
The show must ja schließlich go on…
Wir sind seit kurzem zu dritt im Bett und schuld daran ist Putin.
Alles begann damit, dass ich nicht mehr einschlafen konnte. Das ist an sich nichts Neues, aber bisher waren meine hausgemachten Ängste (alt werden, krank sein, arm bleiben und so) völlig ausreichend für einige Stunden Kopfkino vor dem erlösenden Schlaf. Mit weltbewegenden Themen hielt ich es stets wie eine disziplinierte Alkoholikerin mit dem Trinken: Nur in Gesellschaft und ganz sicher nicht im Bett. Jetzt wälzte ich mich von einer Seite zur anderen und dachte irgendwie synchron an die Ukraine, den nahen Osten, die Klimakatastrophe, an Trump, die KI und die AfD.
Natürlich kulminierte auch das, trotz aller Universalität, wieder in Sorge um mein eigenes kleines Ich. Das Kopfkino wird zum Kopf-Trash-TV, es läuft die Gameshow „Sie haben die Wahl“:
„Eine Atombombe fliegt auf Berlin und Sie sind sofort tot. Ooooder: Eine Atombombe fliegt auf Moskau und Sie krepieren die nächsten 20 Jahre langsam und qualvoll an Krebs. Wählen Sie JETZT!“
„Ääähm…ich glaube, ich nehme Berlin.“
„Gute Wahl! Nächste Frage: Die AfD regiert Deutschland und alle nicht reichen Schweizerinnen werden remigriert. Oooooder: Durch einen terroristischen Anschlag mit Bio-Waffen breitet sich die Pest in Deutschland aus. Sie haben die Wahl!“
„Oh, das ist einfach. So schlimm ist die Schweiz jetzt auch wieder nicht.“
Der einzige Weg, diese in jeder Hinsicht miese, vor allem aber viel zu lange Show zu unterbrechen, war es, aufzustehen. Und was tut man so um 2 Uhr morgens, wenn man nicht schlafen kann? Sich einen Tee kochen? Meditieren? Melancholisch auf die schlafende Stadt blicken und dabei plötzlich die zündende Idee für den Debütroman haben, mit dem man den Buchpreis gewinnen wird und seine Schulden bezahlen kann? – Pah, denkste! Die richtig harten Hunde, wie ich, greifen zum Handy und surfen erstmal durch die News. The show must ja schließlich go on…
Mir wurde klar, dass ich anders an die Sache herangehen musste, den Monstern ins Gesicht sehen. Wenn ich mein gefährliches Halbwissen durch seriöse Beschäftigung mit dem Weltgeschehen, Begreifen der Zusammenhänge und nüchterne Fakten ersetzte, würden sie mich nicht mehr so ängstigen. Weg vom Clickbait-Opfer, hin zur medienkompetenten, aufgeklärten, mündigen Bürgerin. Soweit der Plan.
Ich fing also an, sorgfältiger auszuwählen, aus welchen Quellen ich meine Informationen bezog, konsumierte möglichst wenig Tagespolitik und konzentrierte mich dafür auf Kontexte und Hintergründe, versuchte wirklich zu verstehen.

Meine Erkenntnisse über die Welt und was auf ihr passiert, lassen sich nach mehreren Monaten in folgenden Punkten zusammenfassen:
1. Es geht letztendlich immer um Geld, Gier, Macht, Rache und falschen Stolz.
2. Eine Handvoll alter Männer (in diesem Fall keine Verallgemeinerung, sondern Statistik), die lieber die Welt zerstören, als sich auch nur eine Sekunde mit ihrer eigenen Endlichkeit und Bedeutungslosigkeit zu befassen, regiert und ruiniert diesen Planeten.
3. Menschen töten ist nicht richtig. Egal wer es warum tut. Israel gegen Palästina, Russland gegen Ukraine (bilden Sie selbständig weitere Beispiele) sind keine Fussballspiele. Und Fantum, egal für welche Seite, ist falsch.
4. Dialektik wird fatalerweise als Luxus-Hobby für Intellektuelle abgetan. Dabei wäre sie unsere Rettung. Die Alternative wäre ein: „Ich weiß es nicht. Ich kann mir darüber keine Meinung bilden, darüber weiß ich zu wenig.“
5. Wir sind da und müssen wieder weg und wissen nicht wann, wohin und warum. Und um das zu verdrängen, kaufen wir lauter Scheiss, halten uns für mehr wert als unsere Mitmenschen und jubeln sprechenden Orangen zu.
Ja, das könnte auch aus meinem Tagebuch als Elfjährige stammen. Und ja, „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ würde irgendwie besser klingen. Aber erstens hat das schon einmal irgendwer gesagt und zweitens bin ich ja in Wahrheit eben noch nicht so weit, sondern denke, dass ich diese paar Dinge durchaus weiß.
Wie auch immer: Das Projekt „Die Welt verstehen“ war ein Faß ohne Boden, das ich mir weder zeitlich noch nervlich leisten konnte. Dazu kam, dass „Haubitzen“, „Leopard 2“ und „Sollte Deutschland seine eigene Atombombe haben?“ neuerdings salonfähige Smalltalk-Themen geworden waren und mir nicht einmal mehr auf Veranstaltungen, auf denen ich mich früher über vergleichsweise erbauliche Themen wie „Der Niedergang der deutschen Film- und Fernsehwirtschaft“ oder „Könnte es in naher Zukunft ein vorteilhaftes Alleinstellungsmerkmal in der Branche sein, kein Botox im Gesicht zu haben?“ unterhalten habe, etwas Ablenkung vergönnt war.
Ich brauchte dringend eine Pause, denn ich selbst wurde von Tag zu Tag miesepetriger, die Welt aber dadurch kein Stück besser und mein Schlaf selbstredend auch nicht. Also machte ich jetzt einen neuen Versuch und verordnete mir eine Woche News-Fasten. Das freute auch den tollsten Mann der Welt, für den „Sterbende Demokratien. Erosion von Innen. Teil 4“ als Feierabend-Unterhaltung verständlicherweise nur so mittel prickelnd klang.
Eine Alternative war schnell gefunden: Auf Amazon gibt es gerade alle James Bond Filme zu streamen. ALLE! Und so verbringen wir jetzt jeden gemeinsamen freien Abend im Bett mit James. Wir gucken in chronologischer Reihenfolge und sind inzwischen in den späten 70ern und beim 3. Bond-Darsteller, Roger Moore, angelangt. Ausser den Klamotten und den Autos sind die Filme eigentlich alle relativ ähnlich. Es geht immer irgendwie um Waffen, um Amis und Russen und einen Bösewicht, der beiden die Waffen wegnehmen will und dann damit die Welt beherrschen. Gut finde ich, dass die Bösen immer alle eine Uniform tragen, weil man dann erkennt, ob gerade ein Guter von einem Bösen oder umgekehrt erschossen wurde. Und Bond kriegt am Ende immer eine der Frauen. Aber im nächsten Film gibt es diese Frau dann nicht mehr, weil Bond wahrscheinlich eine schwierige Beziehung mit seiner Mutter hatte und deswegen Probleme mit Nähe hat, oder so.
Während rechts und links Atombomben detonieren (Bond kann sich natürlich immer rechtzeitig wegducken) und Amazon, einer der schlimmsten und ausbeuterischsten Monopolisten, Datenkraken und Umweltschänder, jede Sekunde an mir verdient, schlürfe ich im Arm des tollsten Mannes der Welt einen alkoholfreien Martini (nicht geschüttelt, nicht gerührt, sondern gesund) und freue mich meines Lebens. Ich könnte mich fragen, warum mich das entspannt und ob es mich entspannen darf. Aber fürs erste genieße ich einfach nur meinen neuerdings guten Schlaf. Wovor sollte ich jetzt noch Angst haben? Ich habe schließlich keine Zeit zu sterben, denn 15 Bond-Filme wollen noch gesehen werden.
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Iris Boss ist Diplomschauspielerin (U.d.K. Berlin) und eine erfahrene Sprecherin. 2021 gründete sie ihr eigenes Studio „CURRY-HAHN-RECORDS“ in Berlin. Neben dem Einsatz als Sprecherin in Fremdstudios bietet sie Sprachaufnahmen, Schnitt, Bearbeitung in professioneller Qualität direkt aus dem Home-Studio an. CURRY-HAHN-RECORDS im Netz.
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