren, mit dem Bösen in uns umzugehen? Jeder bastelt sich seinen eigenen HIM.

Gerd Conradt – 10, 2026

Anmerkungen:
1 NIGHT, Mauricio Cattelan, Neue Nationalgalerie Berlin, 10.09.2026 bis So, 07.03.2027.
2 Der Satz „ Die Welt ist alles was der Fall ist“ eröffnet Ludwig Wittgensteins Frühwerk Tractatus logico-philosophicus
3 Georg Seeßlen, CATTELAN, Eine Reise Kunst, Komik und Kritik, Martin Schmitz Verlag, 2026.
4 Balagan, Andres Veiel, 1992/93, Dokumentarfilm über die jüdisch-palästinensische Schauspieltruppe Akko, die in Israel mit der Aufführung des provokativen Theaterstücks „Arbeit macht frei“ für kontroverse Diskussionen sorgte.

Siehe auch:
Georg Seeßlen: Cattelan!. Eine Reise zu Kunst, Komik und Kritik. Martin Schmitz Verlag, Berlin 2026. 420 Seiten, broschiert, 30 Euro. – – Dazu: Kurt Otterbacher: Die Banane als Kunstgeschichte. Georg Seeßlens Buch über Maurizio Cattelan und seine Kunst, CulturMag Oktober 2026

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Frohe Weihnachten

Zwei Wochen später. Das Ärgernis Mauricio Cattelan beschäftigt mich weiter. Es ist nicht nur HIM, sondern z.B. auch NOVECENTO von 1997, das mich fragend irritiert.

NOVECENTO, das 20. Jahrhundert: Ein lebensgroßes braunes Pferd hängt hilflos in einem Ledergeschirr von der Decke. Schwanz, Rücken, Hals, Kopf bilden einen Bogen, die Füße hängen – ohne Bodenhaftung, ein trauriger Anblick. Das Pferd als Skulptur, es schwebt. Ein Pegasus ohne Flügel? Was da hängt, ist nicht der Körper. Nur das Fell wurde über ein anatomisches Modell aus Kunststoff gespannt. Taxidermie wird diese aufwendige Arbeit genannt.

Cattelan war immer von Pferden fasziniert, ohne jemals „das Glück der Erde auf dem Rücken eines Pferdes“ erlebt zu haben. Als Kind malt er ein Pferd in Blau. Seine Mutter schimpfte, ein Pferd sei niemals blau. Franz Marcs „Blaues Pferd“ kannte er vermutlich noch nicht.

Vor NOVECENTO hatte Cattelan einem anderen hängenden Pferd den Namen LA BALLATA DI TROCKI gegeben. Eine Erinnerung an den großen Militärstrategen der bolschewistischen Revolution Leo Trotzki und dessen rote Reiterarmee: Proletarier auf die Pferde, war dessen Schlachtruf.

„Das schlaff von der Decke hängende Pferd kehrt die traditionelle Symbolik des Pferdes als Zeichen von Stärke, Freiheit und militärischer Macht um. Es wirkt erschöpft und hilflos – als Sinnbild für ein Jahrhundert, das von Gewalt, Überforderung und dem Verlust von Gewissheiten geprägt ist“, lese ich im Katalog.

Helfen diese Worte, mich mit dem Werk Cattelans anzufreunden?

Als für mich nach dem Krieg unter dem Weihnachtsbaum ein kleines Holzpferd auf roten Rädern stand, war ich glücklich und lief mit dem neuen Freund an der Strippe durch die kleine Wohnung, im Sommer durch den Garten. Allerdings soweit wie der Nachbarsohn, auf einem Schaukelpferd sitzend „hüh, hott“ zu rufen, hatte ich es nie gebracht. Vor echten Pferden hatte ich große Angst. Ich traute mich nicht in deren Nähe. Und doch liebte ich sie, bewunderte ihre Kraft (PS) und Schönheit. Um diese Angst in Freundschaft zu verwandeln – ich war bereits vierzig Jahre alt – buchte ich einen einwöchigen Kurs: Reiten auf dem Bauernhof. Nach der ersten Stunde hatte ich meine Angst überwunden. Jahre später ritt ich in Australien mit Mexikanern am Strand in wildem Galopp. Mein Pferd wollte mithalten, dabei verlor ich die Kontrolle und ließ mich in eine Düne fallen. Das Pferd stoppte. Mit wackeligen Knien stieg ich wieder auf und in sanftem Galopp ging es weiter.

Dass mich Cattelan nicht loslässt, ist das ein gutes Zeichen? Gibt es da noch viel für mich zu entdecken?

Jetzt habe ich einen Expeditionsleiter. Ich lese CATTELAN, Eine Reise zu Kunst, Komik und Kritik von Georg Seeßlen. Mit dem Autor grabe ich mich in Neuland. Sanft, verspielt, sachlich, mit enormen Wissen spült Seeßlen zu Geschichten formulierte Erklärungen in mein Erahnen.

Am 3. Januar 1989 verlässt der „Subjektphilosoph“ (Seeßlen) Friedrich Nietzsche sein Haus zum täglichen Spaziergang. An der Piazza Carignano in Turin beobachtet er einen Kutscher, der sein auf dem Boden liegendes Pferd malträtiert. Voller Verzweiflung umarmt der Dichter das sterbende Tier und schaut ihm dabei in die Augen. Und dann, sagt man, verlor der „freie Denker“ seinen Verstand.

Seeßlens Buch, seine „essayistischen Schnüffeleien“, empfehle ich als Weihnachtsgeschenk.

Gerd Conradt
10.2026

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