All posts by Iris Boss

Opfer oder nicht Opfer, das ist hier die Frage … Seit einem Jahr erscheint hier jeden Monat ein Text von mir, und es wird Zeit für ein Geständnis: Kein Wort von alldem habe ich selbst geschrieben. Also geschrieben im Sinne von getippt natürlich schon – der tollste Mann der Welt hat ja überhaupt keine Hand frei. Er sitzt in einem mit Familienwappen bestickten, seidenen Morgenmantel breitbeinig in seinem Cis-Mann-Sessel – in der einen Hand ein Glas Whisky, in der anderen eine Zigarre – während er mir seine neusten, höchst genialenRead More
„Guck mal, ich bin gut zu Vögeln!“, sage ich zum Glück nicht. So viel Selbstachtung, diesen traurigsten aller traurigen Kalauer auf meinen Lippen ersterben zu lassen, ist mir immerhin noch geblieben. Obwohl… – Wahrscheinlich wäre der tollste Mann der Welt zur Zeit selbst für dieses ungelenke Zeichen des guten Willens, sowas wie humorvoll zu sein, dankbar.  „Guck mal, ich habe Meisenknödel gekauft!“, sage ich stattdessen zu dem Mann, der im Gegensatz zu mir einen produktiven, sinnerfüllten Tag als nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft hinter sich hat. „Toll!“, sagt er und blicktRead More
Ich hänge an einer langen Schnur und befinde mich etwa zehn Meter über der Erde, beziehungsweise über dem Asphalt des Rummelplatzes unter mir. Ein paar Schaulustige blicken zu mir hoch. Das andere Ende der Schnur hält ein Mann und hindert mich so, wie einen Luftballon, am Wegfliegen. Ich schlage wie wild mit den Armen und führe gleichzeitig ebenfalls sehr anstrengende, putzig aussehende Brustschwimm-Bewegungen mit meinen Beinen aus. (Ja, ich sehe mich im Traum fast immer von außen, oft kommentiert sogar eine nüchterne Off-Stimme das Geschehen – besonders bei Albträumen: „ErRead More

Posted On Dezember 31, 2020By Iris BossIn Highlights, Highlights 2020

Kolumne Iris Boss (8)

In eigener Sache In schlappen acht Monaten als Kolumnistin habe ich es geschafft: Ich bekomme Nachrichten von Menschen, die ich nicht kenne. Sogar zwei anonyme E-Mails waren dabei! Leider sind es keine Drohungen, Beschimpfungen oder lukrative finanzielle Angebote unter der Bedingung, dass ich die Schreiberei sein lasse. (Falls sich jemand von Letzterem inspiriert fühlen sollte: Meine Mailadresse ist ziemlich leicht rauszukriegen…) Das wäre ja eine Auszeichnung. Nein, es handelt sich um Lob und Bewunderung. Allerdings irritiert mich das häufigste Lob ehrlich gesagt mehr, als es jede Kritik könnte: Ich, beziehungsweiseRead More

Posted On Dezember 1, 2020By Iris BossIn Crimemag, CrimeMag Dezember 2020

Kolumne Iris Boss (7)

Deutscher Kuchen hinterm Mond Hallo, ich bin Iris aus Berlin, und ich fühle mich wie Rosa Luxemburg. Ich bin zwar nicht in die, sondern aus der Schweiz geflohen, aber ich bin ganz sicher, dass es viele Leute gibt, die mich aufgrund meiner politisch brisanten Kolumne (naja ok, wahrscheinlich eher weil sie mich einfach doof finden, oder weil sie gerade irgendwie mies drauf sind wegen Corona und so), am liebsten in den Landwehrkanal schmeissen würden. Wie Rosa habe ich lange Haare und eine markante Nase, und mein Vorname hat auch vierRead More

Posted On November 1, 2020By Iris BossIn Crimemag, CrimeMag November 2020

Iris Boss: Streik

Ich habe dieses Mal sehr früh mit dem Schreiben meiner monatlichen CulturMag-Kolumne angefangen, weil ich den ganzen Oktober in Hamburg und Minden mit Proben für das Theaterstück „SCHTONK!“ beschäftigt war. Sieben Tage die Woche – unbezahlt, da erst die Vorstellungen bezahlt gewesen wären. Die Vorstellungen einer Tournee, die vom 25.10. bis Weihnachten gedauert hätte.  Ich habe nachts in meinen Hotelzimmern an dem Text meiner CulturMag-Kolumne gearbeitet und habe ihn auch tatsächlich zu Ende geschrieben. Aber inzwischen ist so viel passiert, dass ich ihn nicht einfach so stehenlassen kann:  Ich hatteRead More

Posted On November 1, 2020By Iris BossIn Crimemag, CrimeMag November 2020

Kolumne Iris Boss (6)

Diktatur und Dreck Wenn ich Diktatorin wäre, hieße meine Diktatur die „Die-da-Diktatur“. Erstens, weil es lustig klingt, und zweitens, um ganz klar zu machen, dass ich nicht „die da oben“ bin. Schließlich soll mir das Volk nicht die Schuld für all sein Unbill in die Schuhe schieben, es soll mich lieben, verehren und lobpreisen – wozu hält man sich denn sonst so ein Volk? In meiner „Die-da-Diktatur“ wären „Meine eigenen Bedürfnisse ernst, mich selbst nicht so ernst nehmen“, „Ein trefflicher Mitmensch sein“, „Zuhören“ und „Warum ich nicht der Nabel derRead More

Posted On Oktober 1, 2020By Iris BossIn Crimemag, CrimeMag Oktober 2020

Kolumne Iris Boss (5)

Mit Erich in der Zeitmaschine Das Schöne an saisonal bedingten Depressionen ist, dass man sie eigentlich immer haben kann, denn es ist ja immer irgendeine Saison. Trotzdem ist es nicht gerade die leichteste Übung, die schwarze Wolke, die mich im Moment durch meine Tage begleitet, mit der Saison „wunderprächtigster Altweibersommer“ zu begründen.  Mein Stimmungstief im Spätsommerhoch ist wahrscheinlich eher darauf zurückzuführen, dass ich meine Zelte in Berlin bald abbrechen muss, um mich bis Ende Januar auf eine Theatertournee zu begeben. Ein Luxusproblem, nicht nur in diesen besonderen Zeiten. Schon vorRead More

Posted On September 1, 2020By Iris BossIn Crimemag, CrimeMag September 2020

Kolumne Iris Boss (5)

Marie Kondo in Pankow Ich knie auf unserer Terrasse. Ich trage einen Strohhut und Gartenhandschuhe und kratze mit einem Unkrautstecher (bis vor wenigen Tagen wusste ich noch nicht einmal, dass es so etwas gibt) Erde, Löwenzahn und die Haare der Vormieterin aus den Fugen zwischen den Steinplatten. Neben mir trocknen weiße Blusen, weiße Kleider und weiße Röcke im lauen Pankower Spätsommerwind. Ich grusle mich etwas vor mir selbst: Wäsche trennen…?! – In meinem Vorleben, in dem Haushalt und Wohnen euphemistisch ausgedrückt eine untergeordnete Rolle gespielt haben, war meine Auslegung vonRead More

Posted On August 1, 2020By Iris BossIn Crimemag, CrimeMag August 2020

Kolumne Iris Boss (4)

Pizza Sociale Der tollste Mann der Welt will jetzt, dass ich Burka trage, und Ihr seid schuld daran! Und das kam so: Wir sitzen auf der Terrasse bei „unserem Italiener“. „Wurde wirklich Zeit, dass wir mal wieder bei „unserem Italiener“ essen!“, sagt der tollste Mann der Welt und spiesst eine Olive auf einen Zahnstocher. Ich frage mich gerade, ob der Begriff „unser Italiener“ nicht ziemlich kolonialherrenartig anmutet, doch bevor ich die Diskussion darüber eröffnen kann, kommt auch schon „unser“ Kellner mit der Pizza für den Mann und den gemischten VorspeisenRead More

Posted On Juli 1, 2020By Iris BossIn Crimemag, CrimeMag Juli 2020

Kolumne von Iris Boss

Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt Ich überlege mir gerade, ob ich den Titel der Kolumne so bringen kann, oder ob ein Hit von 1983 mir die werberelevante Zielgruppe zwischen 19 und 49 verprellt (sorry, ihr alten Säck*innen, ich schätze Eure Aufmerksamkeitsspanne, die im Gegensatz zu Euren jüngeren Artgenossen die 3 Sekunden oft übersteigt, Eure humanistische Grundbildung, die mir das Angeben mit den Rudimenten der meinen erleichtert und Eure Fähigkeit zu vernetztem Denken, die seltsamerweise auch besser ausgeprägt ist als die der „Digital Natives“. Aber ich muss langsam ausRead More
Kolumne von Iris Boss Und „Das Traumschiff“ und Superwoman sind auch dabei … Es ist Mai. Das genaue Datum weiß ich jetzt nicht mehr, aber immerhin den Monat. Trotz meiner täglichen To-do-Listen fangen die Tage langsam an zu verschwimmen. Als freischaffende Schauspielerin bin es eigentlich gewohnt, sie in Zeiten, in denen ich gerade nicht probe oder spiele, selbst zu strukturieren. Da hat sich durch Corona nicht viel geändert. Manchmal scheint es mir sogar so, als wäre mein ganzes bisheriges Leben eine Art Trainingscamp zur Vorbereitung auf die Krise gewesen. UndRead More
Hört auf, Krieg zu spielen! Ab dieser Ausgabe schreibt sie bei uns regelmäßig. Wir freuen uns, die Schauspielerin Iris Boss als neue Kolumnistin begrüßen zu können. Ihre bisherigen CulturMag-Beiträge hier. Auf meinen täglichen Spaziergängen durch Berlin fühle ich mich immer mehr an unsere Cuba-Reise vor drei Jahren erinnert. Daran ist nicht die wachsende Lebensfreude auf den Straßen, beziehungsweise den Balkonen schuld (die peinlichen Versuche, diese von Videos aus Italien zu kopieren, wurden ja zum Glück weitestgehend eingestellt). Auch kann ich kein erhöhtes Aufkommen von Oldtimern auf Berliner Straßen beobachten, undRead More
„Die Welt hält den Atem an“, „Das kollektive Hamsterrad ist zum Stillstand gekommen“ – Überall lese ich davon, dass ich die erzwungene Entschleunigung als Chance sehen soll, und unsere Gesellschaft durch die Krise den Optimierungswahn, in dem wir alle gefangen sind, überdenken wird. Jetzt endlich, wird mir aus den sozialen Medien entgegengebüllt, habe ich Zeit für mein tägliches Bodyweight- und HIIT-Training (die Anleitung dazu gibt es auch auf YouTube, also #noexcuses). Jetzt habe ich Zeit, all die Bücher zu lesen, meine Eltern regelmäßig anzurufen, Ordnung in meinen Kleiderschrank und meinRead More
Iris Boss: Zwischen Cannes und „Kann-nicht-mehr“ Als Schauspielerin muss ich vor allem eines darstellen: Eine Gewinnerin. Warum man beim Kaschieren seiner Schwächen und Ausblenden der weniger guten Zeiten aufpassen muss, nicht als Mensch zu scheitern, und warum Scheitern überhaupt so ein großes Tabu ist im Schauspielberuf. „ErfolgREICH“ heißt „gescheitert“ „Also, ich verfolge dich ja immer bei Facebook und so. Sieht ja echt gut aus, dein Weg! Sehr engagiert, eine erfolgreiche Karriere, könnte man direkt neidisch werden…“ Ich sitze mit Daniel, einem Ex-Kommilitonen, in einer Weddinger Szenekneipe. Wir haben uns geradeRead More