Geschrieben am 1. Juni 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2024

Joachim Feldmann: Lisa Sandlin »Der Auftrag der Zwillinge«

Zum neuen Roman mit Delpha Wade

Zweimal sagt Delpha Wade die Wahrheit. Mit der Ergebnis, dass sie weiter im Gefängnis bleiben muss. Auf Bewährung entlassen wird sie erst, als sie sich entschließt, falsche Reue für ein Verbrechen zu zeigen, das sie nicht begangen hat. Denn der junge Mann, den sie mit seinem eigenen Messer erstochen hat, wollte sie vergewaltigen. Dafür war sie 14 Jahre eingesperrt. Nun lebt sie in einer billigen Pension unter lauter alten Menschen und arbeitet als Sekretärin für den Privatdetektiv Tom Phelan. Den Job hat sie ihrem Bewährungshelfer zu verdanken.

Zwei Romane hat Lisa Sandlin ihrer ungewöhnlichen Heldin bereits gewidmet, nun ist der dritte, „Der Auftrag der Zwillinge“, erschienen. Er spielt, wie schon seine Vorgänger, 1973. Im Fernsehen läuft immer noch (seit 1967) die Krimiserie „Der Chef“ (Ironside) mit Raymond Burr. Erst im Jahr darauf wird mit den „Rockford Files“ und James Garner ein Privatdetektiv auf dem Bildschirm erscheinen, der wie Delpha Wade unschuldig im Knast gesessen hat. Allerdings nur fünf Jahre. Und noch ist Richard Nixon, der durch die Watergate-Enthüllungen schwer unter Druck geraten ist, Präsident der Vereinigten Staaten.

Es ist der erste Dezember. Draußen sind es 13 Grad, das ist kalt für Beaumont, Texas. Delpha stellt einen mickrigen künstlichen Weihnachtsbaum in ihrem Zimmer auf, als eine unerwartete Besucherin auftaucht auf. Sie trägt einen puderblauen Mantel mit Pelzbesatz und sieht aus wie ein Gespenst. Delpha kennt die verhärmte Frau aus dem Gefängnis. Mit ihr zu reden wäre ein Verstoß gegen die Bewährungsauflagen. Sie  tut es trotzdem. Denn es geht um Leben und Tod. Ruby McClung hat den Verdacht, dass ihre Zwillingsschwester Emerald, die noch immer einsitzt, langsam mit Arsen vergiftet wird. Ein schwieriger Auftrag. Es wird nicht der einzige bleiben. Der einst hoffnungsvolle Baseball-Spieler Charlie Benavidez, dessen Karriere aufgrund einer Augenverletzung ein jähes Ende nahm, möchte, dass der angeblich plötzliche Tod seiner Freundin untersucht wird.

Die Ermittlungen führen in beiden Fällen schnurstracks in ein regelrechtes Gestrüpp von Lügen und Täuschungen, dem sich die Autorin erzählerisch mehr als gewachsen zeigt. Lisa Sandlins intelligente Dekonstruktion des klassischen Private-Eye-Romans ist auch eine Hommage an das Genre: alltagsrealistisch, menschenfreundlich und humorvoll zugleich, ohne dass der Ernst ihres Anliegens aus dem Blick gerät. Es geht nämlich nicht zuletzt um eine scharfe Kritik an der Strafvollzugspraxis in den USA, an der sich seit den 1970er Jahren wenig geändert haben dürfte. Deshalb bleibt zu Recht ungewiss, ob der Skandal, auf den Delpha Wade und Tom Phelan im Laufe ihrer Nachforschungen stoßen, tatsächlich öffentlich wird und Konsequenzen hat. Das wäre, angesichts der Tatsache, dass Lisa Sandlin ihren beiden Protagonisten zumindest vorläufig ein glückliches Ende gönnt, auch zu viel des Guten.

Lisa Sandlin: Der Auftrag der Zwillinge (The People Store. Noch nicht in den USA erschienen). Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Stumpf. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2024. 366 Seiten, 17 Euro. – Verlagsinformationen zu Buch und Autorin hier.

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